Rescued by Rover ist ein Film von Lewin Fitzhamon aus dem Jahr 1905. Der von Cecil Hepworth produzierte und vermarktete Film gilt als der erste Höhepunkt der britischen Filmgeschichte; die Geschichte des Collies Rover, der ein entführtes Baby rettet, fand zahlreiche Nachahmer und begründete das Genre der Tierspielfilme. Der Film entstand mit minimalem finanziellem Aufwand, wurde aber ein internationaler Erfolg mit 395 verkauften Kopien.

Für Rescued by Rover wurde das Grundthema des Chase-Films, der verfilmten Verfolgungsjagd, mit einer dramatischen Entführungsgeschichte verbunden. Die über 21 Einstellungen erzählte Handlung folgt dabei einem rhythmischen Muster aus Wiederholungen und Variationen und wird ohne zusätzliche Hilfsmittel wie Zwischentitel vermittelt. Dank des innovativen Filmschnitts, der unter erzählerischen Gesichtspunkten gewählten Kameraführung und der Kombination von Außen- und kunstvoll beleuchteten Innenaufnahmen trug Rescued by Rover zur Entwicklung des Erzählkinos bei und beeinflusste Filmemacher wie D. W. Griffith.

Handlung Der Film beginnt mit einer Großaufnahme, in der der Hund Rover neben dem Baby auf einem Kissen liegend zu sehen ist. In der folgenden Einstellung ist das Kindermädchen mit dem Baby in einem Park unterwegs. Die beiden treffen auf eine Bettlerin, die vom Kindermädchen aber forsch abgewiesen wird. Als das Kindermädchen durch seinen Freund, einen Soldaten, abgelenkt wird, nutzt die Bettlerin die Gelegenheit, greift in den Kinderwagen und nimmt den Säugling an sich.

Im Haus der Familie erzählt das Kindermädchen verzweifelt der Hausherrin vom Verlust des Kindes. Rover, der das Geständnis beobachtet hat, springt auf und macht sich auf die Suche nach dem entführten Baby. Er rennt durch die Straßen, durchschwimmt einen Fluss und erreicht eine Arbeitersiedlung, in der er von Tür zu Tür geht, bis er das richtige Haus findet. Dort entdeckt er die Bettlerin, die den Säugling in ihr Versteck auf dem Dachboden gebracht und ihm die Kleider abgenommen hat.

Rover eilt nach Hause zurück und bewegt den Vater des Kindes dazu, ihm zu folgen. Der Vater läuft Rover hinterher und gelangt schließlich zum Versteck der Entführerin. Er nimmt gegen den schwachen Widerstand der Frau das Baby an sich und verlässt gemeinsam mit Rover den Dachboden. Die Bettlerin stellt zufrieden fest, dass ihr zumindest die Kleidungsstücke des Kindes geblieben sind, und nimmt genüsslich einen Schluck aus der Schnapsflasche.

Zuhause ist die Familie schließlich wieder vereint. Die Mutter nimmt ihr Kind glücklich in die Arme.

Produktionsgeschichte mini|Cecil Hepworth Der im Juli 1905 veröffentlichteDenis Gifford: The British Film Catalogue 1895–1970. David & Charles, Newton Abbot 1973, ISBN 0-7153-5572-4, No. 01107. Kurzfilm Rescued by Rover steht beispielhaft für den Übergang von den „primitiven Jahren“ der Filmgeschichte zu der zunehmend professionell organisierten Produktion und Vermarktung von Filmen in einer rasant wachsenden Filmwirtschaft.Charles Barr: Before Blackmail: Silent British Cinema, S. 14. Cecil Hepworth hatte bereits als Mitarbeiter der Filmpioniere Birt Acres und Charles Urban die Geburt des neuen Mediums Film miterlebt. Ab 1899 drehte er selbst Filme und verkaufte sie in seinem Unternehmen Hepworth and Co. Zu seinen frühen Erfolgen zählten Aufnahmen von der Beisetzung der Königin Victoria im Februar 1901 (Funeral of Queen Victoria) sowie der 1903 gedrehte Film Alice in Wonderland, der zu diesem Zeitpunkt mit einer Laufzeit von rund zwölf Minuten der längste britische Film war.

