mini|Denkmal für den Mau-Mau-General Dedan Kimathi im Zentrum Nairobis. Kimathi wurde 1957 gehängt. Als Mau-Mau-Krieg wird der Kampf der antikolonialen Unabhängigkeitsbewegung Mau-Mau in der Kolonie Kenia gegen die Herrschaft der weißen Siedler und der Kolonialmacht Großbritannien bezeichnet (1952–1960). Er brachte die Grundfesten der britischen Herrschaft in der ostafrikanischen Siedlerkolonie ins Wanken. Mit dem Kampf gegen die Mau-Mau fochten die Briten einen ihrer blutigsten und langwierigsten Kriege im Entkolonialisierungsprozess des britischen Empires aus.

Der Begriff „Mau-Mau“ ist britischen Ursprungs. Seine etymologische Herkunft ist ungeklärt. Die Aufständischen nannten sich selbst Land and Freedom Army. Der Begriff bedeutet in der Sprache der Kikuyu auch Land durch Freiheit.Martin Shipway: Decolonization and its Impact – A Comparative Approach to the End of the Colonial Empires, Oxford 2008, S. 148. Im Verlauf des Aufstands wurde „Mau-Mau“ als Swahili-Backronym gedeutet: „Mzungu Aende Ulaya, Mwafrika Apate Uhuru“, was so viel heißt wie „Lasst den Ausländer zurück ins Ausland gehen, lasst den Afrikaner seine Unabhängigkeit zurückgewinnen“.

Der Kampf der Mau-Mau wurde hauptsächlich von den bäuerlichen Kikuyu in der Zentralregion Kenias getragen, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts unter großen Landenteignungen zugunsten weißer Siedler zu leiden hatten. Die Bewegung kämpfte mit Guerilla-Methoden gegen weiße Siedler und Angehörige der britischen Kolonialverwaltung, aber auch gegen Afrikaner, die die koloniale Herrschaft unterstützten oder die den bewaffneten Kampf und radikale Forderungen nach Landrückgabe ablehnten. In seinem Verlauf erhielt der Mau-Mau-Krieg zunehmend den Charakter eines Bürgerkrieges,David Branch: Defeating Mau Mau, Creating Kenya. Counterinsurgency, Civil War, and Decolonization. Cambridge 2009. seine Fronten bewegten sich nicht nur entlang der offensichtlichen Trennung zwischen Schwarzen und Weißen, sondern er spaltete auch die afrikanischen Gemeinschaften.David Anderson: Histories of the Hanged. Britain’s Dirty War in Kenya and the End of Empire. London 2005, S. 2–4.

Die britische Kolonialmacht reagierte auf die Rebellion mit einem engmaschigen Netz aus Internierungslagern, in dem nahezu die gesamte afrikanische Bevölkerung Zentralkenias zusammengepfercht wurde. Zugleich führte sie von 1952 bis 1957 mit immensem militärischen Aufwand einen Krieg gegen die Guerilla-Kämpfer in den Wäldern und in der Hauptstadt Nairobi.

Obwohl die Mau-Mau am Ende der 1950er Jahre besiegt waren, führte ihr Kampf doch dazu, dass Großbritannien 1963 Kenia in die Unabhängigkeit entlassen musste.Formal allerdings war Rhodesien die letzte britische Kolonie in Afrika. Die Siedlerkolonie Rhodesien erklärte 1965 ihre einseitige Unabhängigkeit gegenüber Großbritannien und wurde 1980 als das unabhängige Simbabwe in die Gemeinschaft der afrikanischen Staaten aufgenommen. miniatur|Kenia in den 1950er Jahren

Das politische Klima auf dem afrikanischen Kontinent zur Entstehungszeit der Mau-Mau Die 1950er Jahre waren das Jahrzehnt des großen afrikanischen Aufbruchs in die Unabhängigkeit. Dieser Aufbruch vollzog sich in einer globalen politischen Neuordnung. Koloniale Imperien lösten sich auf und eine große Zahl an neuen Nationalstaaten entstand. Die britische Kolonialmacht, die Indien, Pakistan und Palästina bereits aufgegeben hatte und die Übergabe Malaysias an eine einheimische Regierung vorbereitete, verlor auch in Afrika zunehmend an Einfluss. Als Kwame Nkrumah 1952 zum Premierminister der Kronkolonie Goldküste gewählt wurde, sahen afrikanische und westliche Beobachter dies als Hinweis auf die baldige Übergabe der afrikanischen Kolonien an einheimische Regierungen.

