Ratheim ist mit etwa 9260 Einwohnern (Stand: Oktober 2020) der zweitgrößte Ortsteil der Stadt Hückelhoven (Gemeindename von 1950 bis 1971 „Hückelhoven-Ratheim“). Die Ortschaft liegt im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen, dem westlichsten Landkreis Deutschlands und ist etwa 10 km von der deutsch-niederländischen Grenze entfernt.

Ursprünglich geprägt durch Landwirtschaft und die traditionellen Handwerke des Rurtals wie Schuhmacherei, Korbflechterei und Klompenmacherei, im 19. Jahrhundert auch Heimweberei, wurde die Entwicklung des Ortes im 20. Jahrhundert wesentlich von der Schuhindustrie und dem Steinkohlenbergbau beeinflusst.

Geographie

Lage Ratheim liegt in der Flussniederung der Rur und erstreckt sich vom Rurufer im Südwesten bis zum Anstieg des Rurgrabens im Nordosten.

Der Schwerpunkt der bebauten Flächen liegt auf der Mittelterrasse der Rur (circa 50 m ü.NN). Seit dem Rückgang der Hochwässer als Folge der Flussbegradigung wird auch der Bereich der Niederterrasse (40 m ü.NN) für die Wohnbebauung genutzt. Der steigende Bedarf an Wohnraum ab den 1960er Jahren führte außerdem zur Anlage und stetigen Erweiterung der Wohnsiedlung „Am Bammich“, die sich am Rande des Rurgrabens bis in eine Höhe von rund 82 m ü.NN erstreckt.

Der östliche Rand des Rurtals stellt einen etwa 50–60 m hohen, relativ steilen Geländeanstieg dar, der in großen Teilen bewaldet und durch Bachtäler gegliedert ist; er gehört zum Landschaftsraum des Wassenberger Riedellandes. An ihn schmiegt sich die Ratheimer Bergehalde, die ihn mit einer Höhe von 140 m ü.NN noch deutlich überragt.

Geologie Das mittlere und untere Rurtal stellt einen Grabenbruch dar, der östlich von Ratheim durch den Wassenberger Horst begrenzt wird. Entlang seiner Verwerfungslinien – insbesondere der südwestlichen – sind bis in die Neuzeit seismische Aktivitäten festzustellen. Seit 1979 wurden hier in jedem Jahr ein oder mehrere Erdstöße messtechnisch registriert, überwiegend allerdings so schwach, dass sie von Menschen nicht wahrgenommen werden. Das letzte Schadensbeben mit einer Stärke von 5,9 auf der Richterskala wurde in Ratheim am 13. April 1992 registriert.

Im Untergrund vor allem des Wassenberger Horstes liegen mehrere steinkohle-haltige Schichten des Karbon (entstanden vor 360–300 Millionen Jahren), die durch die Zeche Sophia-Jacoba z. T. abgebaut worden sind – zunächst die Sohlen 1 und 2 in 270 m beziehungsweise 360 m Tiefe, später noch wesentlich tiefer gelegene Kohlenfelder. Der Abbau unterhalb von Ratheim fand in den 1960er und 1970er Jahren statt.

Nach dem Ort benannt sind die sogenannten Ratheim-Schichten: sandige, vor 34 Millionen Jahren entstandene Ablagerungen aus dem oberen Eozän, die vereinzelt im Rhein-Maas-Raum anzutreffen sind (z. B. bei Erkelenz).

Quartäre Ablagerungen aus fluviatilen Sanden und Kiesen aus dem Zeitraum der letzten 2,6 Millionen Jahre sind im gesamten unteren Rurtal verbreitet und auch bei Ratheim anzutreffen. Sie sind teilweise abgebaut worden, was u. a. zur Entstehung des Adolfosees geführt hat.

Landschaft mini|Ratheimer Land

Die Landschaft um Ratheim (wie bei den ebenfalls an der Rur gelegenen Orten Millich, Hilfarth und Brachelen) gehört zu den typischen Auen-Landschaften in der Großlandschaft Kölner Bucht, während die übrigen Teile der Stadt Hückelhoven überwiegend gleichfalls für die Kölner Bucht typische bördeartige Landschaftsformen aufweisen.Landesanstalt für Ökologie, Landschaftsentwicklung und Forstplanung NW (1986): Karte zur Roten Liste der in Nordrhein-Westfalen gefährdeten Pflanzen und Tiere

Bis an den Ortsrand ist das Dorf im Nordosten und Südwesten von Ausläufern des internationalen Naturparks Maas-Schwalm-Nette umgeben. Der hierzu gehörige Adolfosee und seine Uferbereiche sind als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen.

