mini|Graf Hermann von Neuenahr und Moers, Standbild in Krefeld neben dem Hauptportal der Alten Kirche von Curt Beckmann, 1935 enthüllt (Foto 2007)|150px mini|Unterschrift „Herman Graf zu Nuenar“, Moers 1565 Hermann Graf von Neuenahr (Nuenar, a Nvenar, de Nova Aquila, ist der „Aar“ (Adler). van Nieuwenar) und Moers (Meurß, Mörsch), Herr von Bedburg (Bedbur) und Rösberg, Krefeld, Cracau und (bis 1562 und wieder ab 1568/69) Rodemachern (Radenah, Rudenach), 1555 bis 1570 auch Regent der Grafschaft Limburg und Verweser der Kölner Erbvogtei (* 28. Oktober 1520Verschiedentlich wird fälschlich 1514 als Geburtsjahr angegeben: Werner Teschenmacher: Annales Cliviae-Juliae-Montiae, Marchiae, Ravensbvrgiae Antiquae et Modernae. Jacob van Biesen, Arnheim 1638, S. 345; . Oder 1519 als Geburtsjahr. Der Ehevertrag der Eltern wurde 1518 geschlossen; Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland Duisburg (Reichskammergericht 291, Az.: B 635/2644). vermutlich in Moers; † 4. Dezember 1578 in Bedburg) war ein deutscher humanistisch gebildeter Staatsmann und Förderer der Reformation am Niederrhein.

Während es Hermann von Neuenahr nicht gelang, neuenahrische Erbansprüche in Luxemburg (Herrschaft Rodemachern) oder – für seinen unmündigen Neffen und seine Nichten – aus der Grafschaft Wertheim am Main durchzusetzen, konnte er die Herrschaft der Familie in der Grafschaft Moers, der Herrschaft Linn mit Krefeld oder im Amt Hülchrath konsolidieren. In den Niederlanden sicherte er die geldrischen Lehen Weert, Wessem und die Vogtei über das Reichsstift Thorn aus dem Erbe der Grafen von Horn und die holländische Herrschaft des Lands von Altena für Neuenahr.

Trotz seiner protestantischen Gesinnung hatte Hermann von Neuenahr ein gutes Verhältnis zu den Kaisern Karl V., der ihn 1554 mit den Zöllen auf der Maas belehnte, und Ferdinand I. Maximilian II. ernannte Hermann von Neuenahr 1566 zum Kaiserlichen Rat. Die Hinrichtung seines Schwagers Philippe de Montmorency, Graf von Hoorn 1568 konnte Graf Hermann gleichwohl nicht verhindern. Als Kurkölner Erbhofmeister und langjähriger Verwalter der Kölner Erbvogtei verfügte er über großen Einfluss im Kurfürstentum und hatte 1577 entscheidenden Anteil an der Wahl von Gebhard Truchseß zu Waldburg zum Kölner Erzbischof.

Leben Hermann von Neuenahr war der Sohn von Graf Wilhelm II. von Neuenahr (* um 1485/87; † 1552) und der Erbtochter der Grafschaft Moers, Gräfin Anna von Wied (* um 1500; † 1528), einer Nichte des Kölner Erzbischofs und Kurfürsten Hermann V. von Wied (1477–1552, reg. 1515–1547) und des Münsteraner Bischofs Friedrich III. von Wied († 1551; reg. 1522–1532) sowie Cousine des Kölner Erzbischofs Graf Friedrich IV. von Wied (* um 1518; † 1568; reg. 1562–1567). Der Kölner Dompropst und Universitätskanzler Graf Hermann von Neuenahr der Ältere (1492–1530) war sein Onkel. Wahrscheinlich wurde Hermann im Moerser Schloss geboren;Hermann von Neuenahr beschreibt Moers 1571 in einem Brief aus Bedburg an Heinrich Castritius Geldorp als „Vaterland“, dem er „geboren“ ist, und ungeliebte „Heimat“; C. Hirschberg: Geschichte, 1892, S. 85. getauft wurde er von Johannes IV. Middels (reg. 1504; † 1524) aus Hüls, der von 1504 bis 1524 Abt des Zisterzienserklosters Kamp war.

