Als Rüstungsdynamik bezeichnet man den sich zwischen zwei politischen Akteuren – in der Regel Staaten – entfaltenden Prozess, der zum Erhalt oder Erwerb von militärischen Instrumenten zur organisierten Gewaltausübung führt. Ziel von Staaten ist es, durch militärische Rüstung die eigene Sicherheit im internationalen System zu gewährleisten.

Mit Blick auf Rüstungsdynamik ist umgangssprachlich häufig von unkontrollierter Aufrüstung, „Wettrüsten“ oder gar einem „Rüstungswettlauf“ die Rede. Das präzisere politikwissenschaftliche Konzept der Rüstungsdynamik nimmt demgegenüber zur Kenntnis, dass der rüstungsdynamische Prozess, etwa wenn Rüstungskontrolle stattfindet, reguliert werden und sogar teilweise Abrüstung beinhalten kann.

Vor allem fragt die wissenschaftliche Analyse rüstungsdynamischer Prozesse nach den Ursachen für Rüstung. Entstehung und Verlauf von Rüstungsdynamiken werden dabei unter Hinzuziehung verschiedener Theorien der internationalen Beziehungen (IB) analysiert, um die Komplexität und Spannweite der rüstungsdynamischen Prozesse handhabbar zu machen und ausschlaggebende Faktorenbündel zu isolieren.

Theorien der Rüstungsdynamik Rüstungsdynamik ist nicht zu verwechseln mit „Rüstungswahnsinn“, da dieser Begriff den Akteuren irrationales Handeln unterstellt. Daher sind Theorien in diesem Kontext bestrebt, sogar vermeintlich abwegiges Handeln im Rüstungsprozess auf seine Ursachen zu untersuchen, um dieses nachvollziehen zu können und sinnvoll zu erklären. Ein treffendes Beispiel hierfür ist das Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion während des Ost-West-Konfliktes. Die unverhältnismäßige Anhäufung von Nuklearwaffen, mit dem Potential den Gegner und die Welt mehrfach zu zerstören, wirkt irrational, ist aber unter Annahme von Anarchie und der ständigen Angst vor dem Gegenüber eine logische Konsequenz. Die politische Lösung, der sich aus solchen Rüstungsprozessen ergebenden Probleme, ist Aufgabe der Rüstungskontrolle.

Im Wesentlichen lassen sich zur Erklärung von Rüstungsdynamik zwei theoretische Strömungen unterscheiden. Diese sind nach Harald Müller und Niklas Schörnig die Theorie der Außenleitung und der Innenleitung. Diese Trennung kann zurückgeführt werden auf die unterschiedlichen theoretischen Analyseebenen sowie unterschiedliche Auffassungen über die Beziehung zwischen Struktur (internationales System) und Akteur (hier: der Staat), wie sie in den Großtheorien der IB (Realismus, Neorealismus, Liberalismus, Neoliberalismus, Institutionalismus und Konstruktivismus) vorherrschen.

Nach den Theorien der Außenleitung erfolgt jegliche Beeinflussung der Akteure durch die vorgegebene Struktur, also von außen. Die Analyseebene ist hier das internationale System und im Fokus steht das wechselseitige Verhältnis von Staaten im selbigen. Mit Blick auf deren konkrete Außenpolitik bleiben Vorgänge in ihrem Innern ausgeklammert, mit anderen Worten: Die Staaten werden als black box behandelt. Die Theorien der Innenleitung heben demgegenüber auf den maßgeblichen Einfluss der „Innenseite der Außenpolitik“ ab. Einfluss auf die Interessenbildung der staatlichen Akteure geltend machen nach dieser Perspektive etwa der Militärisch-Industrielle Komplex durch Lobbyismus, die herrschende gesellschaftliche Meinung, die Medien sowie innerstaatliche Organisationen und Institutionen.

