mini|Die möglicherweise älteste erhaltene Wiener Fotografie zeigt die Hofreitschule und das alte Burgtheater (rechts). Andreas von Ettingshausen, Daguerreotypie, vor Juni 1840Die Spanische Hofreitschule ist eine im Michaelertrakt der Hofburg in Wien ansässige Reitinstitution, die ursprünglich der reiterlichen Ausbildung der kaiserlichen Familie diente. Sie ist einer der wichtigsten Orte zur Erhaltung der klassischen Reitkunst, wobei ausschließlich Lipizzaner ausgebildet werden. Die kaiserlich-königliche Stadtreitschule wurde vermutlich seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts üblicherweise Spanische Hofreitschule genannt.
2010 wurde die Klassische Reitkunst und die Hohe Schule der Spanischen Hofreitschule in das immaterielle Kulturerbe der UNESCO aufgenommen, wie es die Österreichische UNESCO-Kommission auf der Österreichliste Nationales Kulturgut deklariert. 2015 wurde die Spanische Hofreitschule in das internationale repräsentative Verzeichnis für das immaterielle Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen.Hofreitschule nun UNESCO-Weltkulturerbe. In: wien.orf.at. 2. Dezember 2015, abgerufen am 2. Dezember 2015. 2016 wurde auch das Wissen um die Lipizzanerzucht am Lipizzanergestüt Piber, das die Hofreitschule mit den Schulhengsten versorgt, eigenständig in die österreichische UNESCO-Liste aufgenommen.
Geschichte mini|200px|Reitsaal
Älter als das Gebäude ist die Institution, die dieses beherbergt. Das in ihrem Namen leitet sich von der auf der iberischen Halbinsel heimischen Pferderasse her, die sich als besonders befähigt für die klassische Reitkunst erwies.
Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts erlebte die Hohe Schule eine Wiedergeburt. Verhältnismäßig rasch verbreitete sie sich über ganz Europa und fand ihre natürlichen Zentren vor allem an den Fürstenhöfen, wo eine ehrwürdige chevalereske Tradition und ein höchstentwickelter Sinn für das Zeremonielle und Zeremoniöse die Schulreiterei günstig beeinflusste. Dies trifft nicht nur, sondern in erster Linie auf den Kaiserhof in Wien zu, den Fäden ganz eigener Art mit dem für die klassische Reitkunst so bedeutungsvollen Mittelmeerraum verbanden. Ein Habsburger trug die Krone des Heiligen Römischen Reiches, ein anderer residierte in Spanien und war zugleich Herr Neapels, und zwischen beiden und ihren Ländern strömte der ständige Austausch von Gütern ideeller und materieller, wirtschaftlicher, kultureller und eben auch equestrischer Art.
Während der Regierungszeit Josephs I. und Karls VI. war die „Reut-Schul“ eine selbstverständliche Einrichtung und damit nicht besonders nennenswert. Dass sie schon seit längerem bestand und über wunderbare Hengste verfügte, war nichts außergewöhnliches. Weder Oberbereiter noch Stallmeister in diesem Jahrhundert haben ihre Lehren publiziert oder waren sonst an die Öffentlichkeit getreten. Am Wiener Hof gab es keinen Pluvinel oder Löhneyßen, keinen Newcastle oder Solleysel. Ausschließlich der Kaiser und sein Oberstallmeister haben die Reitkultur repräsentiert. Die handschriftlichen „Direktiven“ eines Oberbereiters dienten nur den Scholaren zur Ausbildung. Kein Fachmann schob sich zwischen Kaiser und dem Gegenstand seines Interesses. Der Absolutismus am Wiener Hof verhinderte, zum Unterschied von anderen, dass Fachleute in den Vordergrund traten. An allen Adelshöfen waren Reitanlagen eine Selbstverständlichkeit, Pferdeschwemmen waren kunstvoll gestaltet. Im Einflussbereich des Herrschers standen Stallungen und Reitbahn und wurden dem Palast gleichgestellt. Der Begriff „Schloss der Rosse“ wurde mit Recht verwendet.Georg Kugler, Wolfdieter Bihl: Die Lipizzaner der Spanischen Hofreitschule. 2002, S. 100.
