Als Antislawismus oder antislawischer Rassismus werden alle pauschalisierten Formen von Slawenhass, Slawenfeindlichkeit oder Slawenfeindschaft bezeichnet.Jannis Panagiotidis, Hans-Christian Petersen: Expertise. Antiosteuropäischer und antislawischer Rassismus. Mediendienst Integration, Mai 2023. (online)
Um Osteuropa als einem heterogenen und unscharf definierten Sprach- und Kulturraum Rechnung zu tragen, verwenden neuere Forschungen auch den Begriff antiosteuropäischer Rassismus.
Diese Variante des Rassismus richtet sich entweder gegen alle Slawen und generell Menschen aus Mittel- und osteuropäischen Ländern, unabhängig davon, ob sie slawische Sprachen sprechen, oder gegen einzelne slawische/osteuropäische Völker, wenn diese als Bestandteil einer vermeintlichen „slawischen Rasse“ wahrgenommen werden. In Deutschland spielte der Antislawismus in der wilhelminischen Zeit, besonders aber in der Ideologie des Nationalsozialismus eine wichtige Rolle, und wirkt bis in die Gegenwart fort.
Antislawismus in Deutschland Deutsches Kaiserreich (1871–1918) Während Arthur de Gobineaus rassistischer Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen keine Hinweise auf deutschen Nationalismus enthielt, wurde dieses Element durch Houston Stewart Chamberlains Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts hinzugefügt, der Gobineaus Essay durch die Vermittlung von Cosima Wagner kennengelernt hatte und zudem antisemitisch orientiert war. Chamberlains Schrift stieß in Deutschland auf breite Rezeption und prägte den deutschen Nationalismus zur Zeit des Wilhelminismus. Die Germanen wurden dabei als höchstentwickelte menschliche Rasse und Deutschland als ihre natürliche Führungsmacht dargestellt. Damit ging eine Verschlechterung des Bildes von den slawischen Nachbarvölkern, besonders von Polen und Russen (vgl. Russlandbild), einher. Hierbei spielten deutsch-baltische Publizisten wie Paul Rohrbach und Theodor Schiemann, die über gute Verbindungen zu Wilhelm II. und führenden Militärs verfügten, eine große Rolle. Sie veränderten das bis dahin eher positive Russlandbild der preußisch-deutschen Eliten. Russland wurde von ihnen einerseits als bedrohlicher Koloss, andererseits als kulturell und zivilisatorisch rückständig bezeichnet, es galt als Führungsmacht der slawischen Welt, mit dem Deutschland als germanische Führungsmacht früher oder später kämpfen müsse. Diese Sichtweise machten sich auch Wilhelm II. und der preußische Generalstabschef Helmut von Moltke zu eigen.Fritz Fischer: Krieg der Illusionen, Düsseldorf 1998, ISBN 3-7700-0913-4, S. 62, 78 ff.
Bedingt durch die Teilungen Polens waren Teile des damaligen Preußens polnisch besiedelt. Dies führte seit den 1850er Jahren zu einer antipolnischen Stoßrichtung des anwachsenden deutschen Nationalismus. Der Schriftsteller Gustav Freytag artikulierte in seinem 1854 erschienenen Roman „Soll und Haben“ diese antipolnischen Vorurteile.Martin Broszat: Zweihundert Jahre deutsche Polenpolitik, Frankfurt 1972, ISBN 3-518-36574-6, S. 87 ff.
Später wurde die Polenfeindlichkeit durch die Agitation des 1894 gegründeten „Deutschen Ostmarkenvereins“ (Verein zur Förderung des Deutschtums in den Ostmarken) intensiviert.Fritz Fischer: Hitler war kein Betriebsunfall, München 1992, ISBN 3-406-34051-2, S. 229 Diese beeinflusste auch Teile des liberalen Bürgertums, so behauptete der Soziologe Max Weber in seiner Antrittsvorlesung 1895:
Besonders der Alldeutsche Verband unter seinem Vorsitzenden Heinrich Claß, dessen Mitglied auch Max Weber zeitweise war, propagierte die „rassische“ Unterschiedlichkeit von Germanen und Slawen, die früher oder später zum Kampf führen müsse. Vor diesem Hintergrund wurde der erwartete Krieg zwischen Deutschland und Russland als „Rassenkampf (...) der Germanen gegen die übermütig gewordenen Slawen“ (Wilhelm II. 1912)Fischer: Krieg der Illusionen, S. 270 betrachtet.
