Netzer Sereni (, ) ist ein Ort im judäischen Hügelland Schefela. Der Ort liegt zwischen Ness Ziona, Rechovot und Beʾer Jaʿaqov, im Regionalverband Geser. Ab 1948 waren die Einwohner in der Form eines Kibbuz organisiert. 1999 gaben die Kibbuzniks die meisten Formen genossenschaftlichen Wirtschaftens und Lebens auf. Die meisten Bewohner arbeiten seither auswärts, verfügen privat über ihr Einkommen und konsumieren auch entsprechend im individuellen Rahmen. Die Anlagen des Kibbuz werden an Dritte vermietet und verpachtet. So leben in Mietshäusern am Ort auch viele Menschen, die nicht Mitglied des Kibbuz sind, der nunmehr eher einer Liegenschaftsverwaltung ähnelt.

Der Ort wurde auf einem 1891 gegründeten Landgut namens Bir Salem (, ) angelegt. Das Landgut diente als Produktions-, Lehr- und Siedlungsstätte für Zöglinge des Syrischen Waisenhauses. Teile des Gutslandes wurden an erwachsene Zöglinge verpachtet. Im und nach dem Ersten Weltkrieg nutzten zunächst deutsche und osmanische, ab Januar 1918 britische Streitkräfte die Wohn- und Hofgebäude.

Ab 1921/28 dienten die Anlagen wieder ihrem ursprünglichen Zweck. Nach der Internierung der deutschen Mitarbeiter als feindliche Ausländer und Beschlagnahme des Landgutes im Jahre 1939 verpachtete die Mandatsregierung seine Ländereien an Herrn Dadschani aus Jaffa. Die Hofstellen hatten arabische Unterpächter inne. Im Unabhängigkeitskrieg nahm am 9. Mai 1948 die Givʿati-Brigade zunächst das von den Briten geräumte Landgut ein, ein Palmach-Bataillon eroberte gegen Ende des Krieges die Pachthöfe. Am 20. Juni desselben Jahres gründeten Schoah-Überlebende, viele aus dem KZ Buchenwald, auf dem Landgut den Kibbuz Buchenwald.Avraham Lewensohn (; 1923–1986), Reiseführer Israel mit Straßenkarten und Stadtplänen ['Israel Tourguide', 21979; dt.], Miriam Magall (Übs.), Tel Aviv-Jaffa: und Tourguide, 1982, S. 299. 1949 wurde der Name in Netzer geändert und 1955 in Netzer Sereni erweitert.

Namen des Ortes Gemäß dem missionarischen Anspruch des Syrischen Waisenhauses benannte Johann Ludwig Schneller 1891 das Landgut Bir Salem (, in deutschsprachigen Quellen aber meist Bir Salem).Abdel-Raouf Sinno (), Deutsche Interessen in Syrien und Palästina, 1841–1898: Aktivitäten religiöser Institutionen, wirtschaftliche und politische Einflüsse, (=Studien zum modernen islamischen Orient; Bd. 3), Berlin: Baalbek, 1982; ISBN 3-922876-32-3; S. 66. Der Name blieb auch erhalten, als die deutschen Mitarbeiter das Landgut 1939 verlassen mussten und die britische Mandatsregierung sie als feindliche Ausländer internierte. Am 20. Juni 1948 gründeten Schoah-Überlebende in den Gebäuden des Landgutes einen Kibbuz, den sie zunächst Kibbuz Buchenwald nannten.Tom Segev, 1967: Israels zweite Geburt [, Tel Aviv-Yafo: , 2005; dt.], Helmut Dierlamm, Hans Freundl und Enrico Heinemann (Übs.), Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2007, (=Schriftenreihe; Bd. 635), S. 638. ISBN 3-89331-789-9. Einige der Gründer waren schon in Deutschland Mitglieder des im Juni 1945 gegründeten gleichnamigen Kibbuz Buchenwald gewesen.Judith Tydor Baumel-Schwartz (), Kibbutz Buchenwald: survivors and pioneers [; Engl.], Dena Ordan (Übs.), New Brunswick (NJ): Rutgers University Press, 1997, ISBN 0-8135-2336-2, S. 2. Dieser Name, mit seinem starken Bezug zur Schoah in Europa, wurde im Frühjahr 1949 durch den Namen Netzer () ersetzt.

Das Regierungskomitee für Ortsnamen () lehnte fremdsprachige Namensbestandteile ab. Netzer entstammt einem Vers des Buches Jesaja . Als Folge der Spaltung des Kibbuzverbands HaKibbuz haMeʾuchad () 1951 zogen Anhänger des neuen Kibbuzverbands Ichud haQvuzot we-haQibbuzim (), die vorher im Kibbuz Givʿat Brenner gewohnt hatten, nach Netzer um, darunter Ada Sereni (geb. Ascarelli), die Witwe Enzo Chaim Serenis.