Ferdinand I. mini|200px|Winterreitschule, Schnitt; Zeichnung von George Niemann
Ferdinand I. (1503–1564), der in Spanien aufwuchs, von 1518 bis 1521 bei seiner Tante und Regentin Margarete in Brüssel und Mecheln weilteAlfred Kohler: Ferdinand I., 1503–1564. Fürst, König und Kaiser. Beck, München, 2003, ISBN 3-406-50278-4, S. 56. und 1521 nach Wien kam, führte „Gineten“ (Andalusier) in Prag und Wien ein. An der Prager und an der Wiener Burg ließ er Stallungen errichten. Dafür ließ sich Ferdinand I. überdies aus Spanien eine planta de la traca de la cavalleriza,Salinas an Ferdinand, 23. März 1559, HHStA, Spanien, Diplomatische Korrespondenz 5, Konv. 11. also einen Plan für den Bau eines Stalls (Reitstalls) schicken.Cfr. Die dementsprechende, aber kaum zu überprüfende Angabe hinsichtlich eines spanischen Einflusses bei der Errichtung der Wiener Stallburg bei: Ferdinand Opll, Karl Rudolf: Spanien und Wien. 1991, S. 83.
Ferdinand setzte spanische Gefolgsleute vor allem in allen Bereichen, die mit Pferden, Jagd und Tierzucht zu tun hatten, ein. Juan Maria (?), von dem man nicht mit Sicherheit sagen kann, ob er Spanier war, bekam 1533 von Ferdinand I. den Auftrag in Himberg ein „niederländisches“HKA, GB 40 (1533), fol. 197v; GB 41 (1534), fol. 25r, 39r, 55v, 92v+93r. Gestüt zu gründen. Juan Maria führte den Falkenhof, in dem neapolitanische Pferde gezüchtet wurden, bis 1541. In diesem Jahr wurde Pedro de Rada, der mit einiger Sicherheit Spanier war, der neue Leiter und führte es bis zu seinem Tod 1549.Christopher F. Laferl: Die Kultur der Spanier in Österreich unter Ferdinand I. 1522–1564. 1997, S. 73. Dieses Gestüt wurde 1543, vielleicht nur zeitweise, nach Podiebrad in Böhmen verlegt.HKA, GB 54 (1543), fol. 100r+v. Neapolitaner standen in Gahling (Máriakálnok) in der Kronherrschaft Ungarisch-Altenburg Königin Marias (1538). Das 1540 nach Halbturn übersiedelte Gestüt übernahm 1553 der spätere Maximilian II., der es dann seinerseits nach Mönchhof verlegte.
Also waren Spanier und spanische Pferde maßgeblich an der Pferdezucht in Wien beteiligt. Die Pferde des königlichen Stalls kamen aber nicht ausschließlich aus Spanien. Es war in Spanien nicht immer möglich, die große Nachfrage zu decken. Der Transport war teuer und ein Risiko und für die Kosten und die Verpflegung musste während der Reise gesorgt sein. Günstiger war es sicher, Pferde auf dem Landweg und von näher gelegenen Gegenden nach Österreich zu bringen. Aus verschiedenen Rechnungsbelegen ist zu erfahren, dass „zu erkauffung etlicher neapolitanisch pherdt geldt zu verordnen“HKA, GB 41 (1534), fol. 39r. sei. Neben Pferden aus Neapel lässt Ferdinand I. auch „türkische phardt“HKA, GB 60 (1546-1548), fol. 352r+v. für den Hof in Wien kaufen.
Auch die Reiterei blieb lange Zeit in spanischer Hand. Namen aus späteren Jahren wie Luis Acarto, Antonio und Bartolomé Moreto und Juan de Salazar belegen dies.Christopher F. Laferl: Die Kultur der Spanier in Österreich unter Ferdinand I. 1522–1564. 1997, S. 73. Somit lässt sich seit der Zeit Ferdinands I. von einer habsburgischen Spanischen Hofreittradition sprechen, und nicht erst ab dem 17. Jahrhundert.Lit.: Lorenz Mikoletzky: Wie alt ist die Spanische Reitschule wirklich? In: MÖStA, 1985.Ferdinand Opll, Karl Rudolf: Spanien und Wien. 1991, S. 82–88.Georg Kugler, Wolfdieter Bihl: Die Lipizzaner der Spanischen Hofreitschule. 2002, S. 167. Pedro de Rada wurde aber nicht nur als Reiter eingesetzt, sondern legte auch 1549 in Himberg einen Fischteich an.Christopher F. Laferl: Die Kultur der Spanier in Österreich unter Ferdinand I. 1522–1564. 1997, S. 74.
