Die Frauen von Algier (auch: Die Frauen von Algier in ihrem Gemach, ) ist ein Gemälde des französischen Malers Eugène Delacroix (1798–1863). Das 180 × 229 cm große Bild entstand 1834 und wurde erstmals auf dem Salon präsentiert, wo es einhellig bewundert wurde. König Louis-Philippe I. kaufte es und schenkte es dem Musée du Luxembourg, damals Museum für zeitgenössische Kunst. Nach dem Tod des Künstlers wurde es 1874 in den Louvre überführt.Hagen, S. 361.
Das Bild regt die Fantasie mit sexuellen Anspielungen an; es zeigt algerische Konkubinen in einem Harem. Im 19. Jahrhundert war es deswegen und für seinen Orientalismus sehr bekannt. Das Gemälde war eine Quelle der Inspiration für die späteren Impressionisten und regte Pablo Picasso im Jahr 1954 zu einer Serie von 15 Gemälden und zahlreichen Zeichnungen an, Les femmes d’Alger. Das bekannteste Gemälde aus der Serie ist Version "O".Elizabeth Cowling: Picasso Challenging the Past (National Gallery Company). Yale University Press, New Haven 2010, ISBN 978-1-85709-451-0, Seite 109–114.Rachel Campbell-Johnston: . In: The Sunday Times, 2. Februar 2009, abgerufen am 9. September 2010.Karl Kreuzer: Picasso und die Meister. Bericht über eine Kurzreise nach Paris mit Bildern aus der Ausstellung, unter anderem Variationen von Picasso nach Delacroix. Abgerufen am 9. September 2010. On-Line Picasso Project: . OPP.54:270. Cannes 8-September/1954, Color crayons & gouache on paper, 50 × 64 cm. Collection: Sotheby’s. Abgerufen am 13. September 2010.
Geschichte 1830 hatte Frankreich begonnen, Algerien zu erobern; Ende 1831 wurde der junge Diplomat Charles de Mornay mit einer Reise zum Sultan von Marokko beauftragt. Damals war es üblich, Künstler mitzunehmen, um eine solche Reise auch bildlich festzuhalten.Seite aus dem marokkanischen Notizbuch 1832, Aquarell, 19 × 13 cm. Musée du Louvre, Departement des Arts graphiques, Paris. Abgerufen am 13. September 2010. Mornay war mit einer Schauspielerin befreundet, die ihm für diese Aufgabe ihren Bekannten Delacroix vorschlug.Hagen, S. 358. Die Invasion und Besetzung von Algier hatte ganz profane Gründe; die französische Regierung schuldete einem algerischen Kaufmann eine größere Summe und der türkische Statthalter bestand auf Zahlung. Anlässlich einer Audienz ließ er sich dazu hinreißen, den französischen Botschafter mit einer Fliegenklatsche zu schlagen, was die französische Regierung als Vorwand für die Besetzung des Landes nahm.Hagen, S. 360. Die Grenze nach Marokko war allerdings schwierig zu kontrollieren, so dass man auf diplomatischem Wege eine Zusammenarbeit mit dem Sultan von Marokko anstrebte. Zwar wurde die Mission ein Erfolg, der Sultan nahm den Vertrag aber nicht recht ernst. Schließlich griff Frankreich auch Marokko an, um seine Interessen durchzusetzen.
Im Gegensatz zum Chef der Mission, der das Pariser Leben vermisste und diese Gegend und ihre Menschen einfach barbarisch fand, genoss der Maler die Atmosphäre, die Farben, die Gegenstände, die Menschen, die Architektur in dieser ihm fremden Welt sehr. Immerhin hielt Delacroix in seinem Tagebuch fest, dass er in Nordafrika zwar von Schönheit umgeben sei, hinsichtlich der Menschenrechte und der Gleichbehandlung vor dem Gesetz läge aber vieles im Argen. Da der Islam alle Bilder verbietet und die Frauen in der Öffentlichkeit verschleiert waren, war es für Delacroix schwierig, an Bilder von Frauen zu kommen; in seinen Skizzenbüchern überwiegen die Männer. Als er versuchte, aus der Ferne einige Frauen beim Wäscheaufhängen auf der Dachterrasse zu skizzieren, alarmierten diese sofort ihre Ehemänner. Nur in einen jüdischen Haushalt wurde er eingelassen; daher konnte er später die Jüdische Hochzeit und Die JudenbrautDie Judenbraut. 1832, Aquarell, 29 × 24 cm, Musée du Louvre, Paris. malen.
