Die Naturethik beschäftigt sich mit dem Wert der Natur. Unter Natur wird hier das gesamte Inventar des Lebens auf der Erde und alle biologischen, ökologischen, physischen und chemischen Prozesse verstanden. Sie ist Teil der Bioethik.

Abgrenzung und Fragestellung Die Naturethik ist eine Wissenschaftsdisziplin, eine Disziplin der Ethik, die ihre Fragestellung im Umfeld der Biologie und Philosophie stellt, jedoch spielen häufig auch theologische, politische und soziologische Argumente mit in den Diskurs.A. Krebs: Naturethik im Überblick. 2007, S. 337–345.R. Piechocki: Landschaft Heimat Wildnis. 2010, S. 183 ff. Sie umfasst sowohl anthropozentrische als auch physiozentrische Perspektiven und stellt Fragen nach dem moralisch vertretbaren Umgang mit Natur sowie nach dem Wert von Natur und ihren Phänomenen. Ihre spezifische Fragestellung, die Naturaspekte thematisiert, grenzt sie von der Umweltethik ab, die zudem Fragen nach der Technik und den moralischen Kriterien ihrer Anwendung stellt.

Eine zentrale Frage der Naturethik ist, welchen Wesen oder Dingen ein Eigenwert beigemessen werden sollte und welche Wesen um ihrer Selbst willen zu berücksichtigen sind. Hierzu gibt es unterschiedliche Positionen. Während der Pathozentrismus allen schmerzempfindlichen Wesen einen Eigenwert zuschreibt, gehen Biozentrismus, Ökozentrismus bzw. Holismus darüber hinaus. Im Biozentrismus werden alle lebendigen Wesen als moralisch wertvoll betrachtet, im Holismus zusätzlich sogar unbelebte Naturphänomene (wie zum Beispiel Berge oder Arten).

Aus dem Naturethischen Ansatz folgen eine Reihe von Fragen, die sich auf das praktische gesellschaftliche und politische Handeln und den Umgang mit der uns umgebenden Natur beziehen. Einige Fragen hat die Philosophin Angelika Krebs formuliert:Naturethik. auf der Webseite der Bundeszentrale für politische Bildung, 20. Oktober 2010. Haben wir Pflichten in Ansehung von oder auch Pflichten gegenüber der Natur? Hat nur der Mensch eine Würde? Oder gebührt auch der Natur: der Erde, den Meeren, den Wäldern, den Flüssen, den Pflanzen, den Tieren Ehrfurcht? Ist die traditionelle anthropozentrische Ethik angesichts ökologischer Krisenerfahrungen heute noch zu rechtfertigen, oder muss sie einer neuen physiozentrischen Ethik weichen? Ist globaler Naturschutz etwas, was wir den von der Natur abhängigen Menschen schulden, oder ist er etwas, was wir der Natur selbst schulden?

Eine zweite Sichtweise fragt nach der "Vernunft der Natur".

Anthropozentrische Konzepte Man kann zwischen einem Anthropozentrismus im erkenntnistheoretischen und im moralischen Sinne unterscheiden.A. Krebs: Naturethik im Überblick. 2007, S. 343.R. Piechocki: Landschaft Heimat Wildnis. 2010, S. 197. Nach dem moralischen Anthropozentrismus gebührt Menschen der höchste Wert und kommt allein Menschen Moral zu. Der epistemische Anthropozentrismus betont, dass in der naturethischen Diskussion darüber, ob Natur ein moralischer Wert zukomme, nur Menschen beteiligen und als moralische Subjekte auftreten, die ihre Interessen benennen und geltend machen, während Natur bzw. Naturaspekte allenfalls als Objekte der Moral auftauchen. Daher liegt die Vermutung nahe, dass die Werte, die der Natur zuerkannt werden können, notwendigerweise anthropozentrisch bestimmt sind. Trotzdem kann es auch aus anthropozentrischer Perspektive sinnvoll sein, der Natur einen Wert jenseits menschlicher Zwecke zuzubilligen. Anthropozentrische Konzepte der Naturethik beziehen ethische Positionen auf den Menschen, der z. B. der Natur moralische Werte zuerkennen kann. An sich habe die Natur keinen Wert, sondern nur für Menschen.R. Piechocki: Landschaft Heimat Wildnis. 2010, S. 196 f.U. Eser u. a.: Klugheit, Glück, Gerechtigkeit. 2011, S. 58 f. In der Diskussion um den Schutz der Natur und durch Studien zur Umweltgeschichte ist die anthropozentrische Position in den Verdacht geraten, dass sie letztlich zur Naturzerstörung geführt habe. Andererseits können aus der anthropozentrischen Position auch Argumente für Werte der Natur formuliert werden, die jenseits eines instrumentellen Naturverhältnisses stehen. Um den Anspruch auf eine zentrale Stellung des Menschen im Anthropozentrismus zu relativieren, wird mittlerweile von einer humanistischen Sicht gesprochen, wenn die Bestimmung von Werten der Natur aus der Perspektive von Menschen getroffen wird.U. Eser u. a.: Klugheit, Glück, Gerechtigkeit. 2011, S. 68. Argumente, die aus anthropozentrischer Sicht für einen moralischen Wert der Natur sprächen, können vier Strategien zugeordnet werden: physiologische, perzeptive, soziale und inklusive Argumentationsweisen.

