Ein öffentliches Fahrradverleihsystem ist eine Form der Fahrradvermietung, bei dem die Fahrräder in der Regel im öffentlichen Raum oder an öffentlich zugänglichen Stationen für registrierte Nutzer zur Verfügung stehen. Das System hat sich ab Mitte der 1990er Jahre in fast allen großen Ländern der Welt etabliert. mini|

Überblick

Fahrradverleihsysteme werden in der Regel von Kommunen, Verkehrsverbünden oder Privatunternehmen eingerichtet und von auftragnehmenden Firmen betrieben. Die Nutzung bietet sich insbesondere für Einwegfahrten oder in fremden Städten an, in denen kein eigenes Fahrrad oder (Leih-)Auto zur Verfügung steht, sowie als Ergänzung zum ÖPNV für die „letzte Meile“ oder zu Uhrzeiten, in denen der ÖPNV nicht fährt. Im Gegensatz zu einem eigenen Fahrrad müssen sich Nutzende nicht um die Wartung und das sichere Abstellen des Fahrrads kümmern oder gar um die Mitnahme in anderen Verkehrsmitteln.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben viele Kommunen besonders in Europa derartige Systeme als ein neues öffentliches Mobilitätsangebot und als Mittel zur Förderung des Radverkehrs allgemein entdeckt und unterstützen den Betrieb finanziell. Öffentliche Fahrradverleihsysteme gibt es mittlerweile weltweit: In China zählt das Fahrrad-Sharing zu den „Vier neuen großen Erfindungen der modernen Zeit“. Besonders zwischen 2007 und 2012 erfolgte ein bedeutender Zuwachs.

Ende 2012 waren weltweit fast 500 Verleihfirmen präsent, darunter ca. 300 in Europa; auch in Afrika war schon ein Anbieter auf dem Markt.; abgerufen am 9. Februar 2024.

Ab Mitte der 2010er Jahre kamen in durch Kommunen oder Bau- bzw. Möbelmärkte angebotene Verleihmöglichkeiten für Lastenfahrräder hinzu.Pressemitteilung aus dem Berliner Bezirk Lichtenberg vom 24. August 2018: „fLotte – kommunal“: Kostenlose Lastenräder in kommunalen Einrichtungen.

Vermietungsarten Mitgliedschaft In allen Fällen ist eine persönliche Registrierung bei dem jeweiligen Anbieter erforderlich. Die Personen identifizieren sich mit ihrem Mitgliedsausweis (oder mit einer Chipkarte, per Handy oder auf andere Weise) an einem der Standorte oder direkt an dem abgestellten Rad.

Stationsgebunden In dieser Version des Systems werden die Fahrräder an einem oder mehreren in der Stadt verteilten ortsfesten Selbstbedienungsterminals aufbewahrt bzw. zum Abstellen eingeklinkt. Bei vielen Systemanbietern ist die erste halbe Stunde gratis. Die Person ist für alle Schäden oder Verluste verantwortlich, bis das Fahrrad an derselben oder an einer anderen festen Station zurückgegeben und eingecheckt wird.

Stationslos Hier können die Leihräder per Smartphone-App mittels GPS gefunden und nicht an einer Verleihstation, sondern an beliebigen Orten innerhalb des definierten Nutzungsgebietes wieder abgestellt werden. Missbrauch und Beschädigung der Fahrzeuge durch fahrlässiges Abstellen ist hierbei nicht ausgeschlossen. In China gab es ab ca. 2010 einen raschen Anstieg der Größe und Nutzung von solchen privaten Fahrradverleihsystemen, die meist im Zusammenspiel mit einem Smartphone funktionieren. Bei diesen Verleihsystemen stellt der Benutzer das Fahrrad unter Beachtung der entsprechenden Verkehrssituation einfach ab. Der nächste Benutzer kann es dann wieder per GPS finden.

In jüngerer Zeit kommen vermehrt Mischsysteme zum Einsatz, bei denen mittels GPS eingegrenzte „virtuelle Stationen“ definiert werden, oder bei denen das Kerngebiet einer Stadt mit stationslosem System, ein weiterer Gürtel darum mit stationsbasiertem System betrieben werden.

