mini|hochkant=1.2|Kankali-Devi-Tempel bei Tigawa, Nordindien, (um 420) mini|hochkant=1.2|Südindischer Tempel: Brihadisvara-Tempel, Gangaikonda Cholapuram, (um 1030) mini|hochkant=1.2|Nordindischer Tempel: Kandariya-Mahadeva-Tempel, Khajuraho (um 1050) Tempel (über althochdeutsch tëmpal, ‚Heiligtum‘, mit anderen christlichen Wörtern im 8. Jahrhundert entlehnt von lateinisch templum)Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck (deklariert als „21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 776. ist die deutsche Bezeichnung von Gebäuden, die seit dem Neolithikum in vielen Religionen als Heiligtum dienten. Von der Grundbedeutung des Wortes ausgehend ist lateinisch templum (in den antiken Religionen, der etruskischen und römischen Religion) zunächst nichts anderes als ein vom Bereich des Profanen abgegrenzter Bezirk, in dem Auguren die Beobachtung und Deutung des Vogelfluges und anderer Zeichen ausübten. In der altgriechischen Religion war der Tempel der Aufbewahrungsort für das Götterbild, während die Gottesverehrung und das rituelle Opfer im Freien, am Altar, der sich ebenfalls innerhalb des Temenos genannten heiligen Bezirks befand, stattfanden.
Definition und Charakteristiken Ein Tempel (von lateinisch templum: „der vom Augur mit dem Stab am Himmel und auf der Erde abgegrenzte Beobachtungsbezirk, innerhalb dessen der Vogelflug beobachtet werden soll, oder der Aussichtsplatz für die Vogelschau“, später „jeder geweihte Bezirk“)Alois Walde: Lateinisches etymologisches Wörterbuch. 3. Auflage, besorgt von Johann Baptist Hofmann. Band 2. Winter, Heidelberg 1954, S. 659–660 (Digitalisat). kann als eine Überbauung eines sakralen Ortes (Kultstätte, Sakralbau) definiert werden, der bestimmte charakteristische Merkmale aufweist:Horst Schwebel: Kirchenbau, heiliger Raum und architektonische Gestalt. In: Kunst und Kirche 3/2005, S. 148–154 (online auf theomag.de), Richard Kieckhefer: Theology in Stone: Church Architecture from Byzantium to Berkeley. Oxford University Press, Oxford 2004, ISBN 978-0-19-515466-5, S. 8–20.
ein Tempel ist im Allgemeinen ein Ort, der als heilig angesehen wird und der mit spirituell-religiösen Praktiken und Glaubensüberzeugungen verbunden ist;Bettina von der Forst: Eros im sakralen Raum. Zur Interdependenz von Raumdiskurs und Liebessemantik (= Romanische Literaturen und Kulturen. Band 1). University of Bamberg Press, Bamberg 2008, ISBN 978-3-923507-33-7, S. 11–24 (Digitalisat). Tempel zeichnen sich durch spezifische architektonische Stile und Gestaltungen aus, die oft symbolische Bedeutung haben, die religiöse Funktion des Gebäudes betonen;Jae-Lyong Ahn: Altar und Liturgieraum im römisch-katholischen Kirchenbau. Eine bauhistorische Betrachtung unter besonderer Berücksichtigung der Veränderung des Standorts des Altars nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965). Dissertationsschrift, Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, Aachen 2004, S. 9–13 (Digitalisat); Christiane Brosius, Axel Michaels, Paula Schrode (Hrsg.): Ritual und Ritualdynamik. Schlüsselbegriffe, Theorien, Diskussionen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2013, ISBN 978-3-8252-3854-4, S. 32–38. innerhalb eines Tempels bzw. einer Tempelanlage gibt es oft spezielle Bereiche, die für Rituale, Gebete, Kulte, Opferungen oder Zeremonien genutzt werden; in vielen Kulturen sind Tempel Orte, die nur bestimmten Personen (Priester) oder unter bestimmten Bedingungen zugänglich sind, bzw. Kompartimente innerhalb des Gesamtkomplexes, was ihre sakrale Bedeutung verstärkt; Tempel sind häufig mit Symbolen und Kunstwerken (Bildende Kunst) geschmückt, die religiöse Geschichten oder Glaubensüberzeugungen darstellen und die spirituelle Atmosphäre des Ortes fördern.Maximilian Gigl: Sakralbauten. Bedeutung und Funktion in säkularer Gesellschaft (= Kirche in Zeiten der Veränderung. Band 3). Herder, Freiburg im Breisgau 2020, ISBN 978-3-451-38823-1, S. 28 f.; 53 f. (Digitalisat);
Die ältesten Bauten, auf die die Bezeichnung direkt angewendet wird, sind die Tempel von Göbekli TepeKlaus Schmidt: Sie bauten die ersten Tempel. Das rätselhafte Heiligtum der Steinzeitjäger. Die archäologische Entdeckung am Göbekli Tepe. C. H. Beck, München 2006. (ab ca. 9600 v. Chr.) und die maltesischen Tempel (ab 3800 v. Chr.).
