mini|Matej Bor in den 1930er Jahren Matej Bor [matéj bòr] war das Pseudonym von Vladimir Pavšič (* 14. April 1913 in Grgar, Nova Gorica; † 29. September 1993 in Laibach) slowenischen Dichter, Übersetzer, Journalisten und jugoslawischen Partisanen im Zweiten Weltkrieg.
Leben Matej Bor wurde als Vladimir Pavšič im Dorf GargaroBlatt 31–46 der Generalkarte von Mitteleuropa 1:200.000 der Franzisco-Josephinischen Landesaufnahme, Österreich-Ungarn, ab 1887. (ital. Gargano, slow. Grgar) im heute slowenischen Isonzotal in der Nähe von Görz in der damaligen Gefürsteten Grafschaft Görz und Gradisca in der Provinz Küstenland der k.u.k. Monarchie geboren, einem Ort, der heute Teil der slowenischen Občina (Gemeinde) Nova Gorica ist. Nachdem das Gebiet nach dem Zerfall des Habsburgerreiches 1920 an Italien gefallen war, zog die Familie nach Cilli, wo Vladimir Pavšič die höhere Schule besuchte. Danach studierte er Slowenische und Slawische Philologie an der Laibacher Universität bis 1937, arbeitete danach in Marburg an der Drau als Journalist und dann ein Jahr als Lehrer im Gottscheer Land.Ines Mihev: MATEJ BOR, one of the Founders of the Environmentalists Movements in Slovenia. (PDF; 329 kB) Dravograd (Unterdrauburg) 2009, S. 6 (englisch, abgerufen am 1. November 2010).
Widerstandskämpfer Als die Achsenmächte im Balkanfeldzug im April 1941 Jugoslawien besetzten, flüchtete er aus dem von Deutschen okkupierten Marburg ins italienisch besetzte Laibach und schloss sich im Sommer desselben Jahres dem kommunistisch geführten Partisanenwiderstand der slowenischen Osvobodilna Fronta (OF) an, wo er im Bereich Kultur und Propaganda wirkte und sich als einer der wichtigsten Dichter der Befreiungsfront OF profilierte. Mehrere seiner Kampflieder wurden ungemein populär und sein Heißa, Brigaden! wurde die inoffizielle slowenische Partisanenhymne. In diese Zeit fiel auch die erste Verwendung jenes Pseudonyms Matej Bor, unter dem er auch nach dem Kriegsende weiterhin schrieb und bekannt war.
Die Partisanin „Nina“ (Erna Jamer), Slawistin wie er, wurde seine Frau. Im Hornwald der Gottschee, wo sich 1942 im nach der Aussiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung nahezu menschenleeren Gebiet die Führung der Osvobodilna Fronta, das Oberkommando der slowenischen Partisanen, die Druckereien und die sonstige technische Infrastruktur sowie auch das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Sloweniens befanden, überstanden sie gemeinsam die heftigen Angriffe der Italiener. Aufgrund einer ernsten Erkrankung musste Bor nach Laibach und sich dort eine Zeitlang verborgen halten. Nach der Kapitulation Italiens übertrug man ihm die Aufgabe des Hauptpropagandaoffiziers der XV. Division der Partisanenarmee, die er bravourös erfüllte. Auch einige von Bors schönsten Gedichten entstanden, schmerzerfüllte Liebesgedichte, nachdem seine Frau im November 1943 im Kampf mit den katholischen und antikommunistisch ausgerichteten und mit der deutschen Wehrmacht zusammenarbeitenden slowenischen Domobranzen gefallen war; für die Propagandatätigkeit waren jene durch seinen persönlichen Verlust ausgelösten, schmerzlichen Gedichte allerdings nicht förderlich. Nach Kriegsende aber wurde Matej Bor aufgrund seiner Leistungen, und Verdienste ehrenhalber der Majorsrang der neuen Jugoslawischen Volksarmee (Jugoslovenska narodna armija bzw. slowenisch Jugoslovanska ljudska armada) verliehen.Ines Mihev: Matej Bor, S. 7.
