Der Gothic Rock, häufig auch nur als Goth bzw. Gothic bezeichnet, ist ein Stil der Rockmusik, der Ende der 1970er Jahre aus dem Post-Punk-Umfeld hervorging und in den 1980er und frühen 1990er Jahren innerhalb der Dark-Wave-Bewegung populär war. Aufgrund seiner zahlreichen Verwurzelungen im Punk-, Glam- und Psychedelic Rock sind die Ausdrucksformen mannigfaltig. Stilprägend für das Genre waren Bands wie Bauhaus, Joy Division, Siouxsie and the Banshees, The CureSimon Reynolds: Rip It Up and Start Again: Postpunk 1978–1984. Penguin, 2005, ISBN 0-14-303672-6, S. 358 und die frühen The Sisters of Mercy.
Zwischen 1997 und 1998 starb der Gothic Rock – bis auf wenige Künstler – nahezu vollständig aus.Peter Matzke, Tobias Seeliger: Das Gothic- und Dark-Wave-Lexikon. 2002, ISBN 3-89602-277-6, S. 185Sven Friedrich: Gothic! – Die Szene in Deutschland aus der Sicht ihrer Macher – Gothic Rock. 2000, ISBN 3-89602-332-2, S. 36Dreadful-Shadows-Interview mit Statements von Jens Riediger und Love Like Blood. In: Neurostyle Musikmagazin, 3/96, S. 46 Er erlebte jedoch nach der Jahrtausendwende eine Neubelebung, die sich durch starke Verschränkungen zum amerikanischen Death-Rock äußert.
Der Gothic Rock provozierte zu Beginn der 1980er Jahre die Entwicklung der Gothic-Kultur.
Namensherkunft Ursprung Die Herkunft der Bezeichnung Gothic in Bezug auf ein Genre aus dem Post-Punk-Umfeld ist nicht sicher geklärt. Unterschiedlichen Quellen zufolge soll sie auf Martin Hannett zurückgehen, der das von ihm produzierte Album Unknown Pleasures der Gruppe Joy Division in der Mitte des Jahres 1979 als „Tanzmusik mit unterschwelligen Gothic-Elementen“ beschrieb.Dave Thompson, Kirsten Borchardt: Schattenwelt – Helden und Legenden des Gothic Rock. 2004, ISBN 3-85445-236-5, S. 152 Im September gleichen Jahres war Tony Wilson, Chef von Factory Records, mit Joy Division in der BBC-Sendung Something Else zu Gast und bezeichnete die Musik der Band als „gothic“. Etwa zur gleichen Zeit nutzte Steven Severin, Bassist der Gruppe Siouxsie and the Banshees, die Bezeichnung „gothic“, um die Musik des zweiten Siouxsie-and-the-Banshees-Albums Join Hands zu umschreiben. Schon im November 1979 wurde „Gothic“ als neue Genrebezeichnung von der Musikzeitschrift Sounds kritisiert:
Genau ein Jahr später, im November 1980, trat „Gothic“ als Genre-Etikett erneut in Erscheinung, dieses Mal in einer Rezension zum Album In the Flat Field von Bauhaus. Drei Monate danach erschien in einer Februar-Ausgabe des Sounds der Artikel The Face of Punk Gothique,Steve Keaton: UK Decay – The Face of Punk Gothique. In: Sounds, 1981. der sich mit der Gruppe UK Decay und mit der wachsenden Gothic-Rock-Bewegung auseinandersetzt. Laut Abbo, Sänger der Band UK Decay, war „Gothic“ in London der frühen 1980er ein Insiderbegriff einer kleinen Szene rund um die Bands UK Decay, The Southern Death Cult, Gloria Mundi, Sex Gang Children und Bauhaus.
Daneben fand die Bezeichnung „Positive Punk“ Verwendung. Ursprünglich durch den Journalisten Richard North (alias Richard Cabut) geprägt, taucht diese erstmals 1983 in einer Februar-Ausgabe der britischen Musikzeitschrift New Musical Express aufRichard North: Positive Punk: Punk Warriors. In: New Musical Express, 19. Februar 1983. und wurde bis in die Mitte der 1980er als Synonym für den frühen Gothic Rock genutzt.
