Die Elektrolokomotiven der Bauart Siemens ES64U4 (EuroSprinter U4), eingesetzt bei verschiedenen Eisenbahnverkehrsunternehmen, vor allem in Süd- und Mitteleuropa, sind Mehrsystem-Drehstrom-Universallokomotiven, die auf der Technik der Siemens-EuroSprinter-Typen-Reihe basieren. Seit 2006 werden die Lokomotiven im grenzüberschreitenden Planverkehr eingesetzt. Die ÖBB besitzen auch Maschinen dieses Typs, die sie als Reihe 1216 führen.
Technik Das Rollout der ersten Lokomotive war am 31. März 2005 im Siemens-Werk München-Allach. Die Maschinen entsprechen im elektrischen und elektronischen Teil weitgehend den ES64F4, im mechanischen Teil jedoch den ES64U2. Die Detailänderungen:
Der Wagenkasten ist um 300 mm länger Vier konventionelle Türen statt zwei zum Maschinenraum und Notausstiege, um die Innenausstattung der ES64F4 übernehmen zu können. Verkleidung der Dachaufbauten, welche (wie bei den ES64F4) wesentlich umfangreicher sind Gegenüber den 1116 abgesenkter Dachmittelteil, um die Fahrzeugbegrenzungslinie nach UIC 505 einzuhalten Das obere Signallicht der Frontbeleuchtung befindet sich jetzt über dem Frontfenster LED-Beleuchtung wie bei DB-Baureihe 189/ES64F4 Griffstangen für den Rangierer bis zu den Ecken gezogen Das von den ES64U2 bekannte Anfahrgeräusch mit dorischer Tonleiter ist entfallen.
Während bei der Entwicklung der ES64U2 noch die Schiebebühnen der Werkstätte in Linz eine größere Länge der Lokomotiven nicht zuließen, war dieser Zwang bei der ES64U4 bereits entfallen, weshalb die Lokomotiven um 300 mm länger sind und vier anstatt zwei Einstiegstüren haben.
Um Masse zu sparen, wurde der Haupttransformator 2,5 Tonnen leichter ausgeführt. Deshalb ist die Leistung der Lokomotiven etwas geringer als die der Vorgängerbauart: Dauerleistung 6 MW, Stundenleistung 6,4 MW.
Die Lokomotiven können Kuppen mit einer Gradientenausrundung ab 250 m befahren.
+ Variantenübersicht Variante AT/DE IT SI HR HU SK CZ PL Variante A Variante B Variante C Variante D Variante F Variante G
Aufgrund ihrer modularen Bauweise ist mit dem Grundtyp eine große Anzahl an unterschiedlichen Einsatzgebieten realisierbar. Entscheidend sind dabei drei Faktoren: das Fehlen oder Vorhandensein der Gleichstromkomponenten, die eingebauten Zugbeeinflussungseinrichtungen und die Palettenbreite der Stromabnehmer.
Die Grundvariante stellt dabei Variante B dar: Zwei Stromabnehmer für Wechselspannung mit breitem Schleifstück sowie innen zwei weitere Stromabnehmer für Gleichspannung, diese mit schmalem Schleifstück. Außer PZB und LZB sowie eventuell ETCS ist keine weitere Zugbeeinflussungseinrichtung vorhanden. Dies ermöglicht einen Einsatz in Österreich, Deutschland und Slowenien.
Fehlt bei einer Lokomotive der Variante B die Gleichstromausrüstung, so wird sie der Variante G zugeordnet. Sie trägt nur zwei Stromabnehmer für Wechselspannung. Diese Lokomotiven sind nur in Deutschland und Österreich zugelassen.
Wird eine Lokomotive der Variante B zusätzlich mit der italienischen Zugbeeinflussung SCMT ausgerüstet und einer italienischen Betriebsnummer (E190 xxx) versehen, so ist zusätzlich zu einer Zulassung in Österreich, Deutschland und Slowenien auch eine in Italien möglich. Dies wird als Variante A bezeichnet.
Lokomotiven der Variante B, die zusätzlich ein Fahrzeuggerät der Zugbeeinflussung MIREL eingebaut haben, sind der Variante F zuzuordnen. Ihr mögliches Einsatzgebiet erstreckt sich über Österreich, Deutschland, Slowenien und Ungarn.
Wenn die Gleichspannungsstromabnehmer mit breiten Schleifstücken versehen sind und MIREL vorhanden ist, handelt es sich um eine Lokomotive der Variante C mit möglicher Zulassung in Österreich, Deutschland, Tschechien, der Slowakei und Ungarn.
Eine Lok der Variante D, die zusätzlich zu MIREL auch mit der polnischen Zugbeeinflussung SHP ausgerüstet ist, erweitert das Einsatzgebiet um Polen.
