Der Masurische Kanal (, Kanal Masurski, ) ist eine 50,4 km lange, nicht fertiggestellte künstliche Wasserstraße, die in Ostpreußen eine schiffbare Verbindung zwischen der Masurischen Seenplatte und der Ostsee bei Königsberg (heute Kaliningrad, russ. ) herstellen sollte.

Die umfangreichen Bauarbeiten fanden mit mehreren Unterbrechungen zwischen 1911 und 1942 statt, blieben aufgrund des Zweiten Weltkrieges und seiner Folgen jedoch unvollendet. Bei Baustopp waren etwa 90 % der Erdarbeiten abgeschlossen. Die Schleusen, die einen Höhenunterschied von 111,4 Metern überwinden, waren durchschnittlich zu 70 % fertiggestellt. Der Kanal war bereits geflutet, als die Wehrmacht 1944 mit einer Ausnahme alle Straßen- und Eisenbahnbrücken des Kanals sprengte.

Nachdem Ostpreußen 1946 entsprechend dem Potsdamer Abkommen geteilt wurde, liegt der 29,97 km lange nördliche Teil des Kanals in der russischen Oblast Kaliningrad. Der 20,43 km lange südliche Teil befindet sich nunmehr auf polnischem Gebiet (Woiwodschaft Ermland-Masuren). In Polen befindet sich die einzige fertiggestellte Schleuse des Masurischen Kanals. Sie regelt den Wasserstand des Jezioro Rydzówka (dt. Rehsauer See), der teilweise über den nicht schiffbaren und inzwischen stark verlandeten Masurischen Kanal abfließt.

Geostrategische Bedeutung Wie Danzig, Memel und Riga erstrebte Königsberg eine Verbindung mit dem Schwarzen Meer. Der Weg über den Masurischen Kanal war der kürzeste, und der Bau hätte wohl die kürzeste Zeit beansprucht. Außerdem war Königsberg auf den Verkehr mit der Ukraine durch alte und gefestigte Beziehungen eingerichtet. Ein weiterer Zubringer des Masurischen Kanals hätte die Begradigung der Pissek werden können. Als Abfluss der Masurischen Seen hätte sie eine Verbindung zwischen Johannisburg und Nowogród geschaffen. Von Nowogród wäre die Wasserstraße des Narew und des Bug bis Warschau zu benutzen gewesen. Diese Wasserstraße hätte vor allem die Waldbestände der Heide bei Białystok und den Białowieża-Urwald erschlossen.C. Kutschke: Die Zubringer des Hafens – a) Die Binnenwasserstraßen. In: Königsberg als Hafenstadt. Königsberg 1930, S. 43 f.

Verlauf Russland mini|Alle bei Druschba (2006) mini|Oberhaupt der Schleuse Georgenfelde (2004) Der Kilometer 0 des Masurischen Kanals befindet sich in der Oblast Kaliningrad an der Mündung des Kanals in die Alle (russ. Лава, Lawa) nördlich des Dorfes Druschba (, dt. Allenburg). Die Alle hat an der Kanalmündung einen durchschnittlichen Wasserstand von . Nach dem Verlust des Hinterlandes und der meisten Verkehrsverbindungen durch die russisch-polnische Grenzziehung hat die einstige Kleinstadt Allenburg seit 1945 stark an Bedeutung verloren und es stehen nur noch die Kirche und wenige Häuser. Die Alle mündet nach 22,5 km bei Snamensk (Знаменск, dt. Wehlau) in den Pregel (russ. , Pregolja). Dieser strömt wiederum hinter Kaliningrad in das Frische Haff der Ostsee.

Der Masurische Kanal verläuft zunächst nach Süden und, nachdem er Druschba (Allenburg) passiert hat, nach Südosten. Neben der Mündungsschleuse zur Alle befindet sich auf dem ersten Abschnitt eine Schleuse an der 1944 gesprengten Brücke der ehemaligen Bahnstrecke Wehlau–Friedland (russ. , Prawdinsk). Die Wasserstraße durchquert das Torfmoor Allenburger Torfbruch. Hinter der Schleuse Groß Allendorf, der Ort ist seit Kriegsende eine namenlose Wüstung, macht der Kanal einen Bogen in etwas mehr südliche Richtung.

Bei dem ebenfalls nicht mehr existierenden Ort Mauenwalde (russ. , Nekrassowo) befindet sich die einzige erhaltene Straßenbrücke aus der Zeit vor 1945. Es folgen die Schleuse Wilhelmshof (russ. , Marinowka) sowie die Brücke der noch genutzten Bahnstrecke Gerdauen (russ. , Schelesnodoroschny)–Insterburg (russ. ,Tschernjachowsk) und die Schleuse in Georgenfelde (russ. , Oserki). Hier beginnt der längste Abschnitt zwischen zwei Schleusen (12,5 km). Neben der Straßenbrücke zwischen Gerdauen und Nordenburg (russ. Крылово, Krylowo) (ehemalige Reichsstraße 131, heute A196) befinden sich die Reste der ehemaligen Eisenbahnbrücke (Bahnstrecke Königsberg–Gerdauen–Nordenburg–Angerburg). Wenige hundert Meter weiter südlich verläuft bei km 29,97 die russisch-polnische Staatsgrenze quer durch das Kanalbett.

