mini|hochkant=1.4|Ankündigung des Kongresses zur Einführung Olympischer Spiele
Der Olympische Kongress ist eine vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) organisierte Versammlung von Persönlichkeiten, die im gemeinsamen Handeln für die olympische Bewegung vereint sind. Die Zielsetzung des Kongresses ist die Einbindung der olympischen Bewegung in die sich verändernde Gesellschaftsstruktur und die damit verbundene Sicherung des Fortbestandes der Olympischen Spiele.
Der erste Olympische Kongress fand vom 16. bis 23. Juni 1894 an der Sorbonne in Paris statt und wird als Gründungsversammlung des IOC und als Geburtsstunde der Olympischen Spiele der Neuzeit angesehen. Der bislang letzte Olympische Kongress wurde vom 3. bis 5. Oktober 2009 in Kopenhagen veranstaltet.
Entwicklungsphasen der Olympischen Kongresse Bis in die Gegenwart wurden 13 Olympische Kongresse veranstaltet. Mit Ausnahme des Gründungskongresses können die nachfolgenden Kongresse, ohne ihre jeweilige Bedeutung zu schmälern, in drei Entwicklungsphasen unterteilt werden, die sich an ihrer thematischen Ausrichtung orientieren und zeitlich abgestuft sind: Olympische Kongresse von 1897 bis 1913, die der Festigung der noch neuen und fremdartigen Idee von Olympischen Spielen dienten und den Anspruch erhoben, die pädagogischen, psychologischen und medizinischen Aspekte des Sports zu ergründen und in die Gesellschaft zu integrieren. Olympische Kongresse von 1914 bis 1930, bei denen sich vorwiegend Themen in den Vordergrund drängten, die direkt im Zusammenhang mit dem Programm und der Durchführung von Olympischen Spielen standen, und auf denen eine Reihe wichtiger Beschlüsse gefasst wurden, die neben administrativen Angelegenheiten vornehmlich das technische Regelwerk und dessen Umsetzung betrafen. Olympische Kongresse seit 1973, die nach einer Unterbrechung von 43 Jahren mit einer veränderten Zielsetzung fortgeführt wurden. Die Kongresse hatten ihre Beschlüsse fassende Funktion verloren. Jeder Kongress erhielt einen Leitgedanken, der in direkter Verbindung zur olympischen Bewegung stand, über den referiert und diskutiert wurde. Damit wurde dem Olympischen Kongress grundsätzlich die Rolle eines beratenden Forums zugeschrieben.
Liste der Olympischen Kongresse Jahr Ort Hauptthema bzw. Motto I. 189416. bis 23. Juni Paris Definition des Amateurstatus für Sportler, Wiederbelebung der Olympischen Spiele II. 189723. bis 31. Juli Le Havre Fragen der Gesundheit, Erziehung, Geschichte etc. in Bezug auf die Körperertüchtigung III. 19059. bis 14. Juni Brüssel Sport und Leibeserziehung IV. 190623. bis 25. Mai Paris Einbeziehung der Bildenden Künste bei den Olympischen Spielen und im Alltag V. 19137. bis 11. Mai Lausanne Psychologie und Physiologie des Sports VI. 191415. bis 23. Juni Paris Vereinheitlichung der olympischen Regularien und der Bedingungen für die Teilnehmer VII. 19212. bis 7. Juni Lausanne Modifizierung der olympischen Regularien und der Bedingungen für die Teilnehmer VIII. 192529. Mai bis 4. Juni Prag Doppelkongress:1. Int. Pädagogischer Olympischer Kongress, undTechnischer Olympischer Kongress IX. 193025. bis 30. Mai Berlin Modifizierung der olympischen Regularien X. 197330. Septemberbis 4. Oktober Warna Sport for a World of PeaceNeudefinition der olympischen Bewegung und ihrer künftigen Beziehungen zwischen dem IOC, den internationalen Verbänden und den Nationalen Olympischen Komitees XI. 198123. bis 28. September Baden-Baden United by and for SportDie Zukunft der Olympischen Spiele und der olympischen Bewegung XII. 199429. Augustbis 3. September Paris Centennial Olympic Congress, Congress of UnityBeitrag der olympischen Bewegung zur modernen Gesellschaft XIII. 20093. bis 5. Oktober Kopenhagen The Role of the Olympic Movement in SocietyOlympismus und Jugend
Vorgeschichte mini|Pierre de Coubertin Der Olympische Kongress ist eng mit der olympischen Bewegung verbunden, die der Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit, Pierre de Coubertin, als Grundgedanke entwickelte und zeitlebens verbreitete. Als geeignetes Instrument der Weiterverbreitung war für ihn die Abhaltung eines Kongresses von besonderer Bedeutung. Hiermit erzielte er nicht nur öffentliche Aufmerksamkeit. Er hoffte insbesondere, das Interesse des eingeladenen, oftmals hochrangigen Fachpublikums zu wecken.
