Der Bizzarrini P 538 ist ein ab 1965 hergestellter offener Rennsportwagen des italienischen Automobilherstellers Bizzarrini, der das straßentaugliche Coupé Bizzarrini GT 5300 ergänzte. Bis zur Insolvenz Bizzarrinis Ende 1968 wurden nur sehr wenige P 538 fertiggestellt; auch im Rennsport erschien das Auto wider Erwarten nur vereinzelt und erzielte keine Erfolge. In späteren Jahren entstanden allerdings zahlreiche Nachbauten mit teilweise zweifelhaftem Hintergrund. Nicht alle Detailfragen im Zusammenhang mit dem P 538 sind geklärt; um seine Geschichte ranken sich einige Legenden. Ein Exemplar des P 538 bildet die Grundlage für den Bizzarrini Manta, ein von Giorgio Giugiaro entworfenes Show Car aus dem Jahr 1968. Im Sommer 2009 wurde die Modellbezeichnung für einen neuen Mittelmotorsportwagen genutzt, der nichts mit Bizzarrini zu tun hatte und ein Einzelstück blieb.

Entstehungsgeschichte mini|Bizzarrini: Sportwagenhersteller aus Livorno mini|Bizzarrinis erstes Modell: der straßentaugliche GT 5300 Der 1926 in Livorno geborene Ingenieur Giotto Bizzarrini arbeitete seit 1957 einige Jahre als Konstrukteur für Ferrari. Zu seinen erfolgreichsten Entwicklungen dieser Zeit gehört der Ferrari 250 GTO.Halwart Schrader, Georg Amtmann: Italienische Sportwagen, Stuttgart 1999, ISBN 3-613-01988-4, S. 88. Nachdem er sich im Rahmen der als „Palastrevolution“ bekannt gewordenen Auseinandersetzung mit einigen anderen Ingenieuren von Ferrari getrennt hatte,Halwart Schrader, Georg Amtmann: Italienische Sportwagen, Stuttgart 1999, ISBN 3-613-01988-4, S. 74. war Bizzarrini jeweils kurzfristig für A.T.S. und Lamborghini tätig, bevor er für Iso Rivolta den Gran Turismo Rivolta IR 300 und den Sportwagen Grifo konstruierte. Von der Straßenversion des Grifo leitete Bizzarrini zunächst die Rennsportversion Grifo A3/C ab, die er nach der Trennung von Renzo Rivolta ab 1965 unter eigener Marke geringfügig abgewandelt als Bizzarrini GT 5300 produzierte. Der GT 5300, der wie der reguläre Grifo mit einem US-amerikanischen Achtzylindermotor ausgestattet war, war straßentauglich, kam aber auch bei Wettbewerben zum Einsatz.

Um die junge Marke Bizzarrini international bekannt zu machen, entwickelte Giotto Bizzarrini ab 1965 den P 538, der werbewirksam bei Rennsportveranstaltungen eingesetzt werden sollte. Der P 538 war ein reines Rennauto.Alessandra Scalvini, Federico Gavazzi: Bizzarrini e le corse, in: Il genio e la macchina: Bizzarrini e Lampredi: due storie dell'auto italiana. Bandecchi & Vivaldi - Editore, 2010. Unklar ist, welche Rolle der US-amerikanische Rennfahrer Mike Gammino bei der Entstehung des P 538 spielte. Gammino, der beim 12-Stunden-Rennen von Sebring 1965 einen Iso Grifo A3/C eingesetzt hatte,Rennergebnisse von Michael A. Gammino III. auf der Internetseite www.racingsportscars.com (abgerufen am 1. Dezember 2019). war mit der Idee, sich für 1966 einen eigenständigen Rennwagen von Ferrari konstruieren zu lassen, erfolglos geblieben und hatte sich daraufhin an Giotto Bizzarrini gewandt. Einige Quellen gehen davon aus, dass Bizzarrini unmittelbar auf Gamminos Auftrag hin mit der Entwicklung des P 538 begann. Nach anderen Quellen hatte Bizzarrini den P 538 bereits als Achtzylinder-Fahrzeug konzipiert, bevor Gammino zu dem Projekt hinzukam. Unstreitig ist jedenfalls, dass Bizzarrini über Gammino Zugriff auf Lamborghini-Zwölfzylinder erhielt. Gammino kaufte über Giampaolo Dallara, den seinerzeitigen technischen Direktor Lamborghinis, und ohne Wissen des Inhabers Ferruccio Lamborghini zwei V12-Blöcke, von denen er mindestens einen an Bizzarrini weitergab. Giotto Bizzarrini sah darin die Möglichkeit, seinen ehemaligen Arbeitgeber Ferrari mit gleichwertigem Material zu begegnen.Wolfgang Blaube: Ein Fisch namens Manta. Vorstellung des Bizzarrini Manta und Kurzbeschreibung der Geschichte des Bizzarrini P 538 in: Oldtimer Markt, Heft 10/2008, S. 45. Der besondere Reiz der Zwölfzylinderversion lag darin, dass hier erstmals ein Auto der Marke Bizzarrini mit Bizzarrini-Motor ausgestattet war, denn Ferruccio Lamborghini hatte die Konstruktion des Zwölfzylinder-V-Motors, der seit 1964 seine Grand Tourer 350 GT und 400 GT antrieb, bei Giotto Bizzarrini in Auftrag gegeben.Inwieweit Giotto Bizzarrini tatsächlich an der Detailkonstruktion beteiligt war, ist unklar. Jüngere Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass Bizzarrini entgegen der gängigen Darstellung den Motor nicht selbst konstruierte. Vielmehr lieferte er lediglich einige Skizzen für einen 1,5 Liter großen Zwölfzylindermotor, die er 1959 noch als Ferrari-Angestellter gefertigt hatte. Die Detailkonstruktion des Lamborghini-Motors übernahmen Oliviero Pedrazzi und Achille Bevini als Subunternehmer für Bizzarrini. Vgl. Wolfgang Blaube: Grüner Star. 50 Jahre Lamborghini. Vorstellung des 350 GTV in: Oldtimer Markt, Heft 7/2013, S. 249.

