mini|Ein Mann auf dem sogenannten meat rack („Fleischregal“) auf Fire Island, USA Als Cruising (aus der englischen Seefahrersprache für „mit dem Schiff kreuzen, herumfahren“) wird im Kontext schwuler Sexualität die bewusste, aktive und gewöhnlich mobile Suche nach einem Sexualpartner bezeichnet. Der Suchende schaut dabei nach potenziellen Partnern und achtet auf eventuelle Signale, mit denen sie Interesse bekunden. Gleichzeitig setzt er selbst für Eingeweihte erkennbare Signale mittels Körpersprache, Gesten, Kleidungsstücken oder sogar systematischen Farbcodes, welche alle als soziale semiotische Codes angesehen werden können. Cruising ist ein Weg zur Umgehung der gesellschaftlichen Konvention, welche eine förmliche Vorstellung oder eine andere Vermittlung durch Dritte bei der Suche nach intimen Begegnungen mit Fremden erfordert.John A. Lee: (PDF; 128 kB), In: Wayne R. Dynes (Hrsg.): The Encyclopedia of Homosexuality (Garland Reference Library of Social Science), Taylor & Francis, März 1990, ISBN 0-8240-6544-1
Oft endet Cruising mit spontanem anonymem Sex im Privaten oder der Semi-Öffentlichkeit, ein Wortwechsel ist dabei in manchen Situationen nicht unbedingt nötig. Im schwulen Kontext wird es oft als Synonym für den schnellen anonymen Sex verwendet.Michael Kaufmann: Queer Space – Eine empirische Analyse des räumlichen Verhaltens von homosexuellen Männern in Wien, Diplomarbeit am Institut für Geographie an der Universität Wien, 2007
Etymologie Das englische Verb to cruise bedeutet „herumfahren“ und speziell in der Seefahrt „[herum]kreuzen, eine Seereise machen“. In den USA tauchte bereits im Jahre 1868 das Substantiv cruiser in der Bedeutung „Prostituierte“ auf, heute ist damit meist eine Person gemeint, die Cruising betreibt, oder ein bestimmter Surfer. Ab 1925 sind dort das Verb cruise und ab 1927 das Substantiv cruising in der hier verwendeten Bedeutung nachgewiesenEric Partridge, Tom Dalzell, Terry Victor: The New Partridge Dictionary of Slang and Unconventional English, Taylor & Francis, 2006, ISBN 0-415-25937-1, S. 520 und 1941 steht es in einem speziellen Glossar.The Language of Homosexuality: An American Glossary. In: George W. Henry (Hrsg.): Sex Variants. Paul B. Hoeber, New York 1941, Bd. 2, appendix VII, S. 1161–1162 Ab 1949 ist die Verwendung des Adjektivs cruisy bzw. cruisey für einen Ort, an dem viele homosexuelle Männer einen Sexpartner suchen, bekannt. In Neuseeland kann dies auch „entspannend, erfreulich“ bedeuten. Das Verb to cruise in der Bedeutung „gemeinsames, langsames Herumfahren von Teenagern mit ihren Autos“ ist erst seit 1957 nachgewiesen.
Das Substantiv cruise joint kann eine Bar oder ähnliche Örtlichkeiten bezeichnen, an denen Cruising betrieben wird. Vor allem im Freien, aber auch in Gebäuden werden Gebiete, in denen Cruising betrieben wird, als Cruising-Zonen, Cruising-Areas oder Cruising-Grounds bezeichnet. Umgangssprachlich wird es auch als meat market („Fleischmarkt“, UK 1957), meat rack („Fleischregal“, „Fleisch-Abstellplatz“, US 1962) bezeichnet. Der berühmteste unter genau diesem Namen bekannte Platz ist ein Gebiet mit Dünen, Kiefern und vielen Pfaden zwischen Fire Island Pines und Cherry Grove auf Fire Island. Meat rack wurde auch nach England importiert und bezeichnet dort seit mindestens 1972 den Piccadilly, wo auch viele männliche Prostituierte anzutreffen sind.Eric Partridge, Paul Beale: A Dictionary of Slang and Unconventional English, Routledge, 2002, ISBN 0-415-29189-5 Meat hat im Englischen auch die umgangssprachliche Nebenbedeutung „Penis“. In Australien nennt man solche Räume beat und das cruisen doing the beat.Peter A. Jackson, Gerard Sullivan: Lady Boys, Tom Boys, Rent Boys: Male and Female Homosexualities in Contemporary Thailand, Haworth Press, 1999, ISBN 0-7890-0656-1, S. 79 In England ist es auch als trolling bekannt, welches von to troll aus der Sprache Polari stammt. Den Platz dazu bezeichnet man als trolling ground. Manchmal wird auch cottaging (von englisch cottage „kleine Strandhütte“)Vgl. Paul McCartney: The Lyrics: 1956 to Present. W. W. Norton & Company, New York 2021; deutsch: Lyrics. 1956 bis heute. Hrsg. mit einer Einleitung von Paul Muldoon. Aus dem Englischen übersetzt von Conny Lösche. C. H. Beck, München 2021, ISBN 978-3-406-77650-2, S. 606 (zu den Worten “There go the Pretty Boys A row of cottages for rent” im Song Pretty Boys.) verwendet, dies bezeichnet aber meist speziell die Verwendung einer öffentlichen Toilette zum Cruisen.
