Die Vennbahn ist eine ehemalige Eisenbahnstrecke des Personen- und Güterverkehrs zwischen Aachen und Ulflingen (frz. Troisvierges) in Luxemburg über Monschau und Sankt Vith mit Anschlüssen nach Stolberg (Rheinland), Eupen, Malmedy, Jünkerath und Prüm. Infolge der Grenzziehung und der Gebietsabtretungen nach dem Ersten Weltkrieg wechselte die ursprünglich deutsche Trasse in einigen Abschnitten ihres Verlaufs von Aachen nach Ulflingen von deutschem auf belgisches Staatsgebiet.
Ursprünglich verband die Vennbahn die Industriezentren von Aachen-Rothe Erde auf dem kürzesten Wege mit Luxemburg. Der Gleiskörper ist größtenteils entfernt und auf bzw. neben der Bahntrasse wurde ein Fernradweg gebaut.
Geschichte Bau und Betrieb bis zum Ersten Weltkrieg mini|links|hochkant|Urkunde zur Strecke St. Vith – Ulfingen aus dem Jahr 1884 mini|links|hochkant|Fahrplan um 1890. Durchgehende Fahrten zwischen Aachen Hbf und St. Vith im Personenverkehr Seit 1873 forderten die Städte und Kreise Malmedy, Monschau, Eupen und Stolberg der Rheinprovinz eine Bahnstrecke, die die Industrieorte miteinander verbinden und bis nach Luxemburg führen sollte. Mit einem Beschluss der preußischen Regierung wurde ab 1882 an der Strecke gebaut und ab 1885 die Teilstrecke von Aachen-Rothe Erde nach Walheim in Betrieb genommen. Beim Anschluss der Stolberger Talbahn traten Verzögerungen auf.
Folgende Streckenabschnitte wurden in Betrieb genommen: Aachen-Rothe Erde - Walheim, 1885 Hahn – Monschau: 30. Juni 1885 Monschau – Weismes: 1. Dezember 1885 Weismes – Sankt Vith: 20. November 1887 Stolberg – Hahn: 21. Dezember 1889
Der Gesamtbetrieb wurde am 4. November 1889 von der Preußischen Staatsbahn zunächst eingleisig aufgenommen und diente in erster Linie dem Transport von Steinkohle aus dem Wurmrevier und dem Inderevier in Richtung Luxemburg und in der Gegenrichtung von Eisenerz zum Thomasstahlwerk nach Aachen Rothe Erde und zur Konkordia-Hütte in Eschweiler. Außerdem erschloss die Strecke die strukturschwachen Wirtschaftsräume von Westeifel und Hohem Venn, indem sie eine Fahrmöglichkeit zu den Arbeitsplätzen in der Aachener Industrie bot. Der über Bahnstrecke Stolberg–Walheim angebundene Ort Breinig erhielt ein Bahnhofsgebäude, weitere Betriebe entlang der Trasse erhielten eigene Anschlussgleise. Ab 1893 begann der zweigleisige Ausbau der Strecke von Stolberg über Hahn (Anschluss von Aachen) bis Walheim (Grenze); er wurde am 8. Mai 1909 mit dem Abschnitt zwischen Walheim und Lommersweiler beendet.Hans Schweers, Henning Wall: Eisenbahnen rund um Aachen. 150 Jahre internationale Strecke Köln – Aachen – Antwerpen. 1993, S. 89. Der Ausbau erfolgte in engen Kurven mit Radien ab 300 Meter und häufigen Steigungen von bis zu 1,7 %. Das Teilstück Aachen – Hahn blieb eingleisig.
Sankt Vith war ein bedeutender Eisenbahnknoten (siehe hier). Zitat: Besonders das Wirtschaftsleben in St.Vith und Umgebung ist durch die Bahn gefördert worden. Der Bahnhof St. Vith beschäftigte in seiner Glanzzeit (1910–1925) rund 1200 Personen und war das größte Unternehmen der Gegend. Die Bevölkerungszahl St. Viths wuchs ständig. In den 1920er Jahren passierten täglich knapp 30 Personenzüge den St. Vither Bahnhof. Dazu kamen rund 80 Güterzüge. Pro Tag wurden 1200 bis 1500 Waggons in St. Vith rangiert.Ausstellung Der Zug kommt, Schautafel 5 aufgerufen am 23. Mai 2013.
Erster Weltkrieg und Versailler Vertrag Im Ersten Weltkrieg kam der Vennbahn durch ihre Nähe zur Westfront und über den Schlieffenplan eine weitere Bedeutung als Aufmarsch- und Nachschubstrecke zu. Ab dem 2. August 1914 wurden entlang der Strecke Truppen für den Angriff auf den Festungsring Lüttich ausgeladen. Später wurden weitere von ihr ausgehende Eisenbahnstrecken erbaut, so dass die Vennbahn die Kernlinie eines ganzen Netzes von strategischen Bahnen wurde.
