Der Begriff griechische Literatur steht für die Literatur in griechischer Sprache, das heißt sowohl in altgriechischer als auch mittelgriechischer und neugriechischer Sprache. Im engeren Sinn versteht man darunter jedoch oft auch nur die altgriechische Literatur der Antike, wie es sich in der Forschung allgemein eingebürgert hat (zum Beispiel Einteilung der Lehrstühle und Studienfächer an Universitäten). So werden auch hier die byzantinische (mittelgriechische) und neugriechische Literatur in separaten Artikeln behandelt. Der Einfachheit halber wird im Folgenden die altgriechische Literatur auch oft kurz als „griechische“ Literatur bezeichnet.
Überlieferung Viele Texte der antiken griechischen und lateinischen gingen durch die Bücherverluste in der Spätantike verloren. Im Wesentlichen liegen uns nur die Texte vor, die christliche Mönche im Mittelalter abgeschrieben haben. Ihre Handschriften (Codices) werden punktuell ergänzt durch kostbare spätantike Codices,Beispiele: Wiener Dioskurides, für die lateinische Literatur: Vergilius Romanus, Vergilius Vaticanus. durch PapyrusfundeBesonders relevant beispielsweise für unsere Kenntnis von Sappho, Alkaios, Menander, aber auch Hellenika Oxyrhynchia, Aristoteles (Athenaion politeia) und Philodemos von Gadara. und SteininschriftenBeispiele: Stadtrecht von Gortys, Res gestae divi Augusti, Diogenes von Oinoanda., doch diese ergänzenden Überlieferungswege können bei weitem nicht die Verluste ausgleichen.Umfangreiche Überlegungen zu den Verlusten und zu ihrer Quantifizierung siehe unter Bücherverluste in der Spätantike. Man wird kaum fehlgehen, wenn man zudem annimmt, dass bestimmte Bereiche der Literatur überdurchschnittlich von den Verlusten betroffen sind:Teils zufällig, teils vorsätzlich, wie bereits Apostelgeschichte 19,19 im Bericht von einer Bücherverbrennung durch den Apostel Paulus belegt. Als pointiertes „Statement“ in dieser Richtung sei genannt: Catherine Nixey: The Darkening Age. The Christian Destruction of the Classical World. Macmillan, London 2017, deren Darstellung allerdings in der Forschung umstritten ist. Deutsche Ausgabe: Heiliger Zorn. Wie die frühen Christen die Antike zerstörten. 2. Auflage. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2019, ISBN 978-3-421-04775-5. „heidnische“ Götterlehre, Philosophie des Atheismus,Auch hierfür sei ein pointiertes „Statement“ angeführt: Tim Whitmarsh, Battling the Gods: Atheism in the Ancient World (2016). Literatur von Frauen,In diesem Bereich hat die neuere Forschung uns besseren Überblick verschafft, beispielsweise durch Anthologien und lexikalische Zusammenstellungen der wenigstens namentlich oder fragmentarisch überlieferten Autorinnen. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen Dichterinnen. Philosophinnen wurden insbesondere im Zusammenhang mit Hypatia thematisiert, doch ist mindestens ein Dutzend Namen überliefert. – Ellen Greene (Hrsg.), Women Poets in Ancient Greece and Rome (2005) S. 192–196 (auf Dichtung beschränktes Verzeichnis); Ian Michael Plant, Women writers of ancient Greece and Rome: an anthology (2004); Marjorie Lightman/Benjamin Lightman, A to Z of Ancient Greek and Roman Women. Revised edition (2008). Literatur der gleichgeschlechtlichen Liebe bzw. KulturZu den Resten zählen: Sappho, Buch 2 der Theognis-Sammlung und Straton von Sardis. und anderes mehr. Entsprechende Ansätze der neueren Forschung stehen hier regelmäßig vor großen Lücken in der Quellenbasis, die nicht durch Spekulation zu schließen sind. Diese quellenmäßige Beschränkung gilt jedoch überhaupt für weite Bereiche der griechischen Literatur: Von kaum einem Autor liegt das Gesamtwerk vor.
Darüber hinaus wird unser Bild von der griechischen (und der lateinischen) Literatur maßgeblich durch die jahrhundertelange Rezeptions- und Forschungstradition geprägt. Autoren, die zum Kanon der Schullektüre gehör(t)en, wurden weit intensiver gepflegt und erforscht als andere. Insbesondere in den Bereichen der „kleinen“ Autoren, der sogenannten Buntschriftsteller und der Fachliteratur harren noch viele Autoren und Texte der (breiteren) Entdeckung. Selbst wo der Unterricht an Schulen (und Universitäten) heute neuere Strömungen der Geschichts- und Literaturwissenschaft aufgreift, tut er das im Regelfall weiterhin nur (bzw. vorzugsweise) am Beispiel der etablierten Schulautoren.
