mini|Neofit Rilski (1838): Porträt von Sachari Sograf (1810–1853), Bulgarische Nationalgalerie, Sofia Neofit Rilski (), geboren als Nikola Poppetrow Benin (bulgarisch ; * 1793 in Bansko, damals Osmanisches Reich; † 4. Januar 1881 im Kloster Rila, Bulgarien) war ein bulgarischer Geistlicher, Aufklärer der Bulgarischen Nationalen Wiedergeburt und Aktivist im Kampf für eine unabhängige bulgarische Kirche. In der Slawistik ist Rilski durch die erste bulgarische Grammatik der Neuzeit (1835) bekannt.
Rilski hatte eine theologische Ausbildung genossen, wie der Großteil der bulgarischen Intelligenz zu dieser Zeit, welche ihre Pflichten mit der Lehrpraxis verbanden und entscheidend zur Verbreitung des bulgarischen Bildungswesens beitrugen. Sie waren diejenigen, die sich intensiv um den Zustrom von Büchern aus dem Ausland kümmerten. Außerdem unterstützten sie heimische Autoren und Übersetzer und halfen bei der Gründung weltlicher Schulen mit. So konnte während der osmanischen Herrschaft die bulgarische Kirche eine wichtige gesellschaftliche und politische Rolle einnehmen.
Heute tragen mehrere Bildungseinrichtungen und Orte in Bulgarien seinen Namen, darunter die Süd-West-Universität in Blagoewgrad.
Biographie Familie und Kindheit Nikola Benin wurde in der makedonischen Stadt Bansko, einem der Zentren der bulgarischen Wiedergeburt im Osmanischen Reich, geboren. Sein Vater, Petăr Benin war Priester (Pope) und Lehrer in der Stadt. Im gehörte auch die bulgarische Schule (siehe Zellenschule). Der Vatersname von Nikola Benin war Petrow, nach dem Vornamen seines Vaters. Da sein Vater jedoch Pope war, wurde der Vatersname zu Poppetrow (Pop Petrow).
Einige bulgarische Etymologen bringen den Namen der Stadt Bansko und somit die Familiennamen Banow (Plural: Banowi), Benin (Plural: Benini) mit dem mittelalterlichen bulgarischen Adelstitel „Ban“ in Verbindung. So könnten die Familienmitglieder der Familie Benin Nachfahren einer Adelsfamilie sein. Belegt ist, dass es nach der Wiederherstellung des serbischen Fürstentums (1804) am königlichen Hof zwei Vertreter der Benin-Familie gab: Marko Teodorovič und Michail German, späterer Botschafter Serbiens im Osmanischen Reich. Marko Teodorovič war seinerseits Kaufmann in Wien und publizierte 1792 als „Bulgare aus der Raslog-Region“ (bulg. „бугара, родом из Разлога“) eine Fibel, bekannt als die „Fibel von Marko Teodorovič“ (bulg. „Буквар на Марко Теодорович“). Die Mutter von Nikola, Ekaterina, stammte ebenfalls aus einer wohlhabenden Familie, die Handel mit Baumwolle aus Drama und Serres betrieb, die nach Serbien und Österreich verkauft wurde.
Leben als Mönch 1808 kam Nikola Benin ins Rilakloster um beim Gründer der Malschule von Bansko Toma Wischanow–Molera (Moler, vom deutschen Maler), der in Wien studiert hatte, die Malerei zu erlernen. 1811 wurde Nikola Benin jedoch vom Jerotej, Igumen (Abt) des Klosters, zum Priester geweiht und nahm den Namen Neofit an. Als Priester des Rilaklosters, wo er einen großen Teil seines Lebens verbrachte, bekam er den Beinamen Rilski (aus dem bulg. Рилски, zu dt. „von Rila“), das heißt Neophyt vom Rila-Kloster.
In dieser Zeit erlernte Neofit die Kirchenslawische Sprache. 1818 wurde er in Pirot vom griechischen Metropoliten von Sofia zum Priestermönch geweiht. Auf seiner Heimreise lernte er einen jungen Lehrer kennen – einen Griechen aus Thessaloniki, der ebenfalls Kirchenslawisch beherrschte. Er nahm den jungen Griechen mit in das Rilakloster und machte ihn zum Sekretär des Klosters. Als Sekretär half er bei der Erledigung der Korrespondenz mit dem griechisch-ökumenischen Patriarchat in Konstantinopel und mit den umliegenden griechischen Bischöfen. Der junge Lehrer unterrichtete in der Klosterschule auch Griechisch. Er verließ das Kloster 1821, um sich am griechischen Aufstand zu beteiligen. Um seine griechischen Studien zu vertiefen, ging Neofit Rilski nach Melnik, einer Hochburg des Hellenismus, in die damals bekannte hellenistische Schule des Lehrers Adam aus Mezowo. Dort blieb Neofit von 1822 bis 1826 und wurde, wie er später in seiner Autobiografie vermerkte, ein guter Hellenist.