Aufgrund des Versailler Vertrags musste das Deutsche Reich am 10. Januar 1920 die seit dem Wiener Kongress 1815 preußischen Kreise Eupen und Malmedy an Belgien abtreten. Die Strecke verlief durch die neue Grenzziehung nun teils in deutschem Reichsgebiet und teils in Belgien. Belgien forderte, die Vennbahn unter belgische Verwaltung zu stellen, da sie für die Städte Malmedy und Eupen von besonderer wirtschaftlicher Bedeutung sei. Diese Forderung hatte Erfolg: am 27. März 1920 legte eine Grenzfeststellungskommission, der Vertreter Frankreichs, Englands, Italiens und Japans angehörten, fest, dass der belgische Staat Eigentümer der Eisenbahnstrecke mitsamt ihren Bahnhöfen zwischen Raeren und Kalterherberg (dessen Bahnhof heute im belgischen Ort Leykaul liegt) sein sollte. Ab Raeren wurde die Bahnstrecke belgisches Hoheitsgebiet. Den Betrieb auf der Vennbahn führte seit dem 1. November 1921 die belgische Staatsbahn NMBS/SNCB durch. 1924 wurde das zweite Gleis auf Veranlassung der alliierten Besatzer zurückgebaut.
Ein Kuriosum sind fünf deutsche Exklaven, die entstanden sind, weil die Eisenbahntrasse belgisches Hoheitsgebiet wurde. Diese Exklaven bestehen heute noch, da die Trasse der Vennbahn offiziell belgisches Staatsgebiet ist und die westlich davon gelegenen Orte vom deutschen Staatsgebiet abschneidet:
Ruitzhof (zu Kalterherberg, Stadtteil von Monschau), Mützenich (Stadtteil von Monschau), das Gehöft Rückschlag (zu Konzen, Stadtteil von Monschau), der westliche Teil von Lammersdorf (Ortsteil von Simmerath) und Teile von Roetgen.
Das Bahngelände war und ist ohne belgische Zoll- oder Polizeikontrolle zugänglich. Eine weitere Exklave bestand bei Hemmeres, bis Belgien 1958 den dortigen Trassenabschnitt an Deutschland zurückgab.Geschichts- und Museumsverein zwischen Venn und Schneifel: Exklave Hemmeres
Betrieb um den Zweiten Weltkrieg mini|Haltepunkt Ondenval im Zweiten Weltkrieg mini|Durch eine Sprengung zerstörter Tunnel der Vennbahn bei Lommersweiler
Das anfänglich hohe Verkehrsaufkommen ging nach dem Kriegsende 1918 zurück, unter anderem weil Luxemburg im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise seine Märkte für das Eisenerz nach Frankreich verlagerte. Hinzu kam der neu eingeführte Zoll, der die luxemburgischen Erze im Deutschen Reich verteuerte. Ab dem 1. Januar 1932 fuhren keine Kokstransporte mehr auf der Strecke. Der grenzüberschreitende Verkehr nach Luxemburg wurde kurz vor dem Zweiten Weltkrieg schließlich ganz eingestellt.Ed Federmeyer: Eisenbahnen in Luxemburg. Band 1, Wolfgang Herdam Fotoverlag, Gernrode 2007, ISBN 978-3-933178-21-3, S. 169.
Im Zweiten Weltkrieg begann die Wehrmacht am 10. Mai 1940 den Westfeldzug, der bereits sechs Wochen später infolge des Waffenstillstands von Compiègne endete. Belgien war bis 1944/45 besetzt. Nach der Landung der Westalliierten in der Normandie wurde die Vennbahn zunächst wieder für deutsche Militärtransporte an Teile der Westfront verwendet. Als sich die Wehrmacht-Truppen vor den vorrückenden alliierten Truppen hinter den Westwall zurückziehen mussten, sprengten motorisierte Sprengkommandos der Pioniere Brücken und Tunnel der Vennbahn; lediglich das abseits gelegene Viadukt über das Rollefbachtal zwischen Aachen-Brand und Kornelimünster blieb intakt. Während der Ardennenoffensive (Mitte Dezember 1944 bis Mitte Januar 1945) bombardierten britische und amerikanische Bomber die Vennbahn. Noch vor Kriegsende reparierten US-Soldaten das Falkenbachviadukt bei Kornelimünster und das kleinere Viadukt bei Stolberg-Rüst. Bereits im Februar 1945 wurde der Abschnitt Stolberg (Rheinland)–Raeren wieder befahren – die Lokomotiven kamen aus den USA. Die Vennbahn wurde nun Nachschublinie der Westalliierten,Bernhard David: Die Vennbahn (pdf, S. 2 f.). In: Lokrundschau 195, Seite 46–51. unter anderem für die Operation Grenade (3. Februar bis 11. März 1945 – Überquerung der Rur und Vorstoß bis zum Rhein).
