Als psychische Deprivation (von lateinisch deprivare = berauben) bezeichnet man den psychischen Zustand des Organismus, der durch ungenügende Befriedigung der grundlegenden seelischen Bedürfnisse entsteht. Dieser Zustand kann entstehen, wenn es nicht gelingt, eine enge und von intensiven Gefühlen geprägte Beziehung zum Mitmenschen aufzubauen (Bindungstheorie). Der Begriff psychische Deprivation geht auf Zdeněk Matějček zurück.Josef Langmeier, Zdeněk Matějček: Psychische Deprivation im Kindesalter: Kinder ohne Liebe. Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Wien / Baltimore, 1977, ISBN 3-541-07901-0).
Begriffliche Abgrenzung Der Begriff bezeichnet ein psychisches Mangelleiden infolge unzureichender emotionaler Zuwendung, sozialer Resonanz und stabiler zwischenmenschlicher Bindungen. Ursprünglich wurde psychische Deprivation im Kontext kindlicher Entwicklung beschrieben, etwa bei fehlender elterlicher Fürsorge oder mangelnden Beziehungserfahrungen. Neuere Forschung zeigt jedoch, dass auch Erwachsene von vergleichbaren Mangelerfahrungen betroffen sein können – etwa infolge anhaltender sozialer Isolation, Einsamkeit oder chronisch defizitärer Beziehungen. Weitere Formen und Erscheinungsbilder von Deprivation betreffen unterschiedliche Lebens- und Wahrnehmungsbereiche. So wird Deprivation als Mangelleiden infolge ungenügender Ernährung (physische Deprivation), mangelnder Sinnesreize (sensorische Deprivation) oder mangelnder sprachlicher Stimulation (sprachliche Deprivation) verstanden. Soziale Deprivation ist ein eigenständiger soziologischer Fachbegriff und beschreibt strukturelle Benachteiligung, Armut oder den Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe. Sie ist nicht mit sozialer Isolation zu verwechseln, die einen Mangel an sozialen Kontakten bezeichnet und als auslösender Faktor psychischer Deprivation wirken kann. Enger gefasste Deprivationsbegriffe werden für die mangelnde Gefühlsbindung zwischen Mutter und Kind (maternal deprivation; Mary Ainsworth) und zwischen Vater und Kind (paternal deprivation) sowie für die Folgen eines längeren Krankenhaus- oder Heimaufenthaltes (Hospitalismus) usw. verwendet. Ein weiter gefasster Begriff wird für den Mangel an Erziehung (pädagogisches Defizit) verwendet. Matějček vermeidet absichtlich den Begriff „Deprivationssyndrom“, weil er dazu verleiten könne, darunter eine inhaltlich genau definierte Gruppe von pathologischen Merkmalen zu verstehen, die sich ebenso diagnostizieren ließen wie andere somatische oder psychische Erkrankungen.
Die Psychische Deprivation kann auch mehrschichtig begriffen werden, in dem die Bedingungen des Mangels für eine wirksame Interaktion des Kindes mit der Umwelt differenziert werden:
Mangel an der Gesamtstimulation (Menge, Intensität und Art der Reize) Mangel an Gelegenheiten für ein wirksames Lernen bzw. für das Begreifen kognitiver Struktur Mangel an Voraussetzungen für das Aufbauen einer spezifischen Beziehung bzw. an emotionaler Abhängigkeit, die zur inneren Sicherheit verhilft Mangel an Voraussetzungen für die Aneignung persönlich-sozialer Rollen (keine soziale Unabhängigkeit, fehlende Identität).
Theorie der psychischen Deprivation
Es gibt (noch) keine einheitliche Theorie der psychischen Deprivation. Matějček unterscheidet vier psychische Grundbedürfnisse (von denen immer zwei polar sind) als Grundtendenz des Menschen zum aktiven Kontakt mit der umgebenden Welt. Alfred Adler sprach von der „Sozialnatur“ des Menschen.
Das Bedürfnis nach Variabilität, das Veränderlichkeit der Reize (Menge, Modalität, Intensität) und neue fortschreitende Stimulation einschließt. Das Bedürfnis nach Stabilität, um im Wechsel der Geschehnisse eine Dauerstruktur, Ordnung und Gesetzmäßigkeit zu finden und damit eine Kontinuität von Vergangenem, Gegenwärtigem und Künftigem herzustellen. Das Bedürfnis nach Abhängigkeit (Liebe, Bindung Beziehung), als Bindung zu spezifischen Menschen im Besonderen und zur Außenwelt im Allgemeinen, die zum Fundament der Lebenssicherheit wird. Das Bedürfnis nach Unabhängigkeit, mit der persönlichen Separation von der Umwelt zur Erreichung der Autonomie, bewussten Identität oder sozialen Rolle im sozialen Netz der Welt.
