Die Lindenstraße ist eine Straße im Berliner Ortsteil Kreuzberg. Sie verläuft in Verlängerung der Zossener Straße von der Zossener Brücke über den Landwehrkanal bis zur Kreuzung mit der Rudi-Dutschke-/Oranienstraße. Dahinter führt sie als Axel-Springer-Straße zum östlichen Ende der Leipziger Straße am Spittelmarkt.

Geschichte Die Lindenstraße gehört historisch gesehen zur südlichen Friedrichstadt, war also bis zur Eingemeindung 1710 einst Teil einer selbstständigen Vorstadt Berlins. Sie ist eine der ältesten Straßen Berlins und beheimatet mit dem Kollegienhaus das älteste noch erhaltene Gebäude in Kreuzberg, in dem bis 1913 das Märkische Kammergericht untergebracht war und heute das Jüdische Museum sein Domizil hat.Kreuzberger Chronik, 2008, Ausgabe 94. Bei: kreuzberger-chronik.de; abgerufen am 21. Oktober 2010.

Im Jahr 1688 war geplant, Berlin in Richtung Süden zu erweitern, um protestantischen Religionsflüchtlingen aus Böhmen eine Siedlungsfläche zu bieten. So entstanden unter Philipp Gerlach die Friedrichstraße und die Lindenstraße, die beide auf den heutigen Mehringplatz zuliefen (damals: „Rondell“). 1735 wurde das Viertel mit einer Zollmauer eingegrenzt und konnte nur noch vom Halleschen Tor, dem Kottbusser Tor und dem Schlesischen Tor betreten werden. In dieser Zeit baute Friedrich II. eine Kavalleriekaserne für seine berittene Leibgarde. Nach der Französischen Revolution zogen verstärkt ehemalige Bauern und liberale Juden in die Lindenstraße. auf dem Bildungsserver Berlin-Brandenburg; abgerufen am 21. Oktober 2010.

In der Lindenstraße 91 befand sich das Königliche Astronomische Rechen-Institut, das zur von 1835 bis 1913 dahinter befindlichen Neuen Sternwarte gehörte, die unter anderem durch das Institutsgebäude erschlossen wurde. An der Berliner Sternwarte arbeiteten Astronomen wie Johann Franz Encke oder Friedrich Wilhelm Bessel. Am 23. September 1846 wurde an dieser Sternwarte der Planet Neptun durch Johann Gottfried Galle entdeckt. Nach dem Umzug der Sternwarte wurde die nordwestlich gelegene Charlottenstraße zur Lindenstraße hin verlängert. Für den Durchbruch wurden die Gebäude Lindenstraße 91–93 und die Sternwarte abgetragen, die Straße in gerader Fortsetzung der Charlottenstraße bis an die Nordostwand der Markthalle II verlängert, um dann deren Außenwand in südöstlicher Richtung folgend die Lindenstraße zu erreichen.Topographischer Atlas Berlin: Ungekürzte Studienausgabe, Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen Berlin / Abteilung Vermessungswesen (Hrsg.), Dietrich Reimer, Berlin 1995, ISBN 3-496-02660-X, S. 73. Die Einmündung der neuen Straße nahm die Grundstücke 93 ganz und 92 zur Hälfte ein.Berliner Adreßbuch – 1915: Unter Benutzung amtlicher Quellen, Scherl, Berlin 1915, Teil III, S. 515. Auf dem neuen Eckgrundstück von Lindenstraße 91 und verlängerter Charlottenstraße (so bis 1927) errichteten 1913 Cremer & Wolffenstein für die 1839 von Heinrich Jordan gegründete Firma Jordan ein Wäschekaufhaus.Kathrin Chod, Herbert Schwenk, Hainer Weißpflug: Berliner Bezirkslexikon: Friedrichshain-Kreuzberg. Haude & Spener / Edition Luisenstadt, Berlin 2003, ISBN 3-7759-0474-3, S. 389. Über den rückwärtigen Flügel war das Kaufhaus mit dem Stammhaus Jordan in der Markgrafenstraße 87/88 verbunden.