Vorfahren des Hermann von Neuenahr und MoersUrgroßeltern Gumprecht II. Graf von Neuenahr (* um 1400; † 1484), Erbvogt zu Köln, Herr zu Alpen, 1459 Mitgraf von Limburg ⚭ 1425 Margareta Gräfin von Limburg (vor 1419–um 1459Historisches Archiv der Stadt Köln (Bestand 250 Mariengarten, U 1/76).), Herrin zu Bedburg und Hackenbroich Kuno (Konrad) I. Graf von Manderscheid (* um 1444; † 1489), Herr zu Schleiden, Neuenstein und KasselburgKuno I. von Manderscheid heiratete II. 1476 Mechthild von Virneburg († nach 1506). ⚭ 1459 Walpurgis Gräfin von Horn (* um 1443; † 1476), Herrin von Altena Friedrich IV. Herr von Runkel († 1487), ab 1454 Graf zu Wied, Herr zu Braunsberg, Dierdorf und Ysenburg ⚭ vor 1454 Agnes von Virneburg (* um 1436; † 1478) Friedrich V. Junggraf von Moers und Saarwerden (* um 1445; † um 1471) ⚭ 1463 Elisabeth von Rodemachern (* um 1445; † nach 1503), Herrin zu Bolchen (Boulay)Elisabeth von Rodemachern heiratete II. 1472 Diepolt (Thiebolt) II. von Hohen-Geroldseck (1449–1493 oder 1498/1500).GroßelternWilhelm I. Graf von Neuenahr (* um 1447–1497), Herr zu Bedburg ⚭ 1484 Walburga Gräfin von Manderscheid (1468–1530/35), Herrin zu SchleidenWalburga von Manderscheid heiratete II. 1502 Friedrich von Egmond, Graf zu Büren und Leerdam (1440–1521), der zuvor (⚭ I. 1464) mit Aleida von Culemburg († 1471) verheiratet gewesen war.Wilhelm III. Graf zu Wied (* um 1455/60; † 1526), Herr zu Ysenburg und Runkel ⚭ 1481 Margareta Gräfin von Moers (* um 1465; † 1515)ElternWilhelm II. Graf von Neuenahr (* um 1485/91; † 1552) ⚭ 1518 Anna Gräfin zu Wied und Moers (* um 1500; † 1528), Herrin zu Rodemachern und Boulay Hermann Graf von Neuenahr und Moers (1520–1578)

Junggraf von Neuenahr und Moers Ausbildung, Heirat und Reisen Hermann von Neuenahr genoss eine humanistische Bildung bei Johannes Caesarius (1468–1550)Brief von Johannes Caesarius an Heinrich Bullinger vom März 1546 aus Köln; Carl Krafft (Bearb.): Mitteilungen aus der niederrheinischen Reformationsgeschichte. In: Zeitschrift des bergischen Geschichtsvereins 6 (1869), S. 193–340, bes. S. 329 (books.google.de).Brief von Johannes Caesarius an Johannes a Lasco vom 20. Mai 1548 aus Moers; Simon Abbes Gabbema: Epistolarum ab Illustribus & Claris Scriptarum Centuriae tres. Hero Galama, Harlingen 1664, S. 130 f. (books.google.de). und seinem Onkel Hermann von Neuenahr. Er sprach gut Latein und Französisch, wie 1539 der englische Diplomat Nicholas Wotton († 1567) an Thomas Cromwell, 1. Earl of Essex († 1540) berichtete,Bericht von Nicholas Wotton an Thomas Cromwell vom 4. Dezember 1539: ; Regest bei Letters and Papers, Foreign and Domestic, Henry VIII. Band XIV/2 August-December 1539 (1895), S. 226–233 (british-history.ac.uk). und hatte auch Kenntnisse des Altgriechischen und Hebräischen.Heinrich Castritius Geldorp: In eundem [= D. Hermannum Comitem Nuenaricum & Morsensem] epicedion alterum. In: Scholarvm ex monasticis opibus institvtio. Leiden 1580 (reader.digitale-sammlungen.de). Graf Hermann hat vermutlich in Frankreich studiert.