Erst wenn das Kind die Einzigartigkeit und Dauerhaftigkeit der Umweltobjekte und deren persönlichen Sinn und Wert kennenlernt, kann es zu ihnen spezifische Beziehungen bilden. Wenn sich ein Kind normal entwickeln soll, müssen alle seine Grundbedürfnisse harmonisch – der jeweiligen Entwicklungsphase angepasst – befriedigt sein. Werden diese Bedürfnisse über einen längeren Zeitraum und in erheblichem Ausmaß nicht oder nur einseitig befriedigt, wird die psychische Entwicklung des Kindes ungünstig beeinflusst. In der Umwelt des Kindes braucht es gewisse Bedingungen, die die Befriedigung der psychischen Grundbedürfnisse erlauben. Alle Kulturen und die in ihnen bestehenden Erziehungssysteme rechnen mit einer gewissen Regulierung (Angebot an Stimulationen, Einführung in die Ordnung der Dinge und Handlungen, Art des Kontaktes mit dem Kind, Zeitpunkt der Unabhängigkeit) in dieser Richtung.
Geschichte der Deprivationsforschung In der Menschheitsgeschichte wurden mehrfach Behauptungen aufgestellt, ein Herrscher habe Experimente mit Kleinkindern durchgeführt, in denen nicht mit ihnen gesprochen wurde (z. B. durch eine stumme Pfleger) oder sie z. T. sogar bewusst emotional vernachlässigt wurden, um die Ursprache der Menschheit – d. h. ohne das Sprachvorbild von Bezugspersonen – herauszufinden: Der antike griechische Geschichtsschreiber Herodot (ca. 485–425 v. Chr.) behauptete das über den 200 Jahre früher lebenden Pharao Psammetich I. (664–610 v. Chr.), Salimbene von Parma über den von ihm überaus negativ gesehenen römisch-deutschen Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen (1194–1250)Wi.Pö.: Waisenkinderversuche. In: Lexikon der Psychologie, 2000. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg. und spätere Autoren über Jakob IV. von Schottland (1473–1513)Victoria A. Fromkin, Stephen D. Krashen, Susan Curtiss, David Rigler, Marilyn Rigler: The Development of Language in Genie: a Case of Language Acquisition Beyond the „Critical Period“. (PDF; 3,3 MB) In: Brain and Language, 1974, 1 (1), S. 81–107, hier S. 82, Fn. 3. und den indischen Großmogul Akbar (1542–1605);Robin N Campbell, Robert Grieve: Royal Investigations of the Origin of Language. In: Historiographia Linguistica, 12/1981, 9(1-2), S. 43–74, doi:10.1075/hl.9.1-2.04cam. mindestens die Versuchs-Kinder von Friedrich II. sollen an der Vernachlässigung gestorben sein. Allerdings ist der Wahrheitsgehalt solcher Behauptungen mehr als unsicher: Kritische Autoren weisen die Behauptungen experimentellen Kindesmissbrauchs vor allem durch Psammetich I. und Jakob IV. vermutlich aber auch die angeblich tödlichen Versuche durch Friedrich II. als sehr unwahrscheinlich zurück; allein das Experiment von Akbar habe wohl stattgefunden, aber dort wurden die Kinder wohl lediglich durch stumme Ammen aufgezogen, ohne dass eine emotionale Vernachlässigung berichtet würde.Abul Fazal: The Akbar NAmA of Abu-l-Fazl, translated from the Persian, transl. H. Beveridge (1902–1939). Reprinted 1993, 3 vols (in 2), Delhi: Low Price Publications. zitiert von M. Miles: Sign, Gesture & Deafness in South Asian & South-West Asian Histories: A Bibliography with Annotation and Excerpts from India; also from Afghanistan, Bangladesh, Burma/Myanmar, Iraq, Nepal, Pakistan, Persia/Iran, & Sri Lanka, c1200-1750. Archiviert am 22. Februar 2008 im Internet-Archiv. Seit dem 20. Jahrhundert geistert vor allem das angebliche Experiment Friedrichs II. durch einige psychologische oder pädagogische Veröffentlichungen, als vermeintlicher Beweis für die (lebens)wichtige Bedeutung emotionaler Zuwendung für Kleinkinder.
Ein spanischer Bischof schrieb in seinem Tagebuch von 1760: Im Findelhaus wird ein Kind traurig, und viele gehen durch ihre Traurigkeit zugrunde.
