mini|Die Inseln Basilan, Jolo und Tawi-Tawi bilden das Zentrum der Organisation auf dem Sulu-Archipel. Abu Sayyaf (), auch Abu Sayyaf Group (ASG) oder Abu Sajaf oder Abu Seif geschrieben, auch al-Haraka al-Islamiyya („Die Islamische Bewegung“) genannt, ist eine islamistische Terrororganisation im muslimischen Süden der Philippinen, die seit ihrer Gründung 1991 besonders im Bereich der Inseln des Sulu-Archipels, darunter Basilan, Jolo und Tawi-Tawi Island, sowie auf der Insel Mindanao operiert.
Das durch den Moro-Konflikt geprägte Primärziel von Abu Sayyaf ist die Errichtung eines islamischen Gottesstaates auf den Südinseln der Philippinen.Wer sind die Schlächter von Abu Sayyaf? welt.de, 25. September 2014 Die Gruppe steht seit 1997 durchgehend auf der vom Außenministerium der Vereinigten Staaten erstellten Liste der als terroristisch bezeichneten Organisationen im Ausland.
Die Organisationen ist benannt nach dem Kampfnamen „Abu Sayyaf“, den der spätere Anführer der Gruppe Abdurajik Abubakar Janjalani (Abd al-Raziq Abu Bakr Janjalani, Abd al-Rajak Janjalani; 1998 in einem Gefecht mit der Polizei getötetPeter Heine: Terror in Allahs Namen. Extremistische Kräfte im Islam. Herder, Freiburg 2001, ISBN 3-451-05240-7, S. 134–137.) in den 1980er Jahren als Mudschahed in Afghanistan führte. Diesen wählte er vermutlich zu Ehren von Abdul Rasul Sayyaf.What you need to know about the Abu Sayyaf The Philippine Star philstar.com, 13. Juni 2016 Der Name setzt sich aus dem häufigen arabischen Beinamen „Abu“ ( = Vater) und „Sayyaf“ ( = Schwertträger oder Schwertkämpfer) zusammen.
Entstehung und Ziele mini|Die Inselgruppe Mindanao mit dem Sulu-Archipel ist das vorrangige Operationsgebiet von Abu Sayyaf. Die Terrorgruppe ging aus der Moro National Liberation Front (MNLF) auf Mindanao hervor. Ihr Gründer Abdurajik Abubakar Janjalani lehnte die zunehmend gemäßigtere Linie der Befreiungsfront ab und formierte 1991 die islamistische Organisation Abu Sayyaf, der sich weitere MNLF-Anhänger anschlossen. Manche Mitglieder hatten zuvor wie auch Janjalani im afghanischen Bürgerkrieg und Krieg mit der Sowjetunion gekämpft und waren dafür in Lagern in Afghanistan, Pakistan und Saudi-Arabien ausgebildet worden.
Zu den erklärten Zielen der Gruppe gehört die Sezession der muslimischen Gebiete im Süden der Philippinen, für die Errichtung eines islamischen Gottesstaates sollen die einheimischen Christen zunächst durch blutige Gewaltakte vertrieben werden. Zu den frühen Aktionen zählten vor allem Bombenanschläge und Granatenangriffe. In der Folge wurden die Aktivitäten der Organisation oftmals durch Raub, Erpressung und Entführung, besonders von Ausländern, finanziert.
Abu Sayyaf gilt als radikalste und gewalttätigste Separatistengruppe auf den Philippinen, nach Ablauf von gesetzten Ultimaten werden angedrohte Handlungen oft sehr konsequent durchgeführt. So kam es mehrfach zu brutalen Hinrichtungen von Geiseln, zumeist durch Enthauptung.
Organisation und Operationsgebiet Langjährige Führer waren Abdurajik Abubakar Janjalani und nach dessen Tod im Jahr 1998 sein jüngerer Bruder Khaddafy Janjalani. Die zunächst hierarchische Kommandostruktur unter dem älteren Janjalani hat sich zunehmend in einen dezentralen Verbund lokaler Gruppen um prominente Führungsköpfe gewandelt.Is Abu Sayyaf Making a Comeback in the Philippines? geopoliticalmonitor.com, Michael Hart, 6. September 2018
Abu Sayyaf soll intensive Kontakte zu anderen extremistisch islamischen Bewegungen und Terrororganisationen wie etwa al-Qaida oder Jemaah Islamiyah unterhalten. Die Gruppierung versucht in den durch Armut geprägten Regionen der Moros gezielt muslimische Jugendliche anzuziehen, die politisch unzufrieden und islamistisch eingestellt sind. Den Kern sollen ursprünglich etwa 200 Anhänger gebildet haben, phasenweise rechnete man mit rund 2.000 Unterstützern.