Ein aufmerksamer Beobachter dieser Vorgänge war der spätere tschechoslowakische Staatspräsident Tomáš Garrigue Masaryk, der alle Äußerungen registrierte, die den Slawen in herablassender Weise als angeblich nicht staatsfähig ihr nationales Selbstbestimmungsrecht absprachen, gab es doch mit Friedrich List, Paul de Lagarde und Constantin Frantz politische Publizisten, die eine grenzkolonisatorische Ausweitung des deutschen Einflussbereichs nach Polen und über die Donau bis zu ihrer Mündung ins Schwarze Meer propagierten.Tomáš Garrigue Masaryk: Das neue Europa. Der slawische Standpunkt, Berlin 1991, S. 10–26. (Nach der tschechischen Ausgabe von 1920 erschien die deutsche 1922.) Für Masaryk stellte sich die Situation, in der sich „der Pangermanismus als Philosophie und Politik der Deutschen organisierte“, polemisch so dar: „Lagarde ist sein führender philosophischer und theologischer Wortführer, Treitschke sein Historiker, Kaiser Wilhelm sein Politiker.“Masaryk (1991), S. 13.
Antislawismus im Nationalsozialismus (1933–1945) Der im Wilhelminismus popularisierte Antislawismus wurde von den Nationalsozialisten aufgegriffen und zum wichtigen Bestandteil ihrer Ideologie ausgebaut. Genauso wie Juden, wurden auch Slawen als Untermenschen gesehenTony Masiuk (2019): Hitler’s Manifest Destiny: Nazi Genocide, Slavery, and Colonization in Slavic Eastern Europe. Der Generalplan Ost war ein geheimes, schriftlich detailliert ausgearbeitetes Programm zur systematischen Ermordung, Vertreibung und Versklavung von zig Millionen Slawen.
Während des Zweiten Weltkriegs beteiligte sich der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) zunächst im Zuge des Westfeldzugs am Kunst- und Kulturraub der vom NS-Regime identifizierten Feinde. Im September 1940 teilte Alfred Rosenberg, NS-Chefideologe und Leiter des ERR, Reichsschatzmeister Franz Xaver Schwarz unter anderen mit, dass eine große slawische Bibliothek aus Frankreich seiner „Hohen Schule“ zugeführt werde.Ernst Piper: Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe. München 2005, S. 487, ISBN 3-89667-148-0. (Quelle: Schreiben von Rosenberg an Schwarz vom 18. September 1940; IMG, Bd. XXV, S. 181 f. = Dok. 090-PS.) Die Eroberung von „Lebensraum im Osten“, zentraler Programmpunkt Hitlers, sollte auf Kosten der slawischen Völker gehen, die als Angehörige einer „minderen Rasse“ definiert wurden. Adolf Hitler schrieb 1928 in seinem „Zweiten Buch“, der nationalsozialistische Staat habe im eroberten Ostland „diese rassisch fremden Elemente...abzukapseln...oder er musste sie überhaupt kurzerhand entfernen.“Eberhard Aleff: Das Dritte Reich, Hannover 1973, ISBN 3-7716-2020-1, S. 130 Besonders Heinrich Himmler und die SS interpretierten die mittelalterlichen Konflikte zwischen Feudalherren deutscher, polnischer und russischer Zunge als „Rassenkampf“ der Germanen gegen die Slawen, Heinrich Himmler hielt sich für die Reinkarnation des gegen die Slawen siegreichen sächsischen Königs Heinrich I.Aleff 1973, S. 70 Dies prägte Deutschlands Kriegsplanung und Kriegführung im Zweiten Weltkrieg in Osteuropa. Einige Tage vor dem Überfall auf Polen erklärte Hitler in einer Rede vor Generälen:
Nach der deutschen Eroberung wurde die polnische Intelligenzschicht von Einsatzgruppen des SD unter dem Oberbefehl Reinhard Heydrichs ermordet, die „nicht eindeutschungsfähigen“ Polen ins „Generalgouvernement“ vertrieben, wo sie den Deutschen als Wanderarbeiter zur Verfügung stehen sollten. Vor dem Angriff auf die Sowjetunion erfolgte der Kriegsgerichtsbarkeitserlass vom 13. Mai 1941, wonach kollektive Vergeltungsmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung zulässig waren, und der Kommissarbefehl, wonach gefangengenommene politische Offiziere der Roten Armee sofort zu erschießen waren. In Wochenschauen wurden Bilder von Russen gezeigt, die zeitgenössische Deutsche als „hässlich, unterentwickelt,...Gesichter wie Affen, mit