Theorien der internationalen Beziehungen in Bezug auf das Phänomen der Rüstungswettläufe Perspektive des klassischen Realismus Nach dieser Theorie des klassischen Realismus wird der politische Wettbewerb auf den genetischen Ursprung vom Trieb zur Macht zurückgeführt (anthropologische Konstante). Staaten streben im internationalen System nach Dominanz, dabei sind Waffen die wichtigsten Instrumente und die Kosten sind irrelevant. Neorealistische Sichtweise Der Neorealismus zielt bezüglich Rüstungsdynamik ausschließlich auf systemische und wettbewerbliche Aspekte ab. Somit geht es für jeden Staat um das Überleben im eigenen Umfeld, in dem es keine überlegene Frieden und Recht garantierende Autorität gibt. Diese These geht also auch von der Annahme der Anarchie im internationalen System aus. Dabei entsteht ein dynamisches Kräftegleichgewicht der Akteure durch Rüstungswettläufe, da folgende Faktoren eine Sensitivität gegenüber Bedrohungen hervorheben: Unsicherheit über die Intention des Gegners, fehlende Transparenz gegenüber materiellen Faktoren, mangelnde Messbarkeit des Gleichgewichts sowie geostrategische Faktoren (Lage und Umfeld sowie Beschaffenheit von Land- und Seemacht des Staates). Perspektive des Technischen Imperativs Auch diese Theorie setzt die internationale Anarchie voraus, jedoch gibt es keinen Zwang zur Dynamik; es wird lediglich eine minimale Verteidigungsbereitschaft vorausgesetzt. Eine Dynamik folgt aus dem Drang zur Nutzung moderner und innovativer Technologien. Der Rüstungssektor ist ebenso betroffen bzw. das Bestreben, Neuerungen auch militärisch nutzbar zu machen. Es wird mit Blick auf die Zukunft gerüstet.

Theorien der Außenleitung Aktions-Reaktionsmodell Dieses Schema basiert darauf, dass die Handlungen der verschiedenen Akteure jeweils von der Gegenseite genauestens analysiert werden und auch nur darauf reagiert wird. Aufgrund dieses Verhaltens bildet sich ein ständiger Kreislauf von Aktion und Reaktion. Bei diesem Schema liegt das zentrale Augenmerk auf der Verteidigungspolitik der einzelnen Länder. Im Aktions-Reaktionsmodell gesprochen, bedeutet jede rüstungspolitische Entscheidung eines Landes eine sofortige rüstungspolitische Reaktion des Gegners. Dieses ständige Agieren und Reagieren basiert einzig auf dem Fakt, dem Gegner nie das Gefühl der Überlegenheit zu vermitteln. Als Voraussetzung ist ein gewisser Grundkonflikt zu nennen, ohne den es diese spezielle Reaktion auf genau diesen einen Gegner gar nicht geben würde.

Gefangenendilemma bzw. Sicherheitsdilemma

Diese darzustellende Theorie geht von der Annahme einer Gefangenbefragung aus, die wie folgt kurz darzustellen ist: Zwei eines Überfalls Verdächtige werden verhört. Die Tat ist eigentlich nicht nachweisbar, deswegen unterbreitet der Staatsanwalt folgendes Angebot: Beide leugnen die Tat: jeweils ein Jahr Haft wegen unerlaubten Waffenbesitzes (Pareto-Optimum). Beide gestehen: „mildernde Umstände“ jeweils fünf Jahre Haft (Nash-Gleichgewicht). Einer leugnet, einer gesteht: Kronzeuge frei, anderer zehn Jahre Haft.

Es macht bei dieser Befragung keinen Unterschied (mit Ausnahme der Berücksichtigung von „Ganovenehre“), ob sich die beiden Gefangenen absprechen oder nicht. Bei der Befragung ohne Absprachen ist die so genannte dominante oder rationale Strategie, dass beide gestehen, da jeder die Hoffnung hat, den anderen verraten zu können, um selbst freizukommen. Bei der Befragung mit Absprachen der Befragten wird der Anreiz nur noch größer, den anderen zu verraten, da die Hoffnung besteht, selbst freizukommen, da der andere mit Sicherheit „dichthält“.

Nun die Ummünzung auf die Rüstungsdynamik: Im Sicherheitsdilemma befinden sich, analog zum Gefangenendilemma, Staaten im internationalen System der Anarchie, welches ebenfalls keine übergeordnete Institution kennt, die die Durchsetzung internationaler Gesetze und Vereinbarungen erzwingen könnte. Kein Staat kann sich demnach auf Abmachungen mit anderen Staaten verlassen und muss immer davon ausgehen, dass diese gebrochen werden. Um nicht Gefahr zu laufen, die eigene Machtposition zu verlieren und sich von Staaten angreifbar zu machen, wird Rüstung zur dominanten Strategie.

