Die Puinave sind eine kleine indigene Ethnie im kolumbianischen Grenzgebiet zu Venezuela.
Sprache
Ihre Sprache ist das Puinave (ISO 639: PUI), das mit dem Makú verwandt ist.Nancy Flowers: Puinave. In: Encyclopedia of Word Cultures. Band 7, Boston 1994, S. 281.Merritt Ruhlen: A Guide to the World's Languages. Edward Arnold, London / Melbourne / Auckland 1991. Die Makú-Sprachen sind nicht zu verwechseln mit der praktisch ausgestorbenen Máku im Norden Brasiliens.R. M. W. Dixon, Alexandra Y. Aikhenvald: Máku. In: The Amazonian Languages. Cambridge University Press, Cambridge 1999, S. 361. Die Puinave in der Gegend vom Río Mirinda haben ihre angestammte Sprache überwiegend zu Gunsten des Kurripako aufgegeben.
Demographie Es wird angenommen, dass das Volk der Puinave max. 3200 Stammesmitglieder umfasst.
Siedlungsgebiet Geographie Die Puinave leben im kolumbianischen Grenzgebiet zu Venezuela, am Zusammenfluss von Río Guaviare, Río Inírida und des Orinoco, südlich von San Fernando de Atabapo, benachbart im Norden zu den De’áruwa und Maku und im Süden zu den Wakuénai.
Ihr Siedlungsgebiet befindet sich am Übergang von Wald (Selva amazónica) zur Savanne (Llanos de la Orinoquia).
Klima Das Klima ist feucht-heiß, mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von 27 °C. Von Mai bis Oktober herrscht Regenzeit mit ca. 15 Regentagen pro Monat, von Januar bis März Trockenzeit mit max. 7 Regentagen pro Monat.
Politische Zugehörigkeit Politisch befindet sich ihr Siedlungsgebiet in den kolumbianischen Bundesstaaten Guainía und Vichada und im venezolanischen Bundesstaat Amazonas.
Geschichte
Die Puinave stammen ursprünglich aus Kolumbien. Wann sie jedoch in die Inírida-Region kamen, bleibt weitgehend im Dunkeln.
Im 16. Jahrhundert zogen sie zum Rio Macuco, weil Jesuiten-Missionare versuchten, sie in Missionsstationen anzusiedeln.
Eine Landkarte aus dem Jahre 1741 belegt, dass sie zu dieser Zeit am Zusammenfluss von Río Inírida, Río Nooquéne und Orinoco, in der Nachbarschaft des Stammes der Caberre, siedelten.Gloria Triana: Puinave. In: Introducción a la Colombia amerindia. Instituto Colombiano de Antropología (ICAN), Bogotá 1987, S. 104–112
Seit dem frühen 19. Jahrhundert wird ihr Leben von Kautschuk-Sammlern, Siedlern, Viehfarmern und evangelikalen Missionaren beeinflusst, vor allem durch eingeschleppte, tödliche Krankheiten.
Seit etwa 1960 vermischen sich die Puinave zunehmend mit ihren Nachbarvölkern, vor allem mit den Wakuénai.Jonathan D. Hill: Los missionares y la fronteras. In: America indigena. Band 44, 1984, S. 187.
In der Vergangenheit siedelten sie nur kurze Zeit am selben Platz, wobei sie für kurze Zeit in Dörfern wohnten. Diese nomadische Lebensweise wurde mit dem Kontakt zu den Criollos, Einführung der Lohnarbeit und der sich daraus ergebenden Abhängigkeit aufgegeben, sie wurden sesshaft und wohnen jetzt in Häusern.
Sie leben jetzt überwiegend in Siedlungen im Umkreis von Guasuripana und San Fernando de Atabapo. Viele in Kolumbien leben auch in Indianerreservaten, wie: Remanzo-Chorro Bocón (490 Ew.), Coayare-El Choco (184 Ew.), Caranacoa-Yuri-Laguna Morocoto (326 Ew.), Almikdon-La Gelba (138 Ew.), Bachaco Buena Vista (186 Ew.), Guaco Bajo y Guaco Alto (265 Ew.) und Cano Bocón Brazo Amanaven (103 Ew.).
Jedes Dorf und sein umliegendes Territorium sind Kollektivbesitz aller Einwohner.
Heutzutage unterscheiden sich die Puinave kaum noch von der ansässigen Mischbevölkerung. Die Männer tragen Hemden und Hosen und die Frauen bunte Baumwollkleider. Sie sprechen gut Spanisch und verwenden meist industriell hergestellte Haushaltsprodukte.
Die Puinave-Bevölkerung ist von eingeschleppten Krankheiten dezimiert worden, und sie haben derzeit eine hohe Tuberkulosequote.
In Venezuela stellen die Indigenas etwa nur noch 2 % der Bevölkerung, neben 60 % Criollos, 20 % Europäern und 8 % Afrikanern.