Giotto Bizzarrini leitete einen Großteil der Finanzmittel seines Unternehmens in die Entwicklung des P 538. Sie war ein wesentlicher Grund für die wirtschaftliche Schieflage, an der Bizzarrini spätestens 1967 litt. Die Produktion des P 538 endete mit der Insolvenz von Automobili Bizzarrini im Herbst 1968. Bis dahin waren einschließlich des Prototyps fünf Fahrzeuge hergestellt worden. Salvatore Diomante übernahm im Insolvenzverfahren die meisten Werkzeuge, Ersatzteile und FormenPhilippe Olczyk: Bizzarrini & Diomante. The Official History, 3. Auflage 2017, ISBN 978-84-697-6659-0, S. 113. und fertigte in seinem Betrieb Autocostruzioni S.D. in den Folgejahren einige weitere P 538, die teilweise auf Originalkomponenten basierten. Wie viele Nachbauten entstanden, ist unklar.

Modellbezeichnung Die Modellbezeichnung nimmt Bezug auf den hinter das Cockpit versetzten Motor (P für Posteriore) sowie den Hubraum (auf 5,3 Liter abgerundet) und die Zylinderzahl (acht) des zunächst vorgesehenen Motors, eines Achtzylinders von Chevrolet. Diese Bezeichnung behielt Bizzarrini auch für die Zwölfzylinderversion bei.

Modellbeschreibung mini|Lamborghinis V12-Motor im P 538, Chassis 002 mini|Fast mittig positionierte Lenksäule Die konstruktiven Einzelheiten des P 538 weichen vom Bizzarrini GT 5300 deutlich ab; abgesehen von einer (teilweise) übereinstimmenden Antriebseinheit bestehen keine Gemeinsamkeiten.

Fahrwerk und Rahmen Der P 538 ist als Mittelmotorauto für den Renneinsatz konzipiert. Das Auto hat einen von Giotto Bizzarrini entworfenen Rohrrahmen, der die Karosserie trägt und in dem zugleich das Kühlwasser zirkuliert. Oldtimer Markt 10/2008. S. 45. Alle vier Räder sind einzeln aufgehängt. Beim Prototyp und beim ersten Produktionsfahrzeug (Chassis 001) haben die Rohre einen rechteckigen, bei den späteren Modellen hingegen einen runden Querschnitt. Vorne werden doppelte Querlenker verwendet, hinten parallele Schwingen. Die belüfteten, innenliegenden Bremsen kommen von Porsche.qv500.com: (englisch)

Motor Als Antriebsquelle kommen alternativ zwei unterschiedliche Motoren zum Einsatz.

Die wohl ursprünglich vorgesehene Motorisierung ist ein 5358 cm³ (327 Kubikzoll) großer Achtzylindermotor von Chevrolet, der serienmäßig auch im Corvette C2 verwendet wird. Mit vier Doppelvergasern wie im Bizzarrini GT 5300 leistet der Motor 420 PS (331 kW). Oldtimer Markt 10/2008. S. 45.

Daneben wurden Zwölfzylindermotoren von Lamborghini eingebaut. Bizzarrini nutzte in zwei Fällen die 4,0 Liter (3929 cm³) große Version des Motors, die im Lamborghini 400 GT zum Einsatz kam. Für den P 538 überarbeitete Bizzarrini die Nockenwellen, außerdem wurden Ein- und Auslasskanäle poliert. Zugleich hob Bizzarrini die Verdichtung an und installierte sechs Weber-Fallstromvergaser. Dadurch erhöhte sich die Motorleistung gegenüber der serienmäßigen Version um 100 PS auf 420 PS (331 kW).

Einer Quelle zufolge soll 1967 ein Chassis versuchsweise mit einem älteren, 3,5 Liter großen Lamborghini-Motor aus dem 350 GT ausgerüstet worden sein. Es soll die Grundlage für einen in den 1970er-Jahren entstandenen Nachbau des P 538 (Nr. 002) gewesen sein.

