mini|hochkant=1.7|Darstellung der indischen Teilung mit Flüchtlingsbewegungen und den Gebieten, in denen es zu Ausschreitungen kam Unter der Teilung Indiens versteht man die Aufteilung des vormaligen Britisch-Indiens aufgrund religiöser und ethnischer Auseinandersetzungen, die schließlich am 14. und 15. August 1947 zur Gründung zweier unabhängiger Staaten führten: Indien und Pakistan. Pakistan bestand bis 1971 aus zwei weit voneinander entfernten Teilen: Westpakistan (das heutige Pakistan) und Ostpakistan (das heutige Bangladesch).
Die Aufteilung Britisch-Indiens in zwei Dominions war im Indian Independence Act 1947 festgeschrieben worden und markierte das Ende der britischen Kolonialherrschaft auf dem Indischen Subkontinent.
Im Verlauf des Teilungsprozesses kam es zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen, die zum Tod von mehreren hunderttausend Menschen führten. Einige Autoren sprechen von bis zu einer Million Opfern oder mehr.Urvashi Butalia: The Other Side of Silence: Voices from the Partition of India. Duke University Press, Durham, NC 1998. Etwa 20 Millionen Menschen wurden im Zuge der Aufteilung Britisch-Indiens deportiert, vertrieben oder umgesiedelt.Barbara Metcalf, Thomas R. Metcalf: A Concise History of Modern India. (= Cambridge Concise Histories). Cambridge University Press, Cambridge / New York 2006, ISBN 0-521-68225-8.Patrick French: Liberty or Death. HarperCollins, London 1997, S. 347.
Überblick mini|hochkant=1.7|Die vorherrschenden Religionen in der britischen Kronkolonie Indien (1909). Grün: muslimisch dominierte Gebiete. Die politische Teilung von 1947 (vgl. obere Karte) war wesentlich von der Verteilung der Religionen bestimmt. Die im Indian Independence Act 1947Text des Gesetzes. oder Mountbattenplan festgeschriebene Aufteilung Britisch-Indiens beinhaltete die Aufspaltung der Provinz Bengalen in Ostpakistan und den indischen Bundesstaat Westbengalen sowie die Aufspaltung der früheren Provinz Punjab: Westpunjab kam als Provinz Punjab zu Pakistan, Ostpunjab kam zu Indien (dieses Gebiet ist heute aufgeteilt auf die drei indischen Bundesstaaten Punjab, Haryana und Himachal Pradesh).
Die Aufteilung des früheren Britischen Kolonialreichs in Indien beinhaltete neben den geographischen Trennungen auch die Umverteilung der Indischen Eisenbahnen, der Britisch Indischen Armee, des Verwaltungsapparates des früheren Indian Civil Service und sämtlicher Staatsfinanzen.
Im Zuge der Teilung war es den bis dahin selbstverwalteten so genannten Fürstenstaaten im Indian Independence Act 1947 freigestellt, zu welchem der beiden neuen Dominions Indien oder Pakistan sie sich bekennen wollten, oder ob sie es vorzogen, weiterhin als unabhängige Fürstentümer bestehen zu bleiben.
Die aus dieser Frage resultierenden Entscheidungen der Fürstentümer Jammu und Kaschmir führte zum Indisch-Pakistanischen Krieg von 1947, dem später weitere territoriale Auseinandersetzungen zwischen den beiden Staaten Indien und Pakistan folgten.Kashmir Alastair Lamb: A Disputed Legacy, 1846–1990. Roxford Books, 1991, ISBN 0-907129-06-4.
Der Weg zur Teilung
Gründung der Muslimliga 1906 gründete eine Reihe von Muslimen in Dhaka die Gesamtindische Muslimliga (AIML). Notwendig geworden sei dies, da den Gründern der Bewegung zufolge Muslime nicht dieselben Rechte genossen wie die Hindu-Mehrheit vertreten durch den Indischen Nationalkongress. Die neue Muslimliga gewann zunächst rasch an Einfluss unter den Muslimen. Im Laufe der Jahre wurden aus der Muslimliga heraus immer wieder Stimmen laut, einen islamisch orientierten Staat auf indischem Boden zu schaffen. Verschiedene Pläne dazu wurden diskutiert und wieder verworfen.
