mini|Luftbild über den Rupertiwinkel zum Hochstaufen in benachbarten Chiemgauer Alpen mit Högl (vorne links) mini|Herrschaftsgebiete im nördlichen Salzburggau im Hochmittelalter
Der Rupertiwinkel (auch: Bayerischer Rupertiwinkel genannt sowie, wenn auch strittig, zuweilen gleichgesetzt mit RupertigauHans Roth (1938–2016), u. a. Vorsitzender des Historischen Vereins Rupertiwinkel, bezeichnete den Ausdruck „Rupertigau“ als vorrangig von der Tourismuswerbung verwendeten, historisch falschen Begriff. Siehe: Hans Roth: Rupertiwinkel, nicht Rupertigau. Salzfass 15/3, 1981, S. 93.Friederike Zaisberger (1940–2019), Salzburger Archivarin, trat für die Bezeichnung „Rupertigau“ ein, da sie durch das „Winkel“ das ehemalige salzburgische Gebiet herabgewürdigt sieht. Außerdem würde „Gau“ besser zu den Salzburger Gauen passen. Zaisberger bedauerte den Verlust des Gebiets und hielt eine Rückkehr desselben an Salzburg bis zuletzt für geboten. Siehe Friederike Zaisberger: Geschichte Salzburgs. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1998, ISBN 3-7028-0354-8, S. 11 ff., 150, 249, 284.Laut den Historikern Heinz Dopsch (1942–2014), Peter F. Kramml und Erich Marx wiederum vermittelt Zaisbergers Geschichte Salzburgs ein „in wesentlichen Details nicht korrektes Bild der Salzburger Geschichte.“ Siehe: Zum Salzburger Schrifttum. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde. Band 140, 2000, S. 422 ().) bezeichnet eine Region, die sich im äußersten Südosten von Oberbayern in Nord-Süd-Richtung über Teile der Landkreise Altötting, Traunstein und Berchtesgadener Land erstreckt.
Der Landschaftsbegriff Rupertiwinkel bezeichnet die ehemals salzburgischen Gebiete im Königreich bzw. Freistaat Bayern. Ohne eigene Gebiets- bzw. Regionenbezeichnung gehörte der Rupertiwinkel bis 1803 zum Außergebirg des Erzstifts Salzburg. 1810 kam das gesamte Gebiet dieses Fürstentums zum Königreich Bayern. Nachdem 1816 zwischen dem Königreich Bayern und dem Kaisertum Österreich der Vertrag von München geschlossen wurde, verblieb im Gegensatz zum übrigen ehemals Salzburger Territorium die Region des Rupertiwinkels weiterhin bei Bayern. Der Bezeichnung dieser Region vorausgegangen war das 1814 den hiesigen römisch-katholischen Pfarreien trotz ihrer Zugehörigkeit zu Bayern seitens des Bistums Salzburg erteilte liturgische Privileg, den Feiertag des Salzburger Schutzpatrons Rupert von Salzburg (ausschließlich) während einer Messfeier wieder begehen zu können.Max Wieser (Heimatpfleger des Landkreises Berchtesgadener Land): Der Rupertiwinkel, online unter prangerschuetzen.de (für ganzen Absatz) Jedoch erst im Zuge der Heimatbewegung ab Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts fand die Gebietsbezeichnung „Rupertiwinkel“ auch schriftliche Erwähnung und hebt damit seither die historisch-kulturellen Wurzeln mit z. T. noch salzburgerisch entlehnter Brauchtumspflege hervor,Hans Roth: Geographische Begrenzung und Begriffsbildung, in: Paul Werner: Bäuerliche Baukultur im Berchtesgadener Land: Dokumentation eines Landkreises, Plenk, 1984, S. 104. wie u. a. das Aperschnalzen sich bis heute als mit dem Salzburger Flachgau gemeinsamer, die regionale Eigenheit bewahrender Brauch erhalten hat.
Geographisch ist die Region geprägt von den beiden größeren Stillgewässern Waginger See und Tachinger See und dem Högl als markanter Erhebung. Sie wird vom Bayerischen Landesamt für Umwelt seit 2011 bzw. 2013 als Kulturlandschaftseinheit mit zwei bedeutsamen Kulturlandschaften eingestuft.Hans Roth: Der Rupertiwinkel. Eine salzburger Kulturlandchaft im heutigen Bayern, in: Unser Bayern, Heimatbeilage der Bayerischen Staatszeitung, 27, 1978, S. 75–77.Bayerisches Landesamt für Umwelt: 60 Rupertiwinkel (2011), im Entwurf einer kulturlandschaftlichen Gliederung Bayerns als Beitrag zur Biodiversität, PDF-Datei, online unter lfu.bayern.de
Geographie Geographische Lage Das Gebiet des Rupertiwinkels rund um den Waginger See und Tachinger See wird im Westen vom Chiemgau eingerahmt, im Norden von Moränen-Hügeln und Hochterrassenfeldern der Alzplatte mit Anfängen des Voralpenlandes, während im Osten der Flusslauf der Salzach eine natürliche Grenze zum österreichischen Land Salzburg sowie daran anschließend die in einem südöstlichen Knick der Salzach zufließenden Saalach direkt an die Stadt Salzburg sowie dahinter an die Stadt Bad Reichenhall des bayerischen Landkreises Berchtesgadener Land grenzt. Südwestlich markieren wiederum bereits einige Gipfel der Chiemgauer Alpen eine Begrenzung der Region.
