Huttens Grab ist ein 1823 entstandenes Gemälde von Caspar David Friedrich. Das Bild in Öl auf Leinwand im Format 93 × 73 cm befindet sich in den Kunstsammlungen zu Weimar der Klassik Stiftung Weimar.
Bildbeschreibung Das in Brauntönen gehaltene Gemälde zeigt einen steinernen Sarkophag in der Ruine eines gotischen Chors. Seitlich am Sarkophag steht gebeugt ein Mann in Uniform und mit altdeutschem Barett, der sich auf seinen Degen stützt. Das Gemäuer der Ruine ist von Vegetation überwuchert. Innerhalb des Chorraums wachsen weiß blühende Blumen, Sträucher und eine Distel. Rechts im Vordergrund ragt ein verdorrter Baum empor. Das Grabgewölbe ist aufgebrochen. Über der Öffnung schwebt ein Schmetterling. Vis-à-vis des Mannes steht auf einer Konsole eine weiße Fides-Skulptur ohne Kopf. Das Postament des Harnischs auf dem Sarkophag trägt die Aufschrift „Hutten“. Auf den Feldern der vorderen Sarkophagwand steht in kleiner Schrift: „Jahn 1813“, „Arndt 1813“, „Stein 1813“, „Görres 1821“, „D … 1821“ und „F. (sic) Scharnhorst“.Helmut Börsch-Supan, Karl Wilhelm Jähnig: Caspar David Friedrich. Gemälde, Druckgraphik und bildmäßige Zeichnungen, Prestel Verlag, München 1973, ISBN 3-7913-0053-9 (Werkverzeichnis), S. 398. Durch die Chorfenster vermittelt die Lichtschichtung des Himmels einen Sonnenuntergang.
Bilddeutung Es wurde nie angezweifelt, dass es sich bei dem Gemälde Huttens Grab um ein politisches Bekenntnisbild des Malers handelt. Der Mann in der Uniform des Lützowschen Freikorps am Sarkophag des Humanisten und ersten Reichsritters Ulrich von Hutten sowie die Namen Jahn, Stein, Arndt, Scharnhorst und Görres sind eine weitgehend unverschlüsselte Botschaft im Kontext der Restauration nach dem Wiener Kongress von 1815. Gerhard Eimer erkennt in seinen Stockholmer Vorlesungen von 1963 einen Verweis auf die Demagogenverfolgung. Gerhard Eimer: Caspar David Friedrich und die Gotik. Analysen und Deutungsversuche. Aus Stockholmer Vorlesungen. Baltische Studien 49, 1962/63, S. 39–68. Nach Peter Märker werden „alle Züge der Reformation heraufbeschworen, mit denen die Gegenwart sich identifiziert.“ Peter Märker: Caspar David Friedrich. Geschichte als Natur. Kehrer Verlag, Heidelberg 2007 S. 64. Huttens Grab ist auch ein Gedenkbild zum 10. Jahrestag des Ausbruchs der Befreiungskriege.Werner Hofmann: Caspar David Friedrich. Naturwirklichkeit und Kunstwahrheit. C.H. Beck Verlag, München 2000, ISBN 3-406-46475-0, S. 98. Für Jens Christian Jensen offenbart sich hier in der Beziehung zu „neudeutschen Eiferern wie Ernst Moritz Arndt“ das Deutschtum Friedrichs. Jens Christian Jensen: Caspar David Friedrich. Leben und Werk. DuMont Buchverlag, Köln 1999, S. 103.
Eingeschränkte Freiheiten Jahn, Stein, Arndt, Scharnhorst und Görres waren in unterschiedlicher Weise von den Auswirkungen der Karlsbader Beschlüsse betroffen. Friedrich Ludwig Jahn wurde 1819 verhaftet und saß bis 1825 in Festungshaft. Preußen verbot die Turnbewegung. Die Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn suspendierte Ernst Moritz Arndt 1820 von seinem Lehramt als Professor für Geschichte wegen „demagogischer Umtriebe“. Die Pläne des Freiherrn vom Stein für einen preußisch-österreichisch dominierten Föderationsstaat fanden bei den maßgeblichen Fürsten und Politikern keinen Rückhalt.
