Der Begriff „interkulturelle Hermeneutik“ bezeichnet sowohl Theorien einer wissenschaftlichen Methodik des Fremdverstehens als auch die Frage nach den Bedingungen menschlichen VerstehensFornet-Betancourt 2002. S. 52. insbesondere in interkulturellen Konzepten. Der Begriff wird in unterschiedlicher Diktion in verschiedenen Fächern wie Literaturwissenschaft, Philosophie oder Interkulturelle Theologie verwendet.Vgl. Wrogemann 2012; Sundermeier 1996. __TOC__ Historischer Abriss Das Bestreben, etwas zu übersetzen, eine Bedeutung zu klären, war der Hermeneutik schon seit ihren Anfängen inhärent. War sie traditionell eher eine Methodik der Textexegese, so wendet sie sich im 20. Jahrhundert den grundlegenderen Fragen des Verstehens mehr philosophisch-ontologisch zu.Robert Holub: Reader-Oriented Theories of Interpretation. Hermeneutics. In: Raman Selden (Hrsg.): The Cambridge History of Literary Criticism Vol. 8. From Formalism to Poststructuralism. 2008, S. 255. Spätestens seit 1980 ist die Beschäftigung mit Interkulturalität in den meisten Humanwissenschaften verbreitet.Schaffers 2003, S. 354. Durch verstärkte Auseinandersetzung mit kulturellen Systemen gibt es vermehrt Bedarf nach Reflexion auf die Grenzen und Möglichkeiten des Verstehens.Interkulturelle Hermeneutik kann je nach Akzentuierung des Begriffes einen texthermeneutischen Ansatz in der Literaturwissenschaft, der interkulturellen Germanistik oder der Komparatistik bezeichnen; ein politisches, oder auch ein philosophisches Projekt des interkulturellen Verständnisses. Die Begriffsbedeutung unterscheidet sich hauptsächlich in ihrer Entfernung zur ursprünglichen Bedeutung, legt also entweder mehr Gewicht auf Methodologie und Interpretation oder die Grundlagen und Bedingungen des Verstehens überhaupt. Für die Philosophie beispielsweise ist die Hermeneutik heute eine eigene Disziplin, die sich sowohl mit Methoden wissenschaftlicher Auslegung, als auch mit den Bedingungen menschlichen Verstehens beschäftigt.Fornet-Betancourt 2002, S. 52ff. Eine gemeinsame Entwicklungsetappe, sowohl des textinterpretatorischen als auch des philosophischen Ansatzes, stellen die Arbeiten Hans-Georg Gadamers und Wilhelm Diltheys dar.
Stufen der Begriffsentwicklung Aufschluss über die verschiedenen Bedeutungen des Begriffes „interkulturelle Hermeneutik“ gibt ein Blick auf die Entwicklungsstufen des Hermeneutikbegriffes. Der Ausdruck „Hermeneutik“ hat sich in seiner Bedeutung stark gewandelt, seine Verwendung ist heute auch innerhalb einzelner Fachrichtungen nicht einheitlich. Ursprünglich bezeichnet der Terminus das Tragen eines „Sinnzusammenhangs aus einer Welt in eine andere“ – allerdings noch nicht in methodischer Art und Weise, sondern dogmatisch anweisend; beispielsweise im sakralen Bereich in Form autoritärer Willensäußerung. Vom ursprünglichen Sinn hat sich im modernen Verständnis des Begriffes wenig erhalten. Lediglich in der juristischen Auslegung überdauerte das normative Wesen des Hermeneutikbegriffes.
In der Neuzeit kommt es zu einem entscheidenden Wandel in der Begriffsbedeutung. Die Reformation strebt die Rückkehr zum „Buchstaben“ der heiligen Schrift an und richtet sich gegen eine allegorische Auslegung. Das führte zu einem neuen Methodenbewusstsein, das objektiv und frei von subjektiver Willkür sein will.Hans-Georg Gadamer: Hermeneutik. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. S. 1063.
Dilthey bezeichnete sein Projekt als Versuch einer Begründung der Allgemeingültigkeit des geisteswissenschaftlichen Erkennens in Analogie zum Objektivitätsanspruch der Naturwissenschaften.Göller 2000, S. 20ff. Er bestimmt Hermeneutik neu, als universelle Methode der Deutung der sozialen, historischen und psychologischen Welt.John Durham Peters, Samuel McCormic: Hermeneutics. In: The International Encyclopedia of Communication. Wolfgang Donsbach (Hrsg.). Blackwell Publishing, 2008. Blackwell Reference Online
Bei Heidegger ist der Punkt erreicht, an dem sich der Begriff, verstanden als instrumentalistische Methode, ins Ontologische wendet. Verstehen wird dann bei Heidegger gedeutet als Grundbewegung des menschlichen Daseins, nicht als beliebiges Verhalten des menschlichen Denkens unter anderen.Hans-Georg Gadamer: Hermeneutik. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. HWPh Band 3, S. 1067.