Wirtschaft Arbeitsteilung Frauen sammeln, bewirtschaften die Felder, fertigen Textilien. Männer fischen, jagen und beherrschen das soziale System.
Nahrungsmittelproduktion Landwirtschaft und Fischfang sind gegenüber Sammeln und der Jagd vorrangig.
Sie benutzen einen Sternenkalender, der die Jahreszeiten, somit die Zeit für Saat und Ernte und die Reproduktivzyklen der Tiere bestimmt.
Sammeln Gesammelt werden Früchte, Nüsse, Samen, Wildgemüse, Kräuter, Wurzeln, Pilze, Eier, Honig.
Landwirtschaft Die Puinave unterscheiden unterschiedliche Böden und nutzen sie entsprechend ihrer Eignung. Grundnahrungsmittel und somit Hauptfeldfrucht ist der Maniok, der zu Casabe und Mañoco verarbeitet wird.
Ihre Landwirtschaft basiert auf einer Art Dreifelderwirtschaft: Das erste Feld wird mit Maniok bepflanzt, nachdem eine Waldfläche Ende März vor dem Beginn der Regenzeit gerodet wurde. Im zweiten Feld wächst der Maniok heran. Das dritte Feld wird abgeerntet, danach je nach Bodenbeschaffenheit entweder verlassen oder z. B. mit Obstbäumen bepflanzt.
Fischfang Fischfang ist für die Puinave wirtschaftlich relevant und gefischt wird das ganze Jahr in dieser flussreichen, fischreichen Landschaft mit unterschiedlichen Techniken.
In der Trockenzeit kommen Angelhaken, Harpunen, sowie Pfeil und Bogen zum Einsatz, in der Regenzeit Reusen (nasas) und Netze (cacures). Das Fischen mit Barbascoextrakt und anderen Pflanzengiften ist ein festliches Ereignis, an dem sich auch die Frauen und Kinder beteiligen.
Jagd mini|280px|Aguti
Die für den Jagdgebrauch traditionell verwendeten Waffen sind aus Hartholz, wenn aus Stein, dann sind die Klingen eher Fundstücke. Die gebräuchlichste Jagdwaffe ist das Blasrohr, deren Pfeile mit Curare vergiftet werden. Gejagt wird hauptsächlich Kleinwild, wie Vögel, Affen und Gürteltiere. Auch Großwild, wie Pecaris (Banquiro) und Tapire, wird erlegt, wenn auch selten. Pakas und Agutís (Picure) werden auch mittels Fallgruben, Schlingen-, Kasten- oder Schlagfallen erbeutet. Raubtiertrophäen, wie Kaiman- und Jaguarzähne werden zur Herstellung ritueller Gegenstände und Schmuck verwendet.
Heutzutage sind jedoch ausschließlich Schusswaffen in Gebrauch, um Jagderlöse in Form von Fellen und Leder für den Handel zu erzielen, was mittlerweile zu einer ernstzunehmenden Dezimierung des einstmals reichen Wildbestands führt.
Haustierhaltung Haustierhaltung wird vernachlässigt, lebend gefangene Agutis oder Pecaris werden bis zur Schlachtung gefüttert.
Handwerk und Kunsthandwerk Traditionelle Werkzeuge, Waffen, Kultgegenstände und sonstige Gebrauchsgüter wurden ausschließlich aus pflanzlichen und tierischen Ausgangsmaterialien gefertigt.
Metallverarbeitung war nie in Gebrauch, obwohl es im Parima Eisenerz- und auch Goldadern gibt. Selbst die Bearbeitung von Steinwerkzeugen war bei den Puinave kaum vorhanden. Textilerzeugung: Hängematten, gefertigt aus Fasern der Moriche-Palme und Cumare-Palme (Astrocaryum aculeatum), mittels einfachen Webstühlen sind die bekanntesten Produkte der Region. Keramikherstellung: Alte Keramikteller und deren neuzeitliche, kommerzielle Repliken, mit anthropomorphen Abbildungen bemalt, werden auf dem Indianermarkt in San Fernando de Atabapo angeboten. Holzverarbeitung: Dort werden auch geschnitzte Hocker in Tierform verkauft, die vormals Ritualgegenstand ihrer heiligen Leute waren.
Für den Eigenbedarf stellen die Puinave heutzutage keine Textilien, Flechtwaren und Keramik mehr her, sondern kaufen stattdessen Baumwollkleidung und Aluminium- oder Plastikgeschirr bei den Criollos.
Handel Traditionell sind Erträge zunächst für den Eigenbedarf bestimmt und Überschüsse aus Jagd und Fischerei werden innerhalb der Gruppe verteilt.
Das Vordringen der Zivilisation hat jedoch auch bei den Puinave zu einem Gesinnungswandel geführt und das westliche Wirtschaftsdenken zersetzt die Solidarität innerhalb der Stammesgruppen.
Lokal gehandelt werden die Maniok-Produkte Casabe und Mañoco, die sich im feucht-heißen Klima besonders gut halten.Otto Zerries: Algunas Noticias Etnológicas Acerca de los Indígenas Puinave. In: Boletín Indigenista Venezolano. 9, Caracas 1965, Seite 31.
