mini|Peter Michael Hamel (2011) Peter Michael Hamel (* 15. Juli 1947 in München) ist ein deutscher Komponist, der mit seinen Werken, insbesondere für Orchester, und als Improvisator am Klavier im engen Kontakt mit namhaften Musikern nicht-europäischer Kulturen eigenständige Ansätze zu einer „integrativen“ Musik entwickelt hat.
Leben und Schaffen Peter Michael Hamel hatte seit dem fünften Lebensjahr Klavierunterricht bei seiner Großtante Amalie Jensen-Pletsch, lernte Violine, Violoncello und Horn und studierte nach privatem Kompositionsunterricht bei Fritz Büchtger Komposition bei Günter Bialas an der Musikhochschule München, außerdem Musikwissenschaft bei Thrasybulos Georgiades in München und Carl Dahlhaus an der Technischen Universität in West-Berlin. Zeitgleich beschäftigte er sich mit Free Jazz, politischem Kabarett, Musique concrète und schrieb Schauspiel- und Fernsehspielmusik für Inszenierungen seines Vaters, des Regisseurs und Autors Kurt Peter Hamel (1911–1979).Peter Hamel. In: Fred Hamel: Musica. Band 46, Bärenreiter-Verlag, 1992, S. 62.
Zwischen 1969 und 1974 arbeitete er vorwiegend mit amerikanischen Komponisten zusammen, etwa mit John Cage, Morton Feldman und Terry Riley, nahm an Seminaren von Karlheinz Stockhausen teil und als Mitarbeiter von Josef Anton Riedl an dessen multimedialen Projekten, improvisierte mit Jazzmusikern, aber auch mit Luc Ferrari oder Carl Orff. Außerdem arbeitete er in der von ihm mitgegründeten Gruppe Between, deren Debütalbum 1971 Einstieg hieß und die 1973 mit Dharana und 1974 mit der Jazz-&-Lyrik-Produktion Hesse Between Music Aufmerksamkeit erregte. Hamel spielte auch zahlreiche Schallplatten, insbesondere vei Schott/Wergo (Mainz), unter eigenem Namen ein, meist mit elektronischen Mitteln, aber auch am präparierten Klavier und auf der Orgel (u. a. Organum, Colours of Time, Bardo und Transition).
1973 erschien bei Vertigo das Doppelalbum Hamel, auf dem er sämtliche Instrumente selbst spielte, darunter präpariertes Klavier, Orgel und Moog, und das die Plattenfirma als Werk eines „avantgardistischen Ein-Mann-Orchesters“ bewarb. Karl Lippegaus bescheinigte der Produktion in der Musikzeitschrift Sounds „hohes internationales Format“ und grenzte sie nachdrücklich von der damals stark beworbenen Kosmischen Musik ab. Hamel entwickle die Konzeption Terry Rileys streckenweise weiter, sein Stil sei dabei flüssiger und beweglicher, und er betone eine ganze Plattenseite lang den rhythmischen Aspekt des präparierten Klaviers. Mit einfachsten Mitteln schaffe er laufend neue Ebenen, etwa indem er Wasser- und Windgeräusche einbeziehe.
In den Jahren 1973 bis 1978 weilte er insgesamt fünf Mal zum Studium der traditionellen Musik in Indien. Zu seinen Lehrmeistern gehörten Pandit Patekar (Nordindischer Khyal-Gesang), Ustad Imrat Khan (Sitar), Pandit Sankha Chatterjee (Tabla), Pandit Ram Narayan (Sarangi), Srimati Subbhulaksmi (Karnatische Musik) und die "Dagar Brothers" (Nordindischer Dhrupad-Gesang). Außerdem widmete er sich intensiv dem Studium der Musikethnologie und nahm auf zahlreichen Tourneen in aller Welt die musikalischen Eindrücke fremder Kulturen in sich auf.
Als Stipendiat der Villa Massimo in Rom (Preisträger 1978) schrieb Hamel 1979/80 sein erstes abendfüllendes Bühnenwerk Ein Menschentraum, eine 1981 am Staatstheater Kassel von Dieter Dorn uraufgeführte Oper. 1987 folgte die Lyrikoper Kassandra für die FRANKFURT FESTE. Seine erste Sinfonie Die Lichtung wurde 1988 von den Münchner Philharmonikern unter Sergiu Celibidache uraufgeführt, 1990 folgte ein Violinkonzert für Christiane Edinger in der Reihe musica viva in München. Zum 100. Geburtstag der Münchner Philharmoniker 1995 entstand Missa, es folgten oratorische Werke wie Passion und Menschenrechte. Sein vielleicht radikalstes Musiktheaterprojekt Shoah, auch als Radiokomposition (BR/WDR), setzt sich mit dem Holocaust auseinander (1996).
Von 1994 bis 1996 lehrte Hamel als Gastprofessor an der Musikhochschule Graz. In den Jahren 1997 bis 2012 hatte er in der Nachfolge von György Ligeti eine Professur für Komposition und Musiktheorie an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg inne. 1998 wurde er zum Mitglied der Freien Akademie der Künste in Hamburg berufen und war dort von 2001 bis 2012 Vorsitzender der Musiksektion. Mit seinem 1998 gegründeten Interkulturellen Musikinstitut in Aschau im Chiemgau schuf er ein über die Grenzen des akademischen Betriebs hinaus arbeitendes Forum für den Dialog der Kulturen, für harmonikale Grundlagenforschung, akustische Kunst, Gruppenimprovisation und Ethnomusikologie.