Publizist und Aktivist 1944 ging er in das eben durch Einheiten der jugoslawischen Volksbefreiungsarmee befreite Belgrad, wo er in der slowenischen Abteilung des Senders Radio Freies Jugoslawien mit den Autoren-Kollegen Igo Gruden, Edvard Kocbek und Anton Ingolič arbeitete. 1945 kehrte er nach Laibach zurück und widmete sich dort der Schriftstellerei und literarischen Übersetzung aus dem Englischen und dem Deutschen, Tätigkeiten, die durch zweimalige Verleihung der höchsten slowenischen Auszeichnung für Kulturarbeit, den Prešeren-PreisInformation auf der Webseite des Kulturministeriums von Slowenien. in den Jahren 1947 und 1952 gewürdigt wurden. (PDF; 80 kB) Liste der Prešeren-Preisträger des slowenischen Kulturministeriums, abgerufen am 1. November 2010. 1965 wurde er mit der Mitgliedschaft in der Slowenischen Akademie der Wissenschaften und Künste geehrt, und in den 1960er und 1970er Jahren war er auch langjähriger Präsident des slowenischen PEN-Clubs, eine nicht leichte Position, da die PEN-Organisation ein Dorn in den Augen des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens, der zentralistisch ausgerichteten jugoslawischen KP war, die in einer eigenen slowenischen PEN-Sektion Spaltungsansätze vermutete.
In der Periode des Titoismus nutzte der hochangesehene Matej Bor häufig seinen Einfluss, um Dissidenten zu helfen und unterstützte auch mehrfach Bewegungen, die der offiziellen Parteilinie zuwiderliefen. Beträchtliches Aufsehen erregte Bor in den sechziger Jahren, als er öffentlich die Inhaftierung des serbischen Schriftstellers Mihajlo Mihajlov (1934–2010) kritisierte. Bor war auch einer der wesentlichen Vorkämpfer der slowenischen Umweltbewegung in den frühen 1970er Jahren und setzte sich für die Erhaltung und Bewahrung des kulturellen Erbes Sloweniens ein, indem er beispielsweise gegen den Abriss historischer Laibacher Bauten wie des Peter-Kosler-Hauses kämpfte. Auch die Plattform für die Rehabilitierung der Opfer der stalinistischen Schauprozesse in Slowenien – der slowenischen Dachau-Prozesse von 1947/48 – wurde von ihm geleitet, und 1984 verhalf er dem Autor Igor Torkar (Pseudonym von Boris Fakin In: Slovenia News, 16. Dezember 2003. Abgerufen am 1. November 2010 (englisch).) zur Veröffentlichung eines Romans, in welchem der Verfasser seine Erlebnisse von zwölf Jahren Haft im Insel-Konzentrationslager von Goli otok verarbeitete, zu denen der ehemalige Dachauer KZ-Häftling nach seiner Rückkehr als angeblicher Gestapo-Agent 1948 verurteilt worden war.Igor Torkar: Umiranje na obroke (d. i. Tod auf Raten). Delo, Laibach 1984.
Nachfahre der Veneter? In den achtziger Jahren wandte sich Matej Bor der uralten,Roland Steinacher: Studien zur vandalischen Geschichte: Die Gleichsetzung der Ethnonyme Wenden, Slawen und Vandalen vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert. Diss. Univ. Wien 2002. jedoch von Jožko Šavli wieder aufgegriffenen Veneter-Theorie zu und bemühte sich anhand slowenischer Dialektwörter nachzuweisen, dass die vorrömischen venetischen Inschriften in Oberitalien und auf dem Kärntner Gurina-Plateau einen Beweis dafür darstellen, dass die Slowenen keineswegs zugewanderte Slawen, sondern slawisierte Nachkommen jener Veneter seien. Bor wie Šavli und auch Ivan Tomažič sahen sich entsprechend als deren Nachfahren, wie sie in einem gemeinsamen Buch darlegten, das auch in deutscher Übersetzung in Wien erschien.Matej Bor, Jožko Šavli, Ivan Tomažič: Veneti: naši davni predniki. Ljubljana, Maribor 1989Ivan Tomažič (Hrsg.): Unsere Vorfahren, die Veneter. Ed. Veneti, Wien 1988, ISBN 3-85013-110-6. Da keiner der Proponenten dieser Hypothese die erforderlichen sprach- oder geschichtswissenschaftlichen Voraussetzungen für eine derartige Arbeit mitbrachte, taten slowenische wie internationale Philologen und Historiker solche Vorstellungen jedoch schnell und rundweg als Phantasterei von Amateuren ab,z. B. Luka Lisjak Gabrijelčič: The Dissolution of the Slavic Identity of the Slovenes in the 1980s: The Case of the Venetic Theory. Central European University, Budapest 2008;Tom M.S. Priestly: Vandals, Veneti, Windischer: The Pitfalls of Amateur Historical Linguistics. In: Slovene Studies, 19, 1/2 (1997) S. 3–41 Zlatko Skrbiš: ‚The First Europeans Fantasy‘ of Slovenian Venetologists: Emotions and Nationalist Imaginings. In: M. Svasek: Postsocialism: Politics and Emotions. Blackwell Publishing, Oxford, New York 2006 Peter Štih: Avtohtonistične in podobne teorije pri Slovencih in na Slovenskem. In: Andreas Moritsch (Hrsg.): Karantanien – Ostarrichi: 1001 Mythos. Unbegrenzte Geschichte / Zgodovina brez meja 5, Klagenfurt/Ljubljana/Wien 1997, S. 47–49. doch fanden die Behauptungen und scheinbaren Beweise in bestimmten Kreisen Sloweniens wie auch in slowenischen Emigrantenzirkeln in Australien, Argentinien, Kanada oder den USA und bei leicht überzeugbaren Buchbesprechern begeisterte Aufnahme:Zlatko Skrbiš: The Emotional Historiography of Venetologists: Slovene Diaspora, Memory and Nationalism. In: European Journal of Anthropology, 39, 2002, S. 41–56.
