mini|Tristão da Cunha (Illustration von 1575), im Hintergrund der Elefant Hanno

Tristão da Cunha (* um 1460; † vor dem 6. September 1539)Vgl. Andrade (1974), S. 20–21; 185–186; 249–50. war ein einflussreicher königlicher Hofbeamter, Entdecker und Militär zur Zeit der portugiesischen Expansion.

Herkunft Die adlige Familie der Cunhas gehörte seit dem 13. Jahrhundert zu den wichtigen portugiesischen Adelsgeschlechtern und war im Norden und im Zentrum Portugals reich begütert. Ihr männlicher Zweig hatte sich auf die Erfüllung militärischer Aufgaben im Dienste der Krone spezialisiert. Nachdem sie sich in Lissabon niedergelassen hatte, begann sie, mit Handels- und Finanzgeschäften ein großes Vermögen aufzubauen.Andreia Martins de Carvalho, Nuno da Cunha e os capitães da Índia (1529–1538), S. 20.

Wie seine Vorfahren war auch der väterliche Zweig der Familie von Tristão da Cunha auf das engste mit dem portugiesischen Königshaus der Avis verbunden. Der Vater Tristão da Cunhas, Nuno da Cunha, war zwar „nur“ der Sohn eines „vierten Sohnes“ und damit ohne größeren eigenen Grundbesitz, entwickelte sich jedoch zu einem wichtigen Vertrauten Heinrich des Seefahrers bzw. dessen Adoptivsohnes und Erben, des Infanten Dom Fernando.Andreia Martins de Carvalho, Tristão da Cunha e a Expansão Manuelina, S. 201. Dom Fernando (17. November 1433 bis 18. September 1470), Herzog von Beja und Viseu, war ein Sohn König Eduards I., Vater des späteren Königs Manuel I. und unter anderem Administrator des portugiesischen Zweiges der Santiagoritter.

Mit Unterstützung dieser beiden Angehörigen der königlichen Familie erhielt Nuno da Cunha als Mitglied des Ordens der Santiagoritter zwei der ertrag- und prestigereichsten Kommenden des Ordens, die Güter von Aljustrel und von Ourique.Andreia Martins de Carvalho: Nuno da Cunha e os capitães da Índia (1529–1538), S. 24.

Die Mutter Tristão da Cunhas war Catarina de Albuquerque, deren zahlreiche Brüder zum Teil ebenfalls wichtige Ämter am Königshof bekleideten. Die in Lissabon sehr einflussreiche mütterliche Familie entstammte dem bürgerlichen Patriziat der portugiesischen Hauptstadt; sie geht auf Álvaro Pais zurück, einen der wichtigsten Unterstützer des im Frühjahr 1385 von den Cortes in Lissabon zum König gewählten Johann I.Andreia Martins de Carvalho, Tristão da Cunha e a Expansão Manuelina, S. 202 ff.

Leben und Wirken Tristão da Cunha wurde Ende der 1450er bzw. Anfang der 1460er Jahre geboren. Seine Schwester Joana de Albuquerque heiratete den späteren Gouverneur Portugiesisch-Indiens (1515–1518), Lopo Soares de Albergaria. Über seinen jüngeren Bruder, Simão da Cunha, ist wenig bekannt. Er starb wahrscheinlich Anfang der 1490er Jahre als Befehlshaber einer königlichen Flotte an der westafrikanischen Küste. Anders als die Männer seiner Familie vor ihm betrachtete Tristão da Cunha die portugiesischen Besitzungen in Übersee nicht nur als Kampfplatz, um militärische Verdienste zu erlangen, sondern auch als Ort, um Finanz- und Handelsgeschäfte zu tätigen.Andreia Martins de Carvalho, Nuno da Cunha e os capitães da Índia (1529–1538), S. 26.

Wie bereits sein Vater bezog auch Tristão da Cunha seine Einkünfte nicht primär aus eigenen Gütern, sondern aus Bezügen für Dienste, die er der Krone, den Herzögen von Viseu sowie dem Orden der Santiagoritter leistete. Auch seine Ehefrau, Antónia Pais (oder Antónia Albuquerque),Abhängig von der verwendeten Literatur wird die Ehefrau von Tristão da Cunha entweder als Antónia Pais oder Antónia Albuquerque angesprochen. entstammte nicht dem Hochadel. Viele Mitglieder ihrer Familie dienten in der königlichen Verwaltung bzw. in der Administration der Stadt Lissabon.Andreia Martins de Carvalho: Tristão da Cunha e a Expansão Manuelina, S. 204 ff. Im Lissabonner Stadtteil Xabregas nahm Tristão da Cunha dann auch seinen dauerhaften Wohnsitz.

