mini|Phantom-Luftschiff (1896) mini|hochkant=1.8|Menschenmenge beobachtet das Luftschiff (Sacramento 1896) Die Phantom-Luftschiff-Welle 1896–1897 () ist eine Moderne LegendeCENAP Report (yumpu.com), abgerufen am 18. September 2022 über eine Serie von Sichtungen eines unidentifizierten Flug-Objekts, das laut zeitgenössischen Zeitungsberichten zwischen November 1896 und Mai 1897 von mehreren zehntausend Menschen in mindestens neunzehn Bundesstaaten der USA gesehen wurde.Louis Winkler: The Not-So-Mysterious Airships Of 1896-97. In: The MUFON UFO Journal 1982:3, S. 3–6 (); s. dazu Don Berliner: "Mysterious Airships": A Comment. In: Ebd., S. 7f.; J. Allan Danelek: The Airships of 1897. In: FATE Magazine Juli 2007, S. 32–39 (deutsche Übersetzung von Benutzer:Tvwatch). Für die Beobachtungen wurden verschiedene natürliche sowie übernatürliche Ursachen angeführt, ohne dass einer dieser Erklärungsansätze die Gesamtheit der Sichtungen erklären konnte. Aufgrund der überlieferten Beschreibungen sind aber die Beobachtungen von realen zeitgenössischen Luftschiffen sowie von außerirdischen Flugkörpern weitestgehend ausgeschlossen. Zur humanwissenschaftlichen Analyse möglicher Ursachen wurde das Phänomen in den letzten Jahrzehnten unter massenpsychologischen, soziologischen und kulturhistorischen Fragestellungen untersucht. In der aktuellen Rezeption stehen kulturwissenschaftliche Erklärungsansätze im Vordergrund.

Geschichte Erste Sichtungswelle 1896 mini|„Phantom-Luftschiff“ über Sacramento (Illustration 1896) Die ersten Meldungen über ein unbekanntes Flugobjekt erfolgten in der stürmischen Nacht des 17. November 1896 in Sacramento und über Oakland, Kalifornien, nachdem seit Ende September bereits vereinzelt „seltsame Lichter am Himmel“ beobachtet worden waren. Dutzende Bewohner sahen stark strahlende Lichter am verregneten Nachthimmel, einige meinten dahinter einen zigarrenförmigen Schatten zu erkennen. Ein Straßenbahnfahrer namens Lowery erklärte sogar, er habe zwei Männer erkennen können, die das Gerät über Pedale angetrieben hätten.What Was It? In: Daily Record-Union (Sacramento) v. 18. November 1896 (PDF); Voices in the sky. In: Sacramento Bee v. 18. November 1896; Flew an Air Ship. In: Weekly Spokesman-Review (Spokane) v. 23. November 1896; Topics of the Times. In: New York Times v. 25. November 1896 (PDF).

In den folgenden Wochen wurden weitere Sichtungen aus ganz Kalifornien sowie aus dem nördlich gelegenen Washington State und Kanada gemeldet. Innerhalb von wenigen Tagen brach ein wahres „Luftschiff-Fieber“ aus. Die Menschen standen nachts auf den Straßen und suchten den Himmel nach dem leuchtenden Objekt ab. Höhepunkt war die Nacht des 22. November, in der Sichtungen eines unbekannten Flugkörpers aus 11 Orten zwischen Chico und Pasadena gemeldet wurden.James L. Cambias: The Amazing Airship of 1896. In: Balloon Life 1996, Heft 7.

