Brundibár ist eine Kinderoper in zwei Akten von Hans Krása (Komponist) und Adolf Hoffmeister (Librettist). miniatur|Inszenierung in Prag 1942/1943 miniatur|Plakat Walter Heimann (1943) mini|Foto aus dem Film Theresienstadt (1944) Entstehung Die Kinderoper entstand für einen Wettbewerb, der vom tschechoslowakischen Ministerium für Schulwesen und Volksbildung im Jahr 1938 ausgeschrieben wurde. Das Werk wurde zwar für den Wettbewerb eingereicht, dieser fand jedoch aufgrund der Zerschlagung der Tschechoslowakei durch das nationalsozialistische Deutschland nicht mehr statt. Die für verloren gehaltene Partitur der „Prager“ Version wurde im Jahr 1972 überraschenderweise im Nachlass von Jaroslav Jindra, dem Hauptorganisator und ehemaligen Schriftführer und Archivar der "Gesellschaft für Musikerziehung Prag", die von 1934 bis 1951 existierte und in der Zwischenkriegszeit das anerkannte Zentrum der tschechoslowakischen Musikpädagogik war, gefunden und der Gedenkstätte Theresienstadt übergeben.

Im Juli 1941 wurde der 50. Geburtstag von Otto Freudenfeld (1891–1944), Direktor des Prager jüdischen Waisenhauses in der Belgická Straße, begangen, an dem verschiedene Künstler und Künstlerinnen, darunter der Dirigent Rafael Schächter (1905–1945), der Bühnenbildner und Architekt František Zelenka (1904–1944) und auch Hans Krása teilnahmen. Den Erinnerungen des Sohns des Waisenhausdirektors und Lehrers Rudolf Freudenfeld, nach dem Krieg Rudolf Franěk (1921–1983), nach, kam zur Sprache, dass Krása eine Kinderoper komponiert hatte. Rafael (Rafík) Schächter schlug vor, die Oper mit den Waisenkindern aufzuführen und begann unterstützt von Rudolf Freudenfeld mit den Proben. Im November 1941 setzte die Deportation der tschechischen Juden in das KZ Theresienstadt ein. Rafael Schächter kam mit einem der ersten Transporte an (Transport H, Nr. 128, 30. November 1941)Rafael Schächter auf holocaust.cz, Hans Krása im August 1942 (Transport Ba, Nr. 67, 10. August 1942)Hans Krása auf holocaust.cz. Auch alle Kinder wurden nach und nach ins KZ Theresienstadt deportiert; aus dem Waisenhaus wurde ein Lazarett für Alte und Transportunfähige. Als die letzte Prager Schule für jüdische Kinder in der Jáchymova Straße im Juli 1942 geschlossen wurde, beschäftigte man die älteren Kinder in verschiedenen Einrichtungen der jüdischen Kultusgemeinde und Rudolf Freudenfeld begann in der für Sport nun geschlossenen Sportstätte Hagibor mit neuen Proben. František Zelenka führte Regie und gestaltete einfache Kulissen mit Bildern der einzelnen Figuren und Öffnungen für den Kopf. An Instrumenten hatte man nur noch Klavier, Geige und Schlagzeug zur Verfügung. Die Bühne wurde im ehemaligen Speisesaal des Waisenhauses aufgebaut, denn das Gebäude blieb eine kulturelle Stätte, wenn auch alle Lese- und Theaterabende und sonstige Veranstaltungen nur im Geheimen stattfinden konnten und die Besucher oft über Nacht im Haus bleiben mussten. Im Speisesaal konnten maximal 150 Personen platziert werden, die, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, nach und nach kommen und wieder gehen mussten. Es fanden nur zwei Vorstellungen statt, wahrscheinlich Ende 1942/Anfang 1943.Rudof Franěk [Freudenfeld], Terezínská škola, Praha: Svaz protifašistických bojovníků, 1965Kateřina Šichmanová, Židovský sirotčinec v Belgické ulici, Jewish orphanage in Belgická street, Martin Šmok a kolektiv autorů, Martin Šmok and team of authors, Stopy židovské přítomnosti v Praze 2, Traces of Jewish Presence in Prague 2, Praha, 2015, 62–79 Petra Klimešová, Hans Krása a jeho opera pro děti Brundibár, diplomová práce, Katedra hudební výchovy, Pedagogická fakulta, Univerzita Karlova v Praze, Praha, 2015

