Helmut Kentler (* 2. Juli 1928 in Köln; † 9. Juli 2008 in Hannover) war ein deutscher Psychologe, Sexualwissenschaftler und Professor für Sozialpädagogik an der Universität Hannover. Seit Anfang der 1990er Jahre werden sexualpolitische Positionen in seinen Schriften sowie seine praktische Tätigkeit als aktive Förderung von Pädosexualität kritisiert.
Helmut Kentler wird heute als „Schlüsselfigur“ und als einer der Hauptakteure pädosexueller Netzwerke betrachtet, der seine Position und Macht ausnutzte, um die Kontrolle über Fallführungen im Berliner Jugendamt zu übernehmen, mit der Folge der vielfachen „Kindeswohlgefährdung in öffentlicher Verantwortung“.
Leben Ausbildung und Studium Nach dem Abitur wollte Helmut Kentler zunächst Theologie studieren, um Pfarrer zu werden. Sein Vater hingegen verlangte von ihm eine technische Berufsausbildung. So machte Kentler zunächst eine Schlosserlehre bei der Lokomotivfabrik Henschel in Kassel und bekam anschließend einen Studienplatz in Elektrotechnik an der RWTH Aachen. Nach dem Tod des Vaters brach er das Studium in Aachen ab. 1953 bis 1954 machte er eine Dolmetscherausbildung in Englisch und Französisch.Aus: Eltern lernen Sexualerziehung. Rowohlt, 1975, Umschlagseite. Danach studierte er in der Schweiz und in Freiburg im Breisgau Psychologie, Medizin, Pädagogik und Philosophie. Schon während seines Studiums beteiligte er sich an einem mehrjährigen Feldversuch mit Arbeiterjugendlichen, den er in seinem Buch über Jugendarbeit in der Industriewelt dokumentierte und reflektierte. 1959 legte Kentler darüber seine erste Buchveröffentlichung vor (Jugendarbeit in der Industriewelt); darin wird „christliche Glaubensbindung … noch explizit verkündet“ (so Rüdiger Lautmann 2008 in seinem Nachruf auf Kentler für die Humanistische Union), in späteren Veröffentlichungen war das nicht mehr der Fall. 1960 bestand er die Diplomhauptprüfung für Psychologie.
Pädagogische Arbeit für die evangelische Kirche Nach Beendigung seines Studiums war er zunächst als Jugendbildungsreferent an der Evangelischen Akademie Arnoldshain tätig. Im Anschluss daran arbeitete er von 1962 bis 1965 als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Studienzentrum Josefstal (evangelische Jugendarbeit) bei Neuhaus am Schliersee. Die maßgeblich von ihm mit entwickelte Theorie einer emanzipatorischen Jugendarbeit machte ihn bundesweit bekannt.Wir trauern um Prof. Dr. Helmut Kentler. Nachruf der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland e. V., 21. Juli 2008.
Wechsel in die Wissenschaft
Im Folgejahr war er als Assistent von Klaus Mollenhauer an der PH Berlin tätig. Danach wurde er Abteilungsleiter für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung am Pädagogischen Zentrum Berlin und von 1967 bis 1974 ebendort Abteilungsdirektor. 1975 promovierte er in Hannover mit der Dissertation Eltern lernen Sexualerziehung, die im Rowohlt Verlag auch als Buch erschien und insgesamt bis in die 1990er Jahre eine Auflage von 30.000 Exemplaren erreichte. 1976 erhielt er einen Ruf als Hochschullehrer für die Ausbildung von Berufsschullehrern für Sonderpädagogik an die Universität Hannover, an der er bis zu seiner Emeritierung 1996 lehrte.
Privates Kentler war ledig, homosexuell und hatte drei Adoptivsöhne und einen Pflegesohn. Anfang der 1990er Jahre wohnte Kentler, nachdem er zuvor in einer „riesigen, hohen Altbauwohnung“ in Berlin gelebt hatte, in der Gartenhofsiedlung in Hannover-Marienwerder.Dagmar Albrecht (Hrsg.) et al.: Erfahrungen der Bewohner. In dies.: Heute in Marienwerder. Ein Stadtteilbuch über verschiedene Leute, historische Sehenswürdigkeiten, Umwelt und Natur. Mit Zeichnungen von Gisela Blumenbach u. a. sowie Fotografien von Kristin Beier et al. D. Albrecht, Hannover-Marienwerder 1992, S. 25f.
