Kostrzyn nad Odrą [] (deutsch Küstrin, bis 1928 Cüstrin geschrieben, bis 2003 nur Kostrzyn) ist eine Kleinstadt in der polnischen Woiwodschaft Lebus. Das Stadtgebiet erstreckte sich bis 1945 über beide Ufer der Oder. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der östlich der Oder gelegene Teil mit dem Stadtkern unter die Verwaltung der Volksrepublik Polen, während der westlich der Oder gelegene kleinere Teil (heute Ortsteil Küstrin-Kietz der brandenburgischen Gemeinde Küstriner Vorland) bei Deutschland verblieb.
Geographische Lage mini|320px|Blick über Kostrzyn nad Odrą, im Vordergrund das Gebiet der nicht wieder aufgebauten Altstadt, 2021 Die Stadt liegt in der historischen Neumark, am Warthebruch im westlichen Teil der Landsberger Niederung, an der Mündung der Warthe in die Oder, rund 80 Kilometer östlich von Berlin und etwa 90 Kilometer südlich von Stettin.
Stadtteile Die eigentliche Altstadt lag, umfasst von der Festung Brandenburg, auf der heute zu Polen gehörenden Landzunge zwischen Warthemündung und Oder. Sie ist seit dem Zweiten Weltkrieg ein Trümmerfeld, auf dem nur einzelne Gebäude (Berliner Tor) in den letzten Jahren rekonstruiert wurden. Südöstlich der Festungsanlagen lag der Bahnhof Kietzer Busch.
Mit zur Altstadt gehörte auch der kleine Stadtteil auf der Küstriner Oderinsel, heute Oderinsel Kietz, zwischen Oder-Hauptstrom im Osten und Oder-Umfluter im Westen. Sie blieb 1945 deutsches Gebiet, wurde aber bis 1992 ausschließlich vom sowjetischen Militär als Artilleriekaserne genutzt. Dort befand sich auch der Bahnhof Küstrin-Altstadt.
Westlich des Umfluters lagen die dörflich anmutende Lange Vorstadt, das nach der Festlegung der Oder-Neiße-Grenze auf der deutschen Seite verbliebene Küstrin-Kietz mit dem Bahnhof Küstrin-Kietz und weiter flussabwärts die ebenfalls dörfliche Kuhbrückenvorstadt.
Östlich der Warthemündung entstand im 19. Jahrhundert die Neustadt, die durch Industrieansiedlung um den Verkehrsknoten Küstrin Neustadt Hauptbahnhof stark anwuchs und zwischen den Weltkriegen mehr als die Hälfte des bebauten Areals der Stadt ausmachte. Sie ist heute der Kernbereich der polnischen Stadt Kostrzyn.
Etwa 65 % des alten Küstriner Stadtgebietes des Jahres 1945 wurden nach Ende des Zweiten Weltkrieges unter polnische Verwaltung gestellt, die restliche und eher ländlich geprägte Vorstadt westlich der Oder verblieb bei Deutschland.Brockhaus Enzyklopädie. 17., völlig neu bearbeitete Auflage. 10. Band. F. A. Brockhaus, Wiesbaden.
Geschichte Schon in der Bronzezeit besiedelten indogermanische Stämme einzelne Sandinseln im Oderbruch. Das Gebiet des heutigen Küstrin/Kostrzyn war seit dem 2. Jahrhundert vor Chr. von Germanen und nach der Völkerwanderung im 6. Jahrhundert von Slawen besiedelt.
Im 10. Jahrhundert lag die Warthemündung im Grenzbereich der Polanen und der Pomoranen. Seit Mieszko I. wurden die Pomoranen immer wieder von den Herrschern des sich herausbildenden Polen unterworfen und tributpflichtig gemacht, konnten die polnische Oberhoheit aber immer wieder abschütteln, vgl. Geschichte Pommerns. Das slawische Wort kosterin bezeichnet einen Ort, an dem viel Borstenhirse wächst. Alte Namensformen von Küstrin sind Cozsterine (Ersterwähnung 1232), Custerin 1234, Costerin 1246, Custryn 1309, Kostryn 1317, Costrzin 1339, Custeryn 1371, Kustrin 1649 (gesprochen „Küstrin“), Cüstrin / Küstrin 1822.
Ursprünglich befand sich schon der Ort Küstrin auf einer Insel im Winkel zwischen Oder und Warthe. Hier wurde in der Nähe eines Flussübergangs ein Burgwall angelegt. 1232 übertrug Herzog Władysław Odon von Großpolen im Auftrag von Boleslaw V. diese Befestigung an der Stelle des späteren Küstrins den Tempelrittern, mit der Anweisung, dort ein Forum (Markt) nach deutschem Recht zu errichten. Urkundlich erwähnt wird Küstrin erstmals in einer Urkunde von 1232, mit der Lorenz II. (1207–1233), Bischof des Bistums Lebus, zu dessen Besitztümern die Region damals gehörte, den Zehnten aus seinen Latifundien für immer an die Tempelritter abtrat.Heinrich Berghaus: Landbuch der Mark Brandenburg und des Markgraftums Niederlausitz im 19. Jahrhundert. Band 3. Brandenburg 1856, S. 397; .