Für Gadamer ist schließlich die Sprache das primäre, unmittelbare und universelle Medium des Verstehens. Aktuell bestehen nebeneinander mindestens drei Verwendungen des Begriffes „Hermeneutik“ in Konzeptionen, die sich mit dem Problem des Verstehens fremder Lebensäußerungen befassen, was auf deren unterschiedliche Fragerichtungen verweist. Die methodologische Hermeneutik ausgehend von Friedrich Schleiermacher, die auf das „Wie“ des Verstehens fremder Äußerungen fokussiert und zugleich auf Regeln der Interpretation abzielt. Die „philosophische Hermeneutik“ Diltheys, die in erster Linie auf die Analyse und Begründung der Bedingungen des Verstehens gerichtet ist. Die heideggersche „Hermeneutik der Faktizität“, die selbst auslegend verfährt.Husuan-Erh Chen: Hermeneutik zwischen eigener Tradition und fremder Kultur. Zum Problem des Fremden in den hermeneutischen Theorien von Hans-Georg Gadamer und Eric Donald Hirsch. 2008, S. 4f.
Was ist hermeneutisches Verstehen? Dilthey findet die Begründung der geisteswissenschaftlichen Objektivität im intersubjektiven Vorgang des Verstehens. In der Interpretation bzw. Deutung der Hermeneutik trifft die Subjektivität des Auslegers auf intersubjektiv einsehbare – sprachliche und dadurch intersubjektiv objektivierte – Regeln der Auslegung. Die Hermeneutik als Auslegekunst beschreibt ihre – nicht notwendigerweise schriftlichen – Gegenstände sprachlich und objektiviert sie dadurch, macht sie erst zugänglich.Göller 2000, S. 25. Die Grenzen und Bedingungen eines solchen Projektes des Zugänglichmachens werden sehr unterschiedlich angegeben.
Abgrenzung Das Verstehen fremder Kulturen war zuerst Thema der Ethnologie bzw. Völkerkunde oder Cultural Anthropology. Die Ethnologie erfasst eine fremde Kultur aus deren eigener subjektiver Perspektive. Diese Subjektivität kann, wie Wolfdietrich Schmied-Kowarzik anmerkt, nie ganz erfasst werden, weil dazu völliges Hineinversetzen nötig wäre, außerdem müsste das fremde Bewusstsein nichts anderes, bzw. nicht mehr sein als seine objektivierten Veräußerungen.Wolfdietrich Schmied-Kowarzik: Ethnologie – Xenologie – interkulturelle Philosophie. In: Wolfdietrich Schmied-Kowarzik: Verstehen und Verständigung. 2002, S. 18ff. Die Xenologie ist nicht in erster Linie eine hermeneutisch-phänomenologische Wissenschaft, ihr geht es weniger um eine verstehende Darstellung fremder Kulturen als um die Bearbeitung des Themenkomplexes im Rahmen der Politologie. Nicht Verstehen ist ihr Ziel, sondern Verständigung im politikwissenschaftlichen Sinn.Wolfdietrich Schmied-Kowarzik: Ethnologie – Xenologie – interkulturelle Philosophie. In: Wolfdietrich Schmied-Kowarzik: Verstehen und Verständigung. 2002, S. 20ff. Die philosophische Hermeneutik ist ursprünglich eine Theorie der Textexegese die auch auf fremdkulturelle Texte und dann auch den nichtsprachlichen Bereich ausgedehnt wurde. Die interkulturelle Philosophie vereint theoretische und praktisch Fragestellungen.Wolfdietrich Schmied-Kowarzik: Ethnologie – Xenologie – interkulturelle Philosophie. In: Wolfdietrich Schmied Kowarzik: Verstehen und Verständigung. 2002, S. 22f. Sie behandelt vor allem die Spannung zwischen philosophischem Universalitätsanspruch einerseits und kulturellen Identitäten andererseits.Wolfdietrich Schmied-Kowarzik: Ethnologie – Xenologie – interkulturelle Philosophie. In: Wolfdietrich Schmied Kowarzik: Verstehen und Verständigung. 2002, S. 9. Die interkulturelle Philosophie stellt sich auch die Frage, wie zuverlässig und mit welchen Mitteln philosophisches Denken zu erfassen ist, das aus einer anderen Kultur oder Tradition stammt und bedarf insofern einer interkulturellen Hermeneutik als allgemeine Theorie des Verstehens fremdkulturellen Denkens.Franz Martin Wimmer: Interkulturelle Philosophie. Eine Einführung. 2004, S. 137. Die Konzeptionen einer interkulturellen Hermeneutik können nicht immer eindeutig einer Fachrichtung zugerechnet werden, sie entstehen häufig in einem interdisziplinären Kontext.
