mini|Landschaft am Orinoko Die Wayapopihíwi sind eine indigene Nation in Kolumbien und Venezuela. Diese „Menschen der Savanne“ sprechen arawakisch und werden regional zu den Orinoko-Parima-Kulturen gezählt. Die lange Zeit äußerst wanderfreudigen und gegen westliche Einflüsse widerstandsfähigen Híwi, deren Bevölkerung zu Beginn des 3. Jahrtausends auf ca. 20.000 Menschen geschätzt wird, sind mittlerweile überwiegend sesshaft geworden und werden zunehmend, vor allem kulturell, mestizisiert. Ihre traditionelle Weltsicht war ursprünglich animistisch, die religiösen Rituale werden von Ritualexperten ausgeführt, ihre Sozialstruktur ist immer noch matrilinear geordnet.
Bezeichnung Sie selbst nennen sich Wayapopihíwi (= „Menschen der Savanne“), wobei „Híwi“ Menschen bedeutet. Die Wayapopihíwi werden in der ethnologischen Literatur als Guahibo oder Guajibo, ansonsten Cuiva, Gaivo, Goahiva, Guagiva, Guaiva, Guajivo, Guaigua, Guayba, Guayva, Híwi, Jivi, Jiwi, Sicuani, Sikuani und Wahibo genannt, – alle sind Fremdbezeichnungen. Die Namen „Guahibo“, „Guajibo“ etc. sind abgeleitet von „guajibear“ oder „cuivear“, womit die sonntäglichen Schießübungen kolumbianischer und venezolanischer Viehzüchter auf die Indigenas gemeint sind, die nach dem Massaker an den Híwi im Dezember 1967 im kolumbianischen Grenzort La Rubiera erst 1972 nach mehreren Gerichtsurteilen verboten wurden. Der Name „Sikuani“ ist abwertend und wird von den Híwi als Beleidigung empfunden.Zerries (1965, Seite 37) „Cuiva“ werden die „wilden“, nomadisierenden, noch nicht an die Lebensweise der Criollos angepassten Híwi, wie die Rio Tomo Guahibo, genannt. „Híwi“ und „Wahibo“ sind Kurzformen von „Wayapopihíwi“.Zum Thema Namensvarianten bei amerikanischen Indigenen vgl. Patricia Roberts Clark: Tribal Names of the Americas. Spelling Variants and Alternative Forms, Cross-Referenced, Jefferson, North Carolina 2009 – Leseprobe
Sprache
Guahibo (ISO 639: GUH) gehört zu den Arawak-Sprachen und wird aufgeteilt in Wüinpumuin (nordöstliche Region) und in Wopumuin (südöstliche Region), obwohl sich die beiden Sprachgruppen untereinander verstehen. Es existieren Dialekte wie: Guahibo (Sikuani), Amorua (Río Tomo Guahibo) und Tigrero. Sie haben ihre eigene Sprache bereits weitgehend verloren und durch Spanisch ersetzt. 6. August 1999 bis 27. Februar 2000, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, S. 17. Trotz 55 % Analphabeten, gibt es eine Guahibo-Literatur, eine Zeitung in Guahibo, Wörterbücher und eine Grammatik. Die Sprache der Híwi gehört zu den Idiomen Venezuelas, die bis zum Jahr 2000 nicht eindeutig klassifiziert werden konnten.Marie-Claude Mattéi-Müller: Yoroko – Vertrauliche Mitteilungen eines Schamanen der Panaré, Caracas 1992, (Seite 5)
Demographie mini|Llanos-Landschaft in Venezuela
Eine umfassende Volkszählung wurde nie vorgenommen. Es wird angenommen, dass das Volk der Híwi maximal 20.000 Stammesmitglieder umfasst, wovon ca. 6000 in Venezuela leben. Mitte der 1970er Jahre wurden allein 4000 in Puerto Ayacucho gezählt. Die meisten von ihnen leben jedoch an den Flussläufen der grasbewachsenen Savannen (Llanos) des Orinokobeckens. Die Híwi sind somit, neben den Yanomami, eine der bevölkerungsreichsten Ethnien der Region.
Zählungen um die 100.000 Stammesmitglieder beinhalten die Wayúu auf der Guajira-Halbinsel im Norden, die mit den Híwi kulturell eng verwandt sind. In den Jahren 1938 und 1981 wurden ca. 47.000 Híwi und Wayúu in Kolumbien und 60.000 in Venezuela gezählt. Über zwei Drittel leben außerhalb ihres angestammten Siedlungsgebiets, in Maracaibo oder in anderen Gebieten – wobei die verwandten Wayúu und Wayapopihíwi nicht auseinandergehalten werden konnten.