Physiologische Argumente Argumente, die sich auf die Physiologie des Menschen beziehen, betonen seine Abhängigkeit von Natur. Zwar könne der Mensch bestimmte Naturbindungen technisch lösen, bleibe aber gerade in der Technik, die bestimmte Naturaspekte nutzt, weiterhin naturgebunden. Physiologische Argumente können auf instrumentelle Aspekte beschränkt (z. B. ökonomischer Nutzen) oder mit moralischen Implikationen verknüpft werden z. B. beim Basic-Needs-Argument.A. Krebs: Naturethik im Überblick. 2007, S. 364 f.U. Eser, T. Potthast: Naturschutzethik. Eine Einführung für die Praxis. 1999, S. 56 f., 60 f.

Das Basic Needs Argument besagt, dass Menschen als Lebewesen, die mit ihrer Umwelt im Stoffwechsel stehen, kein vernünftiges, verallgemeinerungsfähiges Interesse daran haben können, die natürlichen Voraussetzungen ihres Lebens zu zerstören. Daraus wird abgeleitet, dass Natur bzw. bestimmte Naturaspekte, die für die physische Existenz von Menschen bedeutsam sind, aufgrund des Wertes menschlichen Lebens erhalten werden müssten. Damit komme dem Menschen die Aufgabe zu, Natur neben aufgrund von Nützlichkeitserwägungen auch aus moralischen Gründen zu schützen. Diese moralische Verpflichtung der Menschen gegenüber Natur bzw. Naturaspekten basiert also auf dem Selbstwert des Menschen.A. Krebs: Naturethik im Überblick. 2007, S. 366 ff.

Besonders deutlich treten die moralischen Implikationen des Basic-Needs-Arguments hervor, wenn die moralischen Subjekte, die über den Zustand der Natur entscheiden, von den Folgen ihrer Entscheidungen selbst nicht betroffen sind, sondern Menschen in anderen Gesellschaften oder zukünftiger Generationen, weil in diesem Fall der instrumentelle Aspekt nicht korrigierend in die Entscheidungsfindung einbezogen werden kann. Erkennt man aber an, dass moralische Implikationen des individuellen Handelns auf das Wohl aller Menschen bezogen sind, dann betreffen die Folgen der Entscheidung auch die moralische Integrität des entscheidenden Subjekts. Die Entscheidung ist allerdings davon abhängig, wer zur Moralgemeinschaft gehört und daher für die moralisch vertretbare Entscheidungsfindung relevant ist (siehe auch Inklusionsargumente).A. Krebs: Naturethik im Überblick. 2007, S. 366.R. Piechocki: Landschaft Heimat Wildnis. 2010, S. 189.

Perzeptive Argumente Die Wahrnehmung von Natur sowohl im ästhetischen wie im praktischen Modus bindet Menschen emotional in ihre Naturerfahrung ein und ermöglicht zugleich eine Selbsterfahrung durch die Natur.