Am portugiesischen Königshof Den Zugang zum Königshof ermöglichte Tristão da Cunha das Haus der Herzöge von Viseu. Als oberster Haushofmeister (camareiro-mor) von Dom Diogo, Herzog von Viseu, war er einer von dessen engsten Vertrauten. Als Oberhaupt einer Verschwörung gegen das Königshaus wurde Dom Diogo 1484 durch den König Johann II. eigenhändig getötet. Wahrscheinlich durch den Schutz seines Onkels, Álvaro da Cunha, der wiederum ein enger Vertrauter des Königs war, überstand Tristão da Cunha unbeschadet die nun einsetzenden Verfolgungen der Angehörigen des Hauses der Herzöge von Viseu und ihrer Bediensteten, denn er wurde bereits 1490 als ein Fidalgo des königlichen Hofes benannt.Andreia Martins de Carvalho, Nuno da Cunha e os capitães da Índia (1529–1538), S. 27.

Die Karriere Tristão da Cunha am portugiesischen Hof erhielt durch die Krönung des jüngsten Bruders von Herzog Diogo, Dom Manuel, im Jahre 1495 zum portugiesischen König einen besonderen Schub. 1496 erhielt Tristão da Cunha eine Zuwendung durch den neuen König in Höhe von 50.000 Reais, wobei in der Verleihungsurkunde ausdrücklich die geleisteten Dienste der Familie Cunha für die Herzöge von Viseu, besonders für Dom Diogo, unterstrichen wurden. Erste seemännische und militärische Erfahrungen sammelte er als Kapitän einer Karavelle, die an Aktionen der portugiesischen Flotte an der westafrikanischen Küste beteiligt war. Nach Diensten als diplomatischer Gesandter des Königs in Kastilien und Aragon sowie wahrscheinlich auch weiteren militärischen Diensten wurde Tristão da Cunha 1503 zum Mitglied des Kronrates (conselho do rei) ernannt.Andreia Martins de Carvalho, Nuno da Cunha e os capitães da Índia (1529–1538), S. 27 f.

In den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts verwaltete er große Beträge königlicher Gelder und vermehrte auch sein privates Vermögen. Vor allem im Finanzbereich übte er allein oder gemeinsam mit anderen wichtige Funktionen aus. So war er 1503 und 1505 gemeinsam mit einem der wichtigsten privaten Finanzkaufleuten Lissabons, dem aus dem italienischen Cremona stammenden Bartolomeu Marchionni, als Pächter für die Verwaltung und Auszahlung der Moradias, königlicher Zuwendungen für geleistete Dienste an den Adel zu Wohnzwecken, verantwortlich.Andreia Martins de Carvalho, Nuno da Cunha e os capitães da Índia (1529–1538), S. 29

Im Rahmen seiner vielfältigen Dienste für die portugiesische Krone sowie seines Engagements in Handels- und Finanzgeschäften baute Tristão da Cunha ein dichtes Kontaktnetz zu privaten Händlern und Finanzkaufleuten auf, die überwiegend im Überseehandel aktiv waren. Neben dem bereits erwähnten Bartolomeu Marchionni sei hier noch Fernão de Noronha genannt.

1504 wurde er vom König zum Vedor da Fazenda (Finanzminister bzw. oberster Finanzbeamter) ernannt.Andreia Martins de Carvalho, Tristão da Cunha e a Expansão Manuelina, S. 207. Es sind jedoch keine Belege für eine aktive Ausübung dieses Amtes durch Cunha vorhanden.

Bereits 1497 verlieh ihm König Manuel I. das Bürgerrecht für die Insel Santiago de Cabo Verde. Damit erhielt Tristão da Cunha auch das Recht, mit der westafrikanischen Küste Handel treiben und dabei eine Reihe von Steuervorteilen nutzen zu dürfen.Andreia Martins de Carvalho, Nuno da Cunha e os capitães da Índia (1529–1538), S. 30 Als Darlehensgeber unterstützte er seine Heimatstadt Lissabon, die ihn bereits 1502 in eine Liste von Fidalgos aufgenommen hatte, die Lissabon auf den Cortes vertreten durften.Andreia Martins de Carvalho, Tristão da Cunha e a Expansão Manuelina, S. 207. 1502 entwickelten sich auch die ersten Kontakte zum portugiesischen Indienhandel. Er beteiligte sich, zwar noch mit einer eher kleinen Summe, an der Finanzierung der zur Flotte von Vasco da Gama auf dessen zweiter Indienreise gehörenden Nau „Leitoa“.Andreia Martins de Carvalho, Nuno da Cunha e os capitães da Índia (1529–1538), S. 31

