mini|Foto einer MATADOR Panzerabwehrwaffe (aufgeschnitten und geschlossen) aus dem Jahr 2022. Zu erkennen sind die Hohlladung und weitere Elemente der Waffe. Die Entwicklung und Konstruktion einer solchen Waffe ist Aufgabe der Wehrtechnik, die sich damit befasst, Waffen herzustellen oder zu verbessern, um sie für den Einsatz zu bereitstellen.
Als Wehrtechnik bezeichnet man den technischen Aufbau militärischer Rüstungsgüter. Wehrtechnik ist ein wesentlicher Bestandteil von Wehrmaterial. Wehrtechnik wird von speziellen (militärischen) Institutionen oder Unternehmen für die Streitkräfte oder Militärs eines Landes erforscht, entwickelt und konstruiert, hergestellt und vertrieben. Letztere werden als Rüstungsindustrie bezeichnet.
Weitere bekannte Bezeichnungen oder Namen sind die Militärtechnik, Kriegstechnik, Rüstungstechnik, Sondertechnik, Sicherheitstechnik und Verteidigungstechnik.
Beschreibung Der Begriff bzw. das Fachgebiet „Wehrtechnik“ umfasst alle Arten und Varianten von Waffen und Waffensystemen, Raketensystemen, Munition, Zündern und Zündsystemen sowie Sprengköpfe und viele weitere Komponenten, Teile, Geräte und Systeme zur Ausrüstung von Streitkräften der Bereiche Land, See und Luft. Der Weltraum ist außerdem ein Testfeld für Applikationen aus der Wehrtechnik (vgl. auch das Weltraumkommando oder die U.S. Space Force). Zur Wehrtechnik gehören auch viele weitere Geräte, beispielsweise Schutzausrüstung und Nachtsichtgeräte.
Weitere Bereich der Wehrtechnik sind Waffen- und Abwehrsysteme, für verschiedene Domänen, auch für einen möglichen Cyberkrieg, d. h. Computertechnologie und Cyberwaffen. Ebenso spielt im Informationszeitalter die moderne psychologische Kriegsführung und ihre Technologien eine Rolle, bei der alle möglichen Mittel „bewaffnet“ werden, beispielsweise Propaganda. Man spricht auch von einer hybriden Kriegsführung.
Wehrtechnik basiert auf und integriert verschiedene wissenschaftliche und ingenieurwissenschaftliche Fachgebiete wie Physik (z. B. Ballistik), Chemie (explosive Stoffe, Thermochemie), Maschinenbau, Elektrotechnik und Elektronik (Steuerung), Funk-, Daten- und Kommunikationstechnik, Hochfrequenztechnik, Materialwissenschaften (Metalle und andere Werkstoffe) sowie Luftfahrt-, Satelliten- und Raketentechnik zu größeren Systemen und Produkten. Wehrtechnik wird von verschiedenen Entwicklungsstandards begleitet, z. B. die US-amerikanischen MIL-STD Normen und Spezifikationen. Ebenso spielt die Zertifizierung der Systeme eine herausragende Bedeutung. Wie bei anderen Technologien auch spielt das Testen der Geräte eine weitere Rolle. Otto Lilienthal wusste das bereits: „Eine Flugmaschine zu erfinden heißt gar nichts, sie zu bauen nicht viel, sie zu testen ist alles.“ Hierfür gibt es die sogenannten Erprobungsstellen. Die Inbetriebnahme und Integration in Waffenträgersysteme (z. B. Kampfflugzeuge) erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Militär, das die Verteidigungstechnik und Geräte anschließend in oder außer Dienst stellt.
Wehrtechnik entwickelt beispielsweise Schusswaffen, Automatikwaffen und Artillerie, aber auch Waffenträgersysteme wie Kriegsschiffe (auch U-Boote oder Atom-U-Boote), Fahrzeuge, Panzer, Kampfflugzeuge bzw. Mehrzweckkampfflugzeuge, Hubschrauber, Bomber, Marschflugkörper und Interkontinentalraketen (und deren Teiltechnologien wie MIRV). Diese Systeme oder Produkte bilden in Kombination mit einer Kommissionierung und Inbetriebnahme durch Militäreinheiten ein Arsenal, beispielsweise ein konventionelles oder atomares.