Etablierung
Bis in die Mitte der 1980er Jahre blieb Gothic eine Bezeichnung, die hauptsächlich in Großbritannien sporadisch zum Einsatz kam. Obgleich sie schon zu dieser Zeit auch in anderen Gebieten, wie beispielsweise Deutschland, bekannt war und in der Fachpresse Erwähnung findet,Harald Inhülsen: Nico – Live. In: Musikexpress / Sounds, Ausgabe 12/1985, Dezember 1985, S. 54 (inklusive Erwähnung ihres Einflusses auf den Gothic Rock). wurden Bands wie Joy Division oder Siouxsie and the Banshees in Europa und Nordamerika primär unter den Bezeichnungen New Wave und Post-Punk vermarktet. Erst Ende der 1980er Jahre, und mit Veröffentlichung des Buches Gothic Rock Black Book (1988) von Mick Mercer, etablierte sich Gothic weltweit als Genrebezeichnung. Zeitweilig war im europäischen Raum die Bezeichnung „Gothic Wave“Joe Asmodo: Bericht über die deutsche Gothic-Band Garden of Delight. In: Zillo Musikmagazin, Ausgabe 2/94, Februar 1994, S. 63.Benoît Blanchart: Rezension zu einem Album der deutschen Gothic-Band Morbid Poetry. In: Side Line Magazine, Ausgabe 1/1997, Frühjahr 1997, S. 57.Evolver: Vampire leben länger: Bauhaus – Die Geschichte eines Stils, Bericht über die britische Gothic-Rock-Band Bauhaus. im Umlauf, um das Genre von anderen (Dark-)Wave-Formen (bspw. Electro Wave) abzugrenzen.
Stilistische Merkmale
Der Gothic Rock ist durch sein Bass- und Gitarrenspiel und seine – in der Regel mit elektronischen Soundeffekten unterlegte – Klangfarbe gekennzeichnet, zahlreiche Gothic-Rock-Stücke sind psychedelisch geprägt. Typische Effekte sind Flanger, Delay (Verzögerung) oder Reverb (Hall-Effekte), meistens in Zusammenspiel mit warmen Overdrive- oder klaren Gitarrenklängen (sogenannte „moody slide guitars“). Dies kann man bei Gruppen wie Bauhaus, Siouxsie and the Banshees, The Cure und den Frühwerken der Cocteau Twins und der Sisters of Mercy hören. Viele der frühen Gothic-Lieder fußen auf der Spielweise des Punk. Sie verwenden jedoch klare Melodiebögen und verzichten dabei auf den permanenten Einsatz ganzer Akkorde.
Gothic Rock ist ein semitonal bedingter Musikstil, das heißt, er lebt vorrangig durch den Einsatz von Halbtönen und wird üblicherweise im Moll (Äolischer oder Phrygischer Modus) gespielt. Aber auch Tonarten in Dur sind präsent. Die Bassgitarre wird prononciert eingesetzt, um den Kompositionen ein tiefes, dunkles bzw. schweres Stimmungsbild zu verleihen und damit den gewünschten Effekt zu erzielen.Rebecca Schraffenberger: My Spine Is the Bass Line. In: Lauren M. E. Goodlad, Michael Bibby: Goth. Undead Subculture. Duke University Press, Durham und London, 2007, ISBN 978-0-8223-3921-2, S. 126. Im Kontrast hierzu werden mit einer E-Gitarre häufig hohe Töne angeschlagen oder gezupft (sogenanntes „picking“). Eine Besonderheit ist dabei die Verwendung der Bassgitarre als ein der E-Gitarre gleichwertiges Musikinstrument. In vielen Gothic-Rock-Stücken steht sie auch als führendes Instrument im Vordergrund. Ein weiteres markantes Merkmal ist in diesem Zusammenhang die Anwendung der Slide-Gitarren-Technik, so unter anderem bei Hollow Hills von Bauhaus. Charakteristisch ist zudem der Einsatz einer Rhythm-Box bzw. eines Drumcomputers, wie ihn Bands wie The Sisters of Mercy, The March Violets, Clan of Xymox, Garden of Delight oder Lady Besery’s Garden nutzten.
Seit den 1990er Jahren wurde verstärkt versucht, durch Mehrspuraufnahmen und mithilfe der Overdubbing-Technik einen breiteren und volleren Klang zu erzeugen. Dabei werden die Einzelspuraufnahmen eines Musikinstruments mehrfach übereinandergelegt und teilweise so ineinander geschoben, dass eine Wall of Sound entsteht, wie sie speziell bei der Musik US-amerikanischer Gothic-Rock-Bands wie Mephisto Walz oder Trance to the Sun zur Geltung kommt, aber auch bei britischen Bands wie Vendemmian (u. a. auf deren Album Transition) zu hören war.
Im Gothic Rock sind unterschiedliche Gesangstypen auszumachen. Waren die frühen Gothic-Rock-Bands noch stark durch den schnoddrigen Gesang des Punk-Rock geprägt, pendelte der Gesang von Gruppen der Mitt-/End-1980er, wie The Sisters of Mercy und Fields of the Nephilim, zwischen Bassstimme und Untertongesang. Zu Beginn der 1990er standen beide Gesangsvarianten nebeneinander: Bands wie Moonchild und Corpus Delicti pflegten einen am Mezzosopran bzw. am Tenor und Bariton des frühen Gothic angelehnten Stil, während bspw. Love Like Blood und 13 Candles den für End-1980er Gruppen kennzeichnenden, tiefstimmigen Gesangstyp bevorzugten.