Die jahrhundertelange Rezeption der griechischen Literatur in Mitteleuropa zeigt andererseits auch ihre Bedeutung für uns, bzw. teilweise macht die Rezeption die Bedeutung erst aus. Die indische oder arabische Literatur sind nicht weniger reich, doch sie stehen uns buchstäblich fern und sind viel weniger in unser kulturelles Erbe eingegangen.
Altgriechische Literatur Archaische Periode Epik Die ersten überlieferten Zeugen der griechischen – und damit auch der europäischen – Literatur bilden die Epen des Homer, der bereits in einer langen Tradition mündlicher Überlieferung steht. Neben Ilias und Odyssee, die gemeinhin Homer zugeschrieben werden, existieren noch weitere, sogenannte kyklische Epen, die zwar Homer zugeschrieben wurden, aber heute zumeist nicht mehr als homerisch gelten können. Sie behandeln aber genau wie Ilias und Odyssee den Sagenkreis um den Trojanischen Krieg, von dem die homerischen Gedichte nur Ausschnitte schildern.
Der zweite große Epiker der Frühzeit ist Hesiod. Zwischen ihm und Homer stellten sich die Griechen sogar einen „Wettkampf“ vor, obwohl die Lebenszeiten der beiden Dichter einen solchen überhaupt nicht zulassen. Die beiden großen Epen, die von Hesiod auf uns gekommen sind, sind die Theogonie, welche umfassend die griechische Mythologie darstellt, sowie die Werke und Tage, ein Lehrgedicht in epischer Form, das im Wesentlichen das Bauernhandwerk behandelt.
Lyrik Von der Mehrzahl der frühgriechischen Lyriker sind nur Fragmente überliefert, teils als Zitate bei anderen antiken Schriftstellern, teils als Papyrusfunde. Letztere haben unsere Kenntnis wesentlich erweitert. Noch im 19. Jahrhundert war von Sappho und Alkaios von Lesbos so gut wie nichts bekannt. Lediglich die Chorlieder des Pindar sind nahezu vollständig in zwei Büchern überliefert. Die Sammlungen von Theognis von Megara (Corpus Theognideum) und Anakreon (Anakreonteia) enthalten nach neuerer Forschung auch Gedichte anderer Lyriker.
Lyrik (griechisch lyrikós, nach einem antiken Instrument, der Lyra) war ursprünglich die in Begleitung eines Saiteninstruments vorgetragene Kunstdichtung, die sich in zwei Hauptformen, monodische Lyrik und Chorlyrik untergliederte. Die bekanntesten Vertreter wurden im Kanon der neun Lyriker zusammengefasst. Die Einteilung in einzelne Gattungen der Lyrik erfolgt äußerlich nach den Versmaßen, wobei das jeweilige Metrum aber mit dem Inhalt der Dichtung korrespondiert. Die Verse sind im Grundsatz als eine regelmäßige Abfolge langer und kurzer Silben zu verstehen, wohingegen dem Versakzent allenfalls untergeordnete Bedeutung zukam.Solange die Wikipedia noch keinen Artikel Griechische Metrik enthält, sei für diesen grundlegenden Unterschied behelfsweise auf Historische Metrik und Lateinische Metrik verwiesen. In manchen lyrischen Gattungen und in den Liedern der antiken Tragödien und Komödien bilden mehrere Verse unterschiedlicher Versmaße teils kompliziert gebaute Strophen. Einerseits ist dieser Vers- und Strophenbau ein wichtiger Aspekt griechischer Lyrik (und Theaterdichtung), da darin wenigstens ein Rest ihrer Musikalität überliefert ist (Melodien sind nicht erhaltenNur ein einziges Beispiel der aus der Antike überlieferten Fragmente griechischer Musik bezieht sich auf einen bekannten literarischen Text, einige wenige Verse aus dem Orestes des Euripides. Egert Pöhlmann, Denkmäler altgriechischer Musik, Nürnberg 1970.). Andererseits stellt die Metrik für heutige Leser eine große Herausforderung dar.