Joseph Görres entzog sich 1819 einer Verhaftung in Preußen durch die Flucht nach Straßburg, seine Zeitung Rheinischer Merkur wurde in Preußen bereits 1816 verboten. Der 1813 an einer Kriegsverletzung verstorbene General Gerhard von Scharnhorst geriet als der vorbildlichste der Militärreformer der Zeit der Befreiungskriege in Vergessenheit. Alle aufgeführten Personen stehen in der Tradition Huttens als „Kämpfer für Geistesfreiheit“.Peter Märker: Caspar David Friedrich. Geschichte als Natur. Kehrer Verlag, Heidelberg 2007 S. 64. Dem Verleger Georg Andreas Reimer war es 1822 von der Zensur verboten worden, Huttens Werke neu herauszugeben. Briefe Reimers an Niebuhr vom 13.4.1822. In: Preußische Jahrbücher, Band 38, 1876, S. 66.
Das Gemälde wurde zwischen 1824 und 1826 mehrfach mit verschiedenen Titel ausgestellt, wie „Überreste einer alten Kapelle“ und „Durchblick durch eine Ruine“. In der Berliner Akademieausstellung 1826 bekam das Werk den Titel „Ulrich von Huttens Denkmal“ mit dem Hinweis, der Verkaufserlös sei für die Hilfsbedürftigen des griechischen Freiheitskampfes bestimmt.
Fehlende Denkmale Das Gemälde wird von Helmut Börsch-Supan deutlich als Denkmal interpretiert, das auf die politischen Verhältnisse des Jahres 1823 anspielt.Helmut Börsch-Supan, Karl Wilhelm Jähnig: Caspar David Friedrich. Gemälde, Druckgraphik und bildmäßige Zeichnungen, Prestel Verlag, München 1973, ISBN 3-7913-0053-9 (Werkverzeichnis), S. 389. Otto Schmitt sieht einen Bezug zum 300. Todestag Ulrich von Huttens, des(en) in jenem Jahr (1823) gedacht wurde. Otto Schmitt: Die Ruine Eldena im Werk von Caspar David Friedrich. Kunstbrief Nr. 25, Berlin 1944. Ein Grabdenkmal zu dessen Grab auf der Insel Ufenau im Zürichsee vor der Kapelle des hl. Udalricus „… scheint dem großen deutschen Manne versagt“ beklagte die Augsburger Allgemeine Zeitung. Augsburger Allgemeine Zeitung. Jahrgang 1823, S. 552. Christian Cay Lorenz Hirschfeld sah die Zeit gekommen, statt in den fürstlichen Gärten „wiederholte Copien der Gottheiten des Alterthums“ aufzustellen, „einen Theil dieses Aufwandes den wahren Wohlthätern des menschlichen Geschlechts und den verdienstvollen Männern aus unserer eigenen Nation zu widmen!“ Christian Cay Lorenz Hirschfeld: Theorie der Gartenkunst. Fünf Bände, M. G. Weidmanns Erben und Reich, Leipzig 1797 bis 1785, Band 3, S. 141 f. Wer über „Raum und Macht“ verfüge, der solle „zur Ehre unser verdientesten Männer Denkmäler setzten“, Christian Cay Lorenz Hirschfeld: Theorie der Gartenkunst. Fünf Bände, M. G. Weidmanns Erben und Reich, Leipzig 1797 bis 1785, Band 3, S. 131 f. was auch für die noch lebenden Helden gelten soll:
Dass Friedrich ein Denkmal-Konzept verfolgte, zeigt ein Brief an Ernst Moritz Arndt vom 12. März 1814:
Unbestritten ist ebenfalls, dass Friedrich in dem Gemälde einen noch lebenden Zeitgenossen porträtiert. Der Rezensent des Literarischen Conversationsblattes will in seiner Besprechung der Dresdner Ausstellung von 1824 Friedrich selbst erkennen. Literarisches Conversationsblatt 1824, S. 59. Helmut Börsch-Supan vermutet in der Figur Joseph Görres.Helmut Börsch-Supan, Karl Wilhelm Jähnig: Caspar David Friedrich. Gemälde, Druckgraphik und bildmäßige Zeichnungen, Prestel Verlag, München 1973, ISBN 3-7913-0053-9 (Werkverzeichnis), S. 389.
August Milarch mini|August Milarch auf einem Foto von 1859 mini|Caspar David Friedrich: Studie zu zum Gemälde Huttens Grab, 1823
August Milarch war ein Verwandter Friedrichs. Er galt in Neubrandenburg, wo er Konrektor an der Gelehrtenschule war, als Held der Befreiungskriege. 1813 hatte sich der Theologe mit seiner gesamten Prima freiwillig für das vaterländische Regiment der Strelitzer C-Husaren gemeldet, um gegen Napoleon in den Krieg zu ziehen. Milarch kämpfte in der Völkerschlacht bei Leipzig als Leutnant im Yorkschen Korps. 1814 reist der Offizier im Gefolge Fürst Blüchers zu den Feierlichkeiten zum Sieg der alliierten Truppen über Napoleon nach London und vertrat dort das Husaren-Regiment des Mecklenburg-Strelitzer Herzogs. Für seine Verdienste bei der Völkerschlacht bei Leipzig erhielt Milarch den Russischen Orden des Heiligen Wladimir 4. Klasse mit der Schleife und das Eiserne Kreuz.