Die einzelnen Technologien wurden teilweise aus zivilen oder explizit aus Gründen der Verteidigung entwickelt. Von Doppelnutzung spricht man, wenn Maschinen, Motoren, Anlagen, Geräte oder Technik zu zivilen (friedlichen) und militärischen Zwecken genutzt werden. Ein Beispiel ist das Global Positioning System (GPS), das mit eingeschränkter Genauigkeit und Eingriffsmöglichkeiten auch für die zivile Navigation genutzt werden kann. Das Radar (vgl. Christian Hülsmeyer und Robert Watson-Watt) wurde ursprünglich für militärische Zwecke erfunden, woraus sich die heute in Haushalten üblichen Mikrowellenherde (vgl. Magnetron) entwickelten.
Wenn Wehrtechnik produziert wird, erhöht sich das militärische Potenzial einer Nation. Dieser Prozess wird häufig auch als Aufrüstung oder Militarisierung bezeichnet. Im Atomzeitalter hat man sich jedoch auf die Kontrolle von Rüstung als Mittel zur Erhöhung der Sicherheit verständigt, da ein Atomkrieg nicht zu gewinnen ist. Nach dem lateinischen Sprichwort „Si vis pacem, para bellum“ (Wenn du Frieden willst, bereite Krieg vor) empfiehlt der britische Stratege Basil H. Liddell Hart jedoch: „Wenn du Frieden willst, verstehe den Krieg.“
Abschließend sei gesagt, dass verschiedene Gesetze die Wehrtechnik regulieren, beispielsweise das Waffenrecht bzw. das Waffengesetz (WaffG). Die Waffentechnologie unterliegt der Exportkontrolle, vgl. auch Waffenexport.
Geschichte rechts|miniatur|Historische Belagerungstechnik: Trebuchet
Frühzeit und Entstehung von Wehrtechnik Die Geschichte der Wehrtechnik ist seit jeher mit der Geschichte der Waffentechnik verwoben. Die Entstehungsgeschichte von Waffen liegt in deutlich früheren Zeiten und lange vor der Entstehung des Militärs oder Streitkräften in militärischen Sinne. mini|Die Terrakottaarmee des Kaisers Qin Shihuangdi Der Bedarf systematisch Wehrtechnik oder Rüstungstechnik zu entwickeln, zu produzieren und logistisch zu verwalten, wuchs erst mit der soziokulturellen Evolution von Zivilisationen, die in der Lage waren Streitkräfte und Militär zu organisieren und zu unterhalten. Ein technischer Aspekt liegt in der Entwicklungsgeschichte der Metallurgie, denn erst seit der Bronzezeit wurde es etwa im 3. Jahrtausend v. Chr. möglich, Wehrtechnik und Waffen systematisch anzufertigen.
Der weitere Fortschritt der Wehrtechnik war stets von dem jeweiligen Wissen zur Technologie und den Zivilisationen getragen. Seit nun 5.000 Jahren oder 3.000 v. Chr. zeugen die Heeresausrüstungen der Urkaiser Chinas bis zur Terrakottaarmee von wehrtechnischem Geschick und logistischen Leistungen, was bis in das 21. Jahrhundert in China gepflegt wird. Sumerische Wehrtechnik und des Militärwesens im Alten Ägypten wurde von Griechen im Heer Alexanders des Großen und den Römern mit ihren Römische Legionen, Auxiliartruppen und der Römischen Marine jeweils bis zu den Grenzen des Machbaren und Sinnvollen weiter entwickelt. Wehrtechnik stand schon in frühen Zeiten vor der Aufgabe, umfangreiche Streitkräfte auszurüsten. Über Wanderschaft und Handwerk verbreitete sich das Wissen in den jeweiligen Kulturkreisen im Orient und im mittelalterlichen Okzident. Der Wissenstransfer zur Wehrtechnik wurde mit allen Kontinenten durch die weltweite Seefahrt gefördert.
