Cortina d’Ampezzo ( oder Anpezo) ist eine italienische Gemeinde in der Provinz Belluno in Venetien mit Einwohnern (Stand ).
Cortina d’Ampezzo ist ein renommiertes Winter- und Bergsportzentrum, das Austragungsort der Olympischen Winterspiele 1956 sowie der Alpinen Skiweltmeisterschaften 1932, 1941 und 2021 war. Gemeinsam mit Mailand wurden in dem Ort die Olympischen Winterspiele 2026 ausgetragen.
Der Tourismus dominiert den Ort aus wirtschaftlicher wie kultureller Sicht. Zusammen mit elf weiteren italienischen Wintersportgebieten gehört Cortina d’Ampezzo zum Verbund Dolomiti Superski.
Als Teil des ladinischen Sprachgebiets wird Ampezzo zu Ladinien gezählt.
Etymologie Der Ortsname wurde erstmals 1317 in einer lateinischen Urkunde als Curtina Ampitii schriftlich erwähnt.
Man nimmt an, dass sich das Wort „Cortina“ von der Verkleinerungsform von curtis (aus dem Spätlatein, „Hof“) ableitet, was im Frühmittelalter kleine territoriale Einheiten bezeichnete, die Teil eines Lehens waren und aus Häusern und landwirtschaftlichen Flächen bestanden, von denen einige von den Dorfbewohnern frei genutzt werden konnten, andere aber Privateigentum des Feudalherrn waren. Diese Bedeutung findet sich noch heute etwa im Spanischen „cortinal“ wieder. „Cortina“ könnte aber auch einen „kleinen Hof“ bezeichnen, im Sinne eines durch eine niedrige Mauer abgegrenzten Raums, der in der Vergangenheit für Gottesdienste und als Friedhof genutzt wurde. Im Ladinischen bezeichnet cortina heute den ummauerten Friedhof (die gleichnamige Fraktion war die einzige in der Gemeinde mit einem Friedhof). Im mit dem Ladinischen verwandten Bündnerromanischen bedeutet curtin „Garten“.
Der dazugehörige Flurname Ampezzo lässt sich (laut dem ladinischen Etymologen Paul Videsott) nicht mehr eindeutig klären. Es liegt wohl dieselbe Wurzel wie bei Ampezzo in Friaul-Julisch Venetien zugrunde, das 762 als Ampicio auftaucht. Es kann eine vorrömische Wurzel *amp- mit Kollektivsuffix -etum rekonstruiert werden, etwa mit der Bedeutung ‚bei den Schwarzerlen‘.
Das deutsche Exonym (Fremdbezeichnung des Ortes) lautet Hayden, in älteren Schriften auch Haiden.Josef Richebuono: Der Kampf der Gemeinde Ampezzo um ihre Autonomie. In: Ladinia: sföi culturâl dai Ladins dles Dolomites. Nr. 1. 1977, S. 157 (PDF).
Geografie Der Ort liegt auf einer Höhe von im Valle del Boite in den Ampezzaner Dolomiten und ist das größte besiedelte Zentrum der Dolomitenladiner. Die höchsten Gipfel sind unter anderem die Tofana di Mezzo (3244 m), der Monte Cristallo (3221 m) und die Punta Sorapiss (3205 m).
Das Gemeindegebiet von Cortina d’Ampezzo ist deckungsgleich mit der Landschaft Ampezzo. Unter „Ampezzaner“ versteht man jemanden, der aus einer angestammten „Regole“-Familie kommt und damit Anteil an der Genossenschaft hat. Ein Cortineser hingegen ist ein Zugereister, der zwar im Ort lebt, aber höchstens durch Einheiraten in eine „Regole“-Familie kommen kann.
Klima mini|Blick auf Cortina d’Ampezzo im Winter Das Skigebiet Cortina d’Ampezzo (es gehört zum Verbund Dolomiti Superski) ist, wie der gesamte Alpenraum, von der globalen Erwärmung erheblich betroffen. Die Schneemengen sind tendenziell rückläufig; der Wintersportbetrieb ist ohne den Einsatz von Schneekanonen an vielen Stellen nicht mehr möglich.