So hatte er in Marokko kein Glück. Seine Skizzen für dieses Gemälde fertigte er im letzten Moment in Algier, damals fest in französischer Hand, wo er auf der Rückreise für ein paar Tage verweilte. Ein ehemaliger Christ, der zum Islam übergetreten war und mit den Franzosen kollaborierte, soll ihm Zugang zu seinem Harem gewährt haben.
Der Harem mini|Frauen von Algier (Studie). 1832, 10×13 cm, Louvre (Mounay ben Sultan, linke Frau) mini|Frauen von Algier (Studie). 1832, 10×13 cm, Louvre (Gruppe rechts) mini|Bucht von Tanger in Marokko, Aquarell, 1832, 13×18 cm mini|Der Tod des Sardanapal. 1827 (395 × 495 cm), Louvre mini|Jüdische Hochzeit in Marokko. 1837–41, 105×140 cm, Louvre Haremsszenen in Gemälden und Büchern waren zu seiner Zeit durchaus populär. Der Orientalismus erreichte seinen ersten Höhepunkt während der Belagerung Ägyptens durch Napoleon 1798, im Geburtsjahr von Delacroix. Einen weiteren Höhepunkt stellte die Begeisterung Frankreichs für die Sache der Griechen im Griechisch-Türkischen Krieg 1821/30, über den Victor Hugo den Gedichtband Les Orientales verfasste; Delacroix steuerte zwei Gemälde bei: Massaker von Chios (1824) und La Grèce sur les ruines de Missolonghi (Griechenland auf den Ruinen von Missolonghi sterbend)La Grèce sur les ruines de Missolonghi (Griechenland auf den Ruinen von Missolonghi sterbend). 1826, Öl auf Leinwand, 208 × 147 cm, Musée des Beaux-Arts, Bordeaux · Messolongi: Eugène Delacroix als Philhellene. (1826), ein Vorläufer seines berühmtesten Gemäldes Die Freiheit führt das Volk, 1830.
Für die europäische Männerwelt stellte sich der Harem als eine Art vornehmes Privatbordell dar; an dieser Vorstellung hat dieses Gemälde einen nicht unerheblichen Anteil, obwohl es sie nicht erfunden hat. Das Problem der europäischen Künstler lag darin, dass niemand Zugang zu einem Harem bekommen konnte. Die Fantasien waren also ganz offensichtlich reine Erfindungen und deshalb wenig glaubwürdig (siehe zum Beispiel Jean-Léon Gérôme: Une piscine dans le harem. Ein Haremsbad,Jean-Léon Gérôme: Une piscine dans le harem. (Ein Haremsbad). 1876, Öl auf Leinwand, 74 × 62 cm. Eremitage, St. Petersburg. 1876). Demgegenüber konnte Delacroix sich auf den Augenschein berufen; das war verlieh seinem Werk ein besonderes Gewicht, Glaubwürdigkeit und Autorität.
Dennoch spiegelt dieses Gemälde keineswegs die Realität, sondern präsentiert eine Mischung aus dieser und landläufigen europäischen Konventionen. Ganz augenfällig liegen oder sitzen die Frauen – bis auf die schwarze Sklavin, die den Raum zu verlassen scheint – alle untätig herum. In Wirklichkeit jedoch wimmelte der Harem von Kindern und Aktivitäten aller Art – die Frauen waren keineswegs allein und untätig, geduldig der Annäherung und Inanspruchnahme durch ihren Herrn harrend. Dies muss umso mehr verwundern, als Delacroix in seinem Tagebuch der selbst vermerkt hatte, dass Kinder nicht zu übersehen waren. Aus der natürlichen familiären Situation wird also der Kontaktraum eines Bordells, wie er in Paris vermutlich vielfach zu finden war.