Die geographische Ausdehnung des Rupertiwinkel reicht somit (sortiert im Uhrzeigersinn): im Norden von der Alz vorbei an Trostberg und über Tyrlaching bis nach Asten, im Osten von Asten entlang der Salzach über Tittmoning, vorbei an Fridolfing, über Laufen und Surheim bis nach Freilassing, im Südosten von Freilassing, entlang der Saalach über Ainring nach Piding, im Süden von Piding über den Grat des Hochstaufen und den Teisenberg bei Anger und vorbei an Teisendorf bis zum Teisendorfer Gemeindeteil Neukirchen und im Westen von Neukirchen über Waging am See, Otting und Palling wieder zurück nach Trostberg an der Alz.
Gebietsteile in drei Landkreisen Als politisch-geographische Folge der Gebietsreform in Bayern hat die Landschaft Rupertiwinkel seit dem 1. Juli 1972 Teilgebiete in den Landkreisen Altötting im Norden, Berchtesgadener Land im Südosten und Traunstein im Nordwesten.Kurze Geschichte des Rupertiwinkels, siehe Karte mit Ortsnamen, online unter rupertiwinkel.org
Grobe Gebietsdefinition des ehemals salzburgischen Gebietsdurch heutige Gemeinde- und Gemarkungsgebiete Landkreis Altötting Landkreis Berchtesgadener Land Landkreis Traunstein Gemeinde Tyrlaching Gemeinde Ainring Gemarkung Freutsmoos Gemeinde Anger Gemeinde Fridolfing Stadt Freilassing Gemarkung Heiligkreuz(nur anteilig das Gemarkungsgebiet vor 1925) Stadt Laufen Gemeinde Kirchanschöring Gemeinde Piding Gemarkung Lauter Gemeinde Saaldorf-Surheim Gemarkung Lindach Markt Teisendorf Gemarkung Palling Gemeinde Petting Gemarkung Stein an der Traun (nur anteilig, der nördliche und östliche Bereich) Gemeinde Taching am See Stadt Tittmoning Gemarkung Gaden Gemarkung Nirnharting Gemarkung Otting (Waging am See) Gemarkung Tettenhausen Gemarkung Waging am See gemeindefreies Gebiet Waginger See Gemeinde Wonneberg
Siehe auch: Liste der Gemarkungen im Rupertiwinkel
Kulturlandschaftseinheit Rupertiwinkel Im Rahmen der kulturlandschaftlichen Gliederung Bayerns als Beitrag zur Biodiversität, wurde der Rupertiwinkel in einem Entwurf des Bayerischen Landesamts für Umwelt von 2011 unter der Bezeichnung „60 Rupertiwinkel“ als eigene Kulturlandschaftseinheit gefasst, die sich bewusst an der Grenzziehung vormaliger Gebiete des Erzstifts Salzburg mit dem Chiemgau im Westen, dem Alz-Hügelland im Norden und dem Berchtesgadener Land im Süden orientiert. Im Osten reicht der Rupertiwinkel bis an die österreichische Grenze, die in diesem Abschnitt dem Lauf der Saalach bzw. der Salzach folgt und sich u. a. als „vielgestaltiges Hügelland“ vor den Berchtesgadener- und Salzburger Alpen darstellt.
