Die Dämonen. Nach der Chronik des Sektionsrates Geyrenhoff ist ein 1956 erschienener Roman von Heimito von Doderer.

Entstehung, Stellung im Gesamtwerk Doderer hat Die Dämonen als sein Hauptwerk angesehen;Klappentext der dtv-Ausgabe Umfang und Entstehungsdauer bestätigen diese Einschätzung. Seit Ende 1929 arbeitete Doderer an einem Romanprojekt unter dem Titel Dicke Damen, das nach einigen Jahren in Die Dämonen der Ostmark umbenannt wurde. In seinem Aufnahmeersuchen von 1936 an die Reichsschrifttumskammer beschreibt Doderer sein großes Romanprojekt unter anderem als Darstellung der „zerreißenden Naht“ (zwischen Juden und Nichtjuden), die sich (zu Ende der zwanziger Jahre) durch die Wiener Gesellschaft gezogen habe und die der Autor „schon infolge der Reinheit seines Blutes allüberall spürte“. Doderer vermerkt in besagtem Schreiben, er versuche, „dieses ‚Theatrum Judaicum‘ sozusagen in drei Stockwerken vorzuführen: auf der Ebene des familiären und erotischen Lebens, auf der Ebene der Presse und der Öffentlichkeit und endlich auf der Ebene der Wirtschaft in der Welt der großen Banken“.Zitiert nach Wolfgang Fleischer: Das verleugnete Leben, Wien 1996, S. 234 Wolfgang Fleischer (* 1943), Doderers Biograph und letzter Sekretär,Doderer Gesellschaft / Interview mit Wolfgang Fleischer konstatiert hier angesichts der Tatsache, dass Doderer bei der Fertigstellung seines Romanprojekts einen Großteil seines Textes aus den dreißiger Jahren übernehmen konnte, „Das ‚Theatrum Judaicum‘“ sei „nicht eine schandbare ursprüngliche Fassung der ‚Dämonen‘, aus der später alles Anrüchige entfernt wurde“, sondern „entspreche durchaus der heute vorliegenden Fassung“. Circa 1936Laut dtv-Klappentext erst 1940. ließ Doderer das Projekt wegen konzeptioneller Schwierigkeiten liegen, die er erst nach seiner Abkehr vom Nationalsozialismus und der Hinwendung zum Katholizismus überwinden konnte.A.H. in Harenberg. Das Buch der 1000 Bücher. Hrsg. Joachim Kaiser. Zitiert nach Amazon-Produktbeschreibung http://www.amazon.de/Die-D%C3%A4monen-Chronik-Sektionsrates-Geyrenhoff/dp/3423104767 Er arbeitete dann zunächst den ausdrücklich als „Rampe“ zum Hauptwerk intendierten Roman Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre aus (entstanden v. a. 1946–48, erschienen 1951), bevor 1951–56 Die Dämonen vollendet wurden. Mit rund 1300 Seiten ist Die Dämonen um ein gutes Drittel umfangreicher als Die Strudlhofstiege.

Inhalt Der Roman spielt zwischen dem Herbst 1926 und dem Hochsommer 1927 überwiegend in Wien und dessen näherer Umgebung sowie in der Wiener Sommerfrische (Rax, Semmering), dem Burgenland, Kärnten, München und London. Die Handlung besteht aus Episoden aus dem Leben von Dutzenden von Personen, die miteinander als Verwandte, Bekannte, Freunde, Geliebte, Nachbarn in vielfältiger Verbindung stehen. Als zeitgeschichtlicher Hintergrund werden thematisiert die Freigabe der österreichischen Guthaben in England 1926, die Auseinandersetzungen mit ungarischen Nationalisten um das Burgenland, das erst 1921 an Österreich gekommen war, die Schattendorfer Schießerei vom 30. Januar 1927 sowie als Schlusspunkt, auf den vieles im Buch zuläuft, die Revolte vom 15. Juli 1927 gegen den Freispruch der Täter von Schattendorf, die mit einer Stromabschaltung beginnt und zum Wiener Justizpalastbrand führt.

Vom zeitlichen Rahmen her schließt Die Dämonen somit recht eng an Die Strudlhofstiege an, die überwiegend 1925 spielt. Rund 30 Personen aus der Strudlhofstiege tauchen in den Dämonen wieder auf, und doch handelt es sich um keine Fortsetzung: Beide Romane können unabhängig voneinander oder in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. Ganz überwiegend treten Figuren, die im einen Roman eine tragende Rolle gespielt haben, im anderen Roman nur am Rande auf. Ausnahme sind René Stangeler, sehr offensichtlich ein Alter Ego des Autors Doderer, und Mary K., deren Straßenbahnunfall den Fluchtpunkt der Strudlhofstiege bildet und die in einem der ersten Kapitel der Dämonen mit einer Beinprothese zu leben lernt.

Wie der Untertitel sagt, hat der Roman die Form einer Chronik. Wie man bereits im Prolog erfährt, ist diese Chronik erst im Jahr 1955 vom nunmehr sehr alten Sektionsrat von Geyrenhoff redigiert worden. Sie besteht teils aus eigenen Aufzeichnungen Geyrenhoffs – der sich seinerzeit ausdrücklich als „Chronist“ verstanden hatte, bis er sich in dieser selbstgestellten Aufgabe wegen zunehmender eigener Verwicklung als gescheitert ansah – sowie aus Texten, die ihm von anderen Personen zugeliefert worden sind; ausdrücklich genannt werden Schlaggenberg und Stangeler. Abschnitte aus diesen stilistisch unterschiedlichen „Quellen“ folgen einander collageartig ohne explizite Kennzeichnung der jeweiligen „Autoren“; diese zu erraten ist Teil des Lesevergnügens.

Der übergeordnete Handlungsbogen besteht aus Bildung und Zerfall einer losen Clique („die Unsrigen“) von Personen der besseren Gesellschaft, die miteinander Ausflüge unternehmen, ein „Gründungsfest“ feiern, einen Tischtennis-Fünf-Uhr-Tee zelebrieren und einander fast unausgesetzt über den Weg laufen. Unter den Intrigen die ausladendste, sich über das gesamte Buch erstreckende, ist die Geschichte der Charlotte von Schlaggenberg, genannt „Quapp“, einer Person von „habitueller Unwissenheit“, die als ungefähr letzte erfährt, wer ihre Eltern waren und dass sie Erbin eines Millionenvermögens ist, das ihr beinahe unterschlagen worden wäre.

Weitere Handlungsstränge sind zum Beispiel die Entdeckung eines frühneuhochdeutschen Manuskripts über einen abstrusen Hexenprozess durch René Stangeler; dessen schwierige Beziehung zu Grete Siebenschein; der Entwicklungsroman des Arbeiters Leonhard Kakabsa, der sich Latein beibringt und alsbald Zugang zu den höheren Ständen findet; die nach wenigen Wochen geschiedene Ehe des Schriftