Verstärkung ist ein Begriff aus der Verhaltensbiologie und der Psychologie, speziell aus dem Behaviorismus.
Bei der Konditionierung bezeichnet man ein Ereignis, das die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ein bestimmtes Verhalten gezeigt wird, als Verstärkung. Unterschieden wird zwischen „positiver“ und „negativer“ Verstärkung. Beide bewirken, dass ein Verhalten häufiger gezeigt wird, mit dem Unterschied, dass bei dem positiven Verstärker – auch Belohnung genannt – ein angenehmer Reiz auf ein gewünschtes Verhalten zugefügt wird (z. B. Anerkennung, Zuwendung, Geld, Schokolade) und bei dem negativen Verstärker ein unangenehmer Reiz entfernt wird (z. B. die Entfernung von Angst, Lärm, einer unangenehmen Tätigkeit). Ein negativer Verstärker darf also nicht (wie es oft passiert) mit einer Bestrafung verwechselt werden.
Als Bestrafung bezeichnet man dagegen ein Ereignis, bei dem die Auftretenswahrscheinlichkeit eines Verhaltens gesenkt wird.Friedrich Dorsch, Hartmut O. Häcker, Kurt-Hermann Stapf (Hrsg.): Dorsch – Psychologisches Wörterbuch. 11. Auflage, Verlag Hans Huber, Bern / Stuttgart / Toronto 1987, Nachdruck 1992, ISBN 3-456-81614-6, S. 95. Unterschieden wird dabei zwischen Bestrafungstyp I, der Zufügung eines unangenehmen, also aversiven Reizes (z. B. Schläge, Beschimpfungen, Hausarrest) und dem Bestrafungstyp II, der Entfernung eines angenehmen Reizes bzw. Entzug eines Privilegs (z. B. Fernsehverbot, Wegnehmen eines Spielzeugs).
Der Fachbegriff für diese Formen des Lernens, bei denen der Organismus durch Reaktionen der Umwelt auf sein Verhalten lernt, lautet instrumentelle oder operante Konditionierung. Die Konsequenzen eines Verhaltens wirken also auf das Verhalten zurück. Nach Skinner ist allein das zeitliche Aufeinanderfolgen entscheidend („conditioning takes place presumably because of the temporary relation only“, S. 168).B. F. Skinner: Superstition in the pigeon. In: Journal of Experimental Psychology. Princeton NJ 38.1948, S. 168–172 Die Verhaltensanalyse definiert Verstärkung und Verstärker rein formal, über den Effekt auf die Rate des Verhaltens. Bezüglich der Theorien, warum ein Verstärker als solcher wirkt, siehe den Artikel Verstärker (Psychologie). Die Verstärkung kann auch in der Vorstellung ablaufen, was man als verdeckte Verstärkung bezeichnet (siehe verdeckte Konditionierung).
Positive Verstärkung Man spricht von positiver Verstärkung, wenn auf ein Verhalten ein Ereignis in der Umwelt des Organismus folgt und die Auftretenswahrscheinlichkeit dieses Verhaltens daraufhin ansteigt. Das Ereignis in der Umwelt des Organismus wird als positiver Verstärker bezeichnet. Was ein positiver Verstärker ist, kann nur an den Folgen, die er für die Auftretenswahrscheinlichkeit des Verhaltens hat, erkannt werden. Positive Verstärker sind somit nur formal definiert, nicht inhaltlich. Man kann strenggenommen nicht im Voraus sagen, ob ein bestimmtes Ereignis ein positiver Verstärker, ein negativer Verstärker oder irrelevant ist. Dennoch kann man begründete Vorannahmen machen: Ob ein Ereignis (z. B. eine Futtergabe) ein positiver Verstärker ist, hängt u. a. davon ab, ob der Organismus davon depriviert ist, d. h. das Ereignis (z. B. der Futtergabe) längere Zeit nicht mehr eingetreten ist. Verstärker können primär (artspezifisch angeboren, z. B. Nahrung, angemessene Temperatur, Gelegenheit zu sexueller Aktivität) oder sekundär sein (konditioniert bzw. erlernt; bei Menschen z. B. Erfolg, Geld, Anerkennung). Als umgangssprachliches Äquivalent zu „positiver Verstärker“ wird oft „Belohnung“ oder „angenehme Konsequenz“ verwendet. Dies widerspricht jedoch der rein formalen Definition von „positiver Verstärker“ nach Skinner, da diese Begriffe Mutmaßungen über vermeintliche mentale Zustände des Organismus enthalten.