Polen In Polen befinden sich die ersten zugänglichen Kanalkilometer westlich von Brzeźnica (dt. Birkenfeld). Die Strecke verläuft unverändert in südöstlicher Richtung. Östlich liegt der Jezioro Oświn (dt. Nordenburger See), noch auf polnischem Gebiet. Im weiteren Verlauf des Kanals folgen die Schleusen Langenfeld (poln. Śluza Długopole) und Klein Bajohren (1938 bis 1945 Kleinblankenfelde, poln. Śluza Bajory Małe). Nachdem die unvollendete Wasserstraße die Marszałki (dt. Marschallsheide), das größte Waldgebiet der Gegend, durchquert hat, erreicht sie die Schleuse Sandhof (poln. Śluza Piaski). Die Kilometrierung des Kanals erfolgt in Polen von Süden nach Norden, weshalb am Gebäude der Kanalkilometer 9,5 angegeben ist. Nach historischer Zählung befindet sich das Bauwerk bei km 40,9. Diese einzige vor 1940 fertiggestellte Schleuse dient der Wasserstandregulierung des Jezioro Rydzówka (dt. Rehsauer See). Dieses Gewässer speist den nördlichen Teil der geplanten Wasserstraße, die den See weiter südlich durchquert.

Am südöstlichen Ufer verlässt der Kanal wieder den See; wenige hundert Meter weiter befindet sich die Bauruine der Unterschleuse Fürstenau (poln. Śluza Leśniewo Dolne). Die nur 700 m südöstlich gelegene Oberschleuse Fürstenau (poln. Śluza Leśniewo Górne) war die zehnte und letzte Schleuse des Kanals. Sie sollte mit einer Fallhöhe von 17 m die größte Schleuse des Kanals werden, war bei Baustopp jedoch nur zu 40 % fertiggestellt.

Anschließend durchquert der Kanal den Mauerwald (poln. Mamerki), in dem sich zwischen Juni 1941 und Dezember 1944 das Hauptquartier des Oberkommandos des Heeres befand. Im Wald überquert auch die Eisenbahnstrecke Rastenburg (poln. Kętrzyn) – Angerburg den Kanal. Die heutige Brücke wurde am 3. September 1948 für den Verkehr freigegeben. Südlich von Przystań (dt. Pristanien, 1938 bis 1945 Paßdorf) mündet der Kanal in den Jezioro Mamry (dt. Mauersee) (), den zweitgrößten See Polens (Teil der Masurischen Seenplatte). Dieser speist den südlichen Teil des Kanals; sein natürlicher Ausfluss ist der Fluss Węgorapa (dt. Angerapp). Der Mamry wird selbst von drei Zuflüssen im Norden gespeist. Wichtige Städte am Mamry sind Węgorzewo (dt. Angerburg) und Giżycko (dt. Lötzen).

Der Kanal ist noch nicht wieder schiffbar; nur im Mündungsbereich am Mauersee können Boote an einem Steg anlegen.

Geschichte Die Masurischen Seen dienten seit dem Mittelalter als Wasserstraße. Schon 1379 reiste Winrich von Kniprode, der damalige Hochmeister des Deutschen Ordens, mit einem Boot von Angerburg über Rhein (poln. Ryn), Johannisburg (poln. Pisz) sowie die Flüsse Pissek (poln. Pisa), Narew und Weichsel (poln. Wisła) zur Marienburg.

mini|hochkant|Kammerpräsident Johann Friedrich Domhardt, der den Ausbau des Flusses Angerapp vorantrieb

Im 17. und 18. Jahrhundert entstand ein schrittweiser Ausbau von Kanälen zur Verbindung der Masurischen Seen. Pläne hierzu stammten unter anderem von Józef Naronowicz-Naroński, einem polnischen Ingenieur in preußischen Diensten, und seinem Nachfolger Samuel Suchodolec (auch Suchodolski). Um die Masurischen Seen mit dem Pregel zu verbinden, sollte zunächst die Angerapp schiffbar gemacht werden. Der Ausbau des Flusses begann 1764 auf Initiative des Kammerpräsidenten Johann Friedrich Domhardt. Aufgrund finanzieller und technischer Probleme bei der Regulierung des stark mäandrierenden Flusses wurde das Projekt 1774 wieder aufgegeben. Als Transportweg für Holz konnte die Angerapp jedoch weiterhin genutzt werden. Während der Koalitionskriege wurden die wassertechnischen Bauwerke zerstört, der Fluss war nicht mehr schiffbar.

