Das Kastell Göd-Bócsaújtelep ist ein nie fertiggestelltes römisches Militärlager, das als besonders große spätantike Befestigung für die Überwachung des nordwestlichsten Grenzabschnitts am Limes Sarmatiae vorgesehen war. Gleichzeitig hätten die hier stationierten Einheiten den im Schutz dieses Limes lebenden, aber nur schwer zu kontrollierten und wankelmütigen Bündnispartner der sarmatischen Jazygen weiter an der Seite der Römer halten sollen. Mit Göd-Bócsaújtelep hätte das rund drei Kilometer westlich liegende, komplexe römische Grenzverteidigungssystem am pannonischen Donaulimes zudem einen vorgeschobenen Beobachtungsposten im östlichen Barbaricum besessen. Anhand dieser größtenteils noch unüberbauten Anlage lässt sich gut der im Stadium der Grundrißbestimmung steckengebliebene Entstehungsprozess eines spätrömischen Steinkastells nachvollziehen.Ádám Szabó, Endre Tóth (Hrsg.): Bölcske. Römische Inschriften und Funde – In memoriam Sándor Soproni (1926–1995) Libelli archaeologici Ser. Nov. No. II. Ungarisches Nationalmuseum, Budapest 2003, , S. 39. Das Kastellareal liegt heute im Gemeindebereich von Bócsaújtelep, das zur nordungarischen Stadt Göd im Komitat Pest gehört.

Lage mini|300px|Der Limes Pannonicus am Pilisgebirge Die Anlage wurde am Rand der östlichen Donauniederung, südlich des Donauknies errichtet. Der Strom knickt am Ausgang dieses Knies von Westen kommend, fast rechtwinkelig nach Süden hin ab und hält diese Richtung im Bereich des heutigen Staatsgebietes von Ungarn weitgehend bei. Als Standort für den neuen Militärplatz wählten die Planungsverantwortlichen einen nach Nordosten sanft abfallenden, flachen Hügelrücken, der sich in einem Abstand von rund drei Kilometern zur Donau befand. Diese Konzeption in weiter Entfernung zum Ufersaum ist nicht mit möglichen Überschwemmungsgefahren zu erklären, da die Uferterrasse im Bereich von Göd rund acht bis zehn Meter über dem Donaunormalstand liegt. Zudem wurde der östliche, barbarische Teil der Donauterrasse bereits seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. von wahrscheinlich romanisierten Bewohnern besiedelt. Im Stadtteil Alsógöd kamen in diesem Zusammenhang am Flussufer aus dem Schutt einer herabstürzenden Lößwand in dieselbe Zeitperiode zu datierende Terra-Sigillata-Scherben und Glasfragmente zum Vorschein. Daneben fanden sich hexagonale Fußbodenziegel in unterschiedlichen Größen sowie Reste von Wandmalereien.Zsolt Mráv: Archäologische Forschungen 2000–2001 im Gebiet der spätrömischen Festung von Göd-Bócsaújtelep (Vorbericht) 2002. In: Communicationes archeologicae Hungariae 2003. Budapest 2003. S. 83–114; hier: S. 84.

Nicht ganz einen Kilometer nördlich des Kastells entspringt aus unterirdischen Quellen der Ilka-Bach. Dieser verbreiterte sich Richtung Felsögöd und bildete ursprünglich einen kleinen, heute trockengelegten See.

Entwicklung mini|Projektion der bereits vor den Grabungen anhand von Luftbildern darstellbaren Anlage. Der sarmatische Limes, wie er sich heute darstellt, ist in seiner frühesten Ausbaustufe wahrscheinlich bereits unter Kaiser Konstantin den Großen (306–337), spätestens aber unter dessen Sohn Constantius II. (337–360) bestanden hat und die von Rom garantierte Grenze des sarmatischen Herrschaftsgebietes markierte, begann ursprünglich bei Dunakeszi, wo die Römer nach Ausweis der Ziegelstempel seit Kaiser Valentinian I. (364–375) einen befestigten Brückenkopf unterhalten haben.Ländeburgus Dunakeszi bei . Aus strategischen Gründen, die möglicherweise den Druck von der nur schwer zu verteidigenden Donauinsel Szentendrei (St. Andrä) nehmen sollten, die bis heute vom nördlichen Scheitelpunkt des Donauknies bis knapp vor Budapest reicht, wurde unter Valentinian I. eine Verkürzung der Grenzlinie vorgenommen. Das Kastell Göd-Bócsaújtelep entstand nördlich des älteren sarmatischen Limes. Der Limes selbst wurde etwas nach Norden, bis zum Donauknie vorgeschoben und endete mutmaßlich am Donaunordufer, gegenüber dem Kastell von Visegrad–Sibrik.Zsolt Mráv: Archäologische Forschungen 2000–2001 im Gebiet der spätrömischen Festung von Göd-Bócsaújtelep (Vorbericht) 2002. In: Communicationes archeologicae Hungariae 2003. Népművelési Propaganda Iroda. Budapest 2003. S. 83–114; hier: S. 101.