Karosserie Die Karosserie hatte Giotto Bizzarrini selbst entworfen. Es ist ein sehr flacher, offener Aufbau im Barchetta-Stil mit niedriger Windschutzscheibe. Zeitgenössische Kritiker verglichen den flachen Aufbau mit einer „kauernden Eidechse“ („a hunkered-down lizard“). Hinter den Sitzen sind zwei tropfenförmig verkleidete Kopfstützen angebracht. Bei den Chassis 002 und 003 installierte Bizzarrini außerdem einen angedeuteten Überrollbügel hinter dem Fahrer.Philippe Olczyk: Bizzarrini & Diomante. The Official History, 3. Auflage 2017, ISBN 978-84-697-6659-0, S. 248. Die Frontpartie mit den markanten, waagerechten Lufteinlässen greift ein ähnliches Gestaltungsmerkmal des GT 5300 auf. Der P 538 ist zwar formal ein Zweisitzer. Der Fahrer sitzt aber nahezu mitten im Auto; die Lenksäule ist nur um 7 cm aus der Mitte verschoben.

Der Aufbau besteht bei allen Serienfahrzeugen aus Kunststoff. Wie schon im Fall des GT 5300 ließ Bizzarrini die Karosserie bei dem Bootsbauer Vincenzo Catarsi herstellen. Fahrgestell und Karosserie wurden abwechselnd bei Neri e Bonacini und bei BBM in Modena zusammengefügt, während Bizzarrini oder Autocostruzioni S.D. in Livorno schließlich die letzten Detailarbeiten ausführten.Halwart Schrader, Georg Amtmann: Italienische Sportwagen, Stuttgart 1999, ISBN 3-613-01988-4, S. 90.

Die Originalfahrzeuge Der Produktionsumfang des P 538 ist nicht gesichert. Die meisten Quellen gehen davon aus, dass Automobili Bizzarrini bis zur Insolvenz 1968 einen Prototyp und vier Serienfahrzeuge komplettierte.Rob de la Rive Box: Encyclopaedia of Classic Cars: Sports Cars 1945–1975, Taylor & Francis, 1998, ISBN 978-1-57958-118-3, S. 54. Ein Chassis erhielt im Laufe der Zeit drei unterschiedliche Karosserien.

Der Prototyp Der Prototyp des P 538 wurde 1965 fertiggestellt. Er hat als einziges Fahrzeug der Baureihe eine Karosserie aus Aluminiumblechen. Als Antrieb dient ein Achtzylindermotor von Chevrolet. Der Verbleib des Autos war lange unklar. 1997 verkaufte Giotto Bizzarrini einen Wagen, der angeblich der Prototyp des P 538 war, an einen Sammler.Philippe Olczyk: Bizzarrini & Diomante. The Official History, 3. Auflage 2017, ISBN 978-84-697-6659-0, S. 313.

Chassis 001 mini|Wieder aufgebautes Chassis 001 Das erste Serienexemplar des P 538 wird in der Literatur üblicherweise als 001 bezeichnet, trug aber werksseitig keine Fahrgestellnummer. Es hatte den Zwölfzylindermotor von Lamborghini. Das Auto wurde Anfang 1966 fertiggestellt und sollte im Laufe des Frühjahrs an Mike Gammino in die USA geliefert werden, wo es an den Rennen im Canadian-American Challenge Cup (CanAm) teilnehmen sollte. Vor der Auslieferung führte Edgar Berney, ein Schweizer Rennfahrer, der in enger Verbindung zu Giotto Bizzarrini stand, im Februar 1966 eine Probefahrt auf einem Kurs in Castiglioncello durch. Berney verunglückte infolge Aquaplanings und beschädigte das Auto schwer. Der einsatzbereite Motor blieb erhalten und im Chassis 002 erneut verwendet. Der 001 wurde zunächst nicht wieder aufgebaut.

Im Verlauf der Insolvenz Bizzarrinis wurden Reste des von Berney beschädigten Wagens an einen Schweizer Sammler verkauft. Das insgesamt unvollständige Paket bestand zu dieser Zeit nur noch aus wenigen Rahmen- und Karosserieteilen; Fahrwerkteile und der Motor waren nicht dabei.Philippe Olczyk: Bizzarrini & Diomante. The Official History, 3. Auflage 2017, ISBN 978-84-697-6659-0, S. 315. Es wird angenommen, dass Bizzarrini viele der Teile des 001, soweit sie nicht zerstört waren, für den Aufbau des Chassis 002 nutzte. Die Überreste des 001 gingen in den folgenden Jahren durch verschiedene Hände, bevor ein US-amerikanischer Investor den Wagen 1988 unter Verwendung zahlreicher Fremdteile wieder aufbauen ließ. Er hat mittlerweile einen 327er Chevrolet-Motor. Zuletzt wurde er 1992 in Hongkong versteigert.Philippe Olczyk: Bizzarrini & Diomante. The Official History, 3. Auflage 2017, ISBN 978-84-697-6659-0, S. 313, 315.

Chassis 002 mini|Chassis 002