Eine schon seit 1534 von Kaiser Karl V. (1500–1558) geplante Heirat Hermanns von Neuenahr mit der Kaisernichte Christina von Dänemark (1521–1590), Witwe des Herzogs Francesco II. Sforza (1495–1535) von Mailand, kam nicht zustande.Akten über eine projektierte Vermählung des Grafen Hermann von Nuenar (Neuenahr) mit Herzogin Christine, Witwe des Herzogs Franz Sforza von Mailand. 1534–1538; Österreichisches Staatsarchiv Wien (Haus-, Hof- und Staatsarchiv, Habsburgisch-Lothringisches Hausarchiv, Familienakten 20-5). Christinas erster, kränklicher und wesentlich älterer Mann Francesco II. Sforza starb erst 1535. 1538 heiratete er Gräfin Magdalena von Nassau-Dillenburg (1522–1567), Tochter von Wilhelm dem Reichen von Nassau (1487–1559), eine Halbschwester von Wilhelm I. von Oranien (1533–1584). Magdalena brachte 10.000 Goldgulden Brautschatzgelder ein.Akten, 1558–1596; Landesarchiv NRW Abteilung Rheinland Duisburg (Moers, Oranien-Moers (Akten), Nr. 15)

Im Frühjahr 1539 nahmen „her Wilhelm grave zu Neuenar; herr Hermann grave zu Neunar irer gnoden sone“Edition: „Neuemar“ bzw. „Neumar“. an Friedensverhandlungen der Gesandten Kaiser Karls V. mit dem Schmalkaldischen Bund (Frankfurter Anstand) auf dem Fürstentag in Frankfurt am Main teil.Aus der Chronik des Schuhmacherhandwerks. 1504–1546. In: R. Jung (Bearb.): Frankfurter Chroniken und annalistische Aufzeichnungen der Reformationszeit (Quellen zur Frankfurter Geschichte 2), Carl Jügel, Frankfurt am Main 1888, S. 10–26, bes. S. 14 (Google-Books). Um die Jahreswende 1539/40 standen Wirich V. von Daun-Falkenstein (1473–1546), Brief von Gregory Cromwell, 1st Baron Cromwell († 1551) an seine Frau Elizabeth Seymour, Lady Cromwell († 1568) aus Calais (dort verlesen „Nueuare“). In: Henry Ellis (Hrsg.): Original letters, illustrative of English history. Band III/3. Richard Bentley, London 1846, S. 251f, bes. S. 252 (books.google.de); British Museum London (Harleian MS. 296, Blatt 169 f.); Regest bei Letters and Papers, Foreign and Domestic, Henry VIII. Band XV 1540 (1896), S. 1–19 (british-history.ac.uk)., der kursächsische Hofmarschall Hans von Doltzig († 1551) und der klevische Kanzler Heinrich Bars genannt Olisleger († 1575) an der Spitze einer 263-köpfigen Delegation, die Anna von Kleve (1515–1557) auf ihrer Reise zur Hochzeit mit Heinrich VIII. von England (1491–1547) über Antwerpen und Calais nach London begleitete.Bericht von William Fitzwilliam, 1. Earl of Southampton und Nicholas Wotton an Heinrich VIII. vom 13. Dezember 1539; Regest bei Letters and Papers, Foreign and Domestic, Henry VIII. Band XIV/2 August-December 1539 (1895), S. 243–255 (british-history.ac.uk).