Zugleich formulierten jedoch auch die Siedlergruppen in Afrika ihre Ansprüche entschiedener. In Südafrika war 1948 mit der National Party eine politische Strömung an die Macht gekommen, die ein Apartheidssystem errichtete. Südrhodesien, Nordrhodesien und Nyassa-Land sollten miteinander verbunden werden, was von afrikanischen Beobachtern als Planung eines gigantischen weißen Siedlerstaates nach dem Vorbild Südafrikas verstanden wurde. Angesichts dieser Entwicklung sahen auch die rund 30.000 weißen Siedler Kenias die Zukunft des Landes in einem gestärkten Siedlerstaat und verstärkten ihre Bemühungen, die politische Entscheidungsgewalt auf sich zu konzentrieren und den Afrikanern jede Möglichkeit politischer Mitsprache zu verweigern.David Anderson: Histories of the Hanged. Britain’s Dirty War in Kenya and the End of Empire. London 2005, S. 2–3, 9.

Vorgeschichte des Unabhängigkeitskrieges Landenteignung und Squatter Kenia schien um die Mitte des 20. Jahrhunderts als eine britische Siedlerkolonie fest etabliert. Es war eine Kolonie für wohlhabende Europäer, die hier billig große Flächen an fruchtbarem Land pachten konnten und denen billige Arbeitskräfte und die politische Unterstützung der Kolonialregierung zugesichert waren. In Europa war die kenianische Siedlergesellschaft für ihren ausschweifenden Lebensstil sowie Jagd- und Sportveranstaltungen bekannt. Das Hochland rund um Nairobi, das fest in der Hand von europäischen Farmern war, wurde seiner lebensfreudigen weißen Bewohner und deren sorglosen Lebens wegen auch das „Happy Valley“ genannt.Der amerikanische Journalist James Fox hat diesen Lebensstil in seinem Buch porträtiert: James Fox: White Mischief. London 1982. In Anlehnung an diesen Begriff gaben die britischen Historiker John Lonsdale und Bruce Berman ihrem zweibändigen Werk über den Weg Kenias zu Mau-Mau den Titel Unhappy Valley. Vgl. Bruce Bermann & John Lonsdale, Unhappy Valley. Conflict in Kenya and Africa, 2 Bde., Oxford 1992.

Der Erfolg dieser Siedlergesellschaft basierte auf der Aneignung großer Teile des fruchtbaren Landes durch die Krone, die sich als Besitzerin der als „unbewohnt“ betrachteten Gebiete des Landes ansah. Insbesondere in Zentralkenia und im Rift Valley war die einheimische Bevölkerung bereits zu Beginn des Jahrhunderts von ihrem angestammten Land vertrieben worden. Das Land wurde daraufhin zu niedrigen Preisen als Pacht an weiße Siedler aus Südafrika, Europa und Australien vergeben. Die zuvor dort ansässigen Afrikaner, vor allem Kikuyu, Kamba und Massai, wurden in abgegrenzte Reservate umgesiedelt. Weitere Wellen von Enteignungen folgten nach dem Ersten Weltkrieg – von diesen Enteignungen waren vor allem Nandi und Kipsigis betroffen – und dem Zweiten Weltkrieg. Seit 1922 fungierte die Kinkuyu Central Association als politisches Sprachrohr für Restitutionsforderungen der indigenen Bevölkerung, die die Enteignungen als Diebstahl und Raub empfanden. Zwar versuchte die Kolonialverwaltung in den frühen 1930er Jahren dem Unmut der Einheimischen durch eine erhebliche Erweiterung der Reservate und den Stopp der Ausdehnung der Siedlungsgebiets der weißen Kolonisten auf den Hochebenen entgegenzuwirken, doch dieses Vorgehen verfehlte aufgrund der auch weiterhin nicht vorhandenen politischen Teilhabe der Schwarzen weitestgehend die erhoffte Wirkung.

Afrikanern war es seit 1923 nicht mehr erlaubt, Land außerhalb der Reservate zu besitzen oder zu erwerben. Die Enteignung machte zahllose Familien zu landlosen Bettlern, die gezwungen waren, auf die weißen Farmen zu ziehen, um dort ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das sicherte den europäischen Landbesitzern im Gegenzug billige Arbeitskräfte und entspannte die Landknappheit. Tatsächlich ermutigten viele Kikuyu-Familien junge Männer, auf europäische Farmen im Rift Valley zu ziehen und dort ein neues Leben zu beginnen.Tabitha Kanogo: Squatters and the Roots of Mau Mau. London 1987, Kapitel 1.Pierre Bertaux: Afrika. Von der Vorgeschichte bis zu den Staaten der Gegenwart, Augsburg 2000, 293–296.