mini|Oder in Kostrzyn
1249 wurde Kostrzyn Sitz eines polnischen Kastellans. Zur Burg gehörte eine Dienstsiedlung (Kietz) auf dem gegenüberliegenden Oderufer (später Küstrin-Kietz). 1261 wurde es als Stadt erwähnt. Im selben Jahr kam es zur Markgrafschaft Brandenburg, als die Askanier ihr das bis dahin polnische Land Lebus als Neumark eingliederten. Um 1300 erhielt Kostrzyn durch Albrecht III. von Brandenburg das Magdeburger Stadtrecht. Im Jahr 1328 soll Kaiser Ludwig die Stadt zusammen mit den Städten bzw. Schlössern Falkenburg, Schievelbein, Neu-Wedel, Kallies, Reetz, Nörenberg, Hochzeit, Klein-Mellen und Berneuchen den Herren von Wedel zu Lehen gegeben haben.Siegmund Wilhelm Wohlbrück: Geschichte des ehemaligen Bistums Lebus und des Landes dieses Namens. Band 1, Berlin 1829, S. 647; . Das Stadtwappen mit dem Fisch und dem halben brandenburgischen Adler ist seit dem Jahr 1364, zuerst auf einem Siegel, nachweisbar.
Nach einigen Besitzwechseln fiel die Stadt zu Beginn des 15. Jahrhunderts noch einmal einem Ritterorden zu. Der Deutsche Orden ließ erstmals eine Brücke über die Oder und eine Burg („Altes Haus“) bauen. 1412 wird eine Wasserlache vor dem Gebäude erwähnt. Gefahr jedoch drohte der Stadt weniger von Polen aus als von Brandenburg, als 1425 die Ambitionen des brandenburgischen Kurfürsten bekannt wurden.
Das Territorium der Neumark war erst 1455 von Friedrich II. von Brandenburg vom Deutschen Orden gekauft worden. Und erst 1517 hatte Albrecht von Preußen, der letzte Hochmeister des Deutschen Ordens, auf das Wiederkaufsrecht endgültig verzichtet. Hier bestand eine Burg des Deutschen Ordens. Zwischen 1440 und 1452 wurde die Burg Cüstrin vom Deutschen Orden umgebaut. Dies geschah in einer Zeit, als der Deutsche Orden in Konkurrenz zum Kurfürstentum Brandenburg stand und offenbar einen Überfall aus der Kurmark befürchtete. Die Vorgängerburg „Altes Haus“ am Oderübergang wurde abgerissen. Das neue „Schloß“ (Ordensburg) besaß zumindest zwei Türme und einen „Bergfried“ in der Nähe der Zugbrücke, zwei Türme an der Zwingermauer, „Planken“ zur Sicherung des alten Baues und „ein Bollwerk“ auf der Schlossmauer (Wehrgang). 1447 wird von der Anlage eines „Parchams“ und vom Plan zwei weitere Türme zu errichten, berichtet. 1452 ist „ein großer starker wehrhafter Turm“ fertiggestellt worden. Den Plan des Ordens die Pfarrkirche vor der Burg abreißen zu wollen scheitert am Einspruch der Stadt Küstrin. Man darf sich die Deutschordensburg Küstrin als annähernd quadratisch oder rechteckig mit betonten Ecken und mit Gräben, im Stile einer Kastellburg, vorstellen.Das Schloß in Küstrin. In: Ulrich Schütte: Das Schloss als Wehranlage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1994, S. 131.
mini|hochkant|Johann von Brandenburg-Küstrin
1455 wurde dann Küstrin brandenburgisch. 1535 wurde die Stadt vom Markgraf Johann von Brandenburg-Küstrin (auch bekannt als Hans von Küstrin) zur Residenzstadt erhoben. Er ließ den Ort vergrößern, neu gestalten und mit Festungswerken umgeben. Es wurde das Schloss Küstrin erbaut und die Stadt bis 1568 zur Festung ausgebaut. Den ersten Plan der Festung entwarf 1535 der Ingenieur Maurer in altitalienischer Art mit fünf Bastionen und Kavalieren, jedoch ohne Raveline. Der Bau der Erdwälle dauerte von 1537 bis 1543. Der Umbau in Backstein erfolgte von 1557 bis 1568. Die Bauleitung übernahm ab 1562 der italienische Ingenieur Giromella. Markgraf Johann von Brandenburg-Küstrin konnte das umfangreiche Befestigungswerk nicht zum Abschluss bringen. Die Arbeiten an der Umwallung wurden von Johann Georg fortgesetzt und dauerten bis 1619 an.