Wehrtechnik im Wandel der Neuzeit mini|Der Feuertopf des Walter de Milemete (1326)
Diese Art der Ausrüstung verlor mit zunehmender Verbreitung von Feuerwaffen an Bedeutung. Die Entwicklung von Feuerwaffen brachte für die Wehrtechnik völlig neue Anforderungen. Zu den Schriften wehrtechnischen Inhalts des Mittelalters und der Frühen Neuzeit gehören etwa das Liber Ignium („Feuerbuch“) des Marcus Graecus aus dem 13. Jahrhundert, das Kriegsbuch des Büchsenmeisters Konrad Kyeser von Eichstätt in lateinischer Sprache (Bellifortis) aus dem Jahr 1405 und das so genannte Feuerwerkbuch von 1420, welches 1529 in Augsburg durch Heinrich Stainer erstmals gedruckt wurde.Wilhelm Hassenstein, Hermann Virl: Das Feuerwerkbuch von 1420. 600 Jahre deutsche Pulverwaffen und Büchsenmeisterei. Neudruck des Erstdruckes aus dem Jahr 1529 mit Übertragung ins Hochdeutsche und Erläuterungen von Wilhelm Hassenstein. Verlag der Deutschen Technik, München 1941 (Digitalisat), S. 7 und 79 f.
Die Neuzeit mit ihrem technologischen Fortschritt ging Hand in Hand mit der Wehrtechnik. Die Thermodynamik wurde zu einer Disziplin, deren Bedeutung für die Wehrtechnik bis in das 21. Jahrhundert nicht weg zu denken ist. Als Pionier der Thermodynamik ist Benjamin Thompson (Graf von Rumford) mit seinen Beobachtungen zum Wärmeäquivalent bekannt. Er widerlegte 1798 mit seinen Versuchen zum Kanonenbohren die Wärmestofftheorie Caloricum von Antoine Laurent de Lavoisier und ebenfalls die noch frühere Theorie zum Phlogiston. Die Fortschritte in Werkstoffverarbeitung und Fertigungsverfahren ermöglichten die Ausstattung von Armeen mit einheitlicher Wehrtechnik. Napoleon erkannte dies und ließ Pistolen, Gewehre und Kanonen von den wachsenden Manufakturen der aufkeimenden französischen Rüstungsindustrie fertigen. Auch an anderen Standorten wandelten sich die früheren Zeughäuser zu Zentren der Büchsenmacherei und Geschützfertigung, wie es beispielsweise zur Entstehungsgeschichte von Mauser in Oberndorf bekannt ist. Das 19. Jahrhundert mit seinen Kriegen, der fortschreitenden Industrialisierung und den zahlreichen Erfindungen für militärische Anwendungen beschäftigte einen wachsenden Kreis von Menschen in der Wehrtechnik, die dadurch größere volkswirtschaftliche Bedeutung erlangte.
Wehrtechnik im 20. Jahrhundert
mini|Renault FT der Panzer erscheint auf dem Schlachtfeld
Der Erste Weltkrieg wurde für die Wehrtechnik ein Höhepunkt, was sowohl die finanziellen Aufwendungen, die Menge an produziertem Material, die internationale Verbreitung und auch die Wirkung auf täglich tausende von Kriegstoten anbelangt. Dem folgte in den 1920er-Jahren zunächst eine Phase der Beruhigung in der Wehrtechnik, die dennoch für Auswertung der Erfahrungen aus dem Krieg genutzt wurde. Während im Ersten Weltkrieg die Motorisierung der Armeen noch in den Kinderschuhen steckte, entwickelte man in den 1920er- und 1930er-Jahren zunehmend besser einsetzbare Panzerfahrzeuge. Dies war der Beginn des Maschinenzeitalters.
Die Zeiten der Doppeldeckerflugzeuge vom Ersten Weltkrieg wurden in der Fliegerei mit moderneren Ganzmetallflugzeugen abgelöst. Alle Bereiche beim Militär sollten moderne Geschütze bekommen. Auch die Marinetechnik machte Fortschritte, was besonders U-Boote und Torpedos betraf. Die internationalen finanziellen Folgen des Ersten Weltkrieges und die Deutsche Inflation 1914 bis 1923 waren kaum überwunden als es am 24. Oktober 1929 in New York City zu einem Börsenkrach kam, der nachfolgend eine Weltwirtschaftskrise auslöste. Für die Wehrtechnik bedeutete dies gleichzeitig eine Zeit, in der fast alle Entwicklungen angehalten wurden, bis etwa um 1936 die größten wirtschaftlichen Probleme gelöst waren.
mini|B-17 Flying Fortress im Luftkrieg