Wirken Kentler gehörte zu den Befürwortern einer „emanzipatorischen“ Jugendarbeit und zählt zu den Vertretern der Sexualaufklärung der 1960er und 1970er Jahre. In seiner Tätigkeit als Gerichtsgutachter und Experte für Kinder- und Jugendsexualität erreichte er in Fachkreisen Bekanntheit. Von 1979 bis 1982 war er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung, später war er im Beirat der Humanistischen Union. Außerdem war er Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung.
Zudem war Kentler ab 1980 Mitglied im Kuratorium der bis 1983 bestehenden Deutschen Studien- und Arbeitsgemeinschaft PädophilieFranz Walter, Stephan Klecha: Pädophilie-Debatte – Irrwege des Liberalismus. Spiegel Politik, 28. August 2013. und später im Kuratorium der Arbeitsgemeinschaft Humane Sexualität.Institut für Demokratieforschung der Georg-August-Universität Göttingen: Die Unterstützung pädosexueller bzw. päderastischer Interessen durch die Berliner Senatsverwaltung. 2016, S. 48. Diese Organisation steht heute wegen der Verharmlosung von Pädophilie in Kritik.Institut für Demokratieforschung der Georg-August-Universität Göttingen: Die Unterstützung pädosexueller bzw. päderastischer Interessen durch die Berliner Senatsverwaltung. 2016, S. 129.
Theorie und Praxis gehörten für Helmut Kentler zeitlebens eng zusammen. Aus der Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen während seines Studiums und in den fünf Berufsjahren in kirchlichen Bildungseinrichtungen erwuchsen seine Einsichten in eine Theorie emanzipatorischer Jugendarbeit. Er machte in Theorie und Praxis erfahrbar, was Gruppenpädagogik und was Teamarbeit als vertrauensvolle und respektvolle Zusammenarbeit von Pädagogen mit unterschiedlicher Fachkompetenz und was die Einsicht in psychosoziale Zusammenhänge für den Lern- und Emanzipationsprozess für Jugendliche und Erwachsene bedeutet.Vgl.: Jugendarbeit in der Industriewelt – Folgerungen für die Jugendarbeit Dies war in den 1960er Jahren eine Neuerung für die kirchliche Bildungsarbeit. Er wirkte neben seinen beruflichen Aufgaben auch beratend und lehrend in verschiedenen pädagogischen Praxisfeldern mit, so von 1970 bis 1974 im pädagogischen Beirat der ersten vom Berliner Senat geförderten Wohngemeinschaft für Trebegänger und entlaufene Fürsorgezöglinge am Maxdorfer Steig.Vgl.: Neuer Rundbrief. Information über Familie, Jugend und Sport, Berlin, 3/1970, 2/1972, 2/1974.
Während der Studentenunruhen in Berlin war Kentler zeitweise als „psychologischer Berater für Polizeifragen“ tätig.Berlin / Polizei: Feind im Innern, Der Spiegel, 7. August 1967 Aus den sexuellen Befreiungsversuchen der Berliner Studenten in Kommunen und Wohngemeinschaften resultierte sein Eintreten für eine emanzipatorische Sexualerziehung schon im Elternhaus,Eltern lernen Sexualerziehung. Rowohlt, 1975, S. ? das sich in seiner Dissertation 1975 auch wissenschaftlich niederschlug und ihn im weiteren Verlauf seines Berufslebens zum Experten für Sexualerziehung werden ließ.
Kentler-Experiment
Ende der 1960er Jahre brachte er in einem von ihm so bezeichneten „Modellversuch“ mehrere verwahrloste 13- bis 15-jährige Jungen, die er als „sekundärschwachsinnig“ einschätzte, bei ihm bekannten Pädophilen unter, die bereits wegen sexuellen Missbrauchs (und teilweise anderer Delikte) vorbestraft waren. Er gab vor, sie unter deren Obhut zu resozialisieren und zu reifen Erwachsenen heranwachsen zu lassen.Nina Apin, Astrid Geisler: Der Versuch. In: taz, 14. September 2013, abgerufen am 26. Juli 2017. Bis heute weiß man nicht genau, wie lange die Studie tatsächlich durchgeführt wurde. Vermutet wurde zunächst, dass sie über mehrere Jahrzehnte, bis in die 1980er Jahre, weitergegangen sei, neuere Aussagen von Betroffenen schildern, dass sie im Rahmen des „Experiments“ „bis 2003 systematisch manipuliert, missbraucht und vergewaltigt“ wurden. Bekannt ist mittlerweile auch, dass es nicht nur Teenager, sondern auch wesentlich jüngere Kinder waren, die an die Pädophilen übergeben wurden. Zumindest zwei Fälle sind bekannt, wo die Kinder bereits im Alter von 5 Jahren in die pädophile Obsorge gelangten.