Eine klare Forderung zur Schaffung eines separaten muslimischen Staates stellte der Philosoph und Schriftsteller Allama Iqbal, der in einer Ansprache an die Hauptversammlung der Muslimliga im Jahre 1930 feststellte, dass ein separater muslimischer Staat unabdingbar sei in einem von Hindus dominierten Indien. Iqbal, der muslimische Aktivist Maulana Mohammad Ali und weitere prominente Muslime versuchten ab 1935, auch den einflussreichen früheren Kongress-Politiker Muhammad Ali Jinnah für ihr Vorhaben zu begeistern. Jinnah, selbst Muslim, aber als Sohn wohlhabender Eltern auf westlichen Eliteschulen ausgebildet, hatte sich bislang öffentlich stets für eine Einheit von Muslimen und Hindus im Kampf um die Unabhängigkeit Indiens eingesetzt. Er war jedoch längst zu der Schlussfolgerung gelangt, dass sich Massenbewegungen wie der Kongress unbeeindruckt gegenüber den Belangen der Muslime zeigten.
1932 bis 1942 Ab 1931 bemühte sich Jinnah als neuer Vorsitzender der Muslimliga, die Bewegung zu reorganisieren und ihr zu größerem Einfluss zu verhelfen. 1940 gab er auf der Konferenz in Lahore eine Erklärung ab, die zum ersten Mal konkret eine muslimische Nation in Indien forderte. Die Erklärung enthielt allerdings keinerlei Angaben dazu, in welchem Teil des Subkontinents er diese Nation zu errichten gedachte und wie diese verwaltet und organisiert sein sollte.
Obwohl weiterhin alle anderen muslimischen Parteien und Massenbewegungen zumindest offiziell vor der Forderung einer Teilung Indiens zurückschreckten, wurde die Idee in den folgenden sieben Jahren dennoch von Muslimen, Nationalsozialisten und besonders auch von bestimmten Hindu-Gruppierungen aufgenommen und zunehmend konkretisiert. Organisationen wie die hindu-nationalistische Hindu Mahasabha, obwohl grundlegend gegen eine Teilung des Landes, gingen dennoch davon aus, dass „es zwei Nationen innerhalb Indiens gab – die Hindus und die Muslime“.Nasim Yousaf: Hidden Facts Behind British India’s Freedom: A Scholarly Look into Allama Mashraqi and Quaid-e-Azam’s Political Conflict.
Die Mehrzahl der Kongresspartei-Führer war säkular orientiert und stellte sich gegen eine wie auch immer geartete Spaltung Indiens aufgrund von religiösen Überzeugungen. Gandhi war fest davon überzeugt, dass Hindus und Muslime gemeinsam in einem einigen Indien leben konnten und sollten und erklärte: „Mit ganzem Herzen und Seele widerspreche ich der Idee, dass Hinduismus und Islam zwei gegensätzliche Kulturen und Lehren darstellen sollten. Dieser Doktrin zuzustimmen, ist für mich eine Verleugnung Gottes“.Christopher Kremmer: Inhaling the Mahatma. HarperCollins, 2006, S. 79.Louis Fischer: Life of Mahatma Gandhi. HarperCollins, 2007. Jahrelang kämpften Gandhi und seine Anhänger darum, Muslime in der Kongresspartei zu halten, obwohl viele Parteimitglieder und Aktivisten ab den frühen 1930er Jahren dennoch die Partei verließen. Durch seinen Einsatz gegen die Idee einer Teilung und für die Gründung einer einzigen Nation, in der für Anhänger beider Religionen Platz sei, schuf sich Gandhi auf beiden Seiten erbitterte Gegner.Larry Collins, Dominique Lapierre: Gandhi. Um Mitternacht die Freiheit. 1975, ISBN 3-442-06759-6.Patrick French: Liberty or Death. HarperCollins, 1997, S. 360–362.
Obwohl in den 1940er Jahren Politiker und Honoratioren auf beiden Seiten immer wieder versuchten, gegenseitige Verdächtigungen und Angstmacherei zu unterdrücken, kam es wiederholt zu schlimmen Ausschreitungen zwischen Muslimen und Hindus. Besonders sticht der von der Muslimliga organisierte so genannte Direct Action Day vom August 1946 aus diesen Ereignissen heraus. Dieser führte zu den Unruhen in Kalkutta 1946, bei denen es zu schweren Pogromen und Ausschreitungen kam, in deren Verlauf zwischen 5.000 und 10.000 Menschen getötet, etwa 15.000 verletzt und zirka 100.000 Menschen obdachlos wurden.
Nachdem im weiteren Verlaufe des August in ganz Nordindien und Bengalen die öffentliche Ordnung zusammenbrach, verstärkte sich der Druck nach einer politischen Lösung zu suchen, um den Ausbruch eines Bürgerkrieges zu verhindern.Judith Brown: Nehru. Longman, 2000.Louis Fischer: Life of Mahatma Gandhi. HarperCollins, 2007.