Auf Grund seiner vielfältigen Erfahrungen im Dienste des Königs, seiner persönlichen Eigenschaften sowie vor allem auf Grund der umfangreichen Kenntnisse des Fernhandels und des Finanzwesens und seines Netzwerkes zu einheimischen und ausländischen Kaufleuten wurde Tristão da Cunha vom König für das Amt des ersten Vizekönigs von Portugiesisch-Indien ausgewählt. Auf Grund einer zeitweiligen Blindheit konnte Cunha jedoch dieses Amt niemals antreten. 1505 wurde daher Francisco de Almeida zum ersten Vizekönig von Indien ernannt.Andreia Martins de Carvalho, Nuno da Cunha e os capitães da Índia (1529–1538), S. 31

Tristão da Cunha und die portugiesische Expansion in Asien Am 6. April 1506 verließen zwei Flotten, eine mit neun Schiffen unter Tristão da Cunha und eine mit fünf Schiffen unter Afonso de Albuquerque, mit insgesamt ca. 1300 Mann Lissabon in Richtung Indien. Cunha entdeckte auf dieser Reise drei vulkanische Inseln im Südatlantik, von denen eine – Tristan da Cunha – nach ihm benannt wurde. Im Prinzip gehörten alle Schiffe Cunhas privaten Eigentümern, die bei ihrer Rückkehr 1508 22–23.000 QuintaisNach der von König Manuel I. verfügten Gewichtsreform von 1502 entsprach 1 Quintal 58,752 kg. Gewürze mitbrachten.Teresa Lacerda: Os Capitães das Armadas da Índia no reinado de D. Manuel I – uma análise social, S. 53 und Anmerkung 181.

An der Flotte Tristão da Cunhas beteiligten sich viele alte Freunde und Bekannte Cunhas. Die Nau „S. Vicente“ gehörte z. B. Bartolomeu Marchionni.Andreia Martins de Carvalho, Nuno da Cunha e os capitães da Índia (1529–1538), S. 34. Tristão da Cunha selbst rüstete die „Santo António“ aus. Wahrscheinlich war dieses Schiff mit 300 kg Kupfer beladen, die ihm gehörten und in Indien zum Ankauf von Gewürzen verwendet werden sollten. Darüber hinaus besaß Tristão da Cunha zusammen mit seinem Sohn Nuno da Cunha (1487–1539) und anderen Kaufleuten wie z. B. Fernão de Noronha Anteile an der Nau „Garça“.Andreia Martins de Carvalho, Nuno da Cunha e os capitães da Índia (1529–1538), S. 33 sowie Anmerkung 83.

Seit den 1990er Jahren hat der portugiesische Historiker Luiz Filipe F. R. Thomaz in einer Reihe von UntersuchungenFür die grundsätzlichen Positionen von Thomaz zu diesem Thema: Luiz Filipe F. R. Thomaz, A ideia imperial manuelina. In: Doré, Andréa; Lima, Luís Filipe Silvério; Silva, Luiz Geraldo (org.), Facetas do Império na história: Conceitose métodos. São Paulo, Aderaldo & Rothschild, 2008, p. 39–104 (es handelt sich um eine überarbeitete Version seines Artikels von 1990: L’idée impériale manuéline, in: Aubin, Jean (ed.). La découverte, le Portugal et l’Europe: Actes du Colloque. Paris, Fondation Calouste Gulbenkian, Centre Culturel Portugais, 1990, p. 35–103); und Factions, interests and messianism: The politics of Portuguese expansion in the East, 1500–1521, in: The Indian Economic and Social History Review, vol. 28, n. 1. Sage, Neu Delhi und London, 1991, p. 97–109. auf die Existenz unterschiedlicher Meinungen, Richtungen oder Fraktionen im portugiesischen Kronrat hingewiesen. Das zeigt sich besonders in den unterschiedlichen Positionen über Art und Umfang sowie über die Inhalte und zu erreichenden Ziele der portugiesischen Expansion.

Der portugiesische König Manuel I. war während seiner Regierungszeit dem Kreuzzugsgedanken verpflichtet. Sein großes Vorhaben war, Ägypten durch das Rote Meer anzugreifen, Mekka zu zerstören, Jerusalem zurückzuerobern und sich dort vielleicht zum Kaiser der Welt weihen zu lassen. Um dies alles zu finanzieren, stützte er sich auf Handelserlöse, vor allem auf Erlöse aus dem asiatischen Gewürzhandel.Luiz Filipe F. R. Thomaz: D. Manuel, a Índia e o Brasil, S. 22. Diese Positionen eines „imperialen Messianismus“ (Thomaz) auf der Basis königlicher Monopole (z. B. Pfeffer) vertraten u. a. der persönlicher Sekretär des Königs Duarte Galvão oder auch Afonso de Albuquerque.