Das Zentrum des Operationsgebiets befindet sich auf dem zur Region Bangsamoro gehörenden Sulu-Archipel, über den sich Kämpfergruppen mit Schnellbooten mobil zu bewegen vermögen. Im Schutz des Dschungels stehen diverse Camps inklusive alter Tunnelsysteme aus dem Pazifikkrieg zur Verfügung, die japanische Truppen nach der Besetzung der Philippinen ab 1942 angelegt hatten.Geiseln in Höhlen versteckt? spiegel.de, 18. September 2000
Besonders auf den Inseln Jolo (in der Provinz Sulu) und Basilan (in der gleichnamigen Provinz Basilan) agieren die Terroristen immer wieder konfrontativ und können ihre Standorte bei Militärangriffen mit Hilfe eines Unterstützernetzwerks rasch wechseln. Tawi-Tawi Island (Provinz Tawi-Tawi) fungiert als Rückzugsareal, aber auch als Vorposten und Durchgangsstation für Aktionen, die sich über die Sulusee und Celebessee bis Malaysia (wie bei der Sipadan-Entführung im Jahr 2000 vornehmlich im Bundesstaat Sabah auf der Insel Borneo) und Indonesien erstrecken können.Indonesien warnt vor Ausbreitung der Piraterie in der Region reuters.com, 21. April 2016
Auf der Insel Mindanao steht in erster Linie der Süden im Fokus der Organisation, vor allem die Region Zamboanga Peninsula auf der gleichnamigen Halbinsel. Auch in den Regionen SOCCSKSARGEN, Davao und Northern Mindanao ist die Gruppe bereits aktiv geworden, allein die nördlichste und römisch-katholisch beeinflusste Region Caraga wird kaum erreicht.
Militärische Reaktion der Regierung Die philippinische Regierung verfolgt seit jeher einen harten militärischen Kurs gegen die Terrorgruppe und lehnt Verhandlungen über politische Forderungen oder Lösegeldzahlungen für Geiseln in der Regel strikt ab. Bei Angriffen auf die Terroristen wird die Gefährdung von Entführungsopfern oder der Zivilbevölkerung durchaus auch in Kauf genommen.Killing Fields spiegel.de, 24. September 2000 Ab Januar 2002 erfuhr die Bekämpfung Unterstützung durch die Streitkräfte der Vereinigten Staaten infolge einer Ausweitung der Operation Enduring Freedom beim weltweiten Krieg gegen den Terror.USA weiten den Anti-Terror-Krieg auf die Philippinen aus welt.de, 16. Januar 2002
Nachdem im Juli 2014 zahlreiche Führer und Anhänger von Abu Sayyaf dem Islamischen Staat die Treue schworen und fortan unter dessen schwarzer Flagge einen Zusammenschluss mit anderen regionalen Terrororganisationen anstrebten, wurden die Armeeoperationen unter Präsident Rodrigo Duterte ab Sommer 2016 abermals intensiviert. Seitdem die Streitkräfte der Philippinen im Jahr 2017 aus der Schlacht um Marawi siegreich hervorgingen, haben sich Mitgliederzahl und Schlagkraft der Gruppe im Zuge weiterer Militärinterventionen anscheinend sukzessive verringert.Militants surrender years after allegedly beheading 2 Canadian tourists and a German hostage in the Philippines cbsnews.com, 17. Juni 2022
Geschichte und Aktionen Anfänge unter Führung von A. Janjalani (1991 bis 1998) Einen der ersten Anschläge verübte Abu Sayyaf im August 1991 auf eine Veranstaltung des christlichen Hilfs- und Missionsschiffs Doulos an der Western Mindanao State University in Zamboanga City, bei dem mit Sofia Sigridsson aus Schweden und Karen Goldsworthy aus Neuseeland zwei Besatzungsmitglieder starben.Bombing kills two, hurts 50 United Press International upi.com, 12. August 1991