Beispiel: Eine 24 Stunden ohne Futter gehaltene Ratte sitzt in einem Käfig mit einheitlich glatten Wänden, in dem sich als einziges abweichend gestaltetes Objekt ein kleiner beweglicher Hebel befindet und in dessen Nähe ein Ausgabeschacht für Futter angebracht ist. Wenn die Ratte diesen Hebel drückt, fallen automatisch einige Futterkörner in den Ausgabeschacht: Das Verhalten (= zufälliges Hebeldrücken) der hungrigen Ratte hat also (in Form der Futterausgabe) eine (für die Ratte) positive Konsequenz. Dies hat mittelfristig zur Folge, dass die Ratte sich häufiger als zuvor in der Nähe des Ausgabeschachts aufhalten wird und sich so auch die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die Ratte erneut den Hebel drückt. Nach zwei oder drei Dutzend Hebeldrücken hat der Beobachter den Eindruck, dass die Ratte gezielt den Hebel drückt, um Futter zu bekommen. – Das Verhalten des Hebeldrückens wurde verstärkt, oder umgangssprachlich formuliert: Die Ratte hat „gelernt“, wie sie sich Futter beschaffen kann. Der Verstärker war dabei das Ereignis der Futtergabe.
Diese kontingente Verstärkung wird auch als Dreifachkontingenz bezeichnet, da wie folgt gelernt wird: Bei Vorhandensein von Stimulus A folgt auf Reaktion B der Verstärker C. Die Organismen lernen somit, dass bei Vorliegen des Reizes A, nicht aber eines anderen Reizes, ihre Reaktion (ihr Verhalten) mit großer Wahrscheinlichkeit eine bestimmte – angenehme – Konsequenz seitens der Umwelt haben wird.
Negative Verstärkung Von negativer Verstärkung wird gesprochen, wenn ein unangenehmer Reiz entfernt wird. Die negative Verstärkung führt – wie die positive Verstärkung – zu einer Erhöhung der Auftretenswahrscheinlichkeit von Verhalten. Eine Verstärkung kann auch darin bestehen, dass ein (z. B. angstauslösendes) Ereignis in der Umwelt des Organismus vermieden wird und die Rate des Verhaltens daraufhin ansteigt.
Beispiel: Eine Ratte sitzt im Käfig, der Eisenboden steht unter Strom. Die Ratte zeigt nun verschiedene Verhaltensweisen, u. a. drückt sie den Hebel. Als Konsequenz auf das Verhalten „Hebel drücken“, wird der Strom abgeschaltet. Wird in späteren Durchgängen wieder der Boden unter Strom gesetzt, drückt die Ratte den Hebel früher als zuvor (und beendet damit den Stromstoß). Schließlich drückt die Ratte den Hebel, noch bevor Strom fließt, der aversive Reiz (der Stromstoß) wird somit vermieden.
Aus verhaltenstherapeutischer Sicht kann auch die Aufrechterhaltung von Phobien als ein Fall von negativer Verstärkung angesehen werden. Ein Mensch mit einer Hundephobie wechselt z. B. die Straßenseite, wenn ihm ein Hund entgegenkommt. Durch das Wechseln der Straßenseite beendet oder vermeidet er den angstauslösenden Kontakt mit dem Hund. Das phobische Verhalten „Wechseln der Straßenseite“ wird dadurch jedoch verstärkt, d. h. hier: aufrechterhalten.
Vermeidung Bei der Vermeidung handelt es sich um eine Form der negativen Verstärkung, bei der eine Reaktion verhindert, dass ein aversiver Reiz überhaupt auftritt. Beispielsweise vermeidet man durch Zahlung eines Strafzettels unangenehme Folgen eines Zahlungsverzuges. Zur Erklärung von Vermeidungsverhalten gibt es zwei einflussreiche Theorien: die Zwei-Faktoren-Theorie und die Einfaktortheorie.
Zwei-Faktoren-Theorie
Die Zwei-Faktoren-Theorie von Orval Hobart Mowrer postuliert, wie der Name schon andeutet, zwei Komponenten einer Vermeidungsreaktion:
Klassische Konditionierung: einen zuvor neutralen Reiz zu fürchten lernen. Operante Konditionierung: zu reagieren, um dem Reiz zu entkommen.
Einige experimentelle Befunde stützen die Zwei-Faktoren-Theorie andere dagegen kritisieren die Zwei-Faktoren-Theorie: Individuen führen weiterhin Vermeidungsreaktionen aus, obwohl sie keine Anzeichen von Angst zeigen und Vermeidungsreaktionen sind im Allgemeinen löschungsresistent.