Es war Rudolf Freudenfeld, der einen Klavierauszug des Brundibár ins KZ Theresienstadt brachte, wo er im Juli 1943 ankam (Transport De, Nr. 492, 5. Juli 1943).Rudolf Freundenfeld (Franěk) auf holocaust.cz Hans Krása schrieb die Partitur nach diesem Klavierauszug erneut nieder. Auch fast alle Beteiligten der Uraufführung waren inzwischen dorthin verschleppt worden. Hier wurde die Oper erneut einstudiert und erstmals am 23. September 1943 aufgeführtAngaben bei Boosey & Hawkes – wieder mit Rudolf Freudenfeld (musikalische Leitung) und František Zelenka (Regie und Ausstattung). Das Bühnenbild bestand aus einem Bretterzaun, wie es das Poster von Zelenka für die Opernaufführungen in Theresienstadt zeigt. Die Choreographie stammte von Kamila Rosenbaumová. Ein wichtiges Zeugnis über die Uraufführung, aber auch über die anderthalb Monate andauernden Proben und die Generalprobe liefert die Kritik von Rudolf Laub (1929–1944) (journalistisches Kürzel -ini-) in der Theaterrubrik von Vedem!Rudolf Laub, Divadelní rubrika: Brundibár. In Vedem, 29. Oktober 1943, č. 44 –45, s. 309 –311. Ist meine Heimat der Ghettowall? Gedichte, Prosa und Zeichnungen der Kinder aus Theresienstadt, Hanau, 1995, S. 154–157, einer literarischen Jugendzeitschrift, die in den Jahren 1942–1944 von einer im Theresienstädter Block L417 lebenden Burschengruppe im Alter zwischen 13 und 15 Jahren geschrieben, illustriert und herausgegeben wurde. Die Oper wurde 55 Mal gespielt und gab den teilnehmenden Kindern ein Stück Normalität und Lebensfreude. Das Ensemble bestand aus zehn Solisten und Solistinnen, die stets die gleichen blieben. Die vierzig Choristen und Choristinnen mussten häufig neu besetzt werden, da viele der Darsteller in Vernichtungslager deportiert wurden. Die Wienerin Greta Klingsberg spielte die Hauptrolle der Aninka und konnte so überleben.Ralf Baumann: Wir wollten singen, wir wollten leben. In: Konstanzer Anzeiger vom 26. November 2014, S. 3. Ela Stein-Weissberger spielte in allen Aufführungen die Rolle der Katze. Darsteller des Pepíček war Emanuel Mühlstein (1929–1944), der spätere Schauspieler Zdeněk Ornest (1929–1990) spielte in beinahe allen Vorstellungen den Hund Azor; die Rolle des Brundibár hatte Hanuš Treichlinger (1929–1944).Krystýna Kopřivová: Brundibár–eine Kinderoper aus dem KZ Theresienstadt im heutigen Brünner Roma-Ghetto, Diplomarbeit, Universität Wien, 2017, S. 65

Der Propagandafilm Theresienstadt verwendete einen Ausschnitt aus der Oper, um zweifelnden Leuten vorzutäuschen, wie normal und glücklich die Deportierten lebten. Hans Krása und fast alle Ausführenden wurden kurz darauf in Auschwitz ermordet. Für die Dreharbeiten wurde das Bühnenbild, das aus einem einfachen Bretterzaun bestand, auf Befehl der Ghettoleitung mit Kulissen einer Stadt ergänzt, die František Zelenka und Gehilfen in nur einer Nacht schufen.Rudolf Franěk, Brundibár. In: Rudolf Iltis: Theresienstadt. Wien: Europa-Verlag, 1968. S. 272.

Handlung Pepíček und Aninka, zwei arme Geschwister, wollen ihrer kranken Mutter die vom Arzt verschriebene Milch besorgen, doch ohne Geld bekommen sie keine vom Milchmann. Sie beobachten den Leierkastenmann Brundibár, der für seine Musik Münzen erhält, und beschließen, ebenso mit Gesang etwas Geld zu verdienen. Doch niemand hört ihnen zu, und der über die Konkurrenz erzürnte Brundibár vertreibt sie sogar vom Marktplatz. Als die beiden Geschwister sich ratlos schlafen legen, erscheinen ein Spatz, eine Katze und ein Hund und bieten den Kindern, die allein gegen Brundibár zu schwach sind, ihre Hilfe an. Am nächsten Morgen trommeln die drei Tiere alle Kinder aus der Nachbarschaft zusammen. Gemeinsam wird Brundibár vom Marktplatz vertrieben. Als die Kinder nun erneut das Lieblingslied von Pepíček und Aninka singen, kommt genügend Geld für die Milch zusammen. Brundibár unternimmt einen Versuch, das Geld zu stehlen, hat jedoch gegen die Überzahl von Kindern und Tieren keine Chance. Das Finale der Oper besteht in einem triumphalen Marsch, der an das bedingungslose Zusammenhalten von Freunden appelliert.