Monodische Lyrik Die monodische Lyrik ist die von einem einzelnen Sänger vorgetragene Lyrik. Sie entstand auf der Insel Lesbos. Der Dichter und Musiker Terpander, der auf der Insel geboren wurde, jedoch die meiste Zeit in Sparta verbrachte, gilt als erster griechischer Dichter, der Musik und Dichtung miteinander verband. Die meisten seiner Gedichte waren ein hymnischer Melodientyp (Nomoi) der altgriechischen Musik, der zu Beginn nur instrumental, später mit Text vorgetragen wurde oder liturgische Hymnen, die zu Ehren eines Gottes geschrieben und von einem einzelnen, von einer Leier (Lyra) begleiteten Sänger vorgetragen wurde.
Chorlyrik Die so genannte Chorlyrik – für gemeinsam sprechende, singende und tanzende Personen – wurde im 7. Jahrhundert v. Chr. von Dichtern, die im dorischen Dialekt schrieben, begründet. Der dorische Dialekt war im südlichen Peloponnes und Ägäis beheimatet, später wurde er auch für Chorgesänge in weiteren Teilen Griechenlands verwendet. Die Dichter verfassten ihre Gesänge und Tänze zunächst für kultische Feiern, später auch für andere Anlässe, wie zum Beispiel zur Feier eines Siegs bei sportlichen oder musischenBeispielsweise gilt Pindars 12. Pythische Ode einem Sieg in einem musischen Agon: Midas von Akragas hatte im Aulos-Spiel gesiegt. Wettkämpfen. Am Übergang zur Klassik ist Pindar zu nennen.
Jambische Lyrik Der Jambus ist ursprünglich ein Versfuß aus einer kurzen, unbetonten und einer langen, betonten Silbe. Er war prägend für die Jambendichtung u. a. des Archilochos.
Elegie Ausgehend von der römischen Elegie sind Elegien in der neuzeitlich-abendländischen Literatur inhaltlich Gedichte im klagenden Ton und in resignativer Wehmut. Die frühgriechische Elegie kannte diese Beschränkung noch nicht. Formal sind die Gedichte durch das sog. elegische Distichon gekennzeichnet. Dabei handelt es sich um ein Verspaar, das aus einem Hexameter und einem Pentameter besteht.
Wissenschaftsprosa Um 550–450 v. Chr. wurden in Prosa verschiedene Realia (Neuigkeiten, Kenntnisse) über Völker, Städte und den Adel gesammelt und geordnet. Anders als im Epos, dessen Kennzeichen das Staunen über die Taten der Götter und Heroen war, wurde hier das Erkennbare sachlich und kritisch vorgestellt. Das Werk dieser Autoren basiert auf der eigenen Wahrnehmung (αὐτοψία, autopsia), auf der von anderen (ἱστορία, historia = Erfahrung) und auch auf Anekdoten und Novellen. Hekataios von Milet (ca. 550–480 v. Chr.) ist der bedeutendste Vertreter.
Philosophie Die archaische Zeit (7./5. Jahrhundert v. Chr.) ist für die Philosophie der Antike die Periode, die als bedeutendstes Forschungsobjekt den Kosmos hat. Die Vertreter der Schule von Milet (die Naturphilosophen) stellen den Ursprung (ἀρχή, archē) des Seins im Urstoff der Materie fest. Thales von Milet, (um 640–545 v. Chr.): Urstoff = das Wasser Anaximander, (um 610–546 v. Chr.): Urstoff = das Apeiron (ἄπειρον) Anaximenes, (um 585–528 v. Chr.): Urstoff = die Luft Pythagoras: Das Problem Werden/Veränderung der Unveränderlichkeit? Heraklit von Ephesos Die Schule von Elea: Parmenides, Zenon
Klassische Periode Drama Die Attische Tragödie: Aischylos, Sophokles, Euripides Das Satyrspiel Die Komödie: Aristophanes siehe auch: Theater der griechischen Antike
Andere Formen der Poesie Dramatik und Rhetorik waren typische Formen der Gesellschaftskunst und schufen für die (individuelle!) Lyrik dieser Periode weniger günstige Voraussetzungen.
Kreative Prosa die Historiografie: Herodot, Thukydides, Xenophon die andere wissenschaftliche Literatur: das Corpus Hippocraticum behandelt verschiedene medizinische Probleme; es ist nicht sicher, welche Schriften direkt auf Hippokrates (ca. 460 – ca. 370 v. Chr.) zurückgehen. Sein Vorbild bestimmt das ärztliche Standesethos bis heute. Auch literarisch ist das Werk nicht unbedeutend. die Rhetorik: Lysias, Isokrates, Demosthenes, Aischines, vgl. Rhetorik der Antike
Philosophie die jüngeren Naturphilosophen: Empedokles, Demokrit die Sophisten relativierten das traditionelle Wertsystem: Protagoras, Hippias, Gorgias