Geschichte mini|Stadtplan Für das Frühmittelalter gibt es nur wenige Quellen. Damals gehörte das Gebiet zum Cadore. Die langobardische Herrschaft ab dem 6. Jahrhundert war prägend für die Herausbildung der Regules, einer Form von kommunaler Selbstverwaltung, die in Teilen bis 1918 bestand. Ab 776 folgten den Langobarden die Franken unter Karl dem Großen. Damals bildete sich gegen Norden die deutsch-ladinische Sprachgrenze heraus. 951 wurde das Cadore mit der Markgrafschaft Verona und Aquileja dem Stammesherzogtum Baiern unterstellt. Ab 973 gehörte Anpëz mit der Grafschaft Cadore, durch den Bayernherzog Heinrich II., als freisingischer Besitz zu Innichen, doch konnte sich Ende des 11. Jahrhunderts unter Kaiser Heinrich IV. das Patriarchat von Aquileja durchsetzen. Erwähnenswert ist aus jener Zeit die Burg Peutelstein, die Patriarch Heinrich von Biburg um 1080 auf einem langobardischen Vorgängerbau errichten ließ (seit 1781 in Verfall, heute nur mehr als Ruine erhalten).Giuseppe Richebuono: Peutelstein. In: Magdalena Hörmann-Weingartner (Hrsg.): Tiroler Burgenbuch. IX. Band: Pustertal. Verlagsanstalt Athesia, Bozen 2003, ISBN 978-88-8266-163-2, S. 377–384. Durch Hayden führte ein wichtiger Handelsweg zwischen dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation und den italienischen Staaten, besonders der Seerepublik Venedig. Mit der Eroberung des Patriarchats fiel 1420 auch Anpëz zur Republik Venedig und schied damit de facto, aber nicht de jure aus dem Reichsverband aus. 1508 veranlasste Papst Julius II. eine gegen Venedig gerichtete Koalition, die Liga von Cambrai, der sich auch das römisch-deutsche Reich anschloss, um die seit dem 14. Jahrhundert von Venedig besetzten Reichsgebiete in Oberitalien zurückzuerobern. Das Gebiet von Anpëz wurde noch im selben Jahr von kaiserlichen Truppen eingenommen. Am 21. Oktober 1511 kehrte es, im Beisein Kaiser Maximilians I., offiziell in den Reichsverband zurück und kam zur Gefürsteten Grafschaft Tirol. Der Kaiser bestätigte den Ampezzanern mit den Regules ihre Selbstverwaltung.
Unter Österreich bildete Anpezo eine weitgehend selbstverwaltete Einheit bis zur Staatsreform unter Kaiser Joseph II. Während seiner Amtszeit wurde auch das Dekanat Anpezo der Diözese Brixen angegliedert, der bereits alle anderen dolomitenladinischen Täler angehörten. Anpezos Schützen nahmen 1796–1813 aktiv am Tiroler Freiheitskampf gegen die französischen Truppen teil. Während der napoleonischen Kriege wurde am 31. August 1809 auch Anpezo von französischen Truppen besetzt. Als Tirol im Februar 1810 von Napoleon geteilt wurde, kam Anpezo kurzzeitig mit Toblach im Pustertal zum Königreich Italien, das der Kaiser der Franzosen in Norditalien errichtet hatte. Bereits 1813 konnten österreichische Truppen das Gebiet zurückerobern. 1835 wurde mit der Eröffnung der Fahrstraße zwischen Toblach und Anpezo der Grundstein für die touristische Erschließung gelegt.Antonio Berti: Dolomiti orientali: Volume 1 – Parte 1º. (=Guida dei Monti d'Italia), Club Alpino Italiano/Touring Club Italiano, Mailand 1971, S. 29.
mini|hochkant|Skifahrer in Cortina d’Ampezzo 1903
Ende des 19. Jahrhunderts erlebte Anpezo eine Blütezeit. Von Bergbegeisterten, dem österreichisch-ungarischen Adel und dem gehobenen Bürgertum Frankreichs und Englands entdeckt, entwickelte sich der Ort unter maßgeblicher Förderung des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins (DuOeAV) bald zum begehrten Fremdenverkehrszentrum. Sowohl im Sommer als auch im Winter wurde Anpezo zu einem noblen Ferienort. Anpezo wurde als „Perle der Dolomiten“ und „Königin der Alpen“ bekannt. Neben dem Bau von Luxushotels entstand 1903 die erste Skischule. Diese „goldene Zeit“ endete für Anpezo abrupt mit dem Attentat von Sarajevo auf den österreichischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und dem Beginn des Ersten Weltkriegs am 28. Juli 1914. Die Dolomiten wurden mit dem Kriegseintritt Italiens gegen Österreich-Ungarn am 23. Mai 1915 zum direkten Frontgebiet. Die wehrpflichtigen Männer befanden sich an der Ostfront gegen Russland. 669 daheimgebliebene – unter 16-jährige und über 50-jährige – Einwohner übernahmen die Verteidigung gegen die angreifenden italienischen Truppen, mussten den Ort aber aus militärstrategischen Gründen aufgeben und sich auf Verteidigungslinien in den Bergen zurückziehen. Am Abend des 5. November 1917 betraten nach der italienischen Niederlage von Karfreit mit dem 164. Landsturmbataillon wieder österreichische Truppen Anpezo.Mario Ferruccio Belli: Cortina d’Ampezzo 1917–1945: Il fascismo e gli anni della speranza. Dario De Bastiani Editore, Vittorio Veneto 2017, ISBN 978-88-8466-552-2, S. 15.