Während der Inflationsjahre hatte der Wäscheverkauf gelitten, so dass die Firma Jordan den Verkauf im Stammhaus konzentrierte und den Neubau vermietete. Der Ullstein Verlag mietete einige Etagen und logierte hier den finanziell unterstützten Klal-Verlag ein, für den ab 1921 neben anderen Chaim Nachman Bialik wirkte.Maren Krüger: Buchproduktion im Exil: Der Klal-Verlag. In: Juden in Kreuzberg: Fundstücke, Fragmente, Erinnerungen, Berliner Geschichtswerkstatt e. V. (Hrsg.) erschienen als Katalog zur Ausstellung „Juden in Kreuzberg: Fundstücke, Fragmente, Erinnerungen“ im Kreuzberg-Museum, 18. Oktober bis 29. Dezember 1991, Edition Hentrich, Berlin 1991, ISBN 3-89468-002-4, S. 421–426, hier: S. 425 (= Deutsche Vergangenheit, Stätten der Geschichte Berlins; Band 55). Ab 18. Februar 1927 führte die zunächst Verlängerte Charlottenstraße genannte Verbindung den Namen Enckestraße, und das Kaufhaus Jordan ressortierte unter den Adressen Lindenstraße 91/92 und Enckestraße 1/2.

mini|Historische Darstellung des Victoria-Gebäudes

Vor allem der nördliche Abschnitt zählte in den Jahrzehnten vor und nach 1900 zum Berliner Zeitungsviertel. Das nahegelegene Verlagshaus Mosse ist heute noch zu sehen, und auch das Grundstück des Springer-Verlages ist journalistisch vorbelastet. Aber auch am südlichen Ende der Straße gab es Redaktionen. Vom Belle-Alliance-Platz bis zur Linden- und Alten Jakobstraße erstreckte sich zur Zeit der Weimarer Republik ein zehn Höfe umfassender Gebäudekomplex, den die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), beginnend 1914 mit dem 1912 von Kurt Berndt (1863–1925) errichteten Geschäftshaus Lindenstraße 3, bis 1933 als Standort für Parteivorstand, Parteischule und -archiv sowie Verlag, Druckerei und Buchhandlung des Vorwärts erworben hatte.Faksimilierter Katasterplanauszug in Andreas Hallen (Red.): Die SPD in Berlin. Abschnitte einer gemeinsamen Geschichte. (Katalog zur Ausstellung im Willy-Brandt-Haus vom 16. Mai bis 5. Juli 1996, S. 9) Den Kauf hatten im Wesentlichen Parteimitglieder durch Sammlungen finanziert. Der durch Kriegseinwirkungen stark beschädigte Komplex lag 1945 in West-Berlin. Nach der Wiedergründung der SPD in der Sowjetischen Besatzungszone im Juni 1945 befand sich der Parteivorstand bis zu seinem Verschwinden infolge der Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED im April 1946 im Kaufhaus Jonaß im Sowjetischen Sektor. Die in Westdeutschland und Berlin fortexistierende SPD hatte ihren Sitz in Hannover und ab 1951 in Bonn. Sie verkaufte 1962 das Gebäude. Der Bauteil an der Lindenstraße galt laut der offiziellen Karte der Gebäudeschäden 1945 als „beschädigt und wiederaufbaufähig.“Karte der Gebäudeschäden 1945, zu erreichen über „Starten“ und „Historische Karten/Gebäudeschäden 1945“, Herausgeber: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin Er wurde zugunsten der Neuanlage des Mehringplatzes im selben Jahr abgetragen.Zum Gebäude siehe Hartwig Beseler, Niels Gutschow: Kriegsschicksale Deutscher Architektur. Verluste – Schäden – Wiederaufbau. Eine Dokumentation für das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland. Band I: Nord, Wachholtz, Neumünster 1988, ISBN 3-529-02685-9, S. 161 f.

An der damaligen Lindenstraße 40/41 (heute: Teil der Axel-Springer-Straße) befand sich von 1864 bis 1961 die Hauptfeuerwache für Berlin, also der Sitz des Branddirektors und Löschzüge zum Schutz des Schlosses und der Ministerien. Das Gebäude ist erhalten, die Ausfahrten der pferdebespannten Löschfahrzeuge sind noch zu erkennen. Im Hof der Hauptfeuerwache Lindenstraße fand am 20. März 1939 die „Bilderverbrennung“ statt, die Zerstörung tausender Kunstwerke der sogenannten „Entarteten Kunst“. 1961 wurde die Hauptfeuerwache endgültig aufgegeben; für Ost-Berlin zog sie in die Voltairestraße in Mitte, für West-Berlin nach Charlottenburg-Nord. Das Gebäude ist jetzt Stadtteilzentrum.alte-feuerwache.de

Neben der Feuerwache, in der Lindenstraße 42, befand sich das Wohn- und Geschäftshaus der 1846 gegründeten Weinhandlung von F. C. Souchay. Nach der Übernahme F. C. Souchays 1913 durch Max Gruban (Gruban & Souchay) entstand hier das Herzhaus.

