mini|Gerstenkorn nach ca. zwei Tagen mini|Gerstenkorn nach fünf Tagen mini|Geplatztes Gerstenkorn Ein Hordeolum (Plural Hordeola; Diminutiv von ; hordeolum = Gerstenkorn)Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon. 3. Auflage, Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 476. Digitalisat der Ausgabe von 1844, Internet Archive.Heinz Walter, Günter Thiele (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete, Loseblattsammlung, Band 3 (F–Hyperlysinämie), Verlag Urban & Schwarzenberg, München / Berlin / Wien 1969, ISBN 3-541-84000-5, S. H 254. oder deutsch Gerstenkorn, LidrandabszessJosef Hammerschmid-Gollwitzer: Wörterbuch der medizinischen Fachausdrücke. Rheingauer Verlagsgesellschaft, Eltville 1983, ISBN 3-88102-061-6, S. 178. oder ZilienabszessPeter Altmeyer: Therapielexikon: Dermatologie und Allergologie. 2. Auflage. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 2005, ISBN 3-540-23781-X, S. 385. (englisch: stye oder sty; französisch: grain d’orge [Botanik], hordéole, compère-loriot oder orgelet [Medizin]; mittelbairisch, österreichisch: Gerschtl; schweizerdeutsch: Ürseli, Gritli, Werle; österreichisch: Wern) ist eine meist eitrige Entzündung der Drüsen der Augenlider (Blepharitis) in Form eines Abszesses mit Durchbruch nach innen oder außen.
Das Gerstenkorn gilt als Äquivalent des Furunkels (Augenlidfurunkel, Augenlidkarbunkel). Im Unterschied zum Furunkel hat ein Hordeolum als Infektion einer exokrinen Drüse jedoch einen Ausführungsgang, durch den das eitrige Sekret abfließen kann.
Bei einem Hordeolum externum erfolgt der Eiterabfluss nach außen; es sind entweder die Moll-Drüsen (Schweißdrüsen) oder die Zeis-Drüsen (Talgdrüsen) betroffen. Bei einem Hordeolum internum erfolgt der Eiterdurchbruch vom TarsusMaxim Zetkin, Herbert Schaldach: Lexikon der Medizin, 16. Auflage, Ullstein Medical, Wiesbaden 1999, ISBN 978-3-86126-126-1, S. 881. ausgehend nach innen, hier sind die Meibom-Drüsen (Talgdrüsen am Lidrand, Glandulae tarsales) infiziert.
Vom Hordeolum abzugrenzen ist das schmerzlose Chalazion (Hagelkorn), bei dem es sich um eine chronische granulomatöse Entzündung der Meibomschen Drüsen handelt.Theodor Axenfeld (Begründer), Hans Pau (Hrsg.): Lehrbuch und Atlas der Augenheilkunde. Unter Mitarbeit von R. Sachsenweger u. a. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart 1980, ISBN 3-437-00255-4, S. 155 ff.
Ursachen Das Gerstenkorn wird in 90–95 % aller Fälle durch eine Staphylokokken- (Staphylococcus aureus oder seltener Staphylococcus epidermidis), selten aber auch durch eine Streptokokken-Infektion, hervorgerufen. Risikofaktoren sind eine chronische Blepharitis, mangelnde Hygiene (Hand-Augen-Kontakt), das Tragen von Kontaktlinsen oder Make-up, Stress oder ein geschwächtes Immunsystem – verursacht zum Beispiel durch Diabetes mellitus oder durch Immunsuppression.
Häufigkeit Augenlidentzündungen wie Gersten- und Hagelkörner sind sehr häufig und können unabhängig von Geschlecht und Alter auftreten. Es fehlen genauere Angaben zu Inzidenz und Prävalenz und ob es sich um eine Saisonkrankheit handelt.
Symptome Leitsymptome eines Gerstenkorns sind eine schnell auftretende Entzündung, gekennzeichnet durch eine schmerzhafte und eitrige Schwellung und lokale Rötung des Augenlides. Es kann beim Hordeolum externum zum Tränen des Auges, zu einem Fremdkörpergefühl und zu einer Photophobie (Lichtempfindlichkeit) kommen.The Merck Manual. 20. Auflage. Kenilworth 2018, ISBN 978-0-911910-42-1, S. 921. Durch die Schwellung, welche bei einer tiefliegenden Infektion (Hordeolum internum) größer sein kann, ist die Entstehung einer temporären Pseudoptosis möglich. Die angrenzende Bindehaut (Chemosis) kann geschwollen und gerötet sein, dann spricht man von einer Bindehautentzündung (Konjunktivitis). Auch können die Patienten Fieber und eine Lymphadenopathie (Lymphknotenvergrößerung) haben. Als seltene Komplikationen treten Lidabszesse, Orbitalphlegmone (Ausdehnung der Entzündung auf das ganze Auge) oder Thrombosen auf.
Es gibt beim unkomplizierten Verlauf des Hordeolum externum zwei verschiedene Formen. Entweder verschwinden die Entzündungszeichen nach wenigen Tagen durch Resorption des Abszesses. In den anderen Fällen erscheint ein Eiterpunkt, der sich spontan oder auf leichten Druck entleert. In beiden Fällen bildet sich die Schwellung meistens schnell zurück.August Leopold von Reuss: Hordeolum. In: Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde. Band IX. Verlag Urban & Schwarzenberg, Wien / Leipzig 1887, S. 587 f.