Erster Sportkongress 1889 Der liberal denkendeYves Pierre Boulogne: La vie l’oeuvre pédagogique de Pierre de Coubertin, Ottawa 1975, S. 15 (französisch) und an sozialen Fragen interessierte Coubertin erkannte in seinem Heimatland Frankreich nach der Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg von 1870-71 eine gedemütigte Gesellschaft und instabile politische Verhältnisse. Als Pädagoge sah er die Ursachen in einem veralteten Erziehungssystem. Mit Entschlossenheit vertrat er die Auffassung, dass nur eine veränderte und völlig umgestaltete Erziehung Abhilfe schaffen könne.
Auf den seit 1883 unternommenen Studienreisen nach England zeigte sich Coubertin beeindruckt von den dort praktizierten Erziehungsmethoden, dessen Wurzeln den Ideen und Vorstellungen des Pädagogen und Theologen Thomas Arnold entsprangen. Die Schüler der Public Schools lernten Eigenständigkeit und Verantwortung vorwiegend bei sportlicher Betätigung im Umgang miteinander. Fortan war Coubertin von der erzieherischen und sozialisierenden Wirkung des Sports überzeugt, was er in seinem Heimatland zu verbreiten versuchte.Pierre de Coubertin: L’Éducation en Angleterre, Hachette, Paris, 1888, 327 Seiten (französisch)
Mit dem 1888 von ihm gegründeten und als Generalsekretär geführten Comité pour la propagation des exercices physiques dans l’éducation (Komitee zur Verbreitung der Leibesübungen im Erziehungswesen) organisierte Coubertin im Juni 1889 einen Congrès des exercices physiques (Kongress für Leibesübungen). Zur besseren Vermittlung seiner Vorstellungen begleiteten sportliche Darbietungen den Kongress. Als Veranstaltungsort wählte er die Weltausstellung in Paris. Namhafte Persönlichkeiten waren geladen.
Das Engagement, mit dem sich Coubertin der Ausrichtung dieses Kongresses zuwandte, war bezeichnend für spätere Aktivitäten. Der durchaus erfolgreiche Verlauf des Kongresses gab ihm die Zuversicht, diesen Weg auch für seine künftigen Pläne einzuschlagen.
Ursprung der olympischen Bewegung Der erste von Coubertin organisierte Sportkongress brachte ihm in der Tat die beabsichtigte Aufmerksamkeit ein. Das französische Erziehungsministerium entsandte ihn noch im selben Jahr nach Nordamerika, wo er sich in den Vereinigten Staaten und in Kanada einen Eindruck vom dortigen Erziehungssystem verschaffen sollte. Beim Besuch mehrerer Universitäten zeigte er sich beeindruckt von den sportlichen Aktivitäten der Studenten. Im November 1889 erhielt Coubertin die Möglichkeit, bei einem Sportkongress in Boston einen Vortrag über seine Vorstellungen der Leibeserziehung zu halten.Isabel Barrows: Physical Training. A Full Report of the Papers and Discussions of the Conference held in Boston in November 1889. Press of George H. Ellis, Boston, 1890 (englisch)
mini|Antikes Olympia Nach seiner Rückkehr reifte in Coubertin die Erkenntnis, dass die Erziehung der Jugend zu Respekt im sozialen Umgang, zur Freisetzung geistiger Bereitschaft und zur Bildung des Charakters mittels körperlicher Ertüchtigung nicht auf Aktivitäten innerhalb der Grenzen seines Heimatlandes beschränkt bleiben dürfe. Er stellte sich vor, dass ein internationaler Wettstreit in ehrenvoller Absicht ein starker Anreiz für nationale Identität und individuelles Selbstwertgefühl sein könnte. In diesem Zusammenhang erlangte eine von Coubertin bereits in jungen Jahren entstandene Leidenschaft neue Bedeutung: seine Begeisterung für die Geschichte des Altertums. Insbesondere die antike Stätte Olympia hatte seine Sehnsucht erweckt. Die Olympischen Spiele der Antike übten seit jeher auf ihn eine große Faszination aus.