Ihr Gebiet wurde vormals von verschiedenen Ethnien bewohnt, die mittlerweile verschwunden sind oder von den Híwi assimiliert wurden. Die heutigen Untergruppen stellen womöglich die Nachkommen von unterschiedlichen ethnischen Verbindungen dar.Reichel-Dolmatoff (1944, Seite 437)
Reservatspolitik in Kolumbien In Kolumbien zählte man in den Reservaten Anfang der 1990er Jahre: 78 Wayapopihíwi in Cano Negro, 239 in Corocito-Yopalito-Gualabo, 2.500 in San Rafael, Abariba und Ibibi, 241 in Vencedor, Piriri und Guamito y Matanegra, 375 in El Tigre, 82 in Cano Jabòn, 77 in Cano Ovejas, 205 am Rio Siare, 3.500 in El Unuma, 729 in Saracure y Rio Cada, 702 in Cano Cavasi, 877 in Rios Muca y Guarrojo, 580 in Canos Cuna Tsepajibo Warracha, 803 in Santa Teresita del Tuparro, 608 in Rios Tomo Weberi, 259 in San Luis del Tomo, 216 in La Pascua, 149 in La Llamura, 3.347 in Santa Rita, 60 in Gano Claro, 118 in Egua Guariacana, 446 in Atama Pirariami, 68 in Cenareros, 59 in Macarieros, 709 in Roqueros, 26 in Puyeros, 65 in Parreros, 53 in Julieros 7 Velasqueros, 105 in Cano Guaripa, 27 in Cano La Hormiga, 43 in Cano Buchaco, 116 in Merey La Veraita, 294 in Guacamayas-Mamiyare, 158 im Reservat Laguna Anguilla-La Maracena, 102 in Arrecifal, 242 in Barranquito Laguna Colorado, 86 in Carrizal, 350 in Carpintero Palomas, 172 in El Vigía, 91 in Campoalegre y Ripialito, 74 im Reservat La Laguna Curvina-Sapuara, 112 in Sejalito-San Bernio und 70 in La Esmeralda.James S. Olson: The Indians of Central and South America. An Ethnohistorical Dictionary, Westport, Connecticut 1991, S. 132f.
Siedlungsgebiet 5px Guajira-Halbinsel
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6px La Rubiera
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6px La Urbana
6px Maracaibo
6px Río Meta
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6px Puerto Ayacucho
6px Río Tomo Guahibo
Geographie Die Wayapopihíwi leben heute überwiegend in Dörfern nordwestlich von Puerto Ayacucho, entlang der venezolanisch-kolumbianischen Grenze, am Río Meta, entlang zu den Oberläufen des Río Ariporo, nördlich der Río-Apure-Mündung und des Río Capanaparo bis hinauf zur Guajira-Halbinsel, wo die mit ihnen verwandten Wayúu ansässig sind. Kleine Gruppen leben Orinoko-abwärts bei La Urbana, andere nördlich der Mündung des Río Apure oder in einer waldreichen Gegend am Río Manapiare, einem Nebenfluss des Río Ventuari.
Klima mini|hochkant=0.5|links|Klimadiagramm
Die Híwi bewohnen ein Gebiet in einem Klima mit einer Durchschnittstemperatur von 27 °C, in dem sich intensive Regenzeiten und anhaltende Trockenperioden ablösen. Fauna, Flora, Erde und Menschen werden durch diesen extremen Wechsel bestimmt. Von Mai bis Oktober herrscht Regenzeit mit ca. 15 Regentagen pro Monat, von Januar bis März Trockenzeit mit maximal 7 Regentagen pro Monat. Bevor im Mai die Regenfälle einsetzen, ist es heiß und windstill, bald danach wird es schwül und gewittrig und die Wassermassen überfluten alles. Für die Fische und Amphibien ist es eine Zeit der Fruchtbarkeit, doch die restliche Fauna sucht auf dem begrenzten Raum auf Sandbänken und Hügeln Zuflucht. In der Trockenzeit leiden dagegen vor allem Amphibien und Reptilien, wenn dann die letzten Tümpel austrocknen, und viele von ihnen, vor allem Jungtiere, verenden an Dehydration.
Politische Zugehörigkeit Politisch befindet sich ihr Hauptsiedlungsgebiet in den kolumbianischen Bundesstaaten Arauca, Boyacá, Norte de Santander und Vichada und in den venezolanischen Bundesstaaten Apure und Táchira.
Geschichte
Frühzeit Die Wayapopihíwi lebten zunächst als Teil der Arawak in der Bergregion Guayana, zogen von dort zur Halbinsel La Guajira, wo heute die mit ihnen vielfältig verwandten Wayúu leben.
Ihr heutiges Siedlungsgebiet wurde einst von verschiedenen Ethnien bewohnt, die entweder verschwunden sind oder von den Híwi assimiliert wurden.