Im April 1995 erreichte die Gruppe internationale Aufmerksamkeit durch einen seegestützten Angriff auf die mehrheitlich von Christen bewohnte Stadt Ipil auf Mindanao, an dem mehr als 200 bewaffnete Kämpfer beteiligt waren. Bei diesem Massaker wurde das wirtschaftliche Zentrum der Stadt zerstört, die sieben Banken der Stadt beraubt und 53 Einwohner getötet. Die Terroristen flohen mit Geiseln in die Wälder; viele der Gefangenen wurden später mit Messern zu Tode gehackt.Death in the Afternoon time.com, 17. April 1995
Im selben Jahr stellte sich heraus, dass Abu Sayyaf zusammen mit anderen islamistischen Organisationen die Vorbereitungen der al-Qaida bei der Operation Bojinka substanziell unterstützt hatte. Bei dem beabsichtigten Großanschlag während des Weltjugendtags in Manila sollten Mitte Januar 1995 durch die Sprengung von elf Verkehrsflugzeugen über dem Pazifik etwa 4.000 Passagiere getötet sowie durch den Einsatz von zwanzig Selbstmordattentätern am X. Weltjugendtag Papst Johannes Paul II. und so viele Gläubige wie möglich ermordet werden. Der kurzfristig aufgeflogene Angriffsplan gilt als Wegbereiter für die Terroranschläge am 11. September 2001, zumal er optional auch die Entführung von Linienmaschinen vorsah, um sie in Ziele wie das CIA-Hauptquartier in Langley oder das Weiße Haus, US-Kapitol oder Pentagon in Washington, D.C. zu steuern.Was wussten die Geheimdienste? welt.de, 7. Dezember 2001 Angebliche Berichte, wonach Abdurajik Abubakar Janjalani während seiner Zeit in Afghanistan Osama bin Laden persönlich kennengelernt haben soll, ließen sich nie zweifelsfrei belegen. Erwiesen wurden hingegen diverse Kontakte mit Ramzi Ahmed Yousef, der nach dem Bombenanschlag auf das World Trade Center 1993 auch einer der maßgeblichen Drahtzieher der Operation Bojinka war. Diesen hatte Janjalani laut Zeugen zunächst Anfang 1992 in Isabela City und ein weiteres Mal Ende 1994 getroffen.RETRACING THE STEPS OF A TERROR SUSPECT washingtonpost.com, 5. Juni 1995 Für eine am 11. Dezember 1994 von Yousef platzierte Bombe auf Philippine-Airlines-Flug 434, welche das Flugzeug als „Probesprengung“ zwar nicht zum Absturz, doch den japanischen Passagier Haruki Ikegami ums Leben brachte, ging einige Stunden später ein Bekenneranruf von Abu Sayyaf im regionalen Redaktionsbüro der Associated Press in Manila ein.BOMBED PHILIPPINE JET LANDS SAFELY IN JAPAN washingtonpost.com, 12. Dezember 1994
Am 18. Dezember 1998 wurde Abdurajik Abubakar Janjalani bei einem Schusswechsel mit der Polizei auf Basilan getötet.Asia-Pacific Philippine Muslim leader killed BBC.co.uk, 19. Dezember 1998 Die Führung wurde nach Informationen der philippinischen Armee anschließend von seinem jüngeren Bruder Khadaffy Janjalani übernommen, unter dem besonders die Zahl der Entführungsfälle und Geiselnahmen deutlich anstieg.
Massenentführungen unter K. Janjalani (1998 bis 2006) Khadaffy Janjalani stand einer Kämpfergruppe voran, die nach einem fehlgeschlagenen Angriff auf einen Militärstützpunkt auf Basilan am 20. März 2000 zahlreiche Geiseln in einer katholischen Schule nahm, darunter mehrheitlich Schulkinder, einige Lehrer sowie der Direktor und Priester Roel Gallardo.Abu Sayyaf rebels take 77 people hostage in Basilan philstar.com, 21. März 2000 Nachdem die von der Armee verfolgten Entführer am 19. April zwei Lehrer enthauptet hattenMuslim rebels behead two hostages BBC.co.uk, 19. April 2000, wurden die meisten Verschleppten am 3. Mai 2000 gewaltsam befreit. Drei weitere Lehrer und Gallardo wurden dabei tot aufgefunden, ihre Körper wiesen teils Spuren von schwerer Folter auf.A Rebellion With A Cause newsweek.com, 14. Mai 2000