Hermeneutik bei Dilthey und Gadamer Im Rahmen von Diltheys Versuch, die Grundlagen der Geisteswissenschaft in Anlehnung an den Allgemeingültigkeitsanspruch der Naturwissenschaften zu objektivieren, ist der Begriff „Verstehen“ zentral. Dieses Grundprinzip aller Geisteswissenschaften bei Dilthey meint die „empirische Erkenntnis der Gesamtheit menschlicher Lebensäußerungen“. „Verstehen“ ist der Begriff der bei Dilthey und Anderen die spezifische Erkenntnisweise der Geisteswissenschaften bezeichnet, im Gegensatz zur Naturwissenschaft, die „erklärt“. Sowohl Geistes- als auch Naturwissenschaften müssen allgemeingültiges Wissen aus der Erfahrung gewinnen. Für Dilthey ist das zugrunde liegende Problem das der Begründung der Allgemeingültigkeit (Objektivität) von empirischem Wissen in beiden Wissenschaftszweigen.Göller 2000, S. 20ff. Wichtig für die Lösung dieser Problemstellung ist der Begriff des Induktionsschlusses. Der Induktionsschluss folgert von Einzelfällen auf einen gegebenen Lebenszusammenhang, durch fortlaufende Prüfung gewinnt dabei die geisteswissenschaftliche Erkenntnis ausreichend Wahrscheinlichkeit um gültig zu sein.Göller 2000, S. 30f. Diltheys Konzeption ist stark mit der Sprache als „universellem Objektivationsmedium“ verbunden, durch das sich alle möglichen Objektivationen erschließen. Allerdings ist sein Gegenstand eine bloße Texthermeneutik, weil dauerhafte Fixierung Voraussetzung für seinen Begriff der „Allgemeingültigkeit“ ist. Verstehen ist bei Dilthey ein Akt der Übertragung, des Hineinversetzens „des eigenen Selbst in einen gegebenen Inbegriff von Lebensäußerungen“. Es stellt sich daher die Frage, wie Verstehen fremder Kulturen bei Dilthey möglich sein kann, bzw. wo die Grenze des Erkenntnisvermögens in dieser Konzeption liegt.Göller 2002, S. 32ff. Für R. Knüppel hat bei Dilthey was „außerhalb des eigenen Erlebnishorizontes fällt keinen Vergleichspunkt mehr“ für das Verstehen.Knüppel zitiert nach: Göller 2002, S. 35. Verstehen ist in erster Linie an individuelle Standpunkte gebunden, worin genau diese Beschränkung besteht und inwieweit das Diltheys Anspruch der intersubjektiven Gültigkeit bzw. überhaupt einem interkulturellen Verstehen entgegensteht ist nach T. Göller nicht klar.Göller 2002, S. 35. Möglicherweise handelt es sich hierbei auch um einen Verweis auf die im hermeneutischen Zirkeltheorem implizierte Aporie.Göller 2000. 38. Gadamer thematisiert in seinem Ansatz einer „philosophischen Hermeneutik“ nicht mehr eine Methode der Geisteswissenschaft bzw. stellt keine Interpretationstheorie auf, sondern es handelt sich um eine Art von ontologischer Tieferlegung des Projektes. Die „Daseinsstruktur des Daseins“ soll – in Anlehnung an Heidegger zeitlich, geschichtlich bestimmt – im Bezug auf die geschichtliche Überlieferung behandelt werden. Verstehen wird hier als menschliche Sinnerfahrung und wirkungsgeschichtlicher Vorgang begriffen.Göller 2000, S. 43. Es handelt sich nicht in erster Linie um ein Projekt einer Methode des Verstehens, sondern „befreit“ vom Objektivitätsbegriff der Wissenschaft soll die Hermeneutik der „Geschichtlichkeit des Verstehens gerecht werden“. Ziel ist dabei nicht naturwissenschaftliche Allgemeingültigkeit, sondern das Erwerben von „Einsichten“ und das Erfahren von „Wahrheiten“.Göller 2000, S. 45.