Assurance-Game Das Assurance-Game basiert auf der strategischen Situation, dass Akteure überwiegend von wechselseitiger Kooperation profitieren. Die Theorie geht dabei vornehmlich auf Jean-Jacques Rousseaus Schilderung der Hirschjagd zurück: Zwei Jäger haben die Möglichkeit, entweder gemeinsam auf die Jagd nach einem Hirsch zu gehen oder individuell bei sich bietender Gelegenheit einen Hasen zu jagen. Bei Letzterem wäre die Aussicht auf den Hirschen allerdings dahin. Daraus ergeben sich folgende Handlungsmöglichkeiten: Beide Jäger machen gemeinsam Jagd auf den Hirschen und teilen sich die Beute (4,4). (Pareto-Optimum) Ein Jäger defektiert und sichert sich einen Hasen, während der andere Jäger noch kooperiert und den Hirsch erlegt. Da nur der Hirsch geteilt wird, erhält der erste Jäger einen relativen Vorteil gegenüber dem zweiten (3,1). Beide Jäger versuchen nicht ernsthaft, den Hirschen zu jagen, und versuchen stattdessen, einen Hasen zu erlegen. In diesem Fall gehen beide mit der kleineren Beute nach Hause und erhalten das Ergebnis (2,2). (Nash-Gleichgewicht) Es wird deutlich, dass sich für eine erfolgreiche Hirschjagd die Jäger die gegenseitige Kooperation zusichern können müssen – daher die Bezeichnung des Versicherungs-Spiels. Bei der Anwendung auf die Rüstungskontrolle wird von zwei Staaten ausgegangen, die sich in einer Kooperation über Rüstungskontrolle befinden, hier anhand einer Tabelle vereinfacht dargestellt:

B beschränkt Rüstung B rüstet auf A beschränkt Rüstung 4,4 1,3 A rüstet auf 3,1 2,2

Auch hier lassen sich zwei Gleichgewichte aufzeigen. Zum einen, wenn beide defektieren und aufrüsten (2,2), zum anderen, wenn beide kooperieren und die Rüstung beschränken (4,4). Die Voraussetzung für die letzte Handlungsmöglichkeit ist, dass beide Kooperationspartner den größeren Nutzen aus der Rüstungsbeschränkung ziehen und sich diese Kooperation zusichern. Da eine funktionierende Rüstungskontrolle zur Lösung des Sicherheitsdilemmas beiträgt, könnte man das Assurance-Game als die Idealform der Transformation des Gefangenendilemmas bezeichnen. Wächst jedoch das Interesse an relativen Vorteilen, oder es tritt eine zunehmende Feindseligkeit zwischen den Akteuren auf, kann es zu einem Rückfall in das Gefangenendilemma kommen. Als eine weitere Störvariable lässt sich das sogenannte „Virus des Misstrauens“ bezeichnen, welches aus dem Wissen um die Versuchung und die Gelegenheit der Gegenseite, einen relativen Statusvorteil zu erlangen, rührt und so das Assurance-Game „infiziert“.

Chicken-Game

Das so genannte „Chicken Game“ ist in Deutschland auch unter dem Namen Angsthasen- oder Feiglingsspiel bekannt. Dieses aus den USA stammende Spiel von Jugendlichen und jungen Erwachsenen bildet die Grundlage für eine der Theorien zur Rüstungsdynamik. Die Grundüberlegung bei diesem Spiel ist die, dass zwei Autos aufeinander zu fahren oder in Richtung einer Klippe und der, der als Erster bremst oder ausweicht, der Angsthase oder eben das „Chicken“ ist. Der gleiche Sachverhalt lässt sich auch sehr anschaulich auf die Rüstungsdynamik projizieren. Im Gegensatz zu den zwei vorangegangenen Theorien steht hier nicht die Überlegenheit des anderen als „Worst Case“ an oberster Stelle, sondern der Atomkrieg an sich. Der beste Fall bei Wettrüsten zweier Staaten wäre das gleichzeitige Aufgeben der Rüstung und damit die „Wahrung beider Gesichter“. Da sich die Staaten im internationalen System aber nie auf den anderen Staat verlassen können, ist das beiderseitige Aufgeben der Rüstung nicht die dominante Strategie und wird damit auch nicht durchgeführt. Vielmehr wird es dazu kommen, dass keiner der beiden Staaten aufhört, da einseitiges Beenden der Rüstung als Niederlage angesehen werden würde. Mit „jeder Runde“ steigt die Nervosität und die Gefahr eines Atomkrieges wird immer größer. Ziel ist es also, diese Konfrontationsspirale nicht ausufern zu lassen.

Das Richardson-Modell