Über die Beobachtungen wurde kontrovers berichtet: Die örtlichen Zeitungen The Sacramento Bee und San Francisco Call heizten die Stimmung an, während andere zum Teil namhafte Zeitungen das Ereignis abwertend und mit sarkastischem Unterton behandelten.Sacramento Folks See Queer Things. In: Chicago Daily Tribune v. 19. November 1896; Air Fancies. In: Daily Record-Union (Sacramento) v. 20. November 1896 (PDF); Airship A Fake. In: The Saint Paul Globe (Minn.) v. 24. November 1896; More About That Airship Fake. In: Chicago Daily Tribune v. 28. November 1896; A Funny Paper. In: Los Angeles Times v. 10. Januar 1897. Mit der Anzahl der Sichtungen stieg aber auch die Zahl der kritischen Stimmen. Der San Francisco Chronicle zitierte den bekannten Astronomen George Davidson (1825–1911), der erklärte, seiner Meinung nach handele es sich um eine Kombination aus Betrug und Einbildungskraft. Und die Zeitung Evening Telegram aus Portland merkte skeptisch an: „Niemand hier wird an die Existenz dieses erstaunlichen Luftschiffs glauben, bevor er oder sie es – natürlich in vollem Betrieb – sieht.“Kevin D. Randle, Russ Estes: Spaceships of the Visitors. New York 2000, S. 18; You may not believe this. In: The Evening Telegram (Portland) v. 2. Dezember 1896; vgl. dazu James Randis Einhorn-Paradigma.

Im Dezember 1896 verringerten sich die Beobachtungsmeldungen und zu Weihnachten endeten sie ganz.

Zweite Sichtungswelle 1897 mini|„McCann-Sichtung“ über Chicago (Illustration April 1897) Ab Februar 1897 kam es, überwiegend im amerikanischen Mittelwesten und einigen Südstaaten, zu zahlenmäßig rasch ansteigenden neuen Sichtungen, die vom Umfang her die 1896er-Beobachtungen deutlich übertrafen und am 17. April mit 14 Sichtungen an einem Tag ihren Zenit erreichten.Jacques Vallée: Konfrontationen. München 1996, S. 25. Obwohl bislang nie mehr als ein Flugkörper gleichzeitig gesehen wurde, kam die mediale Öffentlichkeit nun zur Auffassung, dass ein einzelnes Luftschiff nicht für alle Sichtungen verantwortlich sein konnte.

Im April 1897 wurde das unbekannte Luftschiff mehrfach über Chicago gesichtet. Am 12. April berichtete die Chicago Times-Herald, der Zeitungshändler Walter McCann habe im städtischen Rogers Park am Morgen des Vortags in Gegenwart von Zeugen zwei Fotos des in etwa 200 Meter Höhe über der Stadt fliegenden Phantom-Luftschiffs aufgenommen. Da die meisten Zeitungen wegen des damaligen Stands der Drucktechnik noch keine Fotos abdrucken konnten, erschien lediglich eine Zeichnung des Flugkörpers.Chicago Times-Herald v. 12. April 1897. Die Originalaufnahmen von McCann gelten als verschollen.

Die Zeitungen veröffentlichten auch zahlreiche Berichte über Landungen und Abstürze des Objekts sowie über Kontakte mit der Besatzung. Im März 1897 schilderte ein Farmer aus der Nähe von Sioux City in Iowa, er sei von einem Anker, der von dem unbekannten Flugkörper herabhing, erfasst und mitgeschleift worden.Jacques Vallée: Dimensionen. München 1996, S. 48–55. Und im April 1897 kam es angeblich zu einem Diebstahl durch die mysteriösen Luftschiffer: In Kansas wurde im Woodson County dem Farmer Alexander Hamilton eine zweijährige Kuh entwendet.The Air-Ship Steals. In: The Paducah Daily Sun v. 29. April 1897 (PDF); Hamilton als auch seine Zeugen waren, wie sich später herausstellte, Mitglieder eines „Lügner-Clubs“: s. Kevin D. Randle, Russ Estes: Spaceships of the Visitors. New York 2000, S. 31–33.

Im April erreichte die Luftschiff-Hysterie mit mehreren hundert Sichtungen ihren Höhepunkt. Tausende von Menschen suchten bei warmem Frühlingswetter allabendlich den Himmel ab. Danach gingen die Sichtungen schlagartig zurück und endeten schließlich im Sommer 1897.

1909 – 1913 Es gab eine Reihe von Sichtungen von Luftschiffen 1909 in Neu-EnglandStephen Whalen und Robert E. Bartholomew: The Great New England Airship Hoax of 1909, In: The New England Quarterly, Ausg. 75, Nr. 3 (Sep., 2002), S. 466–476., NeuseelandClark, Jerome: "The Extraterrestrial Hypothesis in the Early UFO Age", In Jacobs, David M, UFOs and Abductions: Challenging the Borders of Knowledge, University Press of Kansas, S. 123 und in verschiedenen Orten Europas.David Clarke: Scareships over Britain, überprüft am 22. Juli 2016 Spätere Sichtungen kamen von Großbritannien 1912 und 1913.Brett Holman: Mapping the 1913 phantom airship scare, überprüft am 22. Juli 2016 Zu dieser Zeit war die Luftschiff-Technologie schon gut entwickelt, weshalb die Vermutung nahelag, dass es sich um private Luftschiffe handelte, die gesichtet wurden.