Um diese Verschiebung vorzubereiten, ließ der Kaiser im Vorfeld der Arbeiten zu Beginn der 370er Jahre den Donaulimes zwischen dem Kastell Esztergom-Hideglelőskereszt und Visegrad–Sibrik zunächst zwei- bis dreimal so stark mit Burgi und Kastellen sichern, als es sonst am ungarischen Donaulimes üblich war. Die Organisation dieses personellen und bautechnischen Kraftaktes lag in den Händen der Oberbefehlshaber der Provinz Valeria (Dux Valeriae ripensis),Notitia Dignitatum, IN PARTIBUS OCCIDENTIS, XXXIII. Terentius und ab 371 bei seinem tatkräftigen Nachfolger, dem Dux Frigeridus, und ihrer dafür abgestellten Offiziere. Zudem entstanden eine Reihe von befestigten Schiffsländen (Ländeburgus), die den römischen Truppen ein problemloses Übersetzen ins Barbaricum ermöglichen sollten, um mutmaßliche Feinde oder Eindringlinge schneller abfangen und bekämpfen zu können. Die Grenzverschiebung erfolgte jedoch zuungunsten des germanischen Stammes der Quaden, deren Südgrenze sich an das Gebiet der Jazygen anschloss. Der römische Kaiser annektierte diesen Landstrich entgegen geltender Verträge in einer aggressiven und undiplomatischen Weise, die keinerlei Rücksicht auf die Belange der Germanen nahm, was sich danach bitter rächen sollte.

Bei dem bei Ammianus Marcellinus erwähnten Munimentum (Festung) handelt es sich höchstwahrscheinlich um die auf damals quadischem Boden errichtete Kastellanlage von Göd-Bócsaújtelep, deren Errichtung 373 von Valentinian I. angeordnet wurde.Zsolt Mráv: Archäologische Forschungen 2000–2001 im Gebiet der spätrömischen Festung von Göd-Bócsaújtelep (Vorbericht) 2002. In: Communicationes archeologicae Hungariae 2003. Népművelési Propaganda Iroda. Budapest 2003. S. 83–114; hier: S. 99.

Neben den römischen Heeresverbänden, die nicht nur an der Donau, sondern auch entlang des sarmatischen Grenzwalls Militärposten aufbauten, waren auch die verbündeten Sarmaten in die Verteidigung der Wallanlagen eingebunden.