Nach dem Tod des Markgrafen im Jahr 1571 fiel die Stadt wieder an das Kurfürstentum Brandenburg. Seither hatte die Stadt bis ins 20. Jahrhundert eine ständige brandenburgische bzw. preußische bzw. deutsche Garnison, unterbrochen nur durch die französische Besetzung 1806 bis 1814. Die Garnison prägte die Stadt seit 1641, als der große Kurfürst Friedrich Wilhelm das brandenburgisch-preußische Heer ins Leben rief. In den Jahren von 1640 bis 1688 wurde Küstrin dank der Garnison und dessen Lage zu einer der stärksten Festungen der deutschen Staaten ausgebaut.
Seit 1580 war Küstrin die Hauptstadt der Neumark. Zu Zeiten des Königreichs Preußen entstanden 1816 nach dem Wiener Kongress die Kreise Cüstrin und Königsberg im Regierungsbezirk Frankfurt (Oder) in der Provinz Brandenburg. Die Landratsämter waren in Küstrin und in Königsberg. Am 1. Januar 1836 wurde der Kreis in Küstrin aufgelöst und dem Kreis Königsberg zugeschlagen.
Seit 1849 bestanden in Preußen Kreisgerichte. Das Kreisgericht Cüstrin war dem Appellationsgericht Frankfurt a. d. Oder nachgeordnet. Im Rahmen der Reichsjustizgesetze wurden diese Gerichte 1879 aufgehoben. Ab 1879 bestand dann das Amtsgericht Küstrin als Eingangsgericht. Ab 1945 war es nur noch für den westlichen Teil des Gerichtsbezirks zuständig und wurde 1952 aufgehoben.
Einen Aufschwung erlebte Küstrin 1857 durch den Anschluss an die Eisenbahnstrecke der Preußischen Ostbahn, die nordwestlich der Festung die Oder überquerte. Die Stadt dehnte sich östlich der Festung/Altstadt um die Neustadt aus und entwickelte sich wegen der hier zusammentreffenden Straßen-, Schienen- und Wasserwege zu einem bedeutenden Verkehrsknotenpunkt, unter anderem an der wichtigen Reichsstraße 1 (Aachen – Berlin – Küstrin – Königsberg). Heute endet diese Straße als Bundesstraße 1 hinter Küstrin-Kietz an der deutsch-polnischen Grenze, setzt aber auf polnischer Seite (Droga krajowa 22, Droga krajowa 31 und Droga wojewódzka 132) in Richtung Gorzów Wielkopolski ihren Weg fort.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die meisten militärischen Einrichtungen demontiert. 1923 kam es in der Garnisonstadt zum erfolglos verlaufenden Küstriner Putsch, mit dem paramilitärisch-reaktionäre Kräfte gegen die Politik der damaligen Regierung vorgehen wollten. Im Zuge der Wiederaufrüstung des Deutschen Reiches wurden nach 1933 zahlreiche Militärbauten neu errichtet. Außerdem wurden eine Zellstofffabrik und die Deutschlandsiedlung im Stadtteil Kietz gebaut. 1939 zählte Küstrin noch 24.000 Einwohner.
Im Zweiten Weltkrieg gelang der Roten Armee in der Weichsel-Oder-Operation Ende Januar 1945 stellenweise das Überschreiten der Oder. Aus dem am 25. Januar 1945 zur Festung erklärten Küstrin wurden die Bewohner der östlichen Stadtteile am 19. Februar 1945 evakuiert. Der Kampf um Küstrin von Mitte bis Ende März 1945 zerstörte die Altstadt zu 90 Prozent. Küstrin war neben Glogau die am schwersten zerstörte Stadt im Osten Deutschlands. Der bei Küstrin geschaffene Brückenkopf wurde am 16. April 1945 zum wichtigsten Ausgangspunkt der sowjetischen Offensive auf Berlin. mini|hochkant=0.5|Flagge von Kostrzyn Nach Kriegsende unterstellte die Rote Armee Küstrin der Verwaltung der Volksrepublik Polen, die es in Kostrzyn (seit 2003 Kostrzyn nad Odrą) umbenannte. Die bei Kriegsende in den Siedlungen am nördlichen Stadtrand vorhandenen 1500 Einwohner wurden in der Folgezeit vertrieben. Küstrin war nun eine geschlossene Stadt, deren Besiedlung mit Polen relativ langsam erfolgte, da der Zuzug auf Eisenbahner und Zöllner beschränkt war. 1946 waren es 634 polnische Einwohner.
Die Trümmer der stark zerstörten Altstadt wurden nach dem Krieg völlig abgeräumt. Erst ab 1954 wurde im Zusammenhang mit der Anlage von Zellstoff- und Papierfabrik die Neustadt wiederauf- und ausgebaut. 1992 wurden Schienen- und Straßenübergang über die Oder wiedereröffnet. 1994 wurde die Sonderwirtschaftszone Kostrzyn-Słubice eingerichtet und dadurch eine weitere Bevölkerungszunahme eingeleitet.
Festung Küstrin (Altstadt)
mini|Berliner Tor (2011) mini|hochkant|Straßenpartie im Bereich der zerstörten Altstadt (2006) mini|Alter Gullydeckel der Straßenentwässerung