Coubertin war sich sicher, dass mit fortschreitender Industrialisierung, durch die Wissenschaft und Kultur der Völker in einen schnelleren und besseren Austausch gebracht wurden, nun auch die Zeit gekommen sei, die Ideale des Sports für eine internationale Verständigung zu nutzen. Zudem sah er diese Ideale durch die zunehmende berufsmäßige Ausübung bestimmter Sportarten bedroht. Alle diese Gedanken bündelte er in einem beachtlichen Vorhaben, der Wiederherstellung der Olympischen Spiele.Carl Diem: Der olympische Gedanke – Reden und Aufsätze, Carl Hoffmann, Schorndorf, 1967, 133 Seiten
Jubiläumskongress der USFSA 1892 Die 1887 gegründete Union des sociétés françaises de sports athlétiques (USFSA) veranstaltete im Mai 1892 einen Kongress zum fünfjährigen Bestehen. Einer der Festredner war Coubertin, der seit 1890 Generalsekretär der USFSA war. Er erkannte die Chance, die der Kongress ihm bot, und rief dazu auf, die Olympischen Spiele neu erstehen zu lassen. Da John Astley Cooper ein Jahr zuvor die Pan-Britannischen Olympischen Spiele (und damit den Ausschluss Frankreichs aus diesen Veranstaltungen) In London propagiert hatte, Astley-Cooper-Komitees überall in der angelsächsischen Welt gegründet worden waren, setzte er die wirklich internationalen Olympischen Spiele dagegen. Damit sein Appell Gehör fände, stellte er sein Ansinnen in den Dienst für den Frieden unter den Völkern.
Die Botschaft erreichte die Kongressteilnehmer (noch) nicht. Coubertin sah das Problem im unzureichenden Wissensstand der Zuhörerschaft. Dennoch zeigte er sich weiter entschlossen und arbeitete darauf hin, die nächste sich ihm bietende Chance zu nutzen.
Erster Olympischer Kongress 1894 Vorbereitung Coubertin nahm sich einer Problematik an, zu der es im Kreis der USFSA unterschiedliche Standpunkte gab, und zwar die Betrachtungsweise eines Amateurs im Sport. Hierbei handelte es sich seinerzeit um ein Thema von grundsätzlicher Bedeutung für Sportwettkämpfe, das zudem auch von internationalem Interesse war. Für Coubertin war es naheliegend, gemeinsame und verbindliche Grundlagen hierzu bei einem Kongress zu erörtern und abzufassen. Die USFSA beschloss daraufhin für Juni 1894 die Durchführung des Congrès international de Paris pour l’étude et la propagation des principes de l’amateurisme (Internationaler Kongress von Paris für das Studium und die Verbreitung von Prinzipien des Amateurismus). Auch wenn heute der Kongress vor allem wegen der Gründung der Olympischen Spiele im Gedächtnis geblieben ist, so war damals eine Vereinheitlichung der Amateurregeln eine unabdingbare Voraussetzung für internationalen Sportverkehr. Die Studentenruderer Coubertins durften z. B. nicht an der englischen Regatta in Henley teilnehmen, die englischen Studenten aber nicht in Hamburg, wo die Franzosen aber starten durften. Für Australier war es nahezu unmöglich an Wettkämpfen außerhalb des eigenen Landes teilzunehmen, da sie während der langen Schiffsreise vom Verband verpflegt wurden und durch die erheblichen geldwerten Leistungen den Amateurstatus verloren.Arnd Krüger: Die Rolle der Amateurfrage beim Olympischen Kongress 1894, in: Sportzeiten 4 (2004), 2, 49 – 68.
Geschickt hatte Coubertin als letzten von acht Programmpunkten la possibilité du rétablissement des jeux olympiques (die Möglichkeit der Wiederbelebung von Olympischen Spielen) aufnehmen lassen. Zudem war er als Generalsekretär der USFSA mit der Organisation des Kongresses beauftragt worden. Dies ermöglichte ihm eine nicht unerhebliche Einflussnahme auf den Ablauf, bei dem nach seinem Willen das Hauptaugenmerk auf ebendieser Wiederbelebung der Olympischen Spiele liegen sollte.