mini|hochkant=2|Beispiel (Kredit-)Geldnachfrage (adjusted loans) privater Sektoren des Euro-Raumes im Zeitraum 2019–April 2024.

Unter Geldnachfrage versteht man die Geldmenge, die auf dem Geldmarkt von den Wirtschaftssubjekten nachgefragt wird. Der Geldnachfrage steht das potenzielle bzw. eingeräumte Geldangebot gegenüber.

Allgemeines Der (latente) Geldbedarf wird erst zur Geldnachfrage, wenn die Wirtschaftssubjekte als Marktteilnehmer auf dem Geldmarkt auftreten und dort Geld (Bargeld, Buchgeld, Geldersatzmittel) nachfragen. Die Geldnachfrage resultiert aus dem Wunsch der Wirtschaftssubjekte (Privathaushalte, Unternehmen, der Staat mit seinen Untergliederungen wie öffentliche Verwaltung oder Staatsunternehmen), eine bestimmte Geldsumme als Kassenbestand zu halten.Gabler Verlag, Gabler Wirtschaftslexikon, Band 3, 1984, Sp. 1696

Geldangebot und Geldnachfrage stammen von den Marktteilnehmern auf dem Geldmarkt, wozu die Zentralbanken (Geldangebot), Kreditinstitute, Finanzintermediäre und Großunternehmen aus dem Nichtbankensektor (Geldnachfrage) gehören. Auch Transaktionen des Interbankenhandels und des internationalen Kreditverkehrs zählen zur Geldnachfrage.

Handelsobjekte sind Zentralbankgeldguthaben, Tages- und Termingelder, Repo- und Leihegeschäfte, kurzfristige Wertpapiere (Geldmarktpapiere), Fazilitäten der Zentralbank (z. B. Hauptrefinanzierungsinstrument der EZB), Geldmarktderivate (Forward Rate Agreements, Overnight Index Swaps, Geldmarkt-Futures), Schatzanweisungen oder Wechsel.

Entstehung der Geldnachfrage Geldnachfrage entsteht aus der Notwendigkeit, die zeitlichen Abstände zwischen den Einnahmen und den Ausgaben zu überbrücken.Bernhard Felderer/Stefan Homburg, Makroökonomik und neue Makroökonomik, 1994, S. 80 Geldnachfrage entsteht daher, wenn Zahlungen etwa beim Kauf für Güter und Dienstleistungen (für Konsum oder Investitionen), zur Geldanlage oder zur Tilgung von Schulden erforderlich sind (Transaktionskasse). Besteht Ungewissheit über die Höhe des Transaktionsbedarfs, so entsteht Geldnachfrage zum Schutz vor Illiquidität (Vorsichtskasse). Auch Geld für Hortungszwecke wegen Preis- und Zinserwartungen (Spekulationskasse) lässt Geldnachfrage entstehen. Nimmt in der Volkswirtschaft das nominale Bruttoinlandsprodukt zuzüglich des Handels mit Gebrauchtgütern (Transaktionsvolumen) bei konstanter Umlaufgeschwindigkeit des Geldes zu, so steigt proportional die Geldnachfrage. Sie sinkt bei steigendem Zinsniveau.

Geldnachfrage- oder Kassenhaltungstheorien Die Geldnachfrage- oder Kassenhaltungstheorien analysieren die Determinanten der Geldnachfrage. Als Synonym für das Wort Geldhaltung wird in der Geldnachfragetheorie oft der Begriff Kassenhaltung verwendet. Gemeint ist damit die Haltung von Geld im engeren Sinne, also Bargeld, Zahlungsmittel und Buchgeld. Die Geldnachfragetheorien implizieren, dass Geld nicht nur für Konsum und Investitionen, sondern auch für Geldanlagen gehalten wird.

Klassiker Die aus 1885 stammende Quantitätsgleichung des Simon Newcomb präzisierte Irving Fisher im Jahre 1911, wonach das Produkt aus der Geldmenge und der Umlaufgeschwindigkeit des Geldes dem Produkt aus Preisniveau und realem Transaktionsvolumen entspricht:Irving Fisher, The Purchasing Power of Money: Its Determination and Relation to Credit, Interest and Crises, 1911, S. 26 f. . Die linke Seite der Identitätsgleichung stellt die Geldnachfrage dar, die für die Transaktionen (Käufe) erforderlich ist. Bei konstanter Umlaufgeschwindigkeit des Geldes führt eine Zunahme der Geldmenge zu einer proportionalen Zunahme des Produkts aus Transaktionsvolumen und Preisen.