Die Standardbesetzung einer Gothic-Rock-Band beschränkt sich zumeist auf Gesang, Gitarre, Bass und Schlagzeug bzw. Drumcomputer. Auf einen zweiten Gitarristen, wie er beispielsweise im Metal zum Einsatz kommt, wird nicht selten verzichtet. Dieser taucht lediglich vereinzelt bei Gruppen der zweiten Generation, wie Fields of the Nephilim, auf, wodurch das Klangbild stark verändert und rock-orientierter wirken kann. Viele Gothic-Lieder befassen sich mit den Gothic Novels (unter anderem Edgar Allan Poe)Dave Thompson, Kirsten Borchardt: Schattenwelt – Helden und Legenden des Gothic Rock. 2004, ISBN 3-85445-236-5, S. 13., und späterer Horrorliteratur (H. P. LovecraftSusanne Georg: Interview mit der britischen Band Fields of the Nephilim. In: Zillo Musikmagazin, Ausgabe 7/8/90, Juli/August 1990, S. 12.Jörg Bartscher-Kleudgen: Interview mit der deutschen Band Beyond the Wall of Sleep, Gothic. Magazine for Underground Culture, Ausgabe 22/95, 1995, S. 6. vor allem mit dem Cthulhu-Mythos), aber auch philosophischen, politischen, gesellschafts- und medienkritischen Themen.
Obwohl sich bereits in den 1980er Jahren mehrere Varianten des Gothic Rock herausbildeten, fand eine strenge Untergliederung in Subgenres, wie sie unter anderem im Metal oder Punk vorherrscht, nicht statt. Nur vereinzelt wird die Bezeichnung Gothic Punk für jene Bands genutzt, die sich deutlich an den Punk-Wurzeln des Genres orientieren.
Geschichte Prolog
Als Gothic Rock bezeichnet man einen dem Post-Punk-Umfeld entwachsenen Musikstil, der Einflüsse aus dem Glam- und Psychedelic Rock aufweist. Dieser Stil entstand Ende der 1970er Jahre in England in der allgemeinen Tendenz der damaligen Punk-Szene, sich in neue Genres aufzuspalten.Dave Thompson, Kirsten Borchardt: Schattenwelt – Helden und Legenden des Gothic Rock. 2004, ISBN 3-85445-236-5, S. 12/13. Impulsgeber dieser Zeit waren Bands wie Joy Division, Bauhaus, Siouxsie and the Banshees, The Cure oder The Sisters of Mercy.
Die Gothic-Rock-Bewegung bildete allerdings keine lose Ansammlung von Bands, die unabhängig voneinander agierten, sondern ein Netzwerk aus Musikern, die sequenziell in verschiedenen Gothic-Rock-Bands aktiv waren. Die Verzweigungen innerhalb dieses Netzwerks reichten von Gruppen wie Gene Loves Jezebel und Xmal Deutschland über All About Eve und Skeletal Family bis hin zu The Cult, Sex Gang Children, The Mission und The Sisters of Mercy. Ähnliche Interaktionen existierten zwischen Siouxsie and the Banshees und The Cure, aber auch Specimen, deren Gitarrist Jon Klein später bei Siouxsie and the Banshees einstieg.Dave Thompson, Kirsten Borchardt: Schattenwelt – Helden und Legenden des Gothic Rock. 2004, ISBN 3-85445-236-5, S. 203
Viele dieser Bands veröffentlichten jedoch zunächst keine reinen Gothic-Alben. Die Übergänge vom Post-Punk zum Gothic Rock waren stark fließend, innerhalb eines Werks wurden noch unterschiedliche Stilformen miteinander verknüpft.Dave Thompson, Kirsten Borchardt: Schattenwelt – Helden und Legenden des Gothic Rock. 2004, ISBN 3-85445-236-5, S. 90. Auch ein Stilwechsel innerhalb eines Titels stellte keine Seltenheit dar. In erster Linie waren es die Hits, die den Gothic Rock zu einem eigenständigen Genre formten, so beispielsweise The Passion of Lovers, Bela Lugosi’s Dead und She’s in Parties von Bauhaus; Spellbound, Arabian Knights und Cascade von Siouxsie and the Banshees oder Alice, Marian und Temple of Love von den Sisters of Mercy. Insbesondere Bela Lugosi’s Dead gilt heute als der erste Gothic-Rock-Titel in der Geschichte.Dave Thompson, Kirsten Borchardt: Schattenwelt – Helden und Legenden des Gothic Rock. 2004, ISBN 3-85445-236-5, S. 347.
Der frühe Gothic Rock, der aufgrund seiner Wurzeln im Post-Punk auch als Gothic Punk tituliert wird, ist vielen Hörern unter der Bezeichnung „Batcave“ vertraut, benannt nach einem Londoner Nachtclub, der zugleich als Drehpunkt der Gothic-Szene in Südengland gilt. Im Westen der USA formierten sich stilistisch ähnliche Bands, die dort unter der Bezeichnung Death-Rock zusammengefasst wurden.