Beschreibung der Flugkörper und Besatzungen mini|„Ein Besucher vom Mars?“ (1897) Soweit sich die Beschreibungen nicht auf sich bewegende Lichter beschränkten, wurden die Phantom-Luftschiffe überwiegend als längliche dunkle Objekte geschildert, manchmal mit Flügeln, die auch gegen den Wind fliegen konnten und mit grell leuchtenden Scheinwerfern bestückt waren. Auch wenn gelegentlich beschrieben wurde, das Objekt sei „wie eine Gewehrkugel“ davon geschossen oder habe abrupt Flughöhe oder Kurs gewechselt, bewegten sich die Flugkörper den Schilderungen nach in der Regel langsam und konnten deshalb gut beobachtet werden. Unter den vielen hundert Meldungen findet sich nur eine, die das Luftschiff als 12 Meter langes „hutförmiges“ Objekt beschreibt und damit der heutigen Vorstellung eines Ufos recht nah kommt.Rudolph Umland: Phantom Airships of the Nineties. In: Prairie Schooner 12 (1938), S. 247–260. Eine typische Beschreibung des Luftschiffs findet sich im Chicago Chronicle vom 13. April 1897: „Die Maschine war deutlich zu sehen und hatte ... eine Länge von etwa 60 Fuß [18 Meter]. Auch die Vibrationen der Flügel waren deutlich zu erkennen. Sie war wie üblich mit farbigen Lichtern besetzt, und der Motor und eine Art Musik wie von einem Orchester waren zu hören.“

Und ein Zeuge namens James Hooton aus Arkansas, der als „bekannter Eisenbahnschaffner“ bezeichnet wurde, lieferte folgende Beschreibung eines gelandeten Flugobjekts und dessen Start am 20. April 1897: „Eine nähere Untersuchung zeigte, dass der Kiel in zwei Abschnitte unterteilt war. Vorn lief er wie die Scheide eines Messers aus, die Flanken waren zur Mitte hin erweitert, um hinten wieder zusammenzulaufen. Auf jeder Seite befanden sich drei große Räder aus einem biegsamen Material, die sich eindrückten, wenn sie rollten... Ich bemerkte, dass vor jedem Rad eine zwei Zoll große Röhre angebracht war, aus der nun Luft auf die Räder geblasen wurde. Die Räder begannen sich zu drehen, und das Schiff erhob sich mit einem zischenden Geräusch. Plötzlich machte das Flugzeug einen Satz, richtete den Bug in den Himmel, und die Ruder am Ende wurden zur Seite geschwenkt. Die Räder drehten sich nun so schnell, dass die Speichen kaum noch zu sehen waren. Schneller, als ich es erzählen kann, war das Schiff verschwunden.“

Es erschienen auch Berichte über mehrere Landungen, bei denen es zum Kontakt mit Besatzungsmitgliedern der Phantom-Luftschiffe gekommen sein soll. Diese wurden fast ausnahmslos als „ganz gewöhnliche Menschen“ beschrieben: Mal war es eine Frau, mal „ein mittelgroßer Mann“ mit „getönter Brille“, ein „Mann mit langem dunklen Bart“ oder ein kleiner Mann mit „hellblauem Matrosenanzug“. Angesprochen antworteten sie stets auf Englisch. Bei den wenigen überlieferten Schilderungen von „Riesen“, fremdartigen oder nichtmenschlichen Flugkörperinsassen handelt es sich nach der Meinung von CENAP um Falschaussagen.That Airship. In: The Champaign Daily Gazette v. 16. April 1897; Loren Gross: A New Look at the Lodi Incident. In: The Mufon Ufo Journal 109 (1976), S. 14–16; Die Airship-Saga. Bevor die UFOs kamen. In: CENAP Report 304 (April 2007), S. 15.

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