Am 24. November 1917 reiste Kaiser Karl durch Ampezzo und wurde von der Bevölkerung mit Begeisterung empfangen. Dabei reichte ein kleines Mädchen dem Kaiser einen Brief mit der Bitte, den Vater von der Front nach Hause zu schicken, da seine Frau und Mutter von neun Kindern gestorben war. Nach zehn Tagen war Bepe Manaigo bei seinen Kindern.
Insgesamt waren infolge des Krieges 144 Ampezzaner gefallen. Ampezzaner Soldaten erhielten 16 silberne und 4 bronzene Tapferkeitsmedaillen. Im umliegenden Gebiet von Cortina gab es 38 Soldatenfriedhöfe, überall Schützengräben, Stacheldraht, Einschlaglöcher, Splitter, Munition und Baracken; 2450 Hektar Wald waren verwüstet. Ehemalige Kriegsstellungen, Schützengräben und Felsstollen können noch besichtigt werden.
Nach dem Ersten Weltkrieg Nach dem Waffenstillstand von Villa Giusti vom 3. November 1918 wurde mit dem südlichen Tirol auch Anpezo am 10. November 1918 von italienischen Truppen besetzt. Feierlichkeiten wurden dazu keine organisiert. Mit Gemeinderatsbeschluss und den Unterschriften der Familienoberhäupter verlangte die Bevölkerung den Verbleib bei Tirol und Österreich. Durch Entscheidung der Siegermächte und mit dem Inkrafttreten des Vertrags von Saint-Germain am 10. Oktober 1920 kam das Gebiet jedoch gemeinsam mit Südtirol und dem Trentino zu Italien.
Die ladinische Bevölkerung weigerte sich, sich als Italiener zu bekennen. Die staatliche Italienisierungspolitik nach der faschistischen Machtübernahme traf sie besonders hart. Als Strafmaßnahme wurden die ladinischen Täler aufgeteilt. Anpezo wurde gemeinsam mit Fodom und Col (Souramont) 1923 zur italienischen Provinz Belluno geschlagen und erhielt den amtlichen italienischen Gemeindenamen Cortina d’Ampezzo. Im Ort wurde ein großes Denkmal für die ortsfremden gefallenen italienischen Soldaten (das Beinhaus Pocol mit 9707 Soldaten) errichtet, während den Ampezzanern die Errichtung eines Denkmals für ihre Gefallenen und Vermissten verweigert wurde, da sie für Österreich gekämpft hatten. Erst 1998 konnte eine Gedenkstätte errichtet werden.
1939 wurde das Gebiet in das von Benito Mussolini und Adolf Hitler vereinbarte italienisch-deutsche Umsiedlungsabkommen (Option in Südtirol) einbezogen, mit dem die beiden verbündeten Diktatoren den „Stolperstein“ Südtirol bereinigen wollten. Die Option blieb jedoch weitgehend unbeachtet. Nur ganz wenige Ampezzaner entschieden sich für eine Umsiedlung in das Deutsche Reich.Carlo Romeo: Le scelte degli altri. La memoria italiana delle opzioni del 1939. In: Eva Pfanzelter (Hrsg.): Option und Erinnerung – La memoria delle opzioni. (= Geschichte und Region / Storia e regione. 22. Jahrgang, 2013, Heft 2). Studienverlag, Innsbruck/Wien/Bozen 2014, , S. 47. PDF
Nach dem Sturz Mussolinis und der Besetzung Italiens durch deutsche Truppen wurde Anpezo noch im September 1943 in der Operationszone Alpenvorland mit der Provinz Bozen (Südtirol) und mit der amtlichen Doppelbezeichnung Hayden – Cortina d’Ampezzo wiedervereinigt. Damit wurde die Jugend zur deutschen Wehrmacht eingezogen, wobei bis zum Kriegsende 51 Ampezzaner – davon 31 an der Ostfront – fielen.
Gemäß Akten der Partei-Kanzlei der NSDAP wünschte Mussolini für sein Regime ab 1943 als Regierungssitz Cortina, was ihm von deutscher Seite verweigert wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg mini|hochkant|Olympisches Feuer der Winterspiele in Cortina d’Ampezzo (1956)