Ein wesentlicher Beitrag zu dieser Thematik wurde von dem österreichischen Pädiater Meinhard von Pfaundler geleistet. Er konnte nachweisen, dass Spitalsschädigungen bei Säuglingen und Kindern in Kliniken mit der Muttertrennung in Verbindung zu bringen sind (von daher die Bezeichnung Hospitalismus, bisweilen auch Hospitalmarasmus genannt).Meinhard von Pfaundler (1924). Über Anstaltsschäden an Kindern. Monatsschrift für Kinderheilkunde, 29, 661 ff. Dies ist nicht nur ein Thema für Institutionen, in denen Kinder untergebracht werden, sondern es gibt Hospitalismus auch in Familien (Kindesvernachlässigung).
Weitere systematisch-wissenschaftlichen Arbeiten stammen aus den 1930er Jahren von der Wiener Schule Charlotte Bühlers. Von dieser Grundlage gehen die umfangreichen psychoanalytisch orientierten Studien von René A. Spitz aus, die er in seinem Buch Vom Säugling zum Kleinkind darlegte. Harry Harlow konnte in Tierexperimenten nachweisen, dass auch bei Primaten psychische Störungen auftraten, wenn keine adäquate Mutter-Kind-Beziehung aufgebaut werden konnte. John Bowlby fasste für die WHO 1952 in Maternal care and mental health und 1962 zusammen mit Ainsworth in Deprivation of Maternal Care die internationalen Ergebnisse der bisherigen Forschung zusammen. Die überwiegende Mehrheit der modernen Arbeiten über die Kinderentwicklung stützt sich auf die Bindungstheorie von John Bowlby und Mary Ainsworth.Die Mutterfigur ist lebenswichtig für das Kind. (englisch).
Ursachen der Deprivation Die Ursachen psychischer Deprivation sind sehr vielfältig (zum Beispiel Depression bei der Mutter). Im Allgemeinen können es Lebenssituationen wie Isolation oder Trennung (Separation) sein, in denen dem Subjekt (Kinder, Erwachsene, Primaten) nicht in ausreichendem Maße und für genügend lange Zeit die Möglichkeit zur Befriedigung seiner grundlegenden psychischen Bedürfnisse gegeben wird.
Isolation und ihre Folgeerscheinungen
Ainsworth empfahl 1961 nur diejenigen Situationen als Isolation zu bezeichnen, in denen sich noch keine spezifische Beziehung zur ersten Bezugsperson (Mutter, Vater usw.) hatte entwickeln können. Beispiele schwerster Isolation sind die sogenannten Wolfskinder oder der Fall Kaspar Hauser. Die totale Isolation von menschlicher Gemeinschaft ist die schwerste Deprivationssituation. Als deren Folge ist das Kind in der geistigen und körperlichen Entwicklung stark zurückgeblieben, die Sprache nicht entwickelt und nützliche soziale Gewohnheiten sind nicht ausgebildet. Geschwindigkeit und Ausmaß der Erholungsfähigkeit hängen vom Schweregrad der Deprivation ab.
Trennung und ihre Folgeerscheinungen Als Trennung oder Separation wird eine Situation bezeichnet, bei der es zu einer Unterbrechung schon existierender spezifischer Beziehungen zwischen dem Kind und seiner sozialen Umgebung kommt. Kürzere und längere Trennungen sind eine normale, häufig vorkommende Lebenssituation und deren Auswirkungen können je nach den individuellen Entwicklungs- und Persönlichkeitsbedingungen sehr verschieden sein.
Heimkinder Untersuchungen, die die Entwicklung von Heimkindern mit Familienkindern vergleichen, zeigen bei den Heimkindern fast immer eine gewisse intellektuelle und emotionale Entwicklungsverzögerung (Retardierung) bezüglich Sprachentwicklung und sozialem Verhalten, sowie Ängstlichkeit und Aggressivität. Das Heimmilieu wirkt sich auf Kinder bis drei oder fünf Jahren besonders nachteilig aus. Beobachtungen innerhalb bestimmter Zeitabstände zeigten, dass Säuglinge, die in Familien aufwuchsen, 75 % ihrer Wachzeit Kontakt mit anderen Menschen hatten und nur 25 % dieser Zeit passiv den Handlungen ihrer Beziehungspersonen folgten. Bei Heimkindern war es je nach Betreuungsschlüssel fast umgekehrt.J. Koch: Ein Versuch der Analyse des Einflusses von Heimbedingungen auf die neuropsychologische Entwicklung 4–12 Monate alter Kinder. In: Cslkà Pediat., 1961.