Gewässer mini|Unterlauf der Rur bei Ratheim (Herbst 2006) mini|Renaturierter Rurabschnitt bei Ratheim (Herbst 2006) mini|Fachwerkbrücke über die Rur bei Ratheim-Krickelberg

Rur Bis 1827 konnte die Rur, die damals ein recht unberechenbarer, zeitweise wilder Fluss war, bei Ratheim nur mittels einer Fähre überquert werden. Dann wurde auf Anordnung des Grafen Spee zu Düsseldorf, dem seinerzeit der benachbarte Ohof gehörte, von den Pächtern eine Holzbrücke über die Rur errichtetKRAMER, E.: Chronik Ratheims 1816–1846. Die Brücke wurde privat bewirtschaftet, bis sie nach dem Zweiten Weltkrieg durch eine öffentliche Betonbrücke ersetzt wurde.SIEBEN, P. (2002): Die Holzbrücke über die Rur (5. September 2006) Der Unterlauf der Rur ist im Jahre 1966 begradigt worden. Neben der Errichtung von Stauwehren und Sohlgleiten bekam das Flussbett dabei ein Trapezprofil, das für die zügige Weiterleitung von Hochwasserwellen geeignet erschien. Die bis dahin fast regelmäßig im Frühjahr aufgetretenen Überschwemmungen der Flussaue durch Hochwasser, die vor allem für die Einwohner von Heinsberg-Oberbruch ein Problem dargestellt hatten, sind seitdem hier nur noch der Ausnahmefall. Benachteiligt werden damit aber die nicht begradigten niederländischen Bereiche des Flusslaufs. Im Rahmen des RIPARIA-Projektes wurden 2001 im Bereich Ratheim / Millich zwei Wehre rückgebaut und der Flusslauf wieder naturnäher gestaltet, wodurch zusätzlicher Retentionsraum für Hochwasser entstanden ist. Die beiden Flussabschnitte, die je einen Altarm der Rur beinhalten, wurden dabei für eine natürliche Auen-Entwicklung vorgesehen.Wasserverband Eifel-Rur: , 2. September 2006 Adolfosee, ein Baggersee, der durch Kiesabbau in den 1960er bis 1980er Jahren entstanden ist Mühlenbach (auch „Gendorfer Bach“, „Gerderather Bach“, „Bohlbach“, „Baaler Bach“) Der Mühlenbach mit seinem begleitenden Grüngürtel, der Grünen Lunge von Ratheim, verläuft offen und z. T. renaturiert von Gendorf bis ins Dorfzentrum, worauf ein kurzer verrohrter Bachabschnitt folgt. Bis 1952 speiste er einen Mühlenweiher bei der alten Ratheimer Mühle; auf der Tranchotkarte von 1806 ist noch ein weiterer vom Bach gespeister Weiher unterhalb der Pfarrkirche verzeichnet. Ursprünglich folgte der Mühlenbach dem Rand der unteren Rurterrasse in westlicher Richtung und mündete hinter Garsbeck in die Rur. In einer ersten Ausbauphase der Ratheimer Kläranlage zu Beginn der 1970er Jahre wurde der Bach kanalisiert und nach Süden umgeleitet, um als Vorfluter dienen zu können; seine Mündung in die Rur wurde in der Nähe des Adolfosees platziert. Pützbach (auch „Mottbach“) Das ursprüngliche Bachbett des Mühlenbachs wird seit dessen Verlegung vom Wasser der Silberquelle gespeist, das als Pützbach in westlicher Richtung abfließt. Somit kommt es bei Ratheim zu dem seltsamen und künstlichen Phänomen, dass zwei Bachläufe sich überkreuzen. Silberquelle In der sagenumwobenen Silberquelle im HallerbruchTERBOVEN et al. (1949–2006): Die Silberquelle im Hallerbruch (2. September 2006) entspringt der über Garsbeck und Vogelsang zur Rur führende Pützbach. Burgweiher von Haus Hall

Ortsteile Neben dem Ortskern gibt es eine Reihe von Ortsteilen, die überwiegend auf spätmittelalterliche Siedlungen zurückgehen: Busch, Faulendriesch, Garsbeck, Gendorf, Hagbruch, Krickelberg, Ohof und Vogelsang.

Die Ortsteile „Siedlung“ und „Bammich“ entstanden in den 1930er Jahren beziehungsweise nach dem Zweiten Weltkrieg.

Historische Einzelsiedlungen in Ratheim sind Haus Hall und der Mahrhof.