Güterlieferungen der Puinave umfassen Fisch, Felle und Tierhäute, Holz, Kautschuk und sonstige vermarktbare Schätze des Waldes. Im Gegenzug erhalten sie von lokalen Händlern Seife, Salz, Konserven, Textilien, Radios, Außenbordmotoren und Benzin, Schusswaffen und Munition.
Lohnarbeit Durch ein Kreditsystem der Händler („Zuerst Bezahlung, dann Lieferung“) werden die Indigenas gebunden und immer wieder zur Ausbeutung ihrer Ressourcen verleitet.
Dieses Abhängigkeitssystem hat den traditionellen Handel mit den anderen Stämmen zum Einbruch gebracht und die Lebensabläufe der Indigenas negativ beeinflusst.
Verkehr Güter- und Personenverkehr findet fast ausschließlich auf dem ausgedehnten Flusssystem des Orinoco, mittels Einbäumen (bongos), Frachtern und Schiebeverbänden, statt.
Sozialstrukturen Grundbesitz, Eigentum und Wohnen Ein Stammesterritorium war ehemals im Besitz kleiner patrilateraler Gruppen von fünf oder sechs Familien.
Die heutigen Dörfer und das diese umgebende Territorium sind immer noch Kollektivbesitz und die Familien haben individuelle Rechte am Agrarland, an Sammelgebieten und bei den Fischrechten, doch die Bevölkerung der Dörfer ist heterogen und das Stammesoberhaupt oft ein evangelischer Pfarrer indianischer Herkunft.
Familienbildung mini|hochkant=1.4|Cousinenheirat
Puinave unterscheiden bei ihren Heiratsregeln zwischen Kreuzcousinen- und Parallelcousinenheirat: Ehen mit Kreuzcousinen sind erwünscht (Tochter von Vaterschwester oder Mutterbruder), aber mit Parallelcousinen verboten (Tochter von Vaterbruder oder Mutterschwester).
Frisch verheiratete Ehepaare leben während des Zeitraums des Brautdienstes bei der Familie der Ehefrau. Danach ziehen beide ins Dorf des Ehemannes (siehe Viri-Lokalität).
Die Puinave vermischen sich zunehmend mit anderssprachigen Gruppen, hauptsächlich mit den Curripaco (Baniwa) und Wakuénai, aber auch mit den Vaupé.
Glaubensvorstellungen, Religion und Weltsicht Ihre traditionellen gesellschaftlichen Strukturen und ihr ethnisches Glaubenssystem waren bis 1943 weitgehend intakt. Trotz starker Einwirkung der westlichen Zivilisation ist die Erinnerung an das dynamische Weltkonzept der Ahnen noch lebendig.
Pantheon der Götter Qátari (A’íopo) Túpana (Dukjin, Tudon) Maunduddua Amarrundua Yopinai (Maunduddua) Der Affe
Schöpfungsmythos Ihr Siedlungsgebiet ist für die Puinave das Zentrum der Welt und die Kontinuität von „Werden und Vergehen“ in mehrere Zeitalter eingeteilt.
Am Anfang existierte ein Menschengeschlecht über den Wolken, die heutzutage die Erde bedecken. Sie waren wohlgestaltet, von guter Gesinnung und lebten in Frieden miteinander.
Jedoch ein AffeAnmerkung: Der Affe ist in der südamerikanischen Mythologie ein Kulturbringer begann Unfrieden zu stiften und seine Intrigen brachten einen fürchterlichen Krieg, der das ganze Volk auslöschte, bis auf eine Frau. Diese Frau sammelte die Knochen der Gefallenen und trocknete sie. Aus diesen Knochen entstanden vier Geschwister, die Brüder Qátari (A’íopo) und Túpana (Tudon) und die Schwestern Maunduddua und Amarrundua. Túpana war klein und siechend. Die Frau kräftigte ihn mit Hilfe der Sonnenstrahlen.
Qátari, der Älteste der Brüder, schuf derweil das Universum mit Sonne, Mond und Sternen, er vollendete jedoch die Erde nicht.
Einer der Geschwister wurde ermordet und aus seinen Knochen entstand der Kulturheld Dukjin (Túpana)Anmerkung: Dukjin ist in einer Erzählvariante der siechende und ermordete Túpana, der aus getrockneten Knochen erstarkt wieder ins Leben kommt., der Gebirge und Flüsse, Tiere, Vögel, Fische und Früchte des Waldes schuf. Als Túpana ein Mann war, tötete er die Frau und schuf aus ihrem Fleisch die Zwerge, die unter der Erde lebten. Und wenn es in der Unterwelt Nacht war, schien in der Oberwelt die Sonne. Die Zwerge aßen Casabe und Mañoca, weil es in den Flüssen noch keine Fische gab, und die Tiere der Unterwelt waren zu groß, um sie zu erlegen.