Als Lehrer auf Wanderschaft Nach dem Abschluss der hellenischen Schule kehrte Neofit ins Rila-Kloster zurück, wo er von Ignatij, Bischof von Samokow, eingeladen wurde an der dortigen Klosterschule als Lehrer zu unterrichten. Samokow war zu dieser Zeit ein Ort berühmter Ikonen- und Freskenmaler (siehe Kunstschule von Samokow) und bot Neofit ein theologisches Umfeld. In seiner pädagogischen Arbeit war Neofit Rilski, wie Neofit Bozweli, Verfechter der radikalen Abkehr von den Griechen und der Griechischen Sprache; eine Forderung, die 1870 mit der Errichtung des bulgarischen Exarchats einen vorläufigen Abschluss fand. So unterrichtete dort Neofit neben Neu- und Altgriechisch noch Altbulgarisch (Altkirchenslawisch). In Samokow unterrichtete Neofit von 1827 bis 1831, wobei er 1829, als nach dem Frieden von Adrianopel der Bischof Ingnatij ermordet wurde, die Stadt kurzfristig verließ.
Nach seiner Zeit in Samokow zog sich Neofit Rilski erneut ins Rila-Kloster zurück, wo er an der dortigen Klosterschule unterrichtete. So wurde er Zeuge jenes Brandes, der am 13. Januar 1833 das Kloster fast vollständig vernichtete. Danach reiste Neofit mit anderen Mönchen im Auftrag des Klosters nach Konstantinopel, wo er erfolgreich den ökumenischen Patriarchen mit der Bitte um Genehmigung eines Neubaus ersuchte. So begann der ökumenische Patriarch Konstantin I. bereits im März 1833 eine Stiftungsaktion für das Kloster und setzte sich beim Sultan für den Neubau ein. Im Juli des gleichen Jahres wurde dann der Bauantrag durch einen Sultanferman (Dekret) genehmigt. So trug Neofit Rilski in der Epoche der bulgarischen Aufklärung maßgeblich zum Wiederaufbau des Klosters bei, was eine Anstrengung von nationaler Bedeutung wurde, sodass das Kloster heute als Nationalheiligtum geehrt wird.
Nach seiner Rückkehr von Konstantinopel ins Rila-Kloster wurde Neofit von der Klosterleitung als Priesterlehrer ins Metoch (ein kleines Kloster, welches einem anderen Kloster untergeordnet ist) von Kasanlak geschickt. In Kasanlak traf er auf Ilarion Makariopolski, den späteren Bischof von Tarnowo, der ihn in Kontakt mit Wasil Aprilow brachte. 1834 nahm Neofit die Bitte der aus Gabrowo stammenden und in Odessa lebenden Kaufleute Aprilow und Nikolaj Pasalusow an, an einer nach dem Bell-Lancasterschen Schulsystem neu errichteten Schule zu unterrichten. Diese Schulform sah vor, dass erfahrenere Schüler jüngere unterrichten sollten und so allmählich zu Hilfslehrern heranwuchsen. Die Schule sollte in Gabrowo, der Heimatstadt der Kaufleute, eröffnet werden und auf den Erfahrungen des russischen Schulwesens beruhen. Dafür zog Neofit nach Bukarest, wo er die Lancaster-Methode an einer bekannten griechische Schule studierte.
Die Eröffnung der Schule in der Kaufmannsstadt Gabrowo am 2. Januar 1835 stelle Neofit vor ein großes Problem: das Fehlen von Lehrmaterialien in bulgarischer Sprache. Zwar wurde bereits 1824 von Petar Beron die erste Fibel in neubulgarischer Sprache veröffentlicht, doch war sie mehr eine Enzyklopädie als ein Lehrbuch. So schrieb Neofit 1835 die Lehrbücher selbst, darunter die erste bulgarische Grammatik. Diese Lehrbücher (Tafeln für gegenseitiges Lernen; Fibel, Auszug aus den Tafeln für gegenseitiges Lernen; Bulgarische Grammatik) wurden mit der Hilfe von Michail German in der serbischen Stadt Kragujevac gedruckt. Sie zählen neben der Fibel von Petar Beron zu den ersten Lehrbüchern der neubulgarischen Sprache.Vasilka Radeva: Bulgarische Grammatik: morphologisch-syntaktische Grundzüge. Buske Verlag, 2003, S. 6.Geschichte des Aprilow-Gymnasiums (bulg.)