Kentler versprach sich nach eigener Darstellung von dem von ihm so bezeichneten „Experiment“, dass die Jugendlichen durch die Männer sozial wieder gefestigt würden. Dass die Erwachsenen nach aller Wahrscheinlichkeit sexuelle Handlungen mit den Minderjährigen ausüben würden, war ihm bewusst. Damit waren verschiedene Straftatbestände verbunden – für die Pflegeväter § 174 a. F. (Unzucht mit Abhängigen) sowie, wenn die Jungen noch nicht 14 Jahre alt waren § 176 a.F. StGB (Unzucht mit Kindern), nach Vollendung des 14. Lebensjahres § 175 (Unzucht zwischen Männern) und für Kentler selbst Beihilfe zu den vorgenannten Tatbeständen sowie § 180 a.F. (Kuppelei).
Bei einer Fraktionsanhörung der FDP im Jahr 1981 berichtete Kentler: „Diese Leute haben diese schwachsinnigen Jungen nur deswegen ausgehalten, weil sie eben in sie verliebt, verknallt und vernarrt waren.“Liberalismus: FDP war gegenüber Pädophilen toleranter als bislang bekannt. Spiegel Online, 1. September 2013. In einem Gutachten für die Senatsverwaltung für Familie, Frauen und Jugend bezeichnete er die Ergebnisse des Versuchs 1988 als „vollen Erfolg“. Strafrechtliche Konsequenzen hatte er für die damals bekanntgewordenen Fälle wegen Verfolgungsverjährung nicht mehr zu befürchten (durch die Reform des Sexualstrafrechts 1973 war auch der sexuelle Missbrauch von Kindern zum Vergehen gemildert worden; vor 1975 begangene Vergehen verjährten nach fünf Jahren; heute beginnt der Lauf der Verjährungsfrist bei vergleichbaren Taten erst am 30. Geburtstag des Opfers und die Verjährungsfrist für sexuellen Missbrauch von Kindern dauert zwanzig Jahre).
Kentler hielt auch während seiner Lehrtätigkeit in Hannover Kontakte zu den ehemaligen Beteiligten aufrecht und empfahl Anfang der 1990er Jahre in einem Gutachten für das Berliner Familiengericht, dass einer der missbrauchten Jugendlichen weiter bei seinem pädophilen Pflegevater, den er als „pädagogisches Naturtalent“ bezeichnete, bliebe.Jutta Rinas: Sexueller Missbrauch: Der Professor und die kleinen Jungs. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 12. Januar 2018, S. 18. Er machte sein „Experiment“ 1989 sogar in einem Buch öffentlich.
Im Jahr 2015 wurden diese Vorgänge öffentlich debattiert. Die Senats-Jugendverwaltung beauftragte daraufhin die Wissenschaftlerin Teresa Nentwig von der Universität Göttingen, den Vorfall und die Verantwortung der Behörden aufzuarbeiten. Nach wie vor ist unklar, wie viele pädophile Täter Kentler mit Kindern versorgte. Über das weitere Schicksal der von den Pädophilen misshandelten, missbrauchten und vergewaltigten Kinder ist relativ wenig bekannt, derzeit gibt es lediglich zwei Personen („Marco“ und „Sven“), die bereit sind, über ihre Erlebnisse (anonym) zu berichten. Im Leben konnten die beiden nach ihren Missbrauchserfahrungen nie Fuß fassen und sind beide auf staatliche Hilfe angewiesen, später dann meldeten sich weitere Opfer und sagten im Hildesheimer Bericht aus.
2024 erschien der Hildesheimer Ergebnisbericht, genannt „Helmut Kentlers Wirken in der Berliner Kinder- und Jugendhilfe – Aufarbeitung der organisationalen Verfahren und Verantwortung des Berliner Landesjugendamtes“, aus dem hervorgeht, dass Kentler nicht allein handelte, sondern von den 1960ern bis in die 2000er ein bundesweites Netzwerk angesehener Reformpädagogen, Jugendamtsmitarbeiter und Sozialarbeiter gab, darunter Kentler selbst sowie Gerold Becker und Herbert E. Colla, die (nachgewiesen) sexuelle Gewalt ausgeübt hatten. „Das Netzwerk ermöglichte deutschlandweit sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen, institutionalisierte den Missbrauch und schützte die Täter.“