Anbieter (Auswahl) Einige Unternehmen haben diesen wachsenden Markt als Geschäftsmodell entdeckt, um Besuchenden oder Einwohnern von Städten auch als Alternative zum motorisierten Individualverkehr (MIV) oder als Ergänzung zum öffentlichen Personen-Nahverkehr (ÖPNV) ein umweltfreundliches Fortbewegungsangebot zu machen, ohne dass sich die Betreibenden um Investitions- oder Betriebskosten kümmern müssen. Unterhalten werden solche Mietsysteme vor allem im Ausland meist durch verschiedene Außenwerbungsunternehmen wie iHeartMedia (Smartbikes), JCDecaux (Cyclocity)jcdecaux.com: ; abgerufen am 9. Februar 2024. Gewista (Citybike Salzburg und Wien), Smoovesmoove.fr Montpellier, Avignon, Valence, Saint-Étienne, Batumi (Georgien), Nikosia (Republik Zypern), Korfu (Griechenland), Ströer (Zusammenarbeit mit DB Connect bei Call a Bike)stroer.de: und Bicincitta. (italienisch)

In Deutschland haben sich Anbieter wie Call a Bike oder Nextbike (zeitweise Tochtergesellschaft der Fa. TIER Mobility Berlin) etabliert, die als Förderung für ihren Betrieb teils öffentliche Gelder erhalten. Unter anderem verleihen diese Anbieter teils mit einem Zusatz im Markennamen, wie etwa Lidl-Bikes oder Deezer Nextbike, beide in Berlin oder aber, sie betreiben regionale Systeme wie Frelo in Freiburg unter der Ägide des dortigen ÖPNV-Unternehmens Freiburger Verkehrs AG (VAG).

In anderen Ländern und auf anderen Kontinenten mit hoher Bevölkerungsdichte in Städten betreiben außerdem Ofo (dieses hatte 2018 einen Testlauf mit 3000 Fahrrädern in Berlin durchgeführt, der wegen Unwirtschaftlichkeit zum August wieder aufgegeben wurde)Weniger Leihräder auf Berlins Straßen. In: Berliner Zeitung, 16. Juli 2018, S. 15., Mobike und andere stationslose Verleihsysteme. Diese sind mittlerweile mit Millionen von Fahrrädern in über 100 Städten, vor allem in China, zwischenzeitig auch in Europa präsent und zählten zeitweise zu den größten Fahrradbetreibern der Welt.Peter Neumann: Fahrräder sind die stärkste Waffe, die wir haben. In: Berliner Zeitung, 27. Februar 2018, S. 11. Im April 2018 hat Uber das New Yorker Fahrradverleihsystem Jump Bikes übernommen.Uber setzt auf E-Bikes statt Autos In: tagesanzeiger.ch, 27. August 2018, abgerufen am 30. August 2018.

Darüber hinaus versuchen Peer-to-Peer-Verleih-Systeme auf den Markt zu kommen: Hier kann man sein eigenes Fahrrad an andere Privatperson ausleihen; Kostenfragen werden dann direkt zwischen Besitzendem und Interessiertem geklärt. Ein Beispiel hierzu ist upperbike.Homepage upperbike, abgerufen am 8. Juli 2019. Es bleibt abzuwarten, ob solche Systeme neben konventionellen kommerziellen Anbietern Bestand haben werden.

Neben dem Angebot an Fahrrädern als einfachem Fortbewegungsmittel wurden ab den späten 2010er Jahren neue Anbieter aktiv, die eine Kopplung zwischen Lastenfahrrad und Fahrrädern mit Elektroantrieb entwickelt haben (-> „E-Cargobike“). Einige Bau- oder Möbelmärkte stellen dieses umweltfreundliche Transportmittel u. U. auch kostenlos zur Verfügung für dort getätigte Einkäufe.Gesehen am 1. Juni 2018 in einem toom; z. B. auch -> IKEA

Probleme und Kritik Vandalismus Ein bei der Lancierung solcher Fahrradsysteme oft unterschätztes Problem ist der Vandalismus, mit Schäden nicht nur durch unsachliche Behandlung der Räder, sondern auch durch deren mutwillige Zerstörung und Diebstahl, der zu stark erhöhten Kosten für die Betreiber geführt hat. Diese Kosten wurden entweder auf die Benutzer oder auf die ausschreibenden Gemeinden abgewälzt oder sie hatten zum kompletten Rückzug aus dem Markt geführt. Beispielsweise zog sich der in Hongkong ansässige Betreiber Gobee Bike Anfang 2018 nach nur vier Monaten aus den französischen Städten Paris, Lille und Reims zurück, nachdem er schon zuvor in Brüssel aufgegeben hatte. Dort waren nämlich bis zu 60 Prozent seiner Räder beschädigt oder entwendet worden.Le Monde: L’entreprise de vélos en libre-service Gobee.bike contrainte d’arrêter ses activités en France, 25. Februar 2018, abgerufen am 27. Februar 2018 (französisch). Auch Mobike verlor nach eigenen Angaben im Jahr 2019 weltweit 205.600 Räder durch Diebstahl oder Zerstörung und zog sich aus diesem Grund aus britischen Städten wie Manchester, Newcastle und Gateshead zurück. Ebenso meldete im Juli 2018 Obike Insolvenz an.

