mini|Galenou Apanta, 1538

Galenos von Pergamon, auch (Aelius) Galenus ( und gelegentlich lateinisch Galienus, deutsch üblicherweise Galen, * 129/130Siehe etwa Johannes Ilberg: Wann ist Galenos geboren? In: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin. Band 23, 1930, S. 289–292 (dort wie auch bei Kollesch und Nickel explizit 129 n. Chr.); bisweilen wird in der älteren Literatur, insbesondere der fachfremden, auch das Jahr 131 als Geburtsjahr angegeben; Joseph Walsh: The Date of Galens Birth. In: Annals of Medical History. Neue Folge 1, 1929, S. 378–382, und Refutation of Ilberg as to the Date of Galen’s Birth. In: Annals of Medical History. Neue Folge 4, 1932, S. 126–146, vertrat mit Nachdruck 130 als Geburtsjahr. in Pergamon in Kleinasien; † zwischen 199 und 216/217,Diethard Nickel: Galenos von Pergamon. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner: Enzyklopädie Medizingeschichte. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 448–452, hier: S. 448, gibt das Jahr 199 an, ohne ein späteres Jahr auszuschließen; ca. 216 vertritt beispielsweise wohl in Rom), war ein griechischer Arzt, Anatom, medizinischer Schriftsteller, Forscher und Universalgelehrter, der vorwiegend in Rom tätig war.

Galen, der mit seinen in griechischer Sprache verfassten etwa 200 Schriften ein Werk enzyklopädischen Ausmaßes schuf, gilt als einer der bedeutendsten Ärzte des Altertums. Er baute die hippokratische Lehre, insbesondere die Vier-Säfte-Lehre (Humoralpathologie), die er systematisierte, aus. Seine umfassende Lehre über Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers beherrschte bis ins 17. Jahrhundert die gesamte Heilkunde. Er erwarb sich auch große Verdienste um die Arzneimittellehre. Zudem befasste er sich mit Sprachforschung.

Leben Herkunft und Name An Galens Geburtsort Pergamon befand sich das um die Mitte des 2. Jahrhunderts bekannteste Heiligtum des Asklepios. Sein Vater, ein Architekt und Mathematiker namens Nikon, unterrichtete Galen in aristotelischer Philosophie, Mathematik und Naturlehre.

Gelegentlich wird in Fachpublikationen außerhalb der Altertumswissenschaft angegeben, Galenos habe den Gentilnamen Claudius – abgekürzt Cl. – getragen. In den erhaltenen antiken Quellen ist er nicht bezeugt. Viele Altertumswissenschaftler meinten lange Zeit auch, dass ihn keine einzige griechische Handschrift überliefere; dies wird jedoch durch einige neue Erkenntnisse infrage gestellt (beispielsweise kommt in einem griechischen Kodex, der um 1200 entstanden ist, die Namenskomponente Claudius vor).Stefan Alexandru: Critical Remarks on Codices in which Galen Appears as a Member of the gens Claudia. In: Mnemosyne. Band 74, 2021, S. 553–597. Gemäß der bisherigen Forschungsansicht wurde Galen erst in neuzeitlichen Werken, beginnend mit dem 15. Jahrhundert, der römischen gens Claudia zugerechnet; seinem Namen sei damals (in hypothetischen älteren lateinischen Überlieferungsträgern) ein „Cl.“ vorangestellt worden.Dies stellte erstmals fest: Elimar Klebs: Prosopographia Imperii Romani. Band 1. Georg Reimer, Berlin 1897, S. 374. Karl Kalbfleisch schlug im Jahr 1902 vor, hierin nicht die Abkürzung von „Claudius“, sondern die Kurzform des ehrenden Attributs „clarissimus“ („hochberühmt“) zu erkennen, den die humanistischen Schriftsteller der beginnenden Neuzeit als Namensbestandteil missverstanden hätten.Karl Kalbfleisch: ‘Claudius’ Galenos. In: Berliner Philologische Wochenschrift. Jahrgang 22, 1902, Nummer 13, Sp. 413 (Digitalisat). Außerdem zu dieser Frage: Walter von Brunn: Darf man Galenos „Claudius“ nennen? In: Ciba Zeitschrift. 4. Jahrgang, Nummer 43, März 1937, S. 1505. Auf antike Belege konnte sich Kalbfleischs Erklärung jedoch nicht stützen, setzte sie doch für Galen römisches Bürgerrecht und Zugehörigkeit zum Senatorenstand voraus.Heinrich Schlange-Schöningen: Die römische Gesellschaft bei Galen. Biographie und Sozialgeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2003, ISBN 3-11-017850-8, S. 5 f. Anm. 9.