Arthur Cecil Pigou (1917)Arthur Cecil Pigou, The Value of Money, in: Quarterly Journal of Economics, Band 32, 1917, S. 54 und Alfred Marshall (1923)Alfred Marshall, Credit and Commerce, 1923, S. 41 ff. zufolge beruht die Geldnachfrage auf der Abwägung von Kosten und Nutzen für den Nachfrager, wobei der Nutzen der Geldhaltung in der Erleichterung von Transaktionen und die Kosten aus entgangenen Erträgen alternativer Geldanlagen (Opportunitätskosten) bestehe. Pigou verband die Geldnachfrage mit der hierdurch entstehenden Kaufkraft, also mit . Pigou ging davon aus, dass das Einkommen die Hauptdeterminante der Geldnachfrage ist. Die gesamtwirtschaftliche Geldnachfrage ist demnach unter Berücksichtigung des Kassenhaltungskoeffizienten : . Pigou und Marshall gingen davon aus, dass die (nominale) Geldnachfrage proportional vom Preisniveau und dem Transaktionsvolumen abhängt. Geld wird solange nachgefragt, bis sein Grenzertrag dem Grenzertrag alternativer Verwendungen entspricht.Alfred Marshall, Credit and Commerce, 1923, S. 38 f. Das Vermögen ist so strukturiert, dass der Grenznutzen aller Anlageformen gleich ist.

Motive der Geldnachfrage nach Keynes Hieraus leitete John Maynard Keynes im Februar 1936 in seiner Liquiditätspräferenztheorie das Transaktionsmotiv der Geldnachfrage ab und fügte das Vorsichts- und Spekulationsmotiv hinzu. Danach resultiert die gesamte Geldnachfrage aus Transaktions-, Vorsichts- und Spekulationskasse, der so genannten Liquiditätspräferenz ().John Maynard Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes, 1936, S. 163 ff. Während die Transaktionskasse zur Abwicklung der geplanten – aber zeitlich und betragsmäßig nicht deckungsgleich anfallenden – Ein- und Auszahlungen gehalten wird, dient die Vorsichtskasse als Puffer für unvorhergesehene Einnahmen-/Ausgabenströme, die Spekulationskasse ist eine Form der Vermögensanlage.Die Spekulationskasse wird als Verzicht auf Geldangebot interpretiert. Sie korreliert positiv mit dem Volkseinkommen und negativ mit dem herrschenden Zinsniveau.

Transaktionskassenmotiv Die Klassiker sehen in Geld vor allem ein Tauschmittel, welches den Tauschhandel zwischen spezialisierten Wirtschaftssubjekten erlaubt. Man spricht auch von der Transaktionskasse. Das Halten einer Transaktionskasse dient dem Zweck, die zeitliche Verteilung von Ein- und Ausgaben auszugleichen. Der Umfang der Transaktionskasse hängt von den Größen Zahlungsrhythmus und Umsatz ab.

Man nimmt an, es gibt einen Haushalt, der alle Haushalte repräsentiert und eine Unternehmung, die alle Unternehmungen repräsentiert. Ohne Beschränkung der Allgemeinheit wird noch weiter abstrahierend angenommen, dass der Haushalt Arbeitsleistungen verkauft und die Unternehmung Güter verkauft. Der durchschnittliche Kassenbestand (durchschnittliche Transaktionskasse) beider Wirtschaftseinheiten verändert sich, wenn sich der Zahlungsrhythmus (zeitliche Verteilung von Ein- und Ausgaben) oder die Höhe der Umsätze verändert. Wenn die durchschnittliche Transaktionskasse bei festgelegtem Jahresumsatz durch den Zahlungsrhythmus determiniert wird, so wird sie umgekehrt bei fixem Zahlungsrhythmus durch die Höhe der Jahresumsätze bestimmt. Im Modell mit gegebenem Zahlungsrhythmus der Zahlungen besteht folgende Beziehung:Hans-Joachim Jarchow, Theorie und Politik des Geldes, 1998, S. 40

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Hierin sind: : Proportionalitätskonstante (abhängig von der Länge des Planungszeitraumes) : Durchschnittliche Transaktionskasse einer Wirtschaftseinheit : Umsatz der Wirtschaftseinheit

Die Nachfrage nach Geld als Zahlungsmittel ist gemäß der Quantitätsgleichung umso höher, je höher das Einkommen und das Preisniveau sind und je geringer die Umlaufgeschwindigkeit ist.