1904 trennte sich Cecil Hepworth von seinen bisherigen Geschäftspartnern und gründete in Walton-on-Thames die Hepworth Manufacturing Company. Hepworth, der bislang nicht nur als Produzent, sondern auch als Regisseur, Kameraoperateur und Darsteller agierte, sammelte neue Mitarbeiter um sich und begann sich auf die Führung des Unternehmens zu konzentrieren. So war Rescued by Rover der letzte Film, in dem er in einer größeren Rolle vor die Kamera trat. Auch als Regisseur zog sich Hepworth weitgehend zurück und überließ die Arbeit an der Kamera Mitarbeitern wie Lewin Fitzhamon, der Anfang 1905 von Robert W. Paul zur Hepworth Manufacturing Company gewechselt war.

Trotz Hepworths Bemühungen zur Professionalisierung der Filmproduktion entstand mit Rescued by Rover eine „besondere Familienangelegenheit“.Cecil M. Hepworth: Came the Dawn, S. 66. Das Szenario stammte von Cecil Hepworths Ehefrau Margaret, und die gesamte Familie Hepworth spielte im Film mit. Das entführte Baby wurde von der acht Monate alten Barbara Hepworth verkörpert, als sein Retter Rover trat der Hund der Familie, der Collie Blair, auf. Blair war bereits zwei Jahre zuvor in Alice in Wonderland in einer kurzen Szene zu sehen,Simon Brown: Alice in Wonderland (1903). BFI Screenonline, abgerufen am 26. September 2010. hier stand er das erste Mal im Mittelpunkt einer Filmhandlung.

mini|Vor dem Bootshaus in Walton-on-Thames wurden mehrere Szenen von Rescued by Rover gedreht Auch May Clark, die in Rescued by Rover das Kindermädchen spielte, hatte bereits in Alice in Wonderland als Titelheldin mitgewirkt. Clark war allerdings keine gelernte Schauspielerin, sondern zählte als Filmeditorin zum engen Mitarbeiterstab Hepworths. Mit Mr. und Mrs. Sebastian Smith, die als der Freund des Kindermädchens und als die Kidnapperin auftraten, hatte Hepworth erstmals zwei professionelle Schauspieler beschäftigt. Sie erhielten für ihre Auftritte in Rescued by Rover jeweils eine halbe Guinee, wobei in der Gage bereits die Fahrtkosten von London nach Walton-on-Thames enthalten waren.Cecil M. Hepworth: Came the Dawn. S. 67. Dem Filmhistoriker Kemp R. Niver zufolge soll das Engagement von Mr. und Mrs. Smith der erste Einsatz bezahlter Filmschauspieler in der britischen Filmgeschichte gewesen sein.Kemp R. Niver: The First Twenty Years: A Segment of Film History. Locare Research Group, Los Angeles 1968, S. 94.

Die Innenaufnahmen fanden in dem Filmstudio statt, das Cecil Hepworth seit 1903 in Walton-on-Thames betrieb. Nach seinen eigenen Angaben gestaltete Hepworth persönlich die Kulissen.R. W. Paul, C. M. Hepworth, W. G. Barker: Before 1910: Kinematograph Experiences. In: Proceedings of the British Kinematograph Society. No. 38, 1936, S. 1–16. Die Außenaufnahmen wurden auf den Straßen von Walton-on-Thames sowie an einem Kanal am Stadtrand durchgeführt. Das gesamte Filmbudget summierte sich auf £7 13s 9dRachael Low: The History of British Film. Volume I, S. 108.; damit war Rescued by Rover laut dem Guinness-Buch der Rekorde der billigste Film, der je produziert wurde.Alan Russell, Norris D. McWhirter: The Guinness Book of Records 1988. Guinness Publishing, Enfield 1987, ISBN 0-85112-868-8, S. 100.

Zeitgenössische Vermarktung und Wirkung des Films mini|hochkant|Das bis 1908 verwendete Logo der Hepworth Manufacturing Company Rescued by Rover erwies sich als Hepworths größter kommerzieller Erfolg seit Funeral of Queen Victoria. Da es 1905 anders als in Frankreich oder den Vereinigten Staaten noch keinen systematischen Filmverleih im Vereinigten Königreich gab, wurden Kopien des Films direkt an die Filmvorführer verkauft.Rachael Low: The History of the British Film. Volume II: 1906–1914. Routledge, London 1997, ISBN 0-415-15451-0, S. 41. Hepworth konnte insgesamt 395 Kopien des Films absetzen, die – bei einem Standardpreis von 6d pro Fuß und einer Länge von 425 Fuß – für je £10 12s 6d verkauft wurden. Die tatsächliche Anzahl der existierenden Kopien dürfte noch größer gewesen sein, da einige Filmhändler in London Duplikate ihrer erworbenen Kopien anfertigten und weiterveräußerten.Cecil M. Hepworth: Came the Dawn, S. 69.