Ein Gay Cruise ist heute jedoch fast immer eine schwule Reise, meist eine Schifffahrt für schwules oder auch lesbisches Publikum, wobei es des Öfteren zu zweideutigen Anspielungen auf das Cruising kommt.
In der deutschsprachigen Schwulenszene wird Cruising, wie einige andere Importbegriffe auch, vor allem ab Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre verwendet. Aus dem Amerikanischen wurde es auch in einige andere Sprachen übernommen.
Im Englischen existiert als heterosexuelles Pendant mit ähnlicher Bedeutung picking up [a person], was übersetzt „[jemanden] abschleppen, aufgabeln“ bedeutet.
Cruisen
Wenn männerbegehrende Männer cruisen, wird dies traditionell systematischer und zielgerichteter vollzogen als flirten unter Heterosexuellen, da jene größeren Risiken ausgesetzt sind, auch wenn diese in liberalen Gesellschaften abnehmen – tätliche Angriffe durch heterosexuelle Männer, welche einem die Kontaktaufnahme übelnehmen; Fallen von Polizisten in Zivil oder gar als Agents Provocateurs; „Schwulenklatschen“ durch Teenager, die Nervenkitzel suchen; Raubüberfälle oder Ähnliches. Unter anderem führen die traditionellen Fähigkeiten im verdeckten Cruising auch zum Mythos, dass Homosexuelle einen sechsten Sinn haben, um sich gegenseitig zu erkennen, obwohl sie einander völlig fremd sind. Dies wird auch Gaydar („Gay-Radar“) genannt und wurde teilweise wissenschaftlich erforscht. Im Laufe der Zeit, als in vielen Ländern das allgemeine Wissen um Homosexuelle und die Toleranz stieg, wurde Cruising weniger verdeckt betrieben und manche Techniken werden auch von heterosexuellen Frauen und Männern verwendet. In anderen Ländern muss es noch immer sehr verdeckt vonstattengehen. Cruising bringt neben dem möglicherweise danach erfolgenden Sex auch andere Vergütungen: Genuss, Aufregung und Bestätigung.
Typischerweise kann man den Prozess des Cruising in vier Etappen einteilen:Martin P. Levine, Michael S. Kimmel: Gay Macho: The Life and Death of the Homosexual Clone, NYU Press, 1998, ISBN 0-8147-4695-0, „Cruising“, S. 79 ff. Suchen Verfolgen Signalisieren (erotisches Interesse, wichtig ist Blickkontakt) Verhandeln (zu bestimmten Gelegenheiten auch nonverbal)
Ein Punkt ist, zu wissen, an welchen Orten und zu welchen Zeiten sich das Ganze abspielt. Als Informationsquellen dienen vor allem international der Spartacus International Gay Guide, das Internet, lokale Reiseführer und Zeitschriften und persönliche Kontakte zu Leuten vor Ort. Dabei erfährt man auch oft von potenziellen Gefahren. Letztendlich muss man durch Beobachtung feststellen, ob die Örtlichkeit aktiv ist, und mit etwas Erfahrung kann man auch selbst abschätzen und erkennen, welche Örtlichkeiten geeignet sind. Wenn man auf Suche ist, flaniert man beispielsweise oft längere Zeit an einem Ort und erkennt so Männer, welche einem immer wieder begegnen, im Gegensatz zu jenen, die nur vorbeigehen. Mit Erfahrung und Kenntnis ethnischer und örtlicher Konventionen gelingt dies in viel kürzerer Zeit. Die weiteren verwendeten Techniken sind aber nicht auf diese Orte beschränkt und können jederzeit angewandt werden, manche haben auch ganz persönliche Vorlieben für bestimmte Plätze. Wenn man mit Freunden unterwegs ist, trennt man sich meist vorher von ihnen, spätestens bei der Verfolgung, da Cruising überwiegend alleine betrieben wird. Nach erfolgreicher Partnersuche trifft man sich manchmal wieder.
