Die Villa Haas ist eine historistische Villa in Sinn im mittelhessischen Lahn-Dill-Kreis, am westlichen Rand der Hörre und am Fuße des Naturparks Lahn-Dill-Bergland.
Die Villa, der Park und die umliegende Gesamtanlage „Hansastraße / Rudolfstraße“ stehen als Kulturdenkmale aufgrund ihrer geschichtlichen und künstlerischen Bedeutung unter Denkmalschutz.Landesamt für Denkmalpflege Hessen (Hrsg.): Lahn-Dill-Kreis I. S. 352.
Sie ist eine der wenigen erhaltenen Anlagen aus der Zeit der Industrialisierung Mittelhessens und erzählt die Geschichte vom künstlerischen Anspruch des Bauherrn und seiner Familie. Das Bauwerk wie sein Umfeld geben dem Besucher viele Informationen über die Zusammenhänge seiner Entstehung. Es berichtet über die Zeiten des Kaiserreichs, der Diktatur, der Demokratie, gewinnt dadurch an Authentizität und bleibt durch seinen typischen Stil in Erinnerung.
Entstehung mini|links|Villa Haas, Luftbild von Westen Villa, Nebengebäude (Remise) und Parkanlage gehen auf einen Entwurf des Herborner Architekten Ludwig Hofmann (1862–1933) zurück, den der Geheime Kommerzienrat Rudolf Haas, Besitzer des am linken Ufer der Dill in Sinn niedergelassenen Unternehmens Neuhoffnungshütte,Ingrid Bauert-Keetman, Helmut Prawitz: Geschichte des Eisenwerkes Neuhoffnungshütte und der Firma W. Ernst Haas & Sohn, Sinn, Dillkreis. Sinn 1963. 1892 mit dem benachbarten Bau beauftragte. Dieser entwickelte ein bedeutendes noch erhaltenes Beispiel für die Stilsynthesen im späten Historismus. Bis dahin waren die Landschaftsgärtner für die Gestaltung der Umgebung zuständig gewesen. Hier wurde dagegen der für den Hausbau verantwortliche Architekt auch mit der Planung einer Außenanlage betraut – damals eine fast revolutionäre Vorgehensweise, die sich im deutschsprachigen Raum erst nach 1910 mit dem Übergang zur Moderne durchsetzte.A. Götche: Wiener Villengärten zwischen Historismus und Moderne. Hofmann entwarf einen weitgehend natürlich wirkenden Villenpark mit Anleihen an den Englischen Landschaftsgarten. Ziel war es, durch gestalterische Elemente der Renaissance, wie z. B. Terrassen, Außenräume einzuplanen, die eine Einheit von Wohnhaus und Garten suggerieren. Aspekte einer nachhaltigen Nutzung wie ein Geflügelhof, eine Bleichwiese oder der Platz für ein Festzelt auf dem Rondell wurden berücksichtigt. Als typisch deutsches Parkmodell zur Zeit des Historismus sind die Brezelwege, TeppichbeeteSwantje Duthweiler: Historische Pflanzenverwendung. Ein Überblick. In: Schau an der schönen Gärten Zier. Zeitschrift Denkmalschutz Rheinland-Pfalz 2012. oder der Umriss des Gartenteichs, der einem fjordhaften Schweizer Bergsee ähneln sollte, zu verstehen.
Überregionale Bekanntheit in Büchern und Fachzeitschriften erhielt die Anlage bereits um 1894 durch Stiche und Tafeln des Illustrators Georg Loesti.
Bewohner Rudolf Haas (1843–1916) leitete die Neuhoffnungshütte W. Ernst Haas & Sohn. Er investierte zukunftsbezogen und setzte sich für technische Innovation ein. Die Neuhoffnungshütte bei Sinn betrieb Eisenstein-Bergbau sowie eine Eisengießerei mit Herd- und Ofenfabrikation, Puddelwerk, Sägewerk und Walzwerk, Hufeisenfabrik, Stangenblankzieherei, Drahtzieherei, Drahtstiftenfabrik und Blech- und Kupferschmiede für Kesselöfen. Als Montanunternehmer war Haas Mitbegründer des Vereins der Eisenhüttenleute (heute Stahlinstitut VDEh) sowie Mitglied im renommierten Wiesbadener Nassauischen Verein für Naturkunde.
mini|1918 von Franz Boeres entworfenes Markenzeichen für Haas & Sohn Otto Rudolf Haas (1878–1956) übernahm 1916 die Leitung des Unternehmens als geschäftsführender Gesellschafter bis 1938. Er war Vorstandsmitglied der Industrie- und Handelskammer Dillenburg und des örtlichen Arbeitgeberverbands. Nach 1945 erfolgte die kurzzeitige Besetzung der Villa durch US-amerikanische Offiziere sowie eine Einquartierung von Flüchtlingen.