Die Nachfrage nach Rescued by Rover war so groß, dass das Originalnegativ schnell verschliss und der Film zweimal nachgedreht werden musste. Die Neuverfilmungen unterschieden sich nur minimal vom Original, die erste Fassung von Rescued by Rover gilt aber als die wirkungsvollste.John Hawkridge: British Cinema from Hepworth to Hitchcock. In: Geoffrey Nowell-Smith (Hrsg.): The Oxford History of World Cinema. Oxford University Press, Oxford 1996. ISBN 0-19-874242-8, S. 131. Rescued by Rover wurde nicht nur im Vereinigten Königreich, sondern auch im Ausland verkauft. In den Vereinigten Staaten erfolgte die Vermarktung durch die American Mutoscope and Biograph Company, die den Film am 19. August 1905 zum US-amerikanischen Copyright angemeldet hatte.Kemp R. Niver: Motion Pictures From The Library of Congress Paper Print Collection 1894–1912. University of California Press, Berkeley and Los Angeles 1967, S. 212.

Zeitgenössische Zeitungskritiken zeigten sich sehr angetan von dem Film. Die Leicester Daily Post pries im November 1905 Hepworths Produktion als „bezaubernd“ und „völlig neu in Konzept und Umsetzung“.Leicester Daily Post, 28. November 1905; zitiert in David R. Williams: Early Film Criticism in Leicester. In: Cine Studies: The Journal of the Society for Film History Research. Vol. 1, No. 1, März 1906, S. 69. Nach einer Vorführung im neuseeländischen Greymouth im September 1906 wurde Rescued by Rover als ein „Glanzstück“ beschrieben.The Montgomery Company. In: The Grey River Argus, 27. September 1906. Abgerufen am 27. September 2010.

Dank der lang anhaltenden Popularität von Rescued by Rover – der Film blieb für mindestens vier oder fünf Jahre im UmlaufRachael Low: The History of the British Film. Volume II: 1906–1914. Routledge, London 1997, ISBN 0-415-15451-0, S. 42. – kamen tierische Leinwandhelden in Mode. Bereits im April 1906 veröffentlichte der in Philadelphia ansässige Filmproduzent Siegmund Lubin mit Rescued by Carlo ein Remake. 1908 stellte der Brite James Williamson einen Hund in den Mittelpunkt einer Filmtrilogie, von der nur der Kurzfilm £100 Reward erhalten geblieben ist. 1910 startete Vitagraph eine Reihe von Kurzfilmen mit Jean, the Vitagraph Dog, der an der Seite von Florence Turner auftrat.

Das Interesse der Filmemacher an Tiergeschichten beschränkte sich aber nicht nur auf Hunde. Im Juli 1907 witzelte das britische Branchenblatt Kinematograph Weekly, dass man bald schon Schildkröten und Igel als neue Leinwandhelden sehen könne.Kinematograph Weekly, 4. Juli 1907; zitiert in Geoffrey Macnab: Searching for Stars: Stardom and Screen Acting in British Cinema. Cassell, London 2000, ISBN 0-304-33351-4, S. 3. Einer der eifrigsten Produzenten solcher Filme mit tierischen Hauptdarstellern war die Hepworth Manufacturing Company, die den Erfolg von Rescued by Rover wiederholen wollte. Vor allem Lewin Fitzhamon, der Regisseur von Rescued by Rover, drehte zahlreiche Filme nach dem vorgegebenen Schema. 1906 schuf er eine Adaption von Anna Sewells Black Beauty mit seinem eigenen Pferd als Hauptdarsteller. 1907 traten der Collie Blair und Fitzhamons Pferd gemeinsam in Dumb Sagacity vor die Kamera, ein Jahr später durfte Blair die nun dreijährige Barbara Hepworth in The Dog Outwits the Kidnapper erneut aus den Händen eines Entführers retten und dabei sogar seine Fahrkünste in einem Automobil unter Beweis stellen. Neben Hunden und Pferden machte Fitzhamon auch Tauben (Dumb Comrades, 1910) und sogar einen Elefanten (Snatched from a Terrible Death, 1908) zu Helden dramatischer Geschichten.Rachael Low: The History of the British Film. Volume II: 1906–1914. Routledge, London 1997, ISBN 0-415-15451-0, S. 223.