Andernorts sagt derselbe Verfasser: „Wir stehen an der Schwelle einer neuen Welt an Erkenntnis bezüglich der Vorgeschichte Europas und des Mittelmeerraums“,Charles Bryant-Abraham: Refinements and Future Directions in Venetic Scholarship. (PDF; 211 kB) TheSlovenian.com, abgerufen am 1. November 2010. und schließt gleich mutig weiter, dass Bors Entzifferung jener runenartigen venetischen Inschriften „das Potential haben, die Einschätzung der slowenischen Linguistik derart aufzuwerten, dass dereinst jene alpinen Dialekte möglicherweise kollektiv als ‚Mutter der slawischen Sprachen‘ begrüßt werden.“ Gleichzeitig gesteht der enthusiastische Verfasser allerdings ein: „Ich bin wirklich einfach ein unschuldiger akademischer Zuschauer, dessen einziges Interesse es ist, ein wenig mehr über die frühe europäische Vorgeschichte zu erfahren.“
Vorbehaltlose Zustimmung auch aus Australien: „Der slowenische Linguist Matej Bor […] behauptete, der Ursprung von ‚Venet‘ […] sei eigentlich ‚Slo-venet‘ (Slovenets = ein männlicher Slowene), abgeleitet von ‚slovo‘ (Wort) oder ‚sloviti‘ (sprechen). Bis heute habe sich diese Form erhalten.[…] Dass Deutsche immer noch das Wort ‚Wenden‘ (‚Venedi‘) für ihre slawischen Nachbarn verwenden, bestätige die Verbindung zwischen den beiden Bezeichnungen. […] Ausgehend von der Prämisse, dass die adriatischen Veneter ein Proto-Slowenisch sprachen […] entdeckte er in den über zwei Jahrtausende begrabenen Inschriften viele Wörter, die noch in slowenischen Dialekten gebräuchlich sind, und auch solche, die im literarischen modernen Slowenisch vorhanden sind und eindeutig Ableitungen darstellen. […] Jahrelang hatte Matej Bor das Problem der venetischen Schrift studiert. Im Gegensatz zur herrschenden Lehrmeinung glaubte er nicht an einen italischen, sondern einen slawischen Ursprung der venetischen Sprache. […] Die venetische Sprache war Alt-Slawisch, oder genauer, Proto-Slowenisch, ein Vorgänger des modernen Slowenischen. Eine sprachliche Kontinuität von den adriatischen Venetern bis zum heutigen Slowenisch steht demnach jetzt fest.“ (Aus dem Englischen)Aleksandra Cefarin: The enigma of Venetic culture. Webzine Sloveniana. Institute for Slovenian Studies of Victoria, Melbourne
Auf den Gedanken, dass es sich bei den entdeckten Ähnlichkeiten evtl. teils um indoeuropäische Wurzelverwandtschaft aufgrund einer indogermanischen Ursprache, teils um lexikalische oder semantische Entlehnungen aus Substratsprachen, teils um reinen Zufall, teils auch um willkürlich angenommene Lautveränderungen handeln könnte, ist in diesen Kreisen offenbar kaum jemand gekommen. Matej Bor jedoch spielte in der daraufhin entstandenen Kontroverse, in deren Mittelpunkt allerdings im Grunde das slowenische Geschichtsbild des Jožko Šavli stand, eine prominente Rolle.Rado Lencek: The Linguistic Premises of Matej Bor’s Slovene-Venetic Theory. In: Slovene Studies 12, 1 (1990.) S. 75–86.
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