1542 wurde sein Vater Graf Wilhelm II. von Neuenahr von Herzog Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg und Geldern (1516–1592) mit Krefeld und der Burg Cracau belehnt. Dieses Gebiet gehörte später auch zu Hermann von Neuenahrs Herrschaftsbereich. Die Grafschaft Moers hatte gleichzeitig durch Anerkennung der jülich-klevischen Lehnshoheit (Mediatisierung) ihre Reichsstandschaft aufgegeben.Ausführliche Darstellung des Vertrags bei Christian von Stramburg: Denkwürdiger und nützlicher rheinischer Antiquarius … Abt. 3, Bd. 9: Das linke Rheinufer von Coblenz bis Bonn. Rudolph Friedrich Hergt, Koblenz 1862, S. 546 f. (Google-Books).

Namensgleicher Student in Wittenberg Am 27. April 1542 immatrikulierte sich ein „Hermannus Neuenar Coloniensis“ an der Universität Wittenberg. Briefe, die er – gemeinsam mit Philipp Melanchthon (1497–1560) – im November/Dezember 1543 an Johannes Caesarius und einen gewissen Hieronymus Neuinger,Ein Jürgen Nuyninger (Georg Nuyger; Nunyger; Nunigger; von Nuyningen; Nuynigen) wird 1534 bis 1546 als Schultheiss von Hackenbroich und Vogt des Grafen Gumprecht II. von Neuenahr-Alpen im zweiherrischen Dorf Grimlinghausen (Herrschaft Helpenstein; Kurköln) erwähnt. Hieronymus Nuyninger (Nonninger; Nonnynger) aus Niederlahnstein war 1545–1551 Zöllner und Kellner in Zons; Aenne Hansmann: Geschichte von Stadt und Amt Zons. Schwann, Düsseldorf 1973, S. 146 und 319; Landeshauptarchiv Koblenz (Bestand 108 Kartäuserkloster auf dem Beatusberg, Nr. 505, 606, 652, 696 u. a.). einen langjährigen Gönner, in Köln richtete,Brief von Philipp Melanchthon und Hermann Neuenahr (Überlieferungsvarianten: Newmayr; Neuman) aus Wittenberg an Johannes Caesarius in Köln vom 30. November 1543 und Brief von Hermann Neuenahr (Überlieferungsvariante: Neuinger) aus Wittenberg an Hieronimyus Neuinger (Überlieferungsvariante: Neumayer) in Köln oder Moers vom 30. Dezember 1543. In: Heinz Scheible (Bearb.): Melanchthons Briefwechsel. Band III Regesten 2336–3420 (1540–1543). Frommann-Holzboog, Stuttgart-Bad Cannstatt 1979, Nr. 3381, S. 450f (books.google.de), (Melanchthon-Online der Universität Heidelberg), und Nr. 3413, S. 463 f. (books.google.de, Melanchthon-Online der Universität Heidelberg). belegen, dass es sich bei diesem Studenten aus Köln nicht um den Grafen Herrmann von Neuenahr,So u. a. Peter Arnold Heuser: Zur Geschichte des Codex Argenteus im 16. Jahrhundert. In: Rheinische Vierteljahrsblätter 69 (2005), S. 133–152, bes. S. 150. sondern um einen bürgerlichen Namensvetter handelte. Graf Hermann war zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet und trat kurz darauf in Kriegsdienste. 1543 hielt er sich nicht in Wittenberg, sondern im Rheinland auf.Schreiben aus Bedburg 1543 über Kölner und Kaiserliche Angelegenheiten; Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt Magdeburg (Z 6 Anhaltisches Gesamtarchiv 1. A – Z (1307–1603), Nr. 1141); Brief an N. N. bzw. an Melanchthon vom 21. September 1543 aus Bedburg (Melanchthon-Online der Universität Heidelberg).