Nachbarorte In der Umgebung von Ratheim liegen:

Altmyhl, 2 km nördlich von Ratheim Kleingladbach, 3 km nordöstlich gelegen Schaufenberg, 2 km östlich gelegen Millich, 2 km südöstlich gelegen Porselen, 3 km südlich gelegen Oberbruch, 2 km westsüdwestlich gelegen Unterbruch, 4 km westlich gelegen Wassenberg, 4 km nordwestlich gelegen

Geschichte mini|hochkant|Wappen derer von Olmissen genannt Mülstroe auf Haus Hall zu Ratheim(Grundlage des späteren Hückelhovener Wappens)

Ortsname Der Name Ratheim dürfte fränkischen Ursprungs sein. Ortsnamen auf „-heim“ gelten in der Region als primäre Siedlungsnamen, sie wurden überwiegend in der ersten Phase der fränkischen Landnahme verwendet (ab dem 6. Jahrhundert). Im niederrheinischen Raum deuten „Heim“-Namen auf die Entstehung aus einem einzelnen Gehöft hin.GILLESSEN, L. (1993): Die Ortschaften des Kreises Heinsberg. Schriftenreihe des Kreises Heinsberg 7

Für die Deutung des Ortsnamens kommen mehrere Interpretationshypothesen in Frage:

Heim am Sumpf nach dem althochdeutschen rote (Fäulnis) bzw. dem niederländischen rot (Sumpf); dies wäre nicht nur sprachlich, sondern auch historisch-topographisch vertretbar, da in einer Schenkungsurkunde von 1305 die Sümpfe in der Nähe der Kirche erwähnt werden. Heim des Rut(gerus) nach dem Namen des Erstbesiedlers; alternative fränkische Namen wären Rother, Roticar oder Rothard. Aus „Rotharheim“ könnte dann das bequemer auszusprechende Roathem bzw. Rotheim entstanden sein.TERBOVEN, Johannes Heinrich (1949): Lokalgeschichtliches, Sagen und Legenden aus dem Bereich der Großgemeinde Hückelhoven-Ratheim, zusammengestellt für den Schulgebrauch von Johannes Heinrich Terboven, Rektor der Volksschule Hückelhoven I. – Verlag Gillessen, Hückelhoven (Nachdruck von 1985) (12. Oktober 2006) Heim des Rothaarigen nach einer Eigenschaft des Erstbesiedlers Heim auf der Rodung Viele Ortsnamen der Region, insbesondere im Bereich des ehemaligen Landkreises Erkelenz, enden auf „-rath“ (althochdeutsch riuten = roden) und sind auf Rodungen zurückzuführen; sie gelten aber als sekundäre Siedlungsnamen und wurden in der Region vorwiegend in der hochmittelalterlichen Rodungsphase etabliert.

Als Namensvariationen sind schriftlich überliefert: Rotheim, Rothen, Rotheym, Roetheym, Roithem, Rathem, Rhatheim; im heutigen Ratheimer Platt wird das Dorf als Roathem bezeichnet.

Neckname Von den Einwohnern der Nachbarorte bekamen die Ratheimer den Ortsnecknamen „Roathemer Wenk …“ verehrt (manchmal auch mit dem Zusatz: „… dä stänkt“). Dieses „Ratheimer Wind … der stinkt“ wurde bis in die neuere Zeit als Synonym für „Eigenlob stinkt“ gebraucht. Heute lebt der Spitzname im Namen eines der beiden Ratheimer Karnevalsvereine fort.WINKENS, H. (2007): Roathemer Wenk …

Zeitstrahl

Politische Zugehörigkeit Ratheims

(Roer = Departement de la Roer, Frankreich)

Römisch-Katholische Zugehörigkeit

(AC = erstes Bistum Aachen)

Alte Geschichte Die Besiedlung des Ratheimer Gebietes reicht bis in die Römerzeit zurück (vor 450 n. Chr.). Eine von Venlo nach Düren (und weiter bis zur Mosel) führende Römerstraße verlief entlang des rechten Rurufers und berührte Ratheim (die heutige Landstraße L117 verläuft ebenfalls in dieser Richtung; im Ratheimer Ortsbereich heißt sie „Heerstraße“). Funde römischer Münzen zwischen Ratheim und Myhl und die Entdeckung alter römischer Fachziegel im Unterbau der Ratheimer Kirche „St. Johannes der Täufer“ sind indirekte Belege der frühen Besiedlung. Eine Beziehung zwischen dieser Besiedlung und dem mittelalterlichen Dorf Ratheim kann aber nicht belegt werden.

mini|Ratheim 1573 auf einer Karte von Christian Sgrothen

Die den Römern im Zuge der Völkerwanderung folgenden Franken kamen etwa im 6. Jahrhundert in unseren Raum. Als viehzüchtende Bauern ließen sie sich bevorzugt auf leichteren Böden und in der Nähe von Wasser nieder. Diese Bedingungen fanden sie im Ratheimer Gebiet an den Rändern der Rurterrassen und in den kleinen Bachtälern – von der sumpfigen und von jährlichen Überschwemmungen bedrohten Ruraue hielten sie sich dagegen fern. Der Fund eines fränkischen Knicktopfes zwischen Haus Hall und Ratheim-Busch, der als fränkisch geltende Ortsname sowie das als merowingisch geltende Patrozinium (Johannes der Täufer) belegen direkt bzw. indirekt diese frühe Besiedlung.