Spekulationskassenmotiv Ergänzend zur (neo-)klassischen Betrachtungsweise ergänzte Keynes in seinem Totalmodell die Geldhaltung zu Transaktionszwecken um die Geldhaltung zu Wertaufbewahrungszwecken. Diese bezeichnete er als Spekulationskasse:

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mit

: Marktzins

Individuen teilen ihr Vermögen auf in Geld und andere Reinvermögensbestandteile (etwa Sachkapital o. a.). Ihr Ziel ist es, das erwartete Vermögen zu maximieren (Risikodiversifikationsaspekte zur Risikominderung wurden ursprünglich nicht explizit betrachtet). Erwarten die Wirtschaftssubjekte beispielsweise fallende Wertpapierkurse (da in diesem Zusammenhang unter Wertpapieren i. d. R. Anleihen verstanden werden, korrespondieren fallende Kurse mit steigenden Renditen), dann bietet die Geldhaltung die Möglichkeit, erwartete Kursverluste zu vermeiden (Spekulationskasse). Allerdings bedingt das Halten von Geld Opportunitätskosten in Form entgangener Zinserträge. Die Geldnachfrage aus dem Spekulationsmotiv hängt daher negativ vom herrschenden Zinsniveau ab.

Vorsichtskassenmotiv Neben der Spekulationskasse führte Keynes auch die Vorsichtskasse ein:

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Sie enthält Geld, das von den Wirtschaftssubjekten (genauer: den Nichtbanken) gehalten wird, um unvorhergesehene Transaktionen durchführen zu können. Sie ist notwendig, weil die Wirtschaftssubjekte unsicher über ihre zukünftige Situation sind und diese nicht genau vorhersehen können.

Je höher das Einkommen, desto größer ist der reale Umfang der Vorsichtskasse. Das liegt daran, dass mit zunehmendem Einkommen auch mehr (vorhersehbare) Transaktionen getätigt werden (siehe Transaktionskasse), die wiederum Unsicherheiten über notwendige Ersatzkäufe oder Reparaturen mit sich bringen. Die Vorsichtskasse wird in Modellen häufig nicht eigenständig berücksichtigt, sondern zur Vereinfachung unter der Transaktionskasse subsumiert.

Planungssicherheit, die aus Vertrauen entsteht, vermindert das Bestreben, hohe Einlagen in der Vorsichtskasse zu hinterlegen. Deshalb investieren einige Investoren vorausschauend in Aktivitäten, die Vertrauen und Planungssicherheit erzeugen.

Monetarismus Der Begründer des Monetarismus, Milton Friedman, betrachtete 1956 die Geldnachfrage als eine der zahlreichen Möglichkeiten, Vermögen anzulegen, wozu er neben dem Geld selbst und Sachkapital auch das Humankapital (Arbeitsleistung) rechnete.Milton Friedman, The quantity theory of money – a restatement, in: Studies in the Quantity Theory of Money, 1956, S. 79 Eine wesentliche Determinante der Geldnachfrage stellen für ihn die Kosten der Geldhaltung dar, wozu vor allem das erwartete Preisniveau gehört.Milton Friedman, The quantity theory of money – a restatement, in: Studies in the Quantity Theory of Money, 1956, S. 97 Auch die Präferenzen hinsichtlich der Geldverwendung spielten für ihn eine Rolle.Milton Friedman, The quantity theory of money – a restatement, in: Studies in the Quantity Theory of Money, 1956, S. 84 Die Keynes’sche Vorsichts- und Spekulationskasse lehnte er ab. Friedman vertrat 1970 die These, dass die Zentralbank eine Geldvermehrung herbeiführen könne, die sich nicht am Wachstum der Geldnachfrage orientiere.Milton Friedman, A Theoretical Framework for Monetary Analysis, in: The Journal of Political Economy vol. 78/2, 1970, S. 195 Durch das zusätzliche Geldangebot sinken die Zinsen, die Wirtschaftssubjekte seien jedoch nicht bereit, den größeren Teil der zusätzlichen Zahlungsmittel als Kasse zu halten, weil die wichtigeren Determinanten der Geldnachfrage – Realeinkommen und Preise – vom größeren Geldangebot zunächst nicht berührt würden.

Als ab 1973 das Federal Reserve System die Geldmenge M1 nach monetaristischem Konzept steuerte, musste es eine instabile Geldnachfrage feststellen und brach 1982 das Experiment ab.Klaus Schaper, Makroökonomie, 2001, S. 128 Alan Greenspan verfolgte ab 1987 ein eher keynesianisches Konzept und ging von instabiler Geldnachfrage aus.

Determinanten der Geldnachfrage