Als Autor wurde der in München lebende Hamel mit dem Buch Durch Musik zum SelbstPeter Michael Hamel: Durch Musik zum Selbst. Wie man Musik neu erleben und erfahren kann. Deutscher Taschenbuch Verlag, München/Kassel 1980. (1976; Neufassung als Taschenbuch 1980) bekannt, in dem die Zusammenhänge zwischen menschlichem Bewusstsein und Musik beschrieben werden. Dadurch galt Hamel als einer der Vorläufer der New-Age-Bewegung, von der er sich aber stets distanzierte, zumal er mit komplexeren sinfonischen Werken in Erscheinung trat. Über seine Komposition Maitreya und seine Begegnung mit Anagarika Govinda schrieb er 2016 in seinem Beitrag zur Festschrift für Volker Zotz.Peter Michael Hamel: Maitreya für Lama Govinda. In: Friedhelm Köhler, Friederike Migneco, Benedikt Maria Trappen (Hrsg.): Freiheit. Bewusstheit. Verantwortlichkeit. Festschrift für Volker Zotz. München 2016, S. 127–136.
Stilistik Hamel spielt und komponiert eine von ihm selber als „integrativ“ bezeichnete Musik, die ihre Wurzeln in der Interkulturalität hat und die sich im politischen Sinne als Gegenentwurf zur Haltung des Kolonialismus versteht. Auf der Grundlage umfassender Kenntnisse verschiedenster europäischer und außereuropäischer Aufführungsformen aus alter und neuer Zeit und in bewusst herbeigeführter Abgrenzung gegenüber den stilistischen Normen der zentraleuropäisch orientierten Avantgarde in der Musik hat er "in den späten 1960er Jahren aus der Erfahrung mit den damals avantgardistischen Techniken heraus" eine "eigenständige Position" entwickelt.Michael Töpel: Peter Michael Hamel. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Kassel u. a. 2002, Band 8, Sp. 476. Als integrativ ist Hamels Musik insofern zu begreifen, als sie alle Fremdeinflüsse auf dem Weg der Anverwandlung mit dem Eigenen zu einer unauflöslichen Verbindung gelangen lässt. Dabei werden das Eigene und das Fremde nicht als Gegensätze, sondern eher als unterschiedliche Ausprägungen ein und derselben Ur-Musikalität aufgefasst, die im jeweils neu zu schaffenden Musikstück freizulegen und aufzuspüren ist. Hierzu der Komponist: "Dieser geistig neuen Musik geht es darum, aus allen Musiktraditionen zu lernen, vergessene Hintergründe aufzuspüren und die ursprüngliche Funktion der Musik, ihre Bindung an tiefste menschliche Erfahrungen, wieder ins Licht zu rücken."Peter Michael Hamel: Durch Musik zum Selbst. München/Kassel 1980, S. 9. Stefan Fricke definiert das Ideal einer integrativen Musik als die Einheit von verstandesmäßig erfassbaren und mythisch bzw. magisch erlebbaren Grundschichten.Stefan Fricke: Peter Michael Hamel. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Band 10, London / New York 2001, S. 725. Insofern ist auch Michael Töpel zuzustimmen, der Hamels Improvisieren und Komponieren als einen "Prozeß der Selbstfindung" beschreibt. Auf diesem Wege fand der Komponist in den Schriften des Schweizer Kulturphilosophen Jean Gebser wertvolle Denkanstöße.
Einer Zuordnung zu einer der musikalischen Hauptrichtungen des 20. Jahrhunderts entzieht sich Hamels Musik auf Grund ihrer stilistischen Eigenständigkeit: "Die Tatsache, dass Peter Michael Hamel in keine der landläufigen Schubladen passt, in die man die Kunst und ihre Künstler so gerne einordnen möchte, ist seit jeher sein unveränderliches Kennzeichen."Peter Hanser-Strecker, In: Peter Michael Hamel: Ein neuer Ton. Allitera, München 2007, S. 7. Der Ausgangspunkt seiner Entwicklung ist in der zeitgenössischen Musik der späten 60er-Jahre zu suchen, die er im Lauf seines Musikstudiums kennenlernte. Dass er, wie es im Zuge der Neuorientierung nach 1945 üblich war, die Werke auch der Wiener Schule (Moderne) und anderer wichtiger Komponisten des 20. Jahrhunderts (vor allem Béla Bartók) genauestens studiert hatte, gehört zu den Selbstverständlichkeiten seiner auf Offenheit angelegten Persönlichkeit. Doch schien sein Herz "damals nicht für die post-webernschen Traditionen zu schlagen, die sich so dominant in Deutschland entwickelten", erinnert sich Terry Riley,Terry Riley in: Peter Michael Hamel: Ein neuer Ton. Allitera, München 2007, S. 11. der 1972 erstmals mit Hamel zusammen musiziert hatte. Den syntaktischen Verknüpfungen im klassisch-romantischen Formdenken setzte Hamel schon früh eigene Versuche mit sog. "offenen Formen"Konrad Böhmer: Zur Theorie der offenen Form in der neuen Musik. Tonos, Darmstadt 1967. entgegen und ersetzte das motivisch-thematische Geschehen durch repetitive Muster. Damit ergaben sich zwangsläufig Überschneidungen mit der Musik des sog. Minimalismus, zu dem er schon auf Grund persönlicher Begegnungen mit Musikern wie Terry Riley eine innere Beziehung hatte.