Die Afrikaner, die auf weißen Farmen lebten, waren Squatter. Es wurde ihnen erlaubt, dort Häuser zu bauen, ein Stück Land zu bearbeiten und auf ungenutzten Flächen ihr Vieh weiden zu lassen. Im Gegenzug mussten alle Afrikaner über 16 Jahren bis zu 180 Tage im Jahr auf dem Farmland des europäischen Besitzers arbeiten. Materiell gesehen ging es vielen Squattern besser als den Afrikanern in den Reservaten. Sie verdienten besser als Afrikaner in den Reservaten und, weit entfernt von ihren Familien, waren sie von vielen tradierten Pflichten befreit und relativ unabhängig.David Anderson: Registration and Rough justice: labour law in Kenya, 1895–1939. In: Paul Craven, Douglas Hay (Hrsg.): Masters, Servants, and Magistrates in Britain and the Empire, 1562–1955. Chapel Hill 2004, S. 498–528 Gleichzeitig gab es auf den Farmen kaum Schulen, wie sie die Missionen in den Reservaten eröffneten, was den Squattern wesentlich weniger Bildungsmöglichkeiten bot. Ende der 1930er Jahre lebten ca. 150.000 Kikuyu als Squatter auf weißen Farmen, ein geschätzter Bevölkerungsanteil von 15 %.Tabitha Kanogo: Squatters and the Roots of Mau Mau, London 1987, Kapitel 3.

Ausschaltung der Afrikaner als wirtschaftliche Konkurrenz miniatur|hochkant|Kaffeepflückerin auf einer „weißen“ Farm im zentralen Hochland Kenias, 1936 Durch Marktregulierungen und Verbote wurde darüber hinaus jenen Afrikanern, die über Land verfügten, die Teilnahme am Markt untersagt. Gerade die Bewohner Zentralkenias, die über Jahrhunderte hinweg große Mengen an Lebensmitteln produziert und im 19. Jahrhundert riesige Karawanen mit Proviant versorgt hatten, waren geschickte und erfahrene Landwirte. Als sich die afrikanischen Bauern zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu ernsten Konkurrenten für weiße Farmer entwickelten, übten die Siedler starken Druck auf die Kolonialverwaltung aus. Daraufhin wurde eine Reihe von Gesetzen erlassen, die afrikanischen Bauern die Produktion von Cash Crops wie Kaffee, Tee oder Sisal untersagte. Andere landwirtschaftliche Produkte wie Mais oder Getreide durften nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch zu einem festgesetzten Preis auf den Markt gebracht werden.Caroline Elkins: Britain’s Gulag. The Brutal End of Empire in Kenya. London 2005, S. 16.

Die koloniale Verwaltungselite Da die Verwaltungskräfte innerhalb des kolonialen Verwaltungsapparates immer sehr knapp waren, basierte die koloniale Herrschaft auf dem System der indirekten Herrschaft („indirect rule“). Afrikaner wurden als Chiefs und Polizei eingesetzt, denen die Aufgaben der Steuereinziehung, der Rekrutierung zur Arbeit und der Bestrafung wegen Gesetzesübertretungen oblagen. Mitte der 1920er Jahre wurden die Local Native Councils eingerichtet, Räte aus loyalen einheimischen Ältesten, denen allerdings der Distriktbeamte vorsaß.Bruce Berman: Control & Crisis in Colonial Kenya. The Dialectic of Domination. Athen 1990, S. 216–217. Diese dünne Schicht unter den Afrikanern profitierte von der Kolonialherrschaft. Sie wurden für ihre Loyalität mit Privilegien belohnt, wie etwa großen Anteilen des fruchtbaren Landes innerhalb der Reservate, speziellem Saatgut, Lizenzen für Handelstätigkeiten und dem Zugang zu billigen Arbeitskräften. So entstand unter diesen politischen Aufsteigern innerhalb der kolonialen Hierarchie auch eine privilegierte, wohlhabende Schicht.Caroline Elkins: Britain’s Gulag. The Brutal End of Empire in Kenya. London 2005, S. 19.

Die Musterschüler der Missionen