Um dem Zuzug Rechnung zu tragen, wünschten die Kibbuzniks 1952 den Namenszusatz Sereni zu Ehren des Mitbegründers von Givʿat Brenner, des italienischstämmigen Enzo Sereni (1905–1944). Er hatte sich zu den britischen Streitkräften gemeldet und war als Fallschirmspringer der Special Operations Executive im deutsch besetzten Italien abgesprungen, jedoch von deutschen Einheiten gefasst und später im KZ Dachau ermordet worden.Tom Segev, 1967: Israels zweite Geburt [, Tel Aviv-Yafo: , 2005; dt.], Helmut Dierlamm, Hans Freundl und Enrico Heinemann (Übs.), Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2007, (=Schriftenreihe; Bd. 635), S. 637seq. ISBN 3-89331-789-9. Das Namenskomitee wollte aber nur Netzer Chaim () genehmigen, das den hebräischen Mittelnamen statt des italienischen Nachnamens enthält. In zähem Ringen erwirkte aber das Knesseth-Mitglied Chaim Ben-Ascher (1904–1998, ), ein Gründungsmitglied Givʿat Brenners, das nach Netzer gezogen und zu Lebzeiten Freund Enzo Serenis war, dass Sereni Teil des Ortsnamens wurde.

Ben-Ascher argumentierte, dass durch Serenis Tod und den tragischen Unfalltod seines einzigen Sohnes Daniel„Im Juli 1954 fand zum Gedenken an Enzo Sereni und andere Fallschirmjäger am Ufer des Sees Genezareth in der Nähe des Kibbuz Maʿagan ein Staatsakt statt. … Eine Piper-Maschine, die an einer Luftschau teilnahm, stürzte … in die Menge. Unter den Toten waren Daniel Sereni, Enzos und Adas Sohn, und seine Frau.“ Tom Segev, 1967: Israels zweite Geburt [, Tel Aviv-Yafo: , 2005; dt.], Helmut Dierlamm, Hans Freundl und Enrico Heinemann (Übs.), Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2007, (=Schriftenreihe; Bd. 635), S. 638. Auslassungen nicht im Original. ISBN 3-89331-789-9. die Erinnerung an die Serenis ausgelöscht wäre, wenn nicht der Nachname Teil des Toponyms würde. Ben-Ascher gewann im Januar 1955 die Mehrheit der Knesseth dafür, sich für den Namenszusatz Sereni auszusprechen. Aus Respekt vor der Knesseth akzeptierte das Namenskomitee dies trotz seiner unveränderten Ablehnung fremdsprachiger Toponyme im Juni und der Name wurde amtlich.„“, in: דָּבָר, den 14. Juni 1955.

Lage mini|300px|Bir Salim im Westen und Beʾer Jaʿaqov nördlich angrenzend, im Osten die Stadt Ramle, Karte von 1941 Netzer Sereni liegt elf Kilometer östlich vom Mittelmeer, etwa 17 Kilometer südöstlich vom Zentrum Tel Aviv-Yafos, etwa 42 km nordwestlich der Altstadt Jerusalems, vier Kilometer westlich Ramles und vier Kilometer südöstlich der Stadt Rischon LeZion. Westlich grenzt die Stadt Ness Ziona an, nördlich Beʾer Jaʿaqov. Die autobahnartig ausgebaute Landstraße  durchquert Netzer Serenis Gebiet im Norden. Per Zug erreicht man Netzer Sereni vom Bahnhof im Nachbarort Beʾer Jaʿaqov, der von den im Zuge des britischen Vormarsches im Ersten Weltkrieg errichteten Sinai-Bahn bis Februar 1918 eingerichtet worden war. Der Stationsname lautete Biʾr as-Salem nach dem damaligen britischen Hauptquartier im nahen Bir Salem.Wladimir Jabotinsky, Die jüdische Legion im Weltkrieg, Berlin: Jüdischer Verlag, 1930, S. 138. Die Palestine Railways behielten, nachdem sie den Eisenbahnbetrieb übernommen hatten, den Stationsnamen durch die gesamte Mandatszeit bei.

Geschichte Schnellers Bodenpacht Johann Ludwig Schneller, Gründer und Leiter des Syrischen Waisenhauses in Jerusalem, suchte für seine Zöglinge, Waisen osmanischer Staatsangehörigkeit, deren Eltern unter anderem Opfer der Christenverfolgungen in der Vilayet Syrien (1860) geworden waren, eine geeignete Siedlungsstätte. „Die deutschen württembergischen Templer, die sich 1869 in Palästina niederließen, brachten ihn auf die Idee, eine arabische Siedlung in der Nähe von Ramle zu gründen.“Ejal Jakob Eisler (), „Aspekte zum Leben von Johann Ludwig Schneller“, in: Mit Ehren ihr eigen Brot essen: Johann Ludwig Schneller, Begründer des Waisenhauses in Jerusalem. Sonderausstellung im Ostereimuseum (2. Juni bis 3. November 2002); [Ausstellungskatalog], Anna Barkefeld (Bearb.) im Auftr. der Gemeinde Sonnenbühl, Sonnenbühl-Erpfingen: Gemeinde Sonnenbühl, 2002; S. 8–10, hier S. 10. So „versuchte Schneller in den Jahren 1877 bis 1879 mehrmals, ein unbebautes Gelände in der Küstenebene, der ‹Philisterebene› (), nahe der Stadt ar-Ramla zu erwerben. Doch die Behörden der Stadt und der osmanische Gouverneur in Jerusalem lehnten seine Wünsche ab.“Abdel-Raouf Sinno (), Deutsche Interessen in Syrien und Palästina, 1841–1898: Aktivitäten religiöser Institutionen, wirtschaftliche und politische Einflüsse, (=Studien zum modernen islamischen Orient; Bd. 3), Berlin: Baalbek, 1982; ISBN 3-922876-32-3; S. 64. Mit dem Amtsantritt Midhat Paschas als Gouverneur von Syrien im Jahre 1878 machte sich Schneller wieder Hoffnungen, doch die Hohe Pforte lehnte 1879 ab.