Ägyptische Tempel mini|Totentempel der Hatschepsut aus dem alten Ägypten in Deir el-Bahari
Zu den ältesten steinernen Tempelbauten gehören die nur teilweise erhaltenen Totentempel der Ägypter, die in der Frühzeit vielerorts an die Grabbauten der Pharaonen (Mastabas und Pyramiden) gebunden waren; später lösten sich viele Tempel aus der Bindung an den Pharaonenkult und bildeten eigenständige, aus mehreren hintereinander liegenden und von riesigen Pylonen unterteilte Baukomplexe – so der riesige, über einen langen Zeitraum erbaute und dem Gott Amun-Re geweihte Karnak-Tempel bei Luxor. Im Tal der Könige finden sich nur noch Grabstätten, aber keine religiösen Bauwerke mehr; bedeutende Ausnahmen stellen jedoch die Totentempel aus der dem Tal der Könige gegenüberliegenden Nekropole von Deir el-Bahari dar, allen voran der Totentempel der Hatschepsut († um 1450 v. Chr.).
Tempel in Mesopotamien Eine wichtige Bauform der mesopotamischen Tempel war die Zikkurat. Es war ein Tempelturm in Form einer Stufenpyramide, wobei sich das Allerheiligste auf der obersten Plattform befand. Zumindest auf einigen Zikkuraten wurde nach der Überlieferung hier die Heilige Hochzeit zwischen dem König und einer Priesterin als Vertreterin der Stadtgöttin vollzogen.
Die israelitischen Heiligtümer mini|Herodianischer Tempel, bildliche Rekonstruktion
Die Hebräer besaßen jeweils nur ein einziges offizielles Heiligtum zur gleichen Zeit, obgleich es weitere untergeordnete Heiligtümer gab. Das älteste israelitische Heiligtum war der Mischkan bzw. die Stiftshütte, auch „Zelt der Zusammenkunft“ (hebr. אֹהֶל מוֹעֵד, ohel mo'ed) genannt, von dem in der Hebräischen Bibel berichtet wird. Als erster Steinbau wurde um 950 v. Chr. der salomonische Tempel errichtet. Nach seiner Zerstörung durch Nebukadnezar II. im Jahr 586 v. Chr. wurde durch Serubbabel bis 515 v. Chr. der Zweite Tempel errichtet. Nach seiner Umgestaltung und Erweiterung durch Herodes den Großen wurde er auch herodianischer Tempel genannt. Die Tempel des Judentums unterschieden sich von den Tempeln des klassischen Altertums, große Vorhöfe mit Brandopferaltar und ein vielgliedriges Tempelgebäude mit mehrgeschossigen Zimmerfluchten waren ihr Kennzeichen. Der herodianische Tempel auf dem Tempelberg zu Jerusalem wurde im Jahr 70 nach Christi Geburt in der Regierungszeit des Kaisers Vespasian von den Römern zerstört. Heute erheben sich auf dem Tempelberg der moslemische Felsendom mit seiner goldenen Kuppel und die Al-Aqsa-Moschee.
Aus der Barockzeit stammt ein mehr als 12 m² großes Holzmodell des Salomonischen Tempels, das von 1680 bis 1692 in Dresden gebaut wurde. Seit dem Jahre 1734 wurde es im Wallpavillon des Dresdner Zwingers zusammen mit anderen Judaica ausgestellt und war dort bis in die 1830er Jahre zu sehen. Es erreichte über verschiedene Umwege etwa Ende des 19. Jahrhunderts Hamburg und steht heute im Museum für Hamburgische Geschichte. Zu diesem Modell gaben Michael Korey und Thomas Ketelsen im Jahre 2010 im Deutschen Kunstverlag einen Band mit dem Titel Fragmente der Erinnerung. Der Tempel Salomons im Dresdner Zwinger heraus.FAZ vom 15. September 2010, Seite N3
Seit dem 19. Jahrhundert wurden Reformsynagogen häufig Tempel genannt. Der erste Tempel dieser Art war der Israelitische Tempel in Hamburg. Die Orientierung auf den Tempel in Jerusalem wurde umgedeutet auf den Tempel vor Ort.