Häufig wird davon ausgegangen, dass er über das Bürgerrecht verfügte, womit er notwendigerweise nach dem römischen Namensrecht einen dreiteiligen Namen (die tria nomina) getragen hätte. Neben dem Namen Claudius (der nicht antik bezeugt ist) werden vor allem die Namen Aelius und Iulius als Gentilnamen Galens in Betracht gezogen. Dies hängt damit zusammen, dass durch Inschriften aus Pergamon zwei Männer namens Aelius Nicon und Iulius Nicodemus bekannt sind, von denen einer möglicherweise mit Galens Vater „Nikon“ identisch sein könnte.Fridolf Kudlien: Die Stellung des Arztes in der römischen Gesellschaft. Freigeborene Römer, Eingebürgerte, Peregrine, Sklaven, Freigelassene als Ärzte (= Forschungen zur antiken Sklaverei. Band 18). Steiner, Stuttgart 1986, S. 84 f.; Heinrich Schlange-Schöningen: Die römische Gesellschaft bei Galen. Biographie und Sozialgeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 45–54. Letztlich lässt sich die Vaterschaft aber für beide nicht nachweisen, und es ist nicht feststellbar, ob Galenos das römische Bürgerrecht besaß oder ob er als Peregrinus wirkte.Heinrich Schlange-Schöningen: Die römische Gesellschaft bei Galen. Biographie und Sozialgeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 54–60.

Medizinische Tätigkeit Nachdem Galen sich in Pergamon zunächst mit dem Studium der Philologie und Philosophie befasst hatte, beschäftigte er sich, wohl geleitet vom Vater, ab etwa 146 vornehmlich mit der Medizin.Vgl. Ferdinand Peter Moog: Galen liest „Klassiker“ – Fragmente der schöngeistigen Literatur des Altertums im Werk des Pergameners. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2020), S. 7–24, hier: S. 19–20 (Galen als Philologe). Er studierte in der Nähe von Smyrna. Im Alter von 19 Jahren reiste er nach Alexandria, das zu jener Zeit ein Zentrum der Heilkunst und der einzige Ort war, an dem anatomische Sektionen und Untersuchungen an menschlichen Leichen durchgeführt werden durften. Die reichhaltige Bibliothek von Alexandria besaß auch viele Schriften mit detaillierten Zeichnungen, die seine wissenschaftliche Ausbildung unterstützten. Heilkuren und Pflege fanden zu der Zeit in einem Asklepieion statt, in dem sowohl Priester als auch professionelle Heilkundige tätig waren. Im Jahr 158 kehrte Galen nach Pergamon zurück. Dort betreute er an der Gladiatorenschule als Sport- und Wundarzt Gladiatoren und unterhielt gleichzeitig eine eigene ärztliche Praxis. Während der Olympischen Spiele leistete er den Athleten medizinische Hilfe. Dabei versorgte er deren frische Verletzungen, die er so auch wissenschaftlich beschreiben konnte.

Nach seiner Tätigkeit als Gladiatorenarzt war Galen ab 161 oder 162 in Rom.Vgl. auch Gary B. Ferngren: Galen and the Christians of Rome. In: Istoriya meditsiniy (History of Medicine). Band 2, 2015, S, 291–297. Die Heilung des geachteten Philosophen Eudemos von Pergamon ermöglichte ihm eine Tätigkeit als Arzt der römischen Aristokratie. Ebenfalls bedeutend für seine Karriere dürfte die medizinische Betreuung des vormaligen Konsuls Flavius Boethus, dem er anatomische Abhandlungen widmete, und dessen Familie gewesen sein.Ferdinand Peter Moog: Galen liest „Klassiker“ – Fragmente der schöngeistigen Literatur des Altertums im Werk des Pergameners. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2020), S. 7–24, hier: S. 22 (gemäß Kühn XIV, 635–647: De praenotatione ad Posthumum, 7, und Kühn II, 215 f.: De anatomicis administrationibus libri qui supersunt novem I, 1). Um 166 verließ er Rom, wahrscheinlich wegen einer dort ausgebrochenen Epidemie (Antoninische Pest). Zurück in Pergamon nahm er seine Arbeit als Gladiatorenarzt wieder auf. Im Jahr 168 reiste er auf Bitte des römischen Kaisers Mark Aurel nach Aquileia, wo eine „Pest“ unter den römischen Soldaten ausgebrochen war. Seine präzise Beschreibung der vorgefundenen Krankheitssymptome lässt vermuten, dass es sich bei dieser Seuche wohl nicht um die Pest, sondern um eine Pockenepidemie gehandelt hatte.