Nachfolger als Leiter des Unternehmens wurde Helmut Prawitz (1893–1982), langjähriger Präsident der Industrie- und Handelskammer Dillenburg sowie Träger des Bundesverdienstkreuzes 1954 und Ehrenbürger der Gemeinde Sinn 1968. Er bewohnte die Villa bis 1976 und war ein früher Förderer des Architekten Hermann Fehling und des Designers Peter Raacke. Bis 1977 wurde das erste Obergeschoss als Film- und Fotostudio für Werbeaufnahmen genutzt.
Ende 1977 erwarb Klaus F. Müller, dessen Familie in der dritten Generation mit der Neuhoffnungshütte verbundenen war, das Anwesen aus dem Unternehmensbesitz von W. Ernst Haas & Sohn. Umbau und Renovierung mit Planung einer zahnärztlichen PraxisAus der alten Villa Haas wurde eine Zahnarztpraxis. In: Herborner Tageblatt. 4. November 1978. mitsamt Labor erfolgten durch den Architekten Helmut Müller (1919–1990). Sein Sohn, der als einer der Pioniere der deutschen oralen ImplantologieAnke K. Brinkmann, Egon L. W. Brinkmann: Die Geschichte der zahnärztlichen Implantologie in Deutschland. ISBN 3-00-000527-7, S. 210 f. gilt, betrieb hier seine Praxis bis 2007.
Architektur Zu den Stilelementen des zweigeschossigen großvolumigen Hauses gehören reich behauene Werksteingliederungen über dem Sockelgeschoss, mit Sandstein umrandete Fenster- und Giebelmotive, die sich an der deutschen Neorenaissance orientieren. Malerisch wirken die Dach- und Giebelformationen mit Lukarnen, mehrere Altane (Söller), gekuppelte Fenster (Biforien) und der schmale Glockenturm. 22 Kaminzüge und sieben verschiedene Gaubentypen, Auslucht und Erker sind weitere architektonische Details. Typisch für diesen auch im Späthistorismus (nach 1890) vertretenen Baustil sind die halbkreisförmigen Giebel oder die mit schneckenförmigen Voluten verzierten Zwerchhäuser. Neben den Lisenen und Pilastern dienen Obelisken und Steinkugeln zur Ausschmückung der Gebäudeteile. In den kunstschmiedeeisernen Arbeiten des Außen- und Innenbereichs von Geländern oder Korbgittern setzen sich Doppelvoluten, Flechtwerke und Ranken als Motive fort. Auch der vorgesetzte Treppenturm mit Dachhelm, Bergbausymbol und Bleiglasfenster mit Themen der Rheinromantik des deutschen Landschaftsmalers Johann Heinrich Schilbach sowie die detailreichen Fassaden verstärken diesen Gesamteindruck. Schützenswerte Bauteile sind auch ein kleiner Pavillon (Teehaus)Simone Hoffmann: Die Welt der Teehäuser. In: Lifestyle. 21. August 2018. (lifestylegewinnspiele.de) sowie die schmiedeeisernen Haupt- und Nebenportale.W. Bauer: Von Türbeschlägen, Fensterkörben, Wetterfahnen und anderem Eisenzeug. In: Heimatjahrbuch für den Dillkreis, Band 14 (1971). Weidenbach, Dillenburg 1970, S. 53–96.
Details zur Architektur Der herrschaftliche Haupteingang zum Treppenturm ist im Stil einer Archivolte gehalten. Die traditionellen Verzierungen in rotem Mainsandstein finden ihren Abschluss in einem leicht vorkragenden Segmentgiebel. Zum Wetterschutz wird dieser von einem entsprechend gerundeten Glasdach fortgesetzt. Die seitlichen Stützen der genieteten Konstruktion bestehen aus schweren schmiedeeisernen, im historistischen Stil reich verzierten Konsolen. Die eingearbeiteten Glasplatten deuten jedoch, wo sie farblich gehalten werden, den aufkommenden Jugendstil an. Das aus Eichenholz geschreinerte zweiflüglige Portal zeichnet sich durch stilvolle Applikationen aus, die das Wesen des Gebäudes widerspiegeln. Dazu gehören, neben diversen Profilen und gedrechselten Auflagen, Diamantbossen-Formationen in Quadratfüllungen, Zopfmotive sowie zwei Spitzgiebel. Zwei dahinter platzierte Lichtaustritte haben mit Rosetten gestaltete Ziergitter, die mit den Initialen „NH“ (Neuhoffnungshütte) versehen sind. Nach innen befinden sich hier Drehflügel-Fenster mit Bleiverglasungen. Der aus Messing gegossene Türknauf mit dem gegenüberliegenden Türgriff vervollständigen den künstlerischen Gesamteindruck. Flankierend zur Treppenstufe sind zwei Bronze-Hasen als Fußabstreifer angebracht. Im gepflasterten Vorhof wird das familiäre Wappensymbol in farbigem Steinmosaik dargestellt. mini|Doppelflügelige, reich verzierte Eichentür im historistischen Stil mit Damhirsch
Über den Windfang und die Garderobe erreicht man das Vestibül. Noch heute sind originale Ausstattungen wie Terrazzoböden, Stuck, Wandtäfelungen und Parkett erhalten. Die Kamine sind zum Teil mit neoklassizistischen Applikationen aus Naturstein wie Lahnmarmor und belgischem Granit versehen, aber auch neohistoristische Elemente mit großflächigen Keramiken und Motiven der in der Renaissance beliebten Tierkreiszeichen wurden hinzugefügt.Klaus F. Müller: Park und Villa Haas. Historismus, Kunst und Lebensstil. Edition Winterwork, Borsdorf 2012, ISBN 978-3-86468-160-8. Die 12 Reliefplatten stammen von Villeroy und Boch, entsprechen dem historisierenden Stil der Postmoderne und sind mit J. Hortös signiert. Alle Kellergewölbe sind als preußische Kappendecke ausgeführt, die im 19. Jahrhundert entwickelt wurden und sich durch hohe Belastbarkeit sowie Feuchtigkeitsresistenz auszeichnen.