Einige Anbieter waren in einer Reihe von Städten in Rechtsstreitigkeiten gegeneinander oder mit einer Stadt verwickelt oder von Kartellbehördenentscheidungen oder Außenwerbeverboten betroffeneconomist.com: Advertisers fight billboard bans, 11. Oktober 2007., so zum Beispiel in Hamburg,welt-online: Öffentliche Mietfahrräder kommen doch nach Hamburg, 10. Oktober 2007. Dublin,Bike-BIZ: , 9. Oktober 2007. Genf und Barcelona.elPeriodico.cat: , 1. Juli 2007. Diese Prozesse waren bis Ende 2017 weitestgehend entschieden.

Insbesondere im Rahmen der Expansion von ofo und obike in Europa wurden die Sammlung und Auswertung der ortsbezogenen Nutzerdaten und Vermüllung von Städten durch abgestellte Fahrräder als Probleme genannt.

Auf der Internetplattform Indymedia wurde wiederholt zur Zerstörung der Leihräder aufgerufen. Von linksextremer Seite wird das mit der Kritik an den Beschäftigungsformen in den dahinterstehenden Unternehmen begründet. Die Zerstörung reicht vom Anbringen von Aufklebern auf den QR-Codes über das Aufstechen der Reifen, dem gewaltsamen Umstoßen, dem Versenken in Gewässern bis hin zum Verbrennen der Räder. In Berlin wurden bei Leihrädern auch schon die Bremskabel durchschnitten, was für alle Verkehrsteilnehmer eine massive Gefährdung darstellt.

Datenschutz Im Gegensatz zu Einrichtungen des öffentlichen Verkehrs oder Taxis, sind Fahrräder anfälliger auf Verlust oder Beschädigung, so dass praktisch nur Systeme mit Ausweispflicht angeboten werden, oft auch mit Hinterlegung von Ausweisen, Bargeld, oder Kreditkartendaten als Sicherheiten, und/oder einer Registrierung mit Wohnadresse. Darüber hinaus funktionieren manche Systeme nur mit Smartphones mit bestimmten Betriebssystemen und Konten, in der Regel von Apple oder Google. Von diesen verlangen wieder einige eine ständige oder temporäre Daten-Mobilfunkverbindung mindestens während des Bezugs und der Rückgabe des Fahrrads. Andere Systeme bieten solche Funktionen auch per SMS oder Telefon an, oder mit im Voraus erworbenen Chipkarten.

Überblick der Fahrradverleihsysteme (Auswahl)

Deutschland Grundsätzliches Das Bundesverkehrsministerium (BMVBS) förderte ab dem Jahr 2009 Modellprojekte, um Öffentliche Fahrradverleihsysteme (ÖFVS), die es zu diesem Zeitpunkt schon in einigen größeren Städten gab, zum Bestandteil einer intermodalen Verkehrskette zu entwickeln. Das Augenmerk wurde unter anderem auf eine Verzahnung mit dem öffentlichen Personenverkehr (ÖPV) gelegt. Die Idee dieser Verbindung war neu. Dazu gab es zwei Projektphasen: die erste fand als Pilotprojekt im Jahr 2009 in sechs Modellregionen statt. Ihre Ergebnisse wurden, zusammen mit einem Gutachten über die rechtlichen und finanziellen Aspekte des ÖFVS, veröffentlicht in der Broschüre Innovative öffentliche Fahrradverleihsysteme. Modellprojekte am Start und Online auf der Homepage des BMVBS., abgerufen am 23. Juni 2018. Die zweite Projektphase begann im Anschluss (2010/2011) und führte in den beobachteten Regionen zur Etablierung solcher Verleihsysteme, die meist von den Landesregierungen finanziert werden. Vor allem kamen mehr Fahrräder zum Einsatz, da sich das System bewährt hatte.

→ In der folgenden Liste sind keine Fahrradhändler, die Räder verleihen, und keine Einzelanbieter aufgenommen. ←

Berlin Nach Angaben der Berliner Verkehrsverwaltung standen 2019 mehr als 11.000 Leihfahrräder in der Stadt zur Nutzung bereit. Davon entfielen etwa 700 auf Mobike, 3500 auf Lidl-Räder, zirka 2500 auf Deezer Next Bike und der Rest auf weitere.Peter Neumann: Berlin – die Hauptstadt der Mietfahrzeuge. In: Berliner Zeitung. 8. Juli 2019, S. 13. Einige Anbieter wie Mobike haben angekündigt, ihre Flotte auf bis zu 10.000 Räder zu erhöhen; Platz sei bis rund 24.000 Fahrzeuge. Mobike meldete 2020 jedoch Insolvenz an.