Tempel der Griechen mini|Tempel des Hephaistos in Athen
Der griechische Tempel ( – Wohnung, inhaltlich nicht gleichzusetzen mit dem lateinischen templum – Tempel) ist ursprünglich das Kultbild bergende Gebäude eines griechischen Heiligtums. Er diente im Allgemeinen nicht dem Kult, da die Gottesverehrung ebenso wie Opfer im Freien stattfand, konnte aber Weihgeschenke oder Kultgerät aufnehmen. Der Tempel war also kein zwingend erforderlicher Bestandteil eines griechischen Heiligtums. Er ist der bedeutsamste und am weitesten verbreitete Gebäudetypus der griechischen Baukunst.
Innerhalb weniger Jahrhunderte entwickelten die Griechen den Tempel von den kleinen Lehmziegelbauten des 9. und 8. Jahrhunderts v. Chr. zu monumentalen Bauten mit doppelten Säulenhallen des 6. Jahrhunderts v. Chr., die ohne Dach leicht über 20 m Höhe erreichten. Für die Gestaltung griffen sie hierbei auf die landschaftlich geprägten Bauglieder der dorischen und der ionischen Ordnung zurück, zu denen ab dem späten 3. Jahrhundert v. Chr. die korinthische Ordnung trat. Eine Vielzahl unterschiedlicher Grundrissmöglichkeiten wurde entwickelt und mit den verschiedenen Ordnungen der aufgehenden Architektur kombiniert. Ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. ließ der Bau großer Tempel nach, um nach einer kurzen letzten Blüte im 2. Jahrhundert v. Chr. vollständig zum Erliegen zu kommen. Der griechische Tempel wurde nach festen Regeln entworfen und gebaut, deren wichtigste Bezugsgrößen der untere Durchmesser der Säulen oder die Maße des Fundamentes sein konnten. Optische Verfeinerungen lösten die Starre der sich so ergebenden fast mathematischen Gestaltungsgrundlagen. Entgegen heute immer noch verbreiteter Vorstellung waren die griechischen Tempel bemalt, wobei satte Rot- und Blautöne neben das dominierende Weiß traten. Überaus reich war bei aufwendig gestalteten Tempeln der figürliche Schmuck in Form von Reliefs und Giebelfiguren. In der Regel wurden die Bauten von Städten und Heiligtumsverwaltungen beauftragt und finanziert, doch konnten auch Einzelpersonen, meist hellenistische Herrscher, als Bauherren und Stifter auftreten.
Tempel der Römer mini|Maison Carrée in Nîmes mini|Santa Maria sopra Minerva, ein zu einer Kirche umgewandelter antiker Tempel in Assisi Der Begriff Tempel ist eine direkte Entlehnung aus dem Lateinischen. Templum stellt sich zum griechischen Verbum τέμνω (= schneiden)Karl Ernst Georges: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch. Band 2. Hannover 1918 (Nachdruck Darmstadt 1998), Sp. 3049. oder zum indogermanischen *temp- (spannen, strecken).Michiel de Vaan: Etymological Dictionary of Latin and the other Italic Languages. Brill Academic Publishers, Leiden/Boston 2008, S. 610–611. Ursprünglich bezeichnete templum jenen Bereich, den der Augur aus der natürlichen Topographie „herausschnitt“ oder „umspannte“, um in diesem Bereich seine Beobachtungen zu machen.Vgl. dazu auch Alois Walde: Lateinisches etymologisches Wörterbuch. 3. Auflage, besorgt von Johann Baptist Hofmann. Band 2. Winter, Heidelberg 1954, S. 659–660 (Digitalisat). Nur dasjenige wurde als Auspizien gedeutet und zum göttlichen Zeichen erhoben, was in diesem Bereich, eben im templum, geschah. Diese Tätigkeit des Auguren nannte man contemplatio, woher sich der Begriff der Kontemplation, die verinnerlichte Betrachtung, ableitet. Die Entwicklung zum Gebäude verlief vermutlich dergestalt, dass ein solches Fanum, also Heiligtum, später materiell vom „Profanen“, also der sich außerhalb des Heiligtums befindenden Welt, abgetrennt wurde. Immerhin galten die Zeichen als Manifestationen eines Gottes, und damit beanspruchte dieser Gott dann das Areal für sich.
Im römischen Sakralbau vermischen sich etruskische und griechische Einflüsse. Die etruskischen Tempel erheben sich auf einem hohen Sockel als Unterbau und setzen sich somit deutlich von der Umgebung ab. Sie sind richtungsbezogen und haben einen rechteckigen Grundriss. Eine Freitreppe an der Schmalseite führt in die Vorhalle, eine offene Säulenhalle, die vor der oft dreiteiligen Cella, dem Innenraum, liegt. Das Ganze wird von einem flachen Satteldach mit Tonziegeln abgedeckt.