Planung mini|links|hochkant=1.5|Verlauf des Masurischen Kanals, historische Projektkarte

Der erste Entwurf eines Kanals, der den Mauersee mit der Alle verbinden sollte, stammt aus dem Jahr 1849. Technisch konkrete Pläne entstanden 1862 unter einem Ingenieur Lange. Das damalige Projekt, noch unter der Bezeichnung Allenburger Kanal, stimmte mit der heutigen Strecke überein. Die Schiffbarmachung der Alle wurde schon 1796 von dem Mühlenbesitzer Döhnecke in Schippenbeil (poln. Sępopol) auf Staatskosten begonnen. Die Arbeiten erwiesen sich, wie bei der Angerapp, als schwierig. Dennoch konnte der Fluss von Wehlau bis Friedland reguliert werden. Im Kriegsjahr 1807 war der Fluss zur Beförderung von Ausstattung und Nahrungsmitteln für die an der Alle lagernden Truppen von großer Wichtigkeit. Seit dem 19. Jahrhundert diente das Gewässer besonders dem Ziegeltransport. Vor allem in der Umgebung von Allenburg hatten sich viele Ziegeleien niedergelassen.Der Fluss Alle. Abgerufen: 1. August 2011.

Die Planer der Wasserstraße entwarfen einen 50 km langen Kanal zwischen dem Mauersee und der Alle mit sieben Staustufen. Statt Schleusen sollten zur Überwindung des Höhenunterschiedes von mehr als 111 Metern sogenannte Geneigte Ebenen dienen. Das Verfahren hatte sich auf dem wenige Jahre vorher eröffneten Oberländischen Kanal bewährt. Hierzu wurden die Schiffe auf einen Schienenwagen verladen und mittels einer Standseilbahn zur nächsten Staustufe befördert. Der Antrieb sollte ausschließlich durch Wasserkraft erfolgen. Um die nötige Wassermenge zu stauen, sollte dem Masurischen Kanal Wasser aus der Angerapp und der Pissa zugeführt werden. Die Wasserstraße sollte Schiffe mit einer Wasserverdrängung von 100 Tonnen befördern. Das Projekt, dessen Gesamtkosten auf neun Millionen Goldmark (aktuell etwa Euro) geschätzt wurden, wurde 1874 vom Preußischen Landtag beschlossen. Es kam jedoch nicht zur Ausführung, da man sich verkehrspolitisch auf den Ausbau eines Eisenbahnnetzes konzentrierte.Robert Sarnowski: Kanał Mazurski. Masurischer Kanal. (Polnischer und deutscher Reiseführer). Verlag Regionalista, Olsztyn 2010, ISBN 978-83-927282-5-2.

mini|hochkant|Otto Intze auf einer Fotolithografie von 1898. Der Ingenieur erstellte ein Gutachten zum Masurischen Kanal.

In den 1890er Jahren regten Landwirte das Projekt erneut an. Der Architekt Hess unternahm eine Erkundungsfahrt auf der Masurischen Seenplatte und publizierte 1892 die Broschüre „Der Masurische Schiffahrtskanal in Ostpreußen“, die vom Landwirtschaftlichen Central-Verein für Litauen und Masuren in Insterburg herausgegeben wurde.August Hess: Der Masurische Schiffahrtskanal in Ostpreußen. Im Auftrag des landwirtschaftlichen Central-Vereins für Litauen und Masuren in Insterburg. Braun & Weber, Königsberg i. Pr. 1894. Der renommierte Professor für Wasserbau Otto Intze bewertete das Projekt als gelungen. In seinem „Gutachten über die Nutzbarmachung erheblicher Wasserkräfte durch den Masurischen Schiffahrtskanal“ von 1894 schlug er zur besseren wirtschaftlichen Ausnutzung des Objekts den Bau von Wasserkraftwerken an den Staustufen vor. Der Kanal sollte außerdem die Entwässerung von rund 17.000 bis 19.000 Hektar Wiesen und Sumpfwiesen und die Ableitung des überschüssigen Wassers aus dem Mauersee und dem Rehsauer See ermöglichen.Otto Intze: Gutachten über die Nutzbarmachung erheblicher Wasserkräfte durch den Masurischen Schiffahrtskanal. Heymanns, Berlin 1894.

Das Preußische Parlament billigte 1898 den Ankauf des benötigten Baulandes im Wert von 200.000 Goldmark (umgerechnet derzeit Euro). Am 14. Mai 1908 beschloss die Regierung endgültig den Bau der Wasserstraße. Grundlage war ein neuer Entwurf von 1906/07, der die Verwendung von Sparschleusen vorsah und auf eine Nutzbarmachung der Wasserkraft verzichtete. Der Kanal sollte den Handel zwischen den mitteldeutschen Industrieregionen und Ostpreußen anregen. Land- und forstwirtschaftliche Produkte der hiesigen Region sollten gegen Kohle, Dünger, Eisenwaren und militärische Ausrüstung getauscht werden. Auch eine touristische Nutzung des Kanals und der Einsatz von Personenschiffen war vorgesehen.