Maximilian II. Erzherzog Maximilian, Sohn Kaiser Ferdinands I. und dann von 1564 an über zwei Dezennien lang selbst Herr und Mehrer des Reiches, bemühte sich auch von Wien aus um regelmäßige Lieferungen spanischer Pferde, sei es aus Süditalien oder aus Spanien selbst. Seine Leibpferde wurden 1551 zunächst in Wien in der Renngasse untergebracht. Der Umbau der Stallburg, die nach spanischen Plänen als Residenz für Ferdinand I. 1560 erbaut aber als solche nie benutzt wurde, erfolgte bereits 1565 bis 1569. Seit diesem Zeitpunkt sind die Leibpferde der Habsburger dort untergebracht.
Erste Erwähnung 1565 Im September 1565 wird ein Geldbetrag „zur Aufrichtung des Thumblplatz im Garten in der Burg alhie“ verwendet werden.Moriz Dreger: Baugeschichte der k. k. Hofburg in Wien bis zum XIX. Jahrhundert. (= Österreichische Kunsttopographie. Bd. 14). Schroll, Wien 1914, S. 123. Dies muss als erste Erwähnung der späteren Spanischen Hofreitschule angesehen werden. Das bisher stets angeführte Jahr 1572 als erste überlieferte Erwähnung der Spanischen Reitschule muss auf 1672 korrigiert werden, außerdem ist in der Quelle von einem „Spannischen“ bzw. „Spännischen Reithstall“, nicht von einem „Reithsall“ die Rede. Die Institution ist also älter als bisher angenommen.
Dieser Thumblplatz erstreckte sich auf dem Gelände des heutigen Josefsplatzes und seiner nächsten Umgebung. Am 20. September dieses Jahres wurde dem Vizedom für Österreich unter der Enns anbefohlen, eine Summe von 100 Gulden „zur Aufrichtung des Thumblplatz im Garten an der Purgkh alhie“ auszufolgen. Es handelte sich dabei um eine offene Reit- und Turnierbahn, die bei schlechter Witterung das Verlangen nach einer gedeckten Reitschule hervorrufen musste. Ein anderes, mit 30. Jänner 1593 datiertes Aktenstück berichtet, dass der schadhaft sei und verlangt: . Der langgestreckte und schmale Thumblplatz ist wahrscheinlich stadtwärts beim Wall gelegen. Natürlich konnte man mit ihm nicht viel Staat machen, immerhin war er besser als gar nichts. Er gewährleistete eine erfolgversprechendere Ausbildung im Sinne der Hohen Schule, wie dies im Freien eben möglich sein konnte. Zu den Pferden die um 1593 dort getummelt wurden, gehörten Pferde aus Kladrub und Mönchhof (später Halbthurn) aber keine Pferde aus Lipica. 1580 nämlich war es zu einem für die Geschichte der kaiserlichen Reitschule einschneidenden Ereignis gekommen, zur Gründung des Hofgestüts Lipica durch Erzherzog Karl von Innerösterreich. Doch die Pferde aus dem Gestüt Lipica wurden noch ausschließlich für den Hof in Graz gezüchtet.
Leopold I. mini|200px|Der Hengst Maestoso Basowizza unter dem Oberbereiter Andreas Hausberger
In den Jahren 1641 und 1642 erwog man nun eine bauliche Kombination von Reitschule und Schatzkammer. Der Hofbauschreiber Frischhauser berechnete damals die Erbauung einer Schatzkammer auf 22.820 Gulden und 22 Kreuzer. Aber das Projekt fiel ins Wasser, und erst als Kaiser Leopold I. seine Erblande und das Reich regierte, kamen die Dinge bezüglich eines festen, nach allen Seiten hin geschlossenen Heimes für die kaiserliche Reitschule in Fluss. Unter diesem reichbegabten Habsburgerherrscher wurde nicht nur die Grundlage für die Musik- und Theaterstadt Wien gelegt, es setzten auch die prunkvollen Karussells und jene equestrischen Vorführungen ein, die unter dem Namen Roßballette an italienischen Höfen bereits en vogue waren, nun im Leopoldinischen Wien aber an Glanz und verschwenderischer Ausstattung weit übertroffen wurden. Ein derartiges Roßballett wurde anlässlich der Vermählung des Kaisers mit der spanischen Infantin Margareta Theresia am 24. Jänner 1667 auf dem inneren Burgplatz gezeigt, und vielleicht zum ersten Mal in Wien leitete damals menschliche Musik die Rhythmik der Pferde.
Am 20. August 1672 erging an den Schlosshauptmann von Ebersdorf die Weisung, . Erstmals taucht auch der Ausdruck Spanischer Reitstall in dieser Urkunde auf.