Einfaktortheorie
Diese wurde als Alternative zur Zwei-Faktoren-Theorie vorgeschlagen. Sie geht im Gegensatz zur Zwei-Faktoren-Theorie davon aus, dass für das Vermeidungsverhalten das Entfernen des erlernten angstauslösenden Reizes nicht erforderlich ist. Die Vermeidung des aversiven Ereignisses an sich ist der Verstärker. In Experimenten konnte gezeigt werden, dass Versuchstiere Vermeidungsreaktionen erlernen können, ohne dass es einen Reiz gibt, der einen bevorstehenden aversiven Stimulus ankündigt.
Bestrafung Direkte Bestrafung – Strafe Typ I (auch „positive“ Bestrafung) liegt vor, wenn das operante Verhalten ein Ereignis herbeiführt, das zur Abnahme der Verhaltensrate in dieser Situation führt. Als Bestrafung (im verhaltenswissenschaftlichen Sinn) kann beispielsweise der Stromschlag bezeichnet werden, den ein Weidetier erhält, wenn es den Draht des elektrischen Weidezauns berührt (sofern das Tier das Verhalten „Berühren des Weidezauns“ in Zukunft seltener zeigt; man spricht dann von einer „Bestrafung“, wenn aufgrund einer Verhaltenskonsequenz die Rate dieses Verhaltens sinkt). Ein anderes Beispiel für Bestrafung ist das laute „Pfui!“, wenn ein Hund etwas Unerlaubtes tut (sofern das „Pfui“ ein konditionierter Strafreiz für den Hund ist) oder ein fester Ruck an der Leine.
Indirekte Bestrafung – Strafe Typ II (auch „negative“ Bestrafung) liegt vor, wenn aufgrund des operanten Verhaltens ein zuvor vorliegendes Ereignis beendet wird und damit die Verhaltensrate abnimmt. In der „Skinner-Box“ bekommt die Ratte auf Hebeldruck kein Futter mehr, wie noch zuvor. Die Ratte wird langsam aufhören, den Hebel zu drücken. Oder Eltern verbieten ihrem Kind fernzusehen (sofern das Fernsehen für das Kind einen angenehmen Reiz darstellt), wenn es sich nicht an bestimmte Familienregeln gehalten hat.
Von der Bestrafung ist die Löschung zu unterscheiden. Dabei wird ein Verstärker, der bislang auf ein Verhalten folgte, nicht mehr gegeben. Die Rate des Verhaltens sinkt daraufhin.
Bestrafung stellt das Gegenteil von Verstärkung dar: während Verstärkung eine Zunahme des Verhaltens bewirkt, bewirkt Bestrafung eine Abnahme. Wenn ein bestimmtes Verhalten bestraft wird, geht die Häufigkeit dieses Verhaltens zurück, während andere nicht-bestrafte Verhaltensweisen im Wesentlichen unverändert bleiben.
Strafreize Ähnlich wie Verstärker können auch Strafreize in primäre und konditionierte Reize unterteilt werden.
Primäre Strafreize sind Reize, die meist direkt auf den Organismus einwirken und physischen Schaden verursachen (z. B. Schläge). Sekundäre Strafreize werden erst durch die individuelle Lerngeschichte zum Strafreiz (z. B. Ermahnungen). Generalisierte Strafreize sind Reize, die mit einer Vielzahl von anderen Strafreizen gekoppelt sind (z. B. sozialer Ausschluss).
Faktoren, die Effektivität von Bestrafung beeinflussen Im Rahmen der experimentellen Verhaltensanalyse wurden die Auswirkungen von Bestrafung auf das Verhalten ausgiebig erforscht. Die Effektivität von Bestrafung hängt von mehreren Faktoren ab:
Intensität
Soll es zu einem dauerhaften Abbau eines Verhaltens kommen, so sollte Bestrafung sofort mit voller Intensität eingesetzt werden. Individuen können sich an eine milde Strafe gewöhnen (Habituation) und können diese Habituation auch auf höhere Bestrafungsintensitäten generalisieren. Fängt man also mit einer milden Bestrafung an und steigert diese sukzessive, sind die Auswirkungen auf das Verhalten gering. Bei einer hinreichend hohen Bestrafungsintensität kommt es hingegen zu einer vollständigen Einstellung des Verhaltens. So wurde beispielsweise in einem Experiment beobachtet, dass ein Stromstoß mit 80 Volt ausreichte, um bei Tauben eine dauerhafte Unterdrückung einer Verhaltensweise zu erreichen. Wurde dagegen mit niedrigeren Spannungen begonnen, gewöhnten sich die Tauben an die Bestrafung und führten das Verhalten sogar bei Stromschlägen mit 130 Volt aus.
Unmittelbarkeit