Daraufhin wandte sich Schneller an den deutschen Konsul in Jerusalem, Thankmar von Münchhausen. „Obwohl Preußen und das Deutsche Reich im allgemeinen Kolonisationspläne ihrer Untertanen im Osmanischen Reich mit größter Vorsicht und Zurückhaltung zu behandeln pflegten, begrüßte Münchhausen das Schnellersche Projekt und hielt eine osmanische Erlaubnis für möglich, da ja die Ansiedler osmanische Untertanen wären.“Abdel-Raouf Sinno (), Deutsche Interessen in Syrien und Palästina, 1841–1898: Aktivitäten religiöser Institutionen, wirtschaftliche und politische Einflüsse, (=Studien zum modernen islamischen Orient; Bd. 3), Berlin: Baalbek, 1982; ISBN 3-922876-32-3, S. 65. Doch erst nach der Festigung der deutsch-osmanischen Beziehungen und Kaiser Wilhelms II. erster Reise nach Istanbul im Jahre 1889 konnte Schneller 1890 auf seinen Namen für 40 Jahre ein Grundstück von 5600 Dönüm (ca. 515 ha) zu günstigen Bedingungen pachten.

Gründung des Landgutes Bir Salem mini|hochkant|Brunnen mit Bewässerungskanälen im Orangenhain mini|hochkant|Gutsarbeiter im Orangenhain mit Bewässerungskanal mini|Orangenhaine und Felder um Bir Salem 1891 begann die Urbarmachung zwecks Aufbau eines Landgutes, das Schneller Bir Salem nannte. Allerdings „war es dem Syrischen Waisenhaus untersagt, auf dem gepachteten Gelände feste Bauten zu errichten. Mitarbeiter wie Zöglinge mussten sich daher mit Holzbaracken bescheiden.“ Nach Misserfolgen bei Getreideanbau und Viehzucht verlegte man sich auf Gemüseanbau und Fruchtplantagen.

„Die Schnellers legten Brunnen an und stellten Pumpen auf, was der Schlüssel zur Kultivierung des Landstrichs wurde. Da der erste Tiefbrunnen durch die Förderung des ostfriesischen Kurators Georg Friedrich Schaaf ermöglichte [sic!] wurde, erhielt die Hauptstation den Namen Friesia und die Wasserquelle den Namen Friesiabrunnen – eine wohl einmalige Kuriosität im Heiligen Land.“Roland Löffler, Protestanten in Palästina: Religionspolitik, sozialer Protestantismus und Mission in den deutschen evangelischen und anglikanischen Institutionen des Heiligen Landes 1917–1939, (=Konfession und Gesellschaft; Bd. 37), Stuttgart: Kohlhammer, 2008; ISBN 3-17-019693-6; S. 292.

Die Zitrusplantagen wurden „– eine technische Innovation ersten Ranges für Palästina – über ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem mit einem 1895 aus Köln importierten Deutz-Motor mit Wasser versorgt“.Ejal Jakob Eisler (), Norbert Haag, Sabine Holtz, Kultureller Wandel in Palästina im frühen 20. Jahrhundert: eine Bilddokumentation; zugleich ein Nachschlagewerk der deutschen Missionseinrichtungen und Siedlungen von ihrer Gründung bis zum Zweiten Weltkrieg, Epfendorf: Bibliotheca-Academica, 2003, ISBN 3-928471-55-4, S. 101. Das Projekt kam aber nur langsam voran und die hohen Kosten für die Urbarmachung, Brunnenbohrungen (erst in 54 m Tiefe wurde man fündig), Wildwuchsbekämpfung und Mechanisierung überstiegen die Erlöse auf lange Zeit.Vater und Söhne Schneller sammelten Geld und erhielten regelmäßige Unterstützung vor allem aus Württemberg, anderen Teilen Deutschlands, der Schweiz und Großbritannien (British and Continental Syrian Asylums Association). Bedeutender Einzelspender war bis zu seinem Tode Christian Friedrich Spittler und danach das von ihm gegründete Bankhaus Spittler & Co., das Johannes Frutiger (1836–1899) bis 1896 als Frutiger & Co. in Jerusalem fortführte.

Verwalter des Landgutes Bir Salem