Spanische Kolonialzeit mini|Karte der Region aus dem Jahr 1636 mini|Regenzeit in Venezuela
Die ersten Berichte über die Híwi stammten von Nikolaus Federmann, der sie im Jahre 1538 bei einer ersten Expedition durch die Llanos am Río Meta antraf. Er beschrieb sie als kriegerisch und nicht-sesshaft.Federmann (1557) Dokumente aus dieser frühen Zeit belegen schon die Auflösung der traditionellen Llanosstämme durch die Eroberung und Missionierung. 1650 errichteten die Jesuiten Missionsstationen am Meta und am Casanare. Sie blieben bis 1767, als der Orden aufgelöst wurde.
Die Híwi leisteten sowohl Widerstand gegen die Missionierungsversuche der Jesuiten als auch ihrer Nachfolger im 18. Jahrhundert, der Franziskaner und Kapuziner. Die Missionsstationen waren dabei überaus erfolgreich in der Viehzucht. Zählte man 1767 noch 44.000 Rinder, so waren es im Jahr 1800 bereits 100.000.Frank Salomon, Stuart B. Schwartz (Hrsg.): The Cambridge History of the Native Peoples of the Americas, Bd.3,2, Cambridge University Press 1999, S. 718.
Infolge der fortschreitenden Eroberungen wurden vor allem die sesshaften Stämme der Region ausgerottet oder versklavt, die halbsesshaften und nomadisierenden Gruppen zogen sich in unwegsamere Gegenden zurück. Die bereits partiell sesshaften Híwi waren in der Entwicklung von Widerstandsstrategien gegenüber den Europäern geschickter als z. B. die Achagua oder die Saliva, die in dieser Region sesshaft waren. Sie lösten diese sogar beim Sklavenhandel ab, in dem sie nun selbst eine aktive Rolle übernahmen. Am Ende dieser Entwicklung verschwanden bis zum 18. Jahrhundert die meisten sesshaften Gruppen, vielfach assimiliert an den halb-nomadischen Lebensstil.
Historiker des 17. und 18. Jahrhunderts bezeichneten die Hiwi, die jetzt am Río Meta lebten, als kriegerische, nomadisierende Jäger und Sammler.Orinoco Online: In dieser Zeit waren sie berüchtigt für ihre Überfälle auf Siedlerdörfer und Missionsstationen. Die Jesuiten hielten die Hìwi für zu unstet, um sie in Missionen anzusiedeln. Auch spielten schon immer Rivalitäten um Frauen zwischen den Sesshaften und den Nomaden der Region eine Rolle, sodass die Híwi seit jeher als aggressiv gelten.Müller (1995, Seite 220) Tiefere Ursache dieser Konflikte dürfte jedoch das Vordringen der Viehwirtschaft gewesen sein. Schon vor den ersten Siedlern tauchte die willkommene Jagdbeute im Gebiet der Híwi auf, doch kam es bald zu Konflikten mit den Besitzern, zumal Rinder bald die wichtigste Fleischquelle wurden – auch wenn mindestens sechs verschiedene Säugetierarten bejagt wurden.Alf Hornborg, John Robert McNeill, Juan Martínez Alier: Rethinking Environmental History. World-system History and Global Environmental Change, Lantham 2007, S. 167f. Noch Alexander von Humboldt schrieb: „Kein Stamm ist schwerer seßhaft zu machen als die Guahibos.“Alexander von Humboldt: Reise in die Äcquinoctial-Gegenden: (1799–1804), Bd. 3, Nachdruck, Salzwasser-Verlag 2009, S. 86.
Industrielles Zeitalter mini|Fähre am Río Meta Lange konnten die Híwi, vor allem im venezolanischen Bundesstaat Apure, ihre Lebensweise beibehalten. Ab 1850 begannen sie sich jedoch überwiegend anzusiedeln oder süd- und ostwärts auszuweichen. Eine lange Kette gewaltsamer Konflikte mit den Criollos, die bis ins 20. Jahrhundert reicht, bewirkte dramatische Veränderungen ihrer Lebensweise. Seit dem frühen 19. Jahrhundert wurde ihr Leben von Kautschuk-Sammlern, Siedlern, Viehfarmern und evangelikalen Missionaren beeinflusst, vor allem aber durch eingeschleppte, tödliche Epidemien.
Ab den späten 40er Jahren kamen zahlreiche Siedler in das Gebiet der Wayapopihíwi, viele von ihnen brachten ihr Vieh mit. Dadurch intensivierte sich ihre Einbindung in die Geldwirtschaft, denn viele begannen auf den Farmen Gelegenheitsarbeiten anzunehmen oder in die Städte zu gehen.