Forschungsgeschichte mini|Ein Ziegelstempelfragment mit der Marke [LEG X G M]AG DALMATICVS, das 1968 beim Tiefpflügen aus dem Boden kam. Der Hinweis auf „Ruinen irgendeines größeren Gebäudes“ in der Gemarkung von Göd, der erstmals 1910 gedruckt wurde, könnte sich auf diese römische Militäranlage beziehen und wäre somit die älteste Erwähnung dieses Bodendenkmales. Doch erst 1968 gelang es, das damals erste römische Kastell am östlichen Donauufer zu identifizieren,Sándor Soproni: Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Akadémiai Kiadó, Budapest 1978, ISBN 963-05-1307-2, S. 79. nachdem der zuständige Brigadeleiter einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) beim Tiefpflügen auf herausgerissene Ziegel ungewöhnlicher Größe aufmerksam gemacht worden war. Noch im gleichen Jahr erkundeten die Archäologen Sándor Soproni (1926–1995), Éva Garam und István Stefaits das Gelände bei einer Begehung und lasen dabei mehrere gestempelte Ziegel auf.Zsolt Mráv: Archäologische Forschungen 2000–2001 im Gebiet der spätrömischen Festung von Göd-Bócsaújtelep (Vorbericht) 2002. In: Communicationes archeologicae Hungariae 2003. Népművelési Propaganda Iroda. Budapest 2003. S. 83–114; hier: S. 83. Soproni stellte daraufhin seine lange als gültiger Maßstab geltende These auf, dass das in der Notitia Dignitatum angegebene Castellum contra Tautantum eine durch die mittelalterlichen Kopisten verstümmelte Form des eigentlichen, von Soproni konstruierten Namens Contra Constantiam sein muss. Er sah diese These als schlüssig an, da das neuentdeckte Kastell der am anderen Donauufer schon historisch bekannten Garnison Constantia gegenüberlag.Sándor Soproni: Der spätrömische Limes zwischen Esztergom und Szentendre. Akadémiai Kiadó, Budapest 1978, ISBN 963-05-1307-2, S. 81. Als zur Jahrtausendwende der Bau einer Industriezone den südöstlichen Abschnitt der Festung von Göd-Bócsaújtelep bedrohte, wurde eine Notgrabung angesetzt.Zsolt Mráv: Archäologische Forschungen 2000–2001 im Gebiet der spätrömischen Festung von Göd-Bócsaújtelep (Vorbericht) 2002. In: Communicationes archeologicae Hungariae 2003. Népművelési Propaganda Iroda. Budapest 2003. S. 83–114; hier: S. 86. Nachdem sich während der Untersuchungen im Sommer 2000/April 2001 zur Überraschung aller herauskristallisierte, dass es sich in Göd um eine unvollendete Festung gehandelt hat, die nie eine Besatzung besaß, wird der Ort wohl auch keinen Namen erhalten haben, der in der spätantiken Literatur einen Niederschlag fand. Heute diskutieren verschiedene ungarische Wissenschaftler recht kontrovers über die von dem Provinzialrömischen Archäologen Zsolt Mráv vertretene Meinung,Paula Zsidi: Forschungen in Aquincum, 1969–2002. Zu Ehren von Klára Póczy. Budapesti Történeti Múzeum 2003, ISBN 963-9340-23-5, S. 61. dass mit dem Castellum contra Tautantum die bisher als Contra Aquincum bekannte Militäranlage gemeint sein könnte.Zsolt Mráv: Castellum contra Tautantum. Zur Identifizierung einer spätrömischen Festung. In: Ádám Szabó, Endre Tóth: Bölcske. Römische Inschriften und Funde – In memoriam Sándor Soproni (1926–1995) Libelli archaeologici Ser. Nov. No. II. Ungarisches Nationalmuseum, Budapest 2003, , S. 354. Bis zum 2000 war die Forschung in Göd-Bócsaújtelep lediglich auf Bodenfunde aus Feldbegehungen und damit hauptsächlich auf reine Spekulationen angewiesen. Einen fundierten wissenschaftlichen Hintergrund lieferten erst die anhaltenden Grabungen unter der Leitung von Mráv.

Baugeschichte Da die im Zuge der Vermessung durch römische Geometer erfolgte Absteckung des 400 × 290 Meter großen Kastellareals höchstens ein paar Wochen gedauert haben dürfte, lässt sich dieses Bauvorhaben auf quadischem Gebiet mithilfe der einschränkenden ältesten Funde recht genau datieren.Zsolt Mráv: Archäologische Forschungen 2000–2001 im Gebiet der spätrömischen Festung von Göd-Bócsaújtelep (Vorbericht) 2002. In: Communicationes archeologicae Hungariae 2003. Népművelési Propaganda Iroda. Budapest 2003. S. 83–114; hier: S. 97. Göd-Bócsaújtelep ist eine Anlage, die offensichtlich nie über das Stadium der Grundrissmarkierung hinausgekommen ist.Zsolt Mráv: Archäologische Forschungen 2000–2001 im Gebiet der spätrömischen Festung von Göd-Bócsaújtelep (Vorbericht) 2002. In: Communicationes archeologicae Hungariae 2003. Népművelési Propaganda Iroda. Budapest 2003. S. 83–114; hier: S. 94. Wäre das Kastell fertiggestellt worden, hätte es zu den gewaltigsten auf dem Gebiet des Barbaricums gezählt.

Das Kastell wurde als ein gestauchtes Rund geplant, ähnlich wie dies auch bei spätantiken städtischen Festungsbauten, beispielsweise Bitburg, festgestellt werden konnte. Nach Mráv bestätigen vor allem die Rundtürme, mit Blick auf weitere spätrömische Festungen der Provinz Valeria, eine valentinianische Datierung. Als wichtigste Parallele in dieser Hinsicht sah er die Befestigungen von Saarbrücken an. Die aufgefundenen Dachziegel stammen nicht von schon fertiggestellten Gebäuden, sondern wurden lediglich von den römischen Vermessungstechnikern zum Markieren der Mauern oder Abstützen von Meßpfosten verwendet.