So vollzog der Mönch Neofit mit der Eröffnung der Gabrowo Gesamtgrundschule (bulg. – wörtlich: Gabrowoer gegenseitige Schule) sowohl den Wandel von der einfachen theologisch geprägten Schulbildung zu einer weltlichen als auch die Abkehr von der im Alltag dominierenden griechischen Sprache. Diese Systemerneuerung wurde zum Vorbild der bulgarischen Schulen im Osmanischen Reich, und so wurden bis 1845 insgesamt 17 neue Schulen dieses Typus eröffnet.Katerina Gehlt: Die Soziale Typisierung der Figuren in bulgarischen Übersetzungen in Fremdes Europa?: Selbstbilder und Europa-Vorstellungen in Bulgarien (1850–1945). S. 171. Auch die bereits existieren Klosterschulen führten nach und nach die neue Schulform ein und so sehen einige Wissenschaftler in der Einführung der neubulgarischen Sprache in den „Volksschulen“ den maßgeblichen Impuls für die bulgarische Befreiungsbewegung. 1836 fertigte er den ersten Globus mit bulgarischer Bezeichnung der geographischen Orte.
Erst in den 1850er Jahren, infolge der Tanzimat-Reformen von Midhat Pascha, versuchte das Osmanische Reich durch eine staatlich gelenkte Schulreform Einfluss auf die Bildung der Bulgaren zu nehmen, was jedoch scheiterte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die von Neofit Rilski eingeführte Schulform bereits bei der bulgarischen Bevölkerung durchgesetzt.
In Gabrowo übersetzte Neofit Rilski das Neue Testament ins Bulgarische. Dort blieb er nur zwei Jahre, bis er sich Anfang 1837 in die Athos-Klöster zu weiteren Studien zurückzog. Im September des gleichen Jahres kam er einer Bitte der Kaufleute von Kopriwtschiza nach und wurde Leiter der dortigen neu gegründeten bulgarischen Schule. Kopriwtschiza war wie Gabrowo eine wohlhabende Stadt, deren Kaufleute bis nach Westeuropa reisten und dort ihre wirtschaftlichen Beziehungen pflegten. Sie liegt inmitten des Sredna-Gora-Gebirges und sollte mit ihrem Freiheitswillen eine wichtige Rolle während des Aprilaufstandes (1876) spielen. Unter der Leitung von Neofit Rilski konnte die Schule in Kopriwtschiza das Niveau der bereits bekannten „Gabrowo Gesamtgrundschule“ erreichen. Sie wurde bald ein Zentrum der bulgarischen Befreiungsbewegung: Dort erlernte die spätere bulgarische Intelligenz das Schreiben und Lesen in ihrer Muttersprache, was zu diesem Zeitpunkt nicht selbstverständlich war. Darunter waren die Schriftsteller und Gelehrten Najden Gerow, Christo Pulekow, Sachari Kjaneski, Dimtscho Debeljanow, Petko Karawelow, sowie Revolutionären wie Ljuben Karawelow und Georgi Benkowski.
1837 publizierte Neofit Rilski die Anleitung zum Schönschreiben, bevor er 1839 ins Rila-Kloster zurückkehrte. Er wurde Sekretär des Klosters und beaufsichtigte neben seiner Lehrtätigkeit die Arbeiten beim Ausmalen und der Ausgestaltung der Innenräume der neuen Klosterkirche. In dieser Zeit entstand auch sein Porträt von Sachari Sograf (siehe oben rechts), dem berühmtesten bulgarischen Ikonen- und Freskenmaler. Unter der Leitung von Neofit entstand der Ausbau des Beinhauses des Heiligen Lukas im Rila-Kloster. Neben der Bauaufsicht und dem Unterricht schrieb er in dieser Zeit ein umfangreiches Griechisch-Bulgarisches Wörterbuch, Lehrbücher und Lehrmaterialien, die Viten des Hl. Iwan Rilski, der Heiligen Kyrill und Method und des Photios. 1840 wurde seine Übersetzung des Neuen Testaments in Smyrna (heute Izmir in der Türkei) gedruckt. Den Druck übernahm die Druckerei des Griechen Damiani, da sie seit den 1830er Jahren eine der wenigen Druckereien im Osmanischen Reich war, welche über kyrillische Drucksätze verfügte.
Die theologischen und linguistischen Leistungen von Neofit Rilski wurden auch vom ökumenischen Patriarchat in Konstantinopel gewürdigt. So wurde er 1847 Leiter der Fakultät für slawische Sprachen der renommiertesten Priesterhochschule im Osmanischen Reich, des Seminars von Chalki bei Konstantinopel. 1852 übersetzte Rilski die Fabeln von Äsop ins Bulgarische. Auf Chalki blieb Neofit bis September 1852 um sich erneut ins Rila-Kloster zurückzuziehen. In den folgenden Jahren wurde er immer wieder als Lehrer und Schuldirektor verschiedener Orte und Einrichtungen eingeladen, was er aber immer wieder ablehnte.
Letzte Jahre mini|hochkant|Die Grabtafel von Neofit Rilski neben der Klosterkirche