Innerhalb dieser Kulturlandschaftseinheit wurden 2012 bzw. 2013 zwei bedeutsame Kulturlandschaften im Sinne „Kulturlandschaftlicher Empfehlungen für Bayern“ definiert:Bayerisches Landesamt für Umwelt: Bedeutsame Kulturlandschaften in der Kulturlandschaftseinheit 60 Rupertiwinkel (2012), in Bedeutsame Kulturlandschaften in Bayern – Entwurf einer Raumauswahl, PDF-Datei, online unter lfu.bayern.deBayerisches Landesamt für Umwelt: 60 Rupertiwinkel (2013), in Kulturlandschaftliche Empfehlungen für Bayern, PDF-Datei, online unter lfu.bayern.de 60-A: Salzachtal zwischen Laufen und Burghausen 60-B: Rupertiwinkel um den Waginger- und Tachinger See
Berge Zu den Bergen und Erhebungen im Rupertiwinkel gehören – sortiert nach Höhe in Meter (m) über Normalnull (NN): Hochstaufen (1771 m) bei Piding. Teisenberg (1333 m) bei Teisendorf. Högl () zwischen Anger und Ainring-Thundorf Hochhornberg (), bei Teisendorf Schlossberg von Tettelham (595 m) bei Otting, Gemeinde Waging Rainbichl (544 m) bei Tyrlaching, (Hervorragende Aussicht über den gesamten Rupertiwinkel) Eichelberg (), bei Oberbuch in Tyrlaching Wölfelsberg (), bei Schönram in Petting Beselberg (461 m), im Stadtgebiet Laufen an der B 20 in Richtung Tittmoning Brack (), bei Patting in Teisendorf
Gewässer Flüsse Salzach (225 km; Quelle im Land Salzburg) Saalach (103 km; Quelle im Land Salzburg) Sur (43 km; Quelle in Surberg im Chiemgau) Götzinger Ache (31 km; Quelle Waginger See) Seen Waginger See (6610 ha) Tachinger See (2360 ha) Abtsdorfer See (84 ha) Leitgeringer See (15 ha) Höglwörther See (13,5 ha) Fridolfinger See (5 ha)
Geschichte Vorgeschichte Innerhalb des bayerischen Stammes- und Territorialherzogtums Ursprünglich (ab dem 6. Jahrhundert) gehörte das Gebiet des späteren Rupertiwinkels zum damaligen Salzburggau und war Teil des bayerischen Stammesherzogtums. Verstreuten Grundbesitz in der Gegend besaß die Salzburger Kirche bereits in frühester Zeit. So übergab beispielsweise der Bayernherzog Theodo um das Jahr 700 das Dorf Piding mit 30 Bauernhöfen an den ersten Salzburger Bischof Rupert.
Während der ersten Jahrzehnte des bayerischen Territorialherzogtums (1180–1918) und nachdem 1229 die Grafen von Lebenau ausgestorben waren, konnte sich der Salzburger Erzbischof Eberhard II. deren Herrschaftsgebiet (u. a. die Nordhälfte des späteren Rupertiwinkels nördlich und östlich des Waginger Sees) sichern. Mit dem Aussterben der Grafen von Plain 1260 fiel schließlich u. a. auch die südliche Hälfte des späteren Rupertiwinkels südlich und westlich des Waginger Sees an das Erzstift Salzburg. Diese Gebiete waren u. a. auch Bestandteil der 1254 und 1275 geschlossenen Verträge von Erharting, mit denen die Voraussetzung für die landesrechtliche Loslösung vom Herzogtum Bayern und die Anerkennung des Erzbistums Salzburg als eigenständiges Territorium geschaffen wurde.
Im Außergebirg des eigenständigen Erzstifts Salzburg Mit dem Erlass einer eigenen Landesordnung durch den Erzbischof Friedrich III. von Leibnitz wurde das Erzstift Salzburg ab 1328 zu einem weitgehend eigenständigen Territorium innerhalb des Heiligen Römischen Reiches. Der spätere „Rupertiwinkel“ wurde wegen seines fruchtbaren Bodens zur „Kornkammer“ des Erzstifts und sein Gebiet dem Außergebirg oder „Land vor dem Gebirg“ bzw. „Flaches Land“ genannten nördlichen Salzburger Besitzungen zugeordnet. Er deckte sich gebietsmäßig weitestgehend mit den ehemaligen salzburgischen Pfleggerichten Staufeneck, Raschenberg (Teisendorf), Halmberg (Waging am See), Tittmoning und Laufen.Helga Reindel-Schedler: Laufen an der Salzach. Die alt-salzburgischen Pfleggerichte Laufen, Staufeneck, Teisendorf, Tittmoning und Waging. Historischer Atlas von Bayern, Reihe I, Band 55, Kommission für bayrische Landesgeschichte, München 1989
Säkularisation und Übergang an das Königreich Bayern Wechselnde Herrschaften (1803–1810) Im Zuge der Säkularisation dankte 1803 Hieronymus Graf Colloredo als letzter Salzburger Fürsterzbischof ab. Danach übernahm der frühere Großherzog von Toskana Ferdinand III. die Regentschaft als Kurfürst von Salzburg. Nach dem Frieden von Pressburg 1805 unterstand das Salzburger Land von 1806 bis 1809 der Herrschaft des Kaisertums Österreich, anschließend für fast ein Jahr der des napoleonischen Frankreich. Im Frieden von Schönbrunn wurde es genauso wie das Gebiet der ehemaligen, ab 1803 ebenfalls unter ähnlich wechselnden Regentschaften stehenden Fürstpropstei Berchtesgaden dem Königreich Bayern zugesprochen. In dessen Umsetzung wurde es 1810 Teil des Salzachkreises im Königreich Bayern.Joseph Ernst von Koch-Sternfeld: Geschichte des Fürstenthums Berchtesgaden und seiner Salzwerke. Band 3, ab S. 118 f. ().
Teilung der vormals Salzburger Außergebirg-Besitzungen