Im Zweiten Weltkrieg wurden die Gebäude der Straße weitgehend zerstört. Nur wenige Häuser waren noch vorhanden, wenn auch teilweise schwer beschädigt, wie beispielsweise das Victoria-Gebäude mit der Gemäldesammlung von Otto Gerstenberg. Berichten zufolge war die Feuerwehr in der Lindenstraße vier Tage im Einsatz, um die Brände zu löschen. Durch die Kriegseinwirkungen wurden zahlreiche Betriebe des grafischen Gewerbes zerstört, die sich im einstigen Zeitungsviertel angesiedelt hatten.Faltblatt der Initiative Historisches Zeitungsviertel (PDF; 354 kB), abgerufen am 15. Mai 2011. Eine Untersuchung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ ergab, dass entlang der Lindenstraße in vielen Betrieben Personen zur Zwangsarbeit herangezogen wurden, beispielsweise im Warenlager der Firma Kodak, für Arbeiten auf den Friedhöfen der 1934 geschlossenen und 1941 an die rumänisch-orthodoxe Gemeinde verkauften Jerusalemskirche oder in einem gemeinsamen Zwangsarbeiterlager der Firmen Telefunken, Deutscher Verlag, Scherl-Verlag und AEG.Zwangsarbeit war überall – Orte der NS-Zwangsarbeit rund um die Berliner Lindenstraße. Stiftung EVZ

Im Zuge der Umgestaltung des Viertels wurden einige Querstraßen entwidmet. Beim Bau des Axel-Springer-Hochhauses von 1959 bis 1965 betraf dies den Südabschnitt der Jerusalemer Straße und die Straße An der Jerusalemer Kirche. Mit dem Bau der Berliner Mauer versank dieser Teil Berlins in einen Dornröschenschlaf. Viele erhaltene und ruinierte Häuser wurden endgültig abgerissen (u. a. auch die Ruine der Jerusalemskirche und der Synagoge Lindenstraße von Cremer & Wolffenstein, die nach Umbenennung des nördlichen Straßenabschnitts Axel-Springer-Straße 44 als Anschrift hätte und deren Reste als Freilichtmahnmal Blatt in Hof und Durchgang des ehemaligen Geschäftshauses der Confektionsgesellschaft Fischbein & Mendel als Ort der Erinnerung der Barmer Ersatzkasse zu sehen sind). Das südliche Ende der Lindenstraße wurde wie auch die Wilhelmstraße verschwenkt und verlor durch den Neubau eines Wohngebiets den direkten Zugang zum Mehringplatz. Der „Schwenk (jeder Zoll das, was man in Berlin ‚Schwedlerismus‘ nennt, nämlich die Ästhetisierung der autogerechten Stadt im Nierentischstil)“Dieter Hoffmann-Axthelm: Vom Anhalter Bahnhof zum Schlesischen Tor – für Stadtwanderer. In: Leitfaden: Projekte, Daten, Geschichte, Berichtsjahr 1984, Senator für Bau- und Wohnungswesen / Internationale Bauausstellung Berlin 1984–1987, Berlin 1984, S. 73–135, hier S. 83. stellte auch die Verbindung zur Zossener Straße her. Die Verbindung zur Enckestraße wurde 1963 durch den Neubau des Blumengroßmarktes gekappt. 1970 entfiel ferner die Querverbindung der Junkerstraße, die aber inzwischen als Fußgängerpromenade wieder passierbar ist.

Im Jahr 1971 kam es zu einem Fluchtversuch: Der DDR-Bürger Bernd Sievert versuchte, die Lindenstraße zu erreichen und wurde dabei von Grenzsoldaten mit 43 Schüssen schwer verletzt im Ostsektor zurückgehalten.

mini|Jüdisches Museum und Wohnpark am Berlin Museum (ganz rechts), oben die Lindenstraße

In den späten 1980er Jahren fand mit der Internationalen Bauausstellung ein Bewusstseinswandel statt. In der Randlage West-Berlins wurde vornehmlich der soziale Wohnungsbau gefördert. Ziel war, die vernachlässigten Gebiete als Wohngebiete zurückzugewinnen. Die beiden Teilzentren im Ostsektor mit seiner historischen Stadtmitte und die neue City West sollten dabei durch ein „City-Band“ miteinander verbunden werden. Dieses Band war bis 1986 im Flächennutzungs- und Baunutzungsplan vorgesehen. Durch die „politische Verfestigung der Zweiteilung Berlins in den 1960er Jahren, durch das fehlende Entwicklungspotential der umschlossenen Stadt sowie durch die dezentrale, polyzentrische Stadtstruktur konnte die Idee vom „City-Band“ nicht realisiert werden. Trotz der traditionellen gesamtstädtischen Bedeutung dieses Stadtgebietes wurde dessen Randlage zum West-Berliner-Stadtzentrum immer deutlicher.“Internationale Bauausstellung Berlin 1987 – Projektübersicht. Internationale Bauausstellung 1984–1987 Berlin (Hrsg.). Bauausstellung Berlin GmbH, Berlin 1987, S. 92.