Wenngleich der Inhalt der Oper auf den ersten Blick frei von Politik ist, betonen überlebende Mitwirkende aus Theresienstadt immer wieder, dass Brundibár, der fortgejagt wird, für sie Hitler darstellte, den sie so in der Oper durch ihr Zusammenhalten verjagen konnten. Insofern bekommt die Oper bei genauerer Betrachtung eine zweite, tiefere Ebene als die schlichte Geschichte der Kinder, die Milch für ihre Mutter brauchen.

Die Lösung des Konflikts der Kinder mit dem Drehorgelmann allein mit Mitteln der Gewalt erscheint in einer demokratischen Gesellschaft als pädagogisch zweifelhaft. Vor dem geschichtlichen Hintergrund von Krieg und Völkermord wird sie allerdings verständlich.

Gestaltung Die Oper enthält 14 Musiknummern und gesprochene Dialoge. Alle Partien sind Sprechrollen mit Gesang. In Theresienstadt wurden sie bis auf die Titelrolle sämtlich von Kindern dargestellt.Robert Maschka: Brundibár. In: Rudolf Kloiber, Wulf Konold, Robert Maschka: Handbuch der Oper. 9., erweiterte, neubearbeitete Auflage 2002. Deutscher Taschenbuch Verlag / Bärenreiter, ISBN 3-423-32526-7, S. 361–363.

Die Instrumentalbesetzung der Prager Fassung bestand aus einer Flöte, zwei Klarinetten, einer Trompete, Schlagzeug, Klavier, zwei Violinen und einem Violoncello.

Die Theresienstädter Fassung benötigt eine Flöte (auch Piccolo), Klarinette, Trompete, Gitarre, große Trommel, kleine Trommel, Klavier, vier Violinen, Violoncello und Kontrabass. Außerdem spielt ein Akkordeon auf der Bühne.

Brundibár nach dem Zweiten Weltkrieg

1965 entstand in den Studios „Kinderfilm Prag“ der Fernsehfilm Der vorletzte Akt von Jindřich Fairaizl, in dem Musik aus Brundibár zu hören war. In Theresienstadt und an anderen für die Oper bedeutenden Orten wurden Interviews mit dem Librettisten Adolf Hoffmeister, mit Rudolf Freudenfeld (Franěk) sowie einigen der überlebenden Mitwirkenden der Theresienstädter Aufführungen wie Zdeněk Ornest (1929–1990), Josef Bor, Otto Kelin und Norbert Frýd gedreht. Die tschechische Germanistin, Mitbegründerin und jahrelange Vorsitzende des Instituts "Theresienstädter Initiative" Dagmar Lieblová, geb. Fantlová (1929–2018), gab zu dieser Aufführung im Jahr 2015 ein Interview: „Ich erinnere mich, dass eine Fernsehbearbeitung des Brundibárs bei uns irgendwann mal in den 60-Jahren gesendet wurde. Die Sendung hat Zdeněk Ornest moderiert, der in Theresienstadt den Part des Hundes gesungen hat. Ich weiß noch, dass in dieser Bearbeitung die einen nur gesungen, die anderen wiederum nur gespielt und getanzt haben. Es war der jetzige kambodschanische König, der in Prag Tanz studierte. Ich weiß nicht mehr, wie er heißt (es war Norodom Sihamoni). Er spielte und tanzte den Hund in Brundibár. Es sind schon einige Jahre her, dass er Prag besuchte. Sequenzen aus dieser Fernsehbearbeitung wurden im Haus zur steinernen Glocke ausgestellt …“Petra Klimešová, Hans Krása a jeho opera pro děti Brundibár, diplomová práce, Katedra hudební výchovy, Pedagogická fakulta, Univerzita Karlova v Praze, Praha, 2015, 90 Der Film wurde im Jahr 1965 im deutschen Fernsehen ausgestrahlt, bearbeitet von Walter Krüttner.

1966 fand im damaligen „Haus der tschechoslowakischen Kinder“ auf der Prager Burg eine Aufführung der Oper mit neuer Instrumentierung von Hanuš Krupka nach Krásas Klavierauszug und dem Autograph der in Theresienstadt von der Klavierpädagogin Eliška Kleinová (1912–1999), die mit Krása eine kurze Zweckehe führte, niedergeschriebenen Partitur statt.Blanka Červinková: Hans Krása. Život a dílo skladatele („Hans Krása. Leben und Werk des Komponisten“), Tempo, Praha 2003, 210

Die Aufarbeitung der Kinderoper in Deutschland begann Ende der 1970er Jahre, als die Benediktinerschwester Veronika Grüters auf der Suche nach der Geschichte ihrer Familie zufällig auf den Stoff der Oper stieß. Sie rekonstruierte eine Fassung des Brundibár anhand eines Klavierauszugs in tschechischer und hebräischer Sprache und konnte so 1985 am St.-Ursula-Gymnasium Freiburg im Breisgau die erste Brundibár-Aufführung in Deutschland verwirklichen.