In den letzten Jahren ist von dieser strikten Varianteneinteilung immer mehr abgewichen worden. Einzelne Lokomotiven der Variante B erhielten etwa einen Stromabnehmer mit einer »Balkanpalette« mit einer Breite von 1600 mm für Einsätze in Kroatien. Auch sind manche Lokomotiven der Variante G mit MIREL ausgerüstet worden, was auch Fahrten nach Ungarn gestattet. Durch die Verwendung eines Gleichspannungsstromabnehmers mit einem schmalen und des anderen mit einem breiten Schleifstück (statt beide entweder breit oder schmal) kam es zu einer Vermischung der Varianten B, C und F: Nun ist ein Einsatz derselben Lokomotive sowohl in Slowenien als auch in Tschechien/Slowakei möglich.
+ Tabelle der zugelassenen Länder Eigentümer Nummer Variante AT/DE IT SLO HR CZ SK HU PL RO SŽ 541 001–022 B SŽ 541 101–110 F ČD 1216 902, 903 D ČD 1216 951, 952 C ČD 1216 953, 954 C PKP-IC 5 370 001–010 D PKP-CI 183 714, 718, 719 C RTS 1216 901 C LTE 1216 910 C Adria Transport 1216 920–922 B CargoServ 1216 930, 931 G CargoServ 1216 932, 933 B DPB 1216 940 C STB 1216 960 C DLB 183 005 G WRS 183 001–004 G RailAdventure 183 500 D RailAdventure E190 311 A STB 183 717 C FUC E190 301, 302 A InRail E190 312–314 A CFI E190 321, 322 A 1: beschränkt auf die Strecke Staatsgrenze nächst Kúty – Bratislava hl.st. – Staatsgrenze nächst Bratislava Petržalka mit RJ-Garnituren
Sonderlackierungen Im Oktober 2013 wurde die 1216 141 mit Folien im ÖAMTC-Design versehen, die 1216 019 warb von Mai 2019 bis 2021 in Kooperation mit ROCO Modelleisenbahn für Leonardo Da Vinci.
Die 1216 025 der ÖBB wurde nach der Weltrekordfahrt umlackiert und wird nun in dunkelgrauem Farbkleid mit auf den Weltrekord hinweisenden Aufschriften in Österreich, Deutschland, Slowenien und Italien im Planverkehr, hauptsächlich mit Güterzügen, eingesetzt.
Seit März 2011 tragen einige 1216.0, die für die Brenner-EC München–Innsbruck–Italien vorgesehen sind, auf den Seitenflächen eine große Italien-Flagge mit Aufschriften, die auf den gemeinsamen Web-Auftritt zum Italien-Verkehr von ÖBB und DB hinweisen. Im Februar 2014 wurde auch die 1216 007 derartig gestaltet. Im Zuge der fälligen Neulackierungen haben die meisten Loks die Fahnen bereits wieder verloren.
Die 1216 229–231, 233–237, 249 und 250 tragen das ÖBB- oder ČD-RJ-Design, wobei oft auch eine ČD-RJ-1216 mit einer ÖBB-RJ-Garnitur und umgekehrt verkehrt. Die 1216 210, 226–228 und 238–240 sind verkehrsrot und werden hauptsächlich von RCC im Güterverkehr zwischen Hohenau und Bohumín bzw. Chałupki an der tschechisch-polnischen Grenze eingesetzt, wobei immer wieder aushilfsweise auch Railjet-Einsätze stattfinden. Bei der 1216 228 wurden die ÖBB-Logos gegen solche von Rail Cargo Carrier getauscht. mini|1216 011 der ÖBB mit EC 85 in Domegliara mini|ČD-RJ bei Guntramsdorf-Thallern Außerdem wurden die 1216 014, 016, 017, 018 und 020 in das RJ-Design mit einem roten Balken an den Fronten für den Einsatz in Italien umlackiert.
Die beiden von den Wiener Lokalbahnen übernommenen Lokomotiven sind weiterhin in ihren letzten Designs (1216 950: Excellent in transport; 1216 955: Roland Spedition) unterwegs, wobei lediglich die Logos ausgetauscht wurden.
SŽ-Reihe 541 mini|541 109 der SŽ im Bf Ljubljana
Die Slowenische Eisenbahn (SŽ) erhielt zwischen Juni 2006 und Mai 2007 zehn Lokomotiven der Variante B2 und zehn der Variante F (Reihe 541). Weitere zwölf Fahrzeuge der Variante B2 wurden im Januar 2007 im Wert von 48 Millionen Euro bestellt, die seit Mai 2009 im Regelverkehr eingesetzt werden.
541 001–022 als Variante B2 für Österreich, Deutschland, Kroatien und Slowenien 541 101–110 als Variante F für Österreich, Deutschland, Slowenien, Kroatien, Italien und Ungarn
Die erste Lokomotive der Reihe 541 wurde in der zweiten Jahreshälfte 2005 fertiggestellt und am 28. Oktober 2005 einer ersten kurzen Testfahrt unterzogen.Meldung Erste ES 64 U4 für Slowenien fertiggestellt. In: Eisenbahn-Revue International, Heft 12/2005, S. 587.
Diese Lokomotiven sind mit den österreichischen 1216 in Vielfachsteuerung fahrbar.
Ab Werk wurden die 541 mit roter Lackierung ausgeliefert. Seitdem wurden an einigen Lokomotiven verschiedene Werbefolierungen angebracht. 2023 erhielt die 541-016 als erste einen Neuanstrich in der blauen Unternehmensfarbe der SŽ.