Riesennasen, verlumpt, dreckig“ empfanden.Laurence Rees: Hitlers Krieg im Osten, München 2001, ISBN 3-453-18846-2, S. 37, 58 (Zitat) Die sowjetischen Kriegsgefangenen wurden in Sammellagern zusammengefasst und oft dem Hungertod preisgegeben, von 5,7 Millionen Gefangenen starben 3,3 Millionen meist durch Hunger oder Krankheit. Die Wehrmacht sollte sich aus dem Land heraus ernähren, der Hungertod der Zivilbevölkerung wurde in der Leningrader Blockade in Kauf genommen. In der ukrainischen Stadt Charkiw verhungerten deshalb im Winter 1942/43 mehrere hunderttausend Menschen.Rees 2001, S. 73, 117 Der Generalplan Ost sah die Vertreibung von 31 Millionen „Fremdvölkischen“ als erste Etappe der Germanisierung Russlands vor. Die slawische Bevölkerung sollte von Bildung und medizinischer Fürsorge ferngehalten und lediglich mit Schnaps, Tabak und Verhütungsmitteln versorgt werden, um ihre Vermehrung zu verhindern.Aleff 1973, S. 218, Rees 2001, S. 105, 112 Wer arbeitsfähig war, wurde oft zur Zwangsarbeit ins „Reich“ deportiert. Bei internen Auseinandersetzungen setzten sich im NS-Apparat die Anhänger einer konsequent auf Ausplünderung und Repression setzenden Politik wie Himmler, Göring und der „Reichskommissar für die Ukraine“ Erich Koch gegen Alfred Rosenberg durch, der nun als Leiter des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete das Ziel verfolgte, aus den eroberten Gebieten Satellitenstaaten zu machen.Rees 2001, S. 106 f., Aleff 1973, S. 217 Der nationalsozialistische Terror trieb viele Slawen, die den Einmarsch der Wehrmacht zunächst als Befreiung vom Kommunismus begrüßten, in den kommunistischen oder nationalistischen Partisanenwiderstand.Rees 2001, S. 113 ff
Antislawismus in der Gegenwart In der Gegenwart kann sich antislawischer Rassismus in Deutschland gegen Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion richten, darunter Russlanddeutsche und jüdische Kontingentflüchtlinge, sowie aus Mittel- und osteuropäischen Ländern. So analysiert aktuelle Forschung strukturelle antiosteuropäische Diskriminierung in Form multipler Prekarisierung von rumänischen und bulgarischen Einwanderern am Beispiel von zwei Duisburger Stadtteilen:
EU-Bürger stellen rund 30 % aller Migranten in Deutschland, bleiben jedoch in politischen Debatten häufig unsichtbar. Die Herausforderungen sind prekäre Beschäftigung, eingeschränkter Zugang zu Sozialleistungen und strukturelle Barrieren auf dem Arbeitsmarkt – dazu hat der Polnische Sozialrat ein Factsheet erstellt.Factsheet „Zwischen Freizügigkeit und Ausschluss: EU-Arbeitsmigration nach Deutschland kompakt“.
Auch der Menschenhandel fußt gemäß Spires auf uralten rassistischen und antislawischen Ideologien.Robert Spires: The Philosophical Foundations of Enslavement and Exploitation: Setting the Stage for Modern Human Trafficking. (englisch, ). Alli Neumann berichtet, wie sie als Tochter eines Deutschen und einer Polin zu einer „Undercover-Polin“ wurde.
Währenddessen dominiert in aktuellen antirassistischen Debatten die Überzeugung, „weiße“ Menschen könnten keinen Rassismus erleiden, was Erfahrungen von Menschen aus dem östlichen Europa ausblendet. Daher plädieren Hans-Christian Petersen, Jannis Panagiotidis und Mark Terkessidis eindringlich für eine „Osterweiterung“ der Rassismusdebatte und der Erinnerungskultur.Hans-Christian Petersen, Jannis Panagiotidis: Geschichte und Gegenwart des antiosteuropäischen Rassismus und Antislawismus
Eine Arbeitsdefinition des gegenwärtigen Verständnisses von Antislawismus formulieren Prokopkin und Brodnjak in ihrem Artikel „Antislawismus – eine Lücke im deutschen Antirassismusdiskurs. Versuch einer Definition.“ Sie betonen dabei insbesondere die strukturelle Dimension dieser Diskriminierungsform sowie ihre historischen Kontinuitäten:Antislawismus – eine Lücke im deutschen Antirassismusdiskurs. Versuch einer Definition Heinrich-Böll-Stiftung 2025
Antislawismus in anderen Ländern Italien