Ansprüche historistischer Wohnkultur Tageslichteinfall durch variantenreiche Fenster, wie Kreuz- oder Kämpferfenster; ausgeglichene Raumproportionen und optimale Ausrichtung des polygonalen Gebäudes; Beschattung und Hitzeschutz (schon 1892 eingeplant und qualitätvoll umgesetzt); Typisch für die neue gehobene Wohnkultur ist der separate Etagenzugang über den Treppenturm. Alle privaten Zimmer sind durch Verriegelung, Geheimtüren und Schlupfe so verbunden, dass Familienmitglieder jeden Raum erreichen konnten, ohne von Besuchern oder Bediensteten vom Flur oder Vorplatz gesehen zu werden. Im Dachgeschoss lagen die Unterkünfte der Hausangestellten, Kinder und Besucher. Begehbare Staukammern enthielten z. B. Waschtische oder den Antrieb des Speiseaufzugs. Ein internes elektrisches Klingelsystem sorgte für die einfache Kommunikation im Haus.
Eine Tür führt auf den ausgedehnten Dachboden. Er diente im Winter zum Trocknen der Wäsche sowie als zusätzlicher Lagerraum. Hier befindet sich auch die Turmuhr und früher der hauseigene Druckwasserspeicher. Ein Leitersystem erschließt die Dachplattform sowie den Zugang zum Glockenturm mit den Schlagwerken.
Der Dienstboteneingang im Erdgeschoss führte zu Nähzimmer und Küche. Über den Treppenabgang erreichte das Personal die darunter liegende Waschküche, Versorgungskammern und den gut gesicherten Weinkeller. Die Wildkammer befand sich im gegenüberliegenden Wirtschaftsgebäude. Die Räume des Faktotums waren im Souterrain durch einen separaten, über eine Loggia verbundenen Zugang erreichbar.
Vom Wintergarten am Hochparterre führt eine Treppe mit zwei Viertelpodesten zu den weiß gekiesten Parkwegen. In diesem Bereich setzte der Architekt auf künstlerische wie materielle Vielfalt. Das erste Podest besteht aus einer von Konsolen getragenen Sandsteinplatte und wirkt wie eine Kanzel. Ein schmiedeeisernes Geländer auf gusseisernen Treppenstufen lehnt sich an die nach außen gerundete Zisterne. Das folgende Podest und die weiterführende Treppe bestehen aus handgehauenem Trachyt. Es ruht auf einem aufsteigenden Tonnengewölbe aus Ziegelstein-Mauerwerk, das auf der sichtbaren Seite die aus lokal gebrochenem Bruchstein gemauerte Fassade fortsetzt. An dem Punkt, wo sich die Treppen vom Gebäude löst und in den Park abzweigt, wird sie breiter und zweiläufig. Gegenüber erhebt sich aus rotem Buntsandstein die Freitreppe zum Teehaus. Dem Architekten gelang hier eine Synthese zwischen Kunst am Bau und Technik, ohne in den oft kritisierten überladenen Stil des Historismus abzugleiten.
Besonderheiten Ausstattung Zu den Besonderheiten zählt eine Zisterne mit vorgeschaltetem Filterraum, die sich unter dem pavillonhaften eisernen Grünhaus (heute Wintergarten) befindet. Weiter gehören ein Speiseaufzug, ein zweiter Eiskeller, ein Hummerbecken mit damals neuartiger Belüftung durch elektrisch betriebene Kolbenverdichter (Siemens-Schuckert) sowie eine elektrische Nachtspeicherheizung (Baujahr 1910) zur damals außergewöhnlichen Ausstattung.