Die heutigen Techniken beim Cruising reichen vom offensichtlichen Anstarren über Verfolgen des begehrten Partners über Häuserblöcke hinweg; Kommentare vorgeblich zu Dritten machen, aber mit der Intention, dass sie vom begehrten Fremden gehört werden; bis zu den verdecktesten, wo weitere Personen anwesend sind und nicht bemerken, dass eine Liaison ausgehandelt wird – Privatheit also mitten in der Öffentlichkeit. Offenes Cruising verwendet den Einfallsreichtum, um eine Ausrede zu finden, um sich selbst vorzustellen, und viele dieser Techniken werden auf die gleiche Art von Männern und nach Kundschaft suchenden weiblichen Prostituierten verwendet, vor allem wenn offene Prostitution verboten ist. Beim versteckten Cruising ist vor allem die richtige Verwendung der Augen kritisch. Der Blickkontakt muss weniger als ein Anstarren sein, aber doch mehr als ein flüchtiger Blick. Dies ist besonders effektiv, wenn man sich dann simultan „überrumpelt“ (beispielsweise umdrehen, nachdem man aneinander vorbeigegangen ist) und sich jeweils ein wissendes Lächeln zuwirft. So ist auch ein Buch über Cruising Backward Glances („Blicke zurück“) betitelt. Hat der potenzielle Partner kein Interesse, so ignoriert er einfach den Blickkontakt. Manchmal geht das Spiel ein paar Mal hin und her, aber bei Interesse ist das Signalisieren meist in weniger als fünf Minuten abgeschlossen. Dauert es zu lange, mehr als zehn bis zwanzig Minuten, dann verliert einer das Interesse und wendet sich ab. In Bars und Discos kann sich dies in Zeitabständen einige Male wiederholen und nach Stunden doch ein Kontakt zustande kommen.
Personen, welche nicht aktiv suchen wollen, aber willig sind „gecruised“ oder „abgeschleppt“ zu werden, können sich einfach in bekannten Cruising-Areas aufhalten. Blickkontakt ist aber auch hier wichtig.
Zusätzliche Hilfsmittel, einen potenziellen Partner zu erkennen, waren manchmal auch Farbcodes. Verwendet wurden die Farben vor allem für einzelne, eher kleinere Accessoires. So galt, initiiert durch die grüne Nelke von Oscar Wilde, eine Zeit lang grün – mindestens von 1896 bis auf jeden Fall 1929 – als symbolträchtige Farbe. In Paris galten vor allem grüne Krawatten als Erkennungszeichen. Auch in den USA war grün eine Farbe der Wahl, was sogar eine verschlüsselte Erwähnung im Lied „Green Carnation“ in der Operette Bitter Sweet findet. In der allgemeinen Öffentlichkeit hielt sich diese Zuordnung dann noch bis in die 1950er Jahre. Ende des 19. Jahrhunderts galt in New York City eine rote Krawatte als Markenzeichen männlicher Prostituierter. Im Jargon der schwulen Szene sprach man von „wearing one’s badge“ („sein Erkennungszeichen tragen“). Vor dem Zweiten Weltkrieg war es allgemein eines der besser bekannten Zeichen für schwule Männer. Besonders im England der 1960er Jahre galten Wildlederschuhe als bekanntes Zeichen.Shaun Cole: , glbtq: An Encyclopedia of Gay, Lesbian, Bisexual, Transgender, and Queer Culture, Stand vom 17. April 2005Wayne R. Dynes: (PDF; 125 kB)