Reichtum, Macht, Sex Delacroix hat hier also nicht die Wirklichkeit wiedergegeben, wie er sie nachweislich besichtigen konnte, sondern ebenfalls seine eigene Fantasie, gestützt durch Beobachtungen. So hat er auf Skizzen zurückgegriffen, die er vor Ort machen konnte, diese jedoch nach Belieben ausgeschmückt. Es handelt sich bei den Frauen zudem offensichtlich um weiße Frauen; von der rechten, die eine gewisse Ähnlichkeit mit der vor Ort skizzierten Person hat, ist bekannt, dass sie ein Pariser Modell und eine langjährige Bekannte von Delacroix war.Hagen, S. 363. Weiße Frauen als Sklavinnen islamischer Harems haben ebenfalls lange die europäische Fantasie beflügelt, bis hin zur gegen Mitte des 20. Jahrhunderts äußerst erfolgreichen Romanreihe Angélique, 1968 verfilmt als Angélique und der Sultan, wobei der arabische Herrscher in der Regel sehr dunkel und finster dargestellt wurde.
Die Frauen werden also als Objekte der Lust präsentiert, mehr oder weniger willig, den Launen des allmächtigen Besitzers ausgeliefert und darauf wartend, ihm zu Diensten sein zu dürfen oder zu müssen. Angesichts der repressiven Sexualmoral des 19. und 20. Jahrhunderts mutet diese Fantasie, die der Islam zu legalisieren scheint, durchaus verständlich und nachvollziehbar an; sie wird bis zum heutigen Tage gerne auf orientalische Verhältnisse projiziert und beispielsweise in historischen Filmen mit oder ohne Dokumentarcharakter ausgestaltet.
Selbstverständlich ist ein Harem auch mit Reichtum verbunden; ein Frauenüberschuss auf der einen Seite muss mit einem Frauenmangel auf der anderen Seite erkauft werden. Reichtum hängt mit Macht zusammen, und den Reichen und Mächtigen wird seit jeher zugestanden, beliebig viele Partnerinnen zu unterhalten und mit diesen beliebig viele Nachkommen zu zeugen, auch im Westen; siehe für unseren Kulturkreis Karl der Große: Ehen und Nachkommen und Kebsehe. Durch diesen Sachverhalt bietet sich das Bild des Harems auch zu einer Projektionsfläche für Macht und Reichtum und damit für die drei größten Antriebskräfte zumindest den männlichen Menschheit an.
Delacroix hatte bereits 1827 vor seiner Reise nach Nordafrika seine Fantasie von Reichtum, Macht und Luxus inklusive sexuellen Genusses im überdimensionalen Gemälde Der Tod des Sardanapal ausformuliert; der Herrscher delektiert sich kurz vor seinem Ende, das er selbst mit Gift herbeiführen will, an der systematischen Abschlachtung der ihm liebsten Lebewesen, wozu Pferde und vor allem schöne Frauen gehören. Diese Fantasie fand allerdings bis heute keinen größeren Widerhall beim Publikum; dazu fehlt diesem Bild wohl das Versprechen des Genusses.
Die Exotik Mit der Darstellung des Harems wird auch die Sehnsucht nach dem Exotischen bedient, die im 19. Jahrhundert grassierte und beispielsweise Paul Gauguin nach Tahiti trieb. Die deutschen Maler der Romantik orientierten sich stattdessen in der Vergangenheit (Karl Friedrich Schinkel, Caspar David Friedrich), wanderten nach Rom aus und wollten sich gar wie die englischen Präraffaeliten ins Mittelalter zurückschrauben (Nazarener), während die französische Malerei sich durch die kolonialistischen Eroberungen Frankreichs zum Lobpreis des Vaterlands anregen ließ. Selbst die klassizistischen Maler Frankreichs und gerade diese produzierten Odalisken, die bis heute ihre Wirksamkeit und Faszination nicht verloren haben, insbesondere Jean-Auguste-Dominique Ingres.Jean-Auguste-Dominique Ingres: · La Baigneuse dite Baigneuse de Valpinçon, 1808. Öl auf Leinwand, 146 × 98 cm. Louvre. · Grande Odalisque, 1814. Öl auf Leinwand, 89 × 163 cm. Louvre. · Odaliske mit Sklavin. 1842, Walters Art Museum, Baltimore. Öl auf Leinwand, 76×105 cm · Le Bain turc, 1862. Öl auf Leinwand, 108 × 110 cm. Louvre.