Mit den Namen, die sich auf dem Sarkophag befinden, ist Milarch in jedem einzelnen Fall in Verbindung zu bringen. So war er Nachfolger Friedrich Ludwig Jahns als Hauslehrer im Hause des Barons Friedrich Heinrich von Le Fort in Neubrandenburg und führte dort Jahns vaterländisches Turnen fort. Mit Joseph Görres verband ihn über die Kriegszeit hinaus die publizistische Arbeit zu Philipp Otto Runges Werk Zeiten.
Als Friedrich die Arbeit an dem Gemälde Huttens Grab begann, war Milarch ebenso wie Friedrich Ludwig Jahn vom Verbot der Turnerbewegung betroffen.
Nach der Linienführung der Skizze zum Gemälde zu urteilen, porträtierte Friedrich den Modell stehenden Milarch mit Hilfe einer Camera obscura. Der spätere Pastor in Schönbeck ließ sich 1859 fotografieren und ist damit die einzige Figur von Friedrichs Bildpersonal, von der ein Foto existiert.
Fides-Skulptur Die Fides-Skulptur auf der Konsole ist gegenüber dem Mann am Sarkophag in Beziehung gesetzt. Die Darstellung der hl. Fides ohne Kopf wirkt hier als starkes Symbol. Die Märtyrerin, ein 13-jähriges Mädchen, das sich weigerte, während der Christenverfolgung unter Kaiser Maximinus heidnische Götter anzubeten, wurde im Jahr 303 enthauptet. Bei dem Namen (Fides = Treue) bezogen sich die Christen in Rom auch auf die Tradition der römischen Religion, in Fides die Personifikation des Vertrauens, der Treue und des Eides in der Verpflichtung des Staates zu sehen.
Schmetterling als Seelensymbol Der Schmetterling hat in Friedrichs Symbolhierarchie einen hohen Stellenwert. Dass es sich in der Verwendung um ein christliches Auferstehungssymbol handelt, ist von der verschollenen Sepiazeichnung Mein Begräbnis (1803/1804) herzuleiten, weil die Schmetterlinge dort als Friedrichs eigene Seele sowie die der verstorbenen Mutter und Geschwister dargestellt sind.Helmut Börsch-Supan, Karl Wilhelm Jähnig: Caspar David Friedrich. Gemälde, Druckgraphik und bildmäßige Zeichnungen, Prestel Verlag, München 1973, ISBN 3-7913-0053-9 (Werkverzeichnis), S. 278. Das Schmetterlingsmotiv findet man weiter in den Holzschnitten Frau mit Spinnennetz zwischen kahlen Bäumen und Knabe auf einem Grab schlafend (soll den 1787 ertrunkenen Bruder Christoffer zeigen), auf der Säule des Neubrandenburger Denkmals für Franz Christian Boll sowie in der Zeichnung Gräser und Palette (1838), als ein „Abschied vom Leben und der Kunst“.Helmut Börsch-Supan, Karl Wilhelm Jähnig: Caspar David Friedrich. Gemälde, Druckgraphik und bildmäßige Zeichnungen, Prestel Verlag, München 1973, ISBN 3-7913-0053-9 (Werkverzeichnis), S. 45. Der Schmetterling im Bildgefüge von Huttens Grab zeigt an, dass dem Maler die „vaterländischen Dinge“ Philipp Otto Runge: Hinterlassene Schriften. Herausgegeben von dessen ältestem Bruder. Band 1, Hamburg 1840, S. 310. ähnlich wichtig sind wie die Familie und die eigene Existenz.
Naturdarstellung Bei der Naturdarstellung überwiegt eine naturreligiöse Deutung. Pflanzen, die aus den Trümmern wachsen, sind bei Helmut Börsch-Supan Symbole der neuen Naturfrömmigkeit, die Fichte steht für den gläubigen Christen, die Distel für den Schmerz, die Blumen sind als Verheißung der Auferstehung zu verstehen. Peter Märker plädiert dafür, in der den Ruinen entwachsenen Natur ein Symbol zukünftiger Religiosität zu sehen, in den Naturprozessen von Wachsen, Vergehen und Neuerblühen eine Analogie zum historischen Prozess. Märker: Caspar David Friedrich. Geschichte als Natur. Kehrer Verlag, Heidelberg 2007, S. 64 f.
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