PKP-Reihe EU 44 Husarz mini|Polnische EU44 Husarz
Im Juni 2008 bestellten die polnischen Staatseisenbahnen PKP zehn Lokomotiven des Bautyps ES64U4 von Siemens. Der PKP-Baureihe EU 44 wurde der Name Husarz (Husar) gegeben. Im September 2008 lieferte Siemens eine Lok unter der Nummer 183 601 aus, die zunächst für Zulassungsfahrten in Polen eingesetzt wurde. Inzwischen sind mehrere Lokomotiven dieses Typs im polnischen Liniendienst im Einsatz. Mittlerweile tragen alle zehn Husarz-Maschinen die Bezeichnung PKP Intercity 5 370 001 bis 010. Sie kommen mit Eurocity-Zügen auch nach Berlin.
ČD-Reihe 1216 mini|rechts|1216 902 der ČD
Im September 2019 erwarben die České dráhy zwei gebrauchte Lokomotiven von der österreichischen Privatfirma RTS. Nach einer technischen Generalüberholung und einer farblichen Anpassung des Außendesigns an den neuen Eigentümer begann der Einsatz vor EC-Zügen zwischen Bohumín und Wien Hbf. Im August 2021 folgten mit den Lokomotiven 1216 951–954 der Wiener Lokalbahnen Cargo (WLC) vier weitere. Der Planeinsatz dieser zusätzlichen Lokomotiven war ab dem Winter 2021/22 vorgesehen.
Im Sommer 2024 wurden 1216 902 und 903 zum Subtyp D umgebaut, der zusätzlich die Länderzulassung für Polen beinhaltet. Seither kommt planmäßig eine der beiden Loks mit einem EC-Zugpaar zwischen Bohumín und Warszawa zum Einsatz.
Mangels ETCS-Fahrzeugausrüstung mit entsprechender Softwareversion für Einsätze unter ETCS-Führung in Tschechien wird derzeit über einen Verkauf sämtlicher Taurus 3-Maschinen überlegt.
Privatbahnen mini|1216 950 der WLC unweit von Gremberg mini|rechts|1216 901 (RTS)
Folgende Liste ergibt eine Übersicht der ES64U4-Lokomotiven, bei welchen Privatbahnen sie unter welcher Bezeichnung eingesetzt werden. Des Weiteren wird die Konfiguration des Loktyps angegeben.Helmut Petrovitsch: Europa-Lok auf Hinderniskurs. In. eisenbahn-magazin 11/2011, S. 28–31.
Name der Privatbahn Anzahl Land Nummerierung Loktyp Rail Transport Service 1 Österreich 1216 901 VB3/VC/VD LTE Logistik- und Transport-GmbH 1 Österreich 1216 910 VC Adria Transport 3 Österreich 1216 920–922 VC CargoServ 4 Österreich 1216 930–933 VG/VB DPB Rail Infra Service GmbH 1 Österreich 1216 940 VG Steiermarkbahn Transport und Logistik 2 Österreich 1216 960, 183 717 VC RailAdventure 2 Deutschland 183 500, 190 311 VB, VA Netinera 1 Deutschland 183 005 VG WRS 4 Deutschland 183 001–004 VG Ferrovie Udine Cividale 2 Italien E 190 301/302 VA InRail 3 Italien E 190 312–314 VA Compagnia Ferroviaria Italiana 2 Italien E 190 321/322 VA PKP Cargo International 3 Tschechien 183 714, 718, 719 VC
Arriva beschaffte für den von ihr seit Dezember 2007 gefahrenen ALEX-Verkehr auf der Strecke München–Regensburg (–Schwandorf–Hof/–Furth i. Wald–Pilsen–Prag) zunächst vier Lokomotiven als Arriva-Baureihe 183 (183 001–183 004), die zwar im mechanischen Teil den ES64U4 entsprechen, aber reine Wechselstromlokomotiven für 15 kV/16,7 Hz und 25 kV/50 Hz sind. Die Herstellerbezeichnung der Bauart lautet ES64U4-G. Seit November 2009 ist eine fünfte Lokomotive (183 005) im Einsatz, die ab Dezember 2009 für den zwischen München und Regensburg um drei Expresszugpaare erweiterten Verkehr benötigt wird. Der Einsatz bei Arriva (inzwischen Netinera) endete mit dem Fahrplanwechsel im Dezember 2023. Die vier Lokomotiven 183 001–183 004 wurden von Widmer Rail Services übernommen.
AWT unterzeichnete Ende August 2013 zusammen mit Siemens den Kaufvertrag für drei Lokomotiven für den Einsatz im internationalen Güterverkehr. Die Fahrzeuge sollten noch Ende 2013 ausgeliefert werden.
Die Steiermarkbahn erhielt am 12. Juni 2015 eine zweite ES64U4 von Siemens. Die Lokomotive, welche zuvor für ETCS-Messfahrten eingesetzt wurde (183 717), wird vorwiegend im Güterverkehr eingesetzt.