Galen hatte auch den Historiker Thukydides und dessen Schilderungen der 430 v. Chr. aufgetretenen „Pest von Athen“ zitiert. Er zitiert aber auch andere griechisch schreibende Autoren, darunter Epiker (Homer, Hesiod), Tragiker (Aischylos, Sophokles), Komiker (Menander), Philosophen (Chrysippos) und Redner (Demosthenes).Ferdinand Peter Moog: Galen liest „Klassiker“ – Fragmente der schöngeistigen Literatur des Altertums im Werk des Pergameners. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2020), S. 7–24.

Dem Wunsch des Kaisers entsprechend wurde er ab 169 in Rom Leibarzt des Kaisersohnes und Thronfolgers Commodus, später vermutlich auch des Kaisers Septimius Severus. Bei einem Großbrand in Rom im Jahr 192 wurde auch Galens Bibliothek vernichtet, was er in einem erst 2007 entdeckten Werk namens Über die UnverdrossenheitKai Brodersen (Hrsg.): Galenos, Die verbrannte Bibliothek. Peri Alypias / Über die Unverdrossenheit (Zweisprachige Ausgabe). Marix, Wiesbaden 2015, ISBN 978-3-7374-0962-9. beklagte.Galenos, Über die Unverdrossenheit 10; siehe auch Galenos, De compositione medicamentorum per genera 1,1; Heinrich Schlange-Schöningen: Die römische Gesellschaft bei Galen. Biographie und Sozialgeschichte. De Gruyter, Berlin/New York 2003, S. 27 mit Anm. 37.

Galen starb in Rom, der genaue Zeitpunkt ist unbekannt. Teile der Forschung gehen vom Sterbejahr 199 oder 200 aus,Siehe etwa Wolfgang U. Eckart: Geschichte der Medizin. Springer, Berlin 1990, S. 57, mit dem Todesjahr 199; oder derselbe: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. Springer, Berlin 2013, S. 25. doch wird mittlerweile sein Tod meist um das Jahr 216, oftmals zumindest nach 204 datiert.Die Suda gibt an, dass Galen im Alter von 70 Jahren starb, also um 199. Die Galen zugewiesene Abhandlung De antidotis liefert einen Hinweis auf Ereignisse im Jahr 204. Ishāq ibn Hunain gibt sein Sterbealter mit 87 Jahren an, nach 17 Jahren von der Geburt bis zum Ende seines Medizinstudiums und nach 70 Jahren Berufsausübung, also um das Jahr 217. Vivian Nutton: Ancient Medicine. Routledge, London / New York 2004, S. 226–227.) nimmt an, dass De antidotis echt ist, dass die arabische bei Abu Sulayman Sijistani erhaltene Überlieferung stimmt und dass die Suda irrigerweise die 70 Jahre, die nach der arabischen Quelle für Galens Karriere angegeben werden, für seine gesamte Lebensspanne hielt. Véronique Boudon-Millot (Galien: Introduction générale; Sur l’ordre de ses propres livres; Sur ses propres livres; Que l’excellent médecin est aussi philosophe, Les Belles Lettres, Paris 2007, S. LXXVII–LXXX) stimmt dem mehr oder weniger zu und favorisiert das Jahr 216 als sein Sterbejahr. Laut Heinrich Schlange-Schöningen (Die römische Gesellschaft bei Galen. Biographie und Sozialgeschichte. De Gruyter, Berlin 2003, ISBN 3-11-017850-8, S. 147 f.) sollte das Lebensende ungefähr auf das Jahr 215 datiert werden.

Werk mini|Titelseite der 1597 in Venedig erschienenen „Opera“

Galens medizinisches Hauptwerk ist der ab etwa 175Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. 1989, S. 179. entstandene Methodus medendi („Die therapeutische Methode“), es besteht aus 14 Büchern. Der Leitgedanke darin ist, dass alle Erscheinungen in der Natur und beim Menschen einen bestimmten Zweck erfüllen. Galen begriff den Menschen als eine Leib-Seele-Einheit, die von zwei Seiten beeinflusst wird, vom Spirituellen und von der Materie.