Der Wiederaufbau zog sich lange hin; zwischen Lommersweiler und Burg-Reuland unterblieb er wegen der umfangreichen Zerstörungen ganz. Das nördliche Reststück konnte daher trotz der sich abzeichnenden europäischen Einigung nicht weiter für seinen ursprünglichen Zweck genutzt werden und wurde ebenfalls nach und nach stillgelegt. Zwischen Raeren und Sourbrodt wurde 1945 der Personenverkehr nicht mehr aufgenommen. Zwischen Wilwerdingen und Ulflingen gab es noch bis zum 17. November 1950, zwischen Aachen und Brand bis zum 22. November 1959 und zwischen Stolberg und Schmithof bis zum 31. Dezember 1961 Personenverkehr.
Niedergang nach dem Zweiten Weltkrieg mini|Zugfahrt auf der Vennbahnlinie 1998 Nach dem Zweiten Weltkrieg sank die Auslastung stetig, so dass die Strecke schließlich bis 1989 vollständig stillgelegt und teilweise rückgebaut wurde. Der Güterverkehr zwischen Burg-Reuland und Wilwerdingen endete schon 1962, zwischen Wilwerdingen und Ulflingen 1977, zwischen Aachen-Rothe Erde und Brand am 31. August 1984, zwischen Raeren und Sourbrodt am 30. Juni 1989 und zwischen Stolberg-Mühle und Walheim-Schmithof am 1. Juni 1991. Bis 1999 bedienten Güterzüge auf einem kurzen Abschnitt der Vennbahn den belgischen Bahnhof Sourbrodt mit militärischem Material für den nahe gelegenen Truppenübungsplatz Elsenborn. Die schweren Panzertransporte erreichten Sourbrodt allerdings vor allem über die Vennquerbahn, von Jünkerath kommend über Bütgenbach und Weywertz, wo Kopf gemacht werden musste.
Von Stavelot über Malmedy und Weywertz gab es bis Anfang 2004 Holztransporte zum Sägewerk in Büllingen. Mit der Einstellung dieser Verkehre endete nicht nur der Güterverkehr auf den letzten befahrbaren Abschnitten der Vennbahn, sondern auch der gesamte Bahnverkehr auf dem Vennbahnnetz. Nachdem die SNCB 1989 den Güterverkehr eingestellt hatte, etablierte der gemeinnützige Verein Belgische Vennbahn V.o.E. eine Museumsbahn auf der landschaftlich reizvollen Strecke.Touristikverkehrs auf der Strecke Eupen – Raeren – (Bütgenbach) durch die Belgische Vennbahn V.o.E.
Zwischen Raeren und Bütgenbach gab es bis Ende 2001 in der Sommersaison Wochenend- und Feiertagsverkehr mit dampf- oder dieselbespannten Museumszügen; einige Züge fuhren bis Stavelot und Trois Ponts. Dieser Verkehr musste Ende 2001 (nach zwölf durchaus erfolgreichen Jahren) eingestellt werden, weil der Oberbau stark abgenutzt war und die für eine Sanierung notwendigen zweistelligen Millionenbeträge nicht aufgebracht werden konnten. Die Trasse wurde später umgewidmet.Eisenbahnen in Aachen
Der 125 km lange Vennbahn-Radweg ist Teil des RAVeL-Netzes. Dieses ist ein Wegenetz für Wanderer, Reiter und Radfahrer.
Historische topografische Karten In der Deutschen Fotothek gibt es Fotografien von historischen topografischen Karten (sogenannte Meßtischblätter) aus den Jahren 1895 bis 1935, die auch den Streckenverlauf der Vennbahn kartieren.
Streckenverlauf auf deutschem Staatsgebiet Bahnhof Rothe Erde
Haltepunkt Philipswerk In einem weiten Rechtsbogen verläuft die Strecke parallel zum Eisenbahnweg. Nach etwa 1,5 Kilometern kreuzt sie die Philipsstraße an der Straßenkreuzung Philipsstraße. Wenige Meter hinter dieser Kreuzung befand sich früher ein Anschlussgleis, das den Eisenbahnweg kreuzte und mehrere Unternehmen anschloss. Ein kurzes Stück weiter beim Kilometerpunkt 1,8 befand sich früher der Haltepunkt Philipswerk. Von diesem Anschluss ausgehend verzweigten sich einzelne Gleise über das gesamte Areal der Philipswerke. Das Ausziehgleis verlief ein Stück parallel zum Streckengleis bis hinter die Brücke des Madrider Rings.
Dieser Haltepunkt war nur temporär in Betrieb, vermutlich für das Personal des Philipswerks und der anderen dort ansässigen Industriebetriebe. Er wurde Anfang der 1950er Jahre gebaut und wurde durch die Einstellung des Personenverkehrs im Jahr 1960 obsolet.Heute existiert von diesem Haltepunkt nichts mehr.
Nach der Stilllegung des weiterführenden Streckengleises wurde das noch erhaltene Rumpfstück der Strecke fest auf das Anschlussgleis geschwenkt. Dort befand sich früher eine Weiche, an der das Streckengleis der Vennbahn geradeaus weiterführte.
Bahnhof Brand mini|Ehemaliger Vennbahn-Bahnhof Brand (Rheinland)