Für einen eigenen Wert der Natur spräche die Bereicherung der Selbsterfahrung von Menschen in der Begegnung mit Natur. Insofern stellt das ästhetische Argument heraus, dass in der Erfahrung von Naturschönheit der ästhetische Sinn des Menschen aktiviert werden könne, noch bevor die bewusste Rezeption von Kunstwerken eingesetzt hat.A. Krebs: Naturethik im Überblick. 2007, S. 370 f. So wird z. B. von Martin Seel die Wahrnehmung des Naturschönen als Motivation eingestuft, dass Menschen selber künstlerisch tätig werden, und wird ihr ein ästhetischer Eigenwert zuerkannt.Martin Seel: Ästhetik der Natur. Frankfurt am Main 1992. Andererseits entlaste die Wahrnehmung von Naturschönheit den Menschen von der Verantwortung für die Welt.A. Krebs: Naturethik im Überblick. 2007, S. 374. „Der ästhetische Eigenwert der Natur ergibt sich aus dem eudämonistischen Eigenwert, den die Praxis der ästhetischen Kontemplation für Menschen hat. […] Der Schutz ästhetisch attraktiver Natur ist den Betrachtern der Natur geschuldet und nicht der Natur selbst. Das gute Leben der Betrachter hat moralischen Eigenwert, nicht das Gute der Natur selbst“, betont Angelika Krebs.A. Krebs: Naturethik im Überblick. 2007, S. 370, 372.

Die Natur ermögliche dem Individuum eine emotionale Selbsterfahrung, die eine andere Qualität hat, als diejenige im (städtischen) Gesellschaftsleben. In der ästhetischen Erfahrung der Landschaft erlebe sich das in seinen gesellschaftlichen Rollen und Funktionen fragmentierte Individuum in seiner potenziellen Ganzheit, so dass der landschaftlichen Natur für Menschen ein Wert zukommen kann, von dem her sie an ihrer Erhaltung interessiert sind.Dieter Groh, Ruth Groh: Weltbild und Naturaneignung. Frankfurt am Main 1990. Dieses Interesse betrifft vor allem die Wildnis, d. h. nur wenig von Menschen beeinflusste Naturaspekte, die ästhetische, emotionale und praktische Potenziale für Erfahrungen enthalten, die in der technisch überformten und funktional bestimmten Welt nicht gemacht werden können, z. B. Erfahrungen des Erhabenen.A. Krebs: Naturethik im Überblick. 2007, S. 372 f.

Über die kontemplative Betrachtung hinaus biete Natur auch ein Feld praktischer Erfahrungen mit einer Realität, die nicht oder in geringem Ausmaße technisch geprägt sei und in der sich das Individuum von gesellschaftlichen Normen leichter distanzieren könne. Das praxisbezogene Argument bezieht sich auf die Erfahrung, dass viele Verhaltensnormen und Einschränkungen durch Besitzverhältnisse, die der praktischen Entfaltung menschlicher Autonomie in der Stadt entgegenstehen, auf dem Land weniger rigide kontrolliert und leichter ignoriert werden können. Insofern ermöglicht die ländliche Natur eine praktische Erfahrung von Freiheit. Zudem wird in der Moderne Natur mit Freiheit assoziiert. Aus dem Interesse an dieser Erfahrung von Autonomie in der Natur kann ein Wert der Natur für den Menschen abgeleitet werden.

Soziale Argumente Soziale Argumente führen an, dass der Natur ein Wert z. B. für den kulturellen Fortbestand einer Gesellschaft zukomme. Für eine Gesellschaft, die sich in Differenz zur Natur bestimmt, ist ein Begriff von Natur jenseits kultureller Muster notwendig, um zu bestimmen, was Kultur überhaupt sein kann. Auf der begrifflichen Ebene dient Natur als Grenzbegriff dazu, das Andere der Kultur, das, was sie nicht ist, zu benennen und Kultur formal zu bestimmen. Für das Andere der Kultur steht die Natur, die über bestimmte kulturelle Muster inhaltlich ausformuliert und bildlich als konkrete Natur z. B. Landschaft erfahren werden kann.

An diesen Gedanken setzt das Heimat Argument an: Denn verschwinde das Andere der Kultur, indem sich z. B. dessen konkreten Anschauungen auflösen, dann verliere der Kulturbegriff seine spezifische Bedeutung bzw. wandelt sich diese. Aus dieser inhaltlichen Veränderung der Kultur folge dann ein Wandel in der Bestimmung der sozialen und individuellen Identität. Der Wert, der z. B. im Naturschutz einer gewohnten Naturausstattung und geschichtlich entstandenen Landschaft zuerkannt wird, entstammt demnach letztlich dem moralischen Interesse am Fortbestand einer bestimmten Art der Vergesellschaftung von Menschen und ihrem kulturellen Selbstverständnis (z. B. im Sinne individueller und sozialer Identität).A. Krebs: Naturethik im Überblick. 2007, S. 374 f.