1942 bis 1946 Bis zum Jahr 1946 war die Definition für einen muslimischen Staat in Indien flexibel genug, um sowohl einen Bundesstaat innerhalb eines föderalen Indiens zu umfassen als auch eine unabhängige Nation Pakistan.
Einige Historiker vertreten die Auffassung, Jinnah hätte die Teilung Indiens einzig als Drohgebärde genutzt, um mehr Eigenständigkeit für die mehrheitlich von Muslimen bevölkerten Provinzen im Westen gegenüber den von Hindus dominierten Gebieten Mittelindiens auszuhandeln.Larry Collins, Dominique Lapierre: Gandhi. Um Mitternacht die Freiheit. 1975.Sikandar Hayat: The Charismatic Leader: Quaid-i-Azam Mohammad Ali Jinnah and the Creation of Pakistan. Oxford University Press, 2008.
Andere Historiker sind wiederum der Auffassung, Jinnahs Vision für Pakistan sei umfassender gewesen und hätte sich bis in die von Hindus dominierten Regionen des östlichen Punjabs und Westbengalens, einschließlich Assams erstreckt, das von einer deutlichen Hindu-Mehrheit bevölkert war.
Jinnah setzte sich jedenfalls entschieden dafür ein, Kaschmir, das zwar von einer muslimischen Mehrheit bevölkert, aber von Hindus regiert wurde, in den wie auch immer gearteten neuen Staat Pakistan einzubinden. Doch er bestand eben auch darauf, Hyderabad und Junagadh, vornehmlich von Hindus bewohnte, aber von Muslimen regierte Gebiete in Pakistan einzubinden.Stanley Wolpert: Shameful Flight: The Last Years of the British Empire in India. Oxford University Press, Oxford / New York 2006, ISBN 0-19-515198-4.Patrick French: Liberty or Death. HarperCollins, 1997.
Die britische Kolonialregierung regierte nicht den ganzen indischen Subkontinent, sondern hatte im Laufe des britischen Raj verschiedene politische Vereinbarungen getroffen, die ihr zwar Einfluss sicherten, aber keine direkte Herrschaftsbefugnis erlaubten, so dass einige Provinzen unter direkter Selbstverwaltung standen, während andere, wie die sogenannten Princely States oder Fürstenstaaten, sich zwar loyal zur britischen Krone erklärt hatten, aber sich von ihr nur in bestimmten Bereichen wie der Außenpolitik vertreten ließen, während sie sich nach innen weiterhin selbst verwalteten.Louis Fischer: Life of Mahatma Gandhi. HarperCollins, 2007.Kashmir Alastair Lamb: A Disputed Legacy, 1846–1990. Roxford Books, 1991.
Die britische Kolonialverwaltung, bestehend aus dem Secretary of State for India, dem India Office, dem Generalgouverneur von Indien und dem Indian Civil Service, bevorzugte jedenfalls zunächst eine Lösung, die Indien die Teilung ersparte. Die Parlamentskommission, die man 1946 von London aus nach Indien gesandt hatte, versuchte dementsprechend, zwischen dem Kongress und der Muslimliga zu einem Kompromiss zu gelangen. Dieser sollte darin bestehen, einen dezentral regierten föderalen indischen Staat zu schaffen, in dem Raum sowohl für Muslime als auch Hindus gewesen wäre.Barbara Metcalf, Thomas R. Metcalf: A Concise History of Modern India. (= Cambridge Concise Histories). Cambridge University Press, Cambridge / New York 2006. Zunächst schien dieser Plan auch auf Akzeptanz zu stoßen, doch letztlich widersprach Jawaharlal Nehru dem Konzept eines solchen dezentralisierten Staates, woraufhin Jinnah schnell wieder zu seiner Forderung nach einem unabhängigen Pakistan zurückkehrte.Stanley Wolpert: A New History of India. 2006.
Der Mountbattenplan Die eigentliche Trennung in die beiden neuen Dominions Pakistan und Indien erfolgte entsprechend dem 3.-Juni-Plan (1947), der auch als Mountbattenplan bekannt geworden ist und in dem sich Nehru, Jinnah und Mountbatten auf die grundsätzliche Teilung Britisch-Indiens in zwei unabhängige Dominions geeinigt hatten.
Diesem ging ein früherer Entwurf zur Teilung Indiens, angefertigt unter Mountbattens Vorgänger Sir Archibald Percival Wavell, voraus, der später unter Mountbatten konkretisiert und erweitert wurde.Pamela Mountbatten: India Remembered: A Personal Account of the Mountbattens During the Transfer of Power. Anova Pavilion, 2007.