Therapie Ein Gerstenkorn ist zumeist harmlos und die Symptome bilden sich in wenigen Tagen wieder zurück. Selten kann es unbehandelt oder durch eine verspätet erfolgte Inzision zu einer Lidphlegmone führen. Ein chronischer oder ein rezidivierender Verlauf und das gleichzeitige Auftreten an verschiedenen Augenabschnitten (Hordeolosis) können ein Hinweis auf eine Immundefizienz oder auf eine bisher unentdeckte Zuckerkrankheit sein.Hans-Ulrich Comberg, Hans-Dieter Klimm: Allgemeinmedizin – Intensivkurs zur Weiterbildung. Georg Thieme Verlag, 4. Auflage, Stuttgart 2004, ISBN 3-13-126814-X, S. 347, (). Da die Erreger übertragbar sind, sollten generelle Hygienemaßnahmen beachtet werden wie etwa das Vermeiden der Nutzung gemeinsamer Handtücher. Bei Manipulationen (reiben oder drücken, manuelles Ausdrücken) droht eine Keimverschleppung in das zentrale Nervensystem.Willibald Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch, 268. Auflage. Verlag Walter de Gruyter, Berlin / Boston 2020, ISBN 978-3-11-068325-7, S. 753. Es besteht keine Meningitisgefahr,Karl Bartmann: Antimikrobielle Chemotherapie. Heidelberger Taschenbücher, Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1974, ISBN 3-540-06379-X, S. 209. jedoch „die Gefahr der Thrombophlebitis der Vena angularis“Claus Simon, Wolfgang Stille: Antibiotika-Therapie in Klinik und Praxis. 4. Auflage, Schattauer Verlag, Stuttgart / New York 1979, ISBN 3-7945-0648-0, S. 327. oder als Rarität einer Thrombose des Sinus cavernosus.
Selbstbehandlung Im Rahmen der Selbstmedikation kann alternativ (zum schnelleren Ablauf) trockene Wärme, z. B. durch Rotlicht,Peter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007 | 2008; Springer-Verlag, 1. Auflage, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 801. mit einem HeizkissenConsilium Cedip: Practicum 2006. 28. Auflage, JMS Verlag, Dortmund 2005, ISBN 3-9810440-1-0, S. 297. oder mit einer Wärmebrille, mit anschließendem Ausstreichen des verflüssigten Sekrets mittels Lidmassage hilfreich sein. Jedoch sollte bei einer Rotlichtlampe – zweimal täglich für fünf bis zehn Minuten bei geschlossenen Augen – auf einen Abstand von mindestens 50 cm zur Lichtquelle geachtet werden. Wichtig ist eine Lidrandhygiene. Kontaktlinsen sollten entfernt werden. Ein Make-up des betroffenen Auges sollte unterbleiben.
Medikamentöse Behandlung Desinfizierende und antibiotische Salben bei Nacht und Augentropfen (z. B. Gyrasehemmer, Bibrocathol) am Tag können helfen, die Schwellung zu verringern, die Infektion zu beseitigen, eine Ausbreitung auf das andere Auge zu verhindern und einer Reinfektion vorzubeugen. Gängige Wirkstoffe solcher Ophthalmika sind unter anderem Neomycin oder Gentamicin. „Antibiotische Salben haben nur den Zweck, das Oberlid und die Nachbarschaft vor einer Ausbreitung der Infektion zu schützen. Ein Verband ist nicht zu empfehlen, er führt zur Sekretstauung und läßt den Infekt weiter fortschreiten.“Wolfgang Leydhecker: Grundriß der Augenheilkunde. 17. Auflage, Springer Verlag, Berlin / Heidelberg / New York 1973, ISBN 3-540-06354-4, S. 52. „Antibakterielle Präparate (zum Beispiel Kanamycin-Augentropfen) sind von sekundärer Bedeutung, da sie nicht an den Wirkungsort [gemeint: Entzündungsort] gelangen.“Claus Simon, Wolfgang Stille: Antibiotika-Therapie in Klinik und Praxis. 4. Auflage, Schattauer Verlag, Stuttgart / New York 1979, ISBN 3-7945-0648-0, S. 327.
Gelegentlich ist bei einer Entzündung der Meibomschen Drüsen oder bei einer schweren chronischen Blepharitis eine systemische Antibiose erforderlich, üblicherweise mit Tetrazyklinen oder Azithromycin,Tinsley Randolph Harrison: Harrisons Innere Medizin. 20. Auflage, Georg Thieme Verlag, Berlin 2020, 1. Band, ISBN 978-3-13-243524-7, S. 224.Joseph Loscalzo, Dennis L. Kasper, Dan L. Longo, Anthony Stephen Fauci, Stephen L. Hauser, J. Larry Jameson (Hrsg.): Harrison's Principles of Internal Medicine. 21. Auflage, McGraw-Hill, New York 2022, ISBN 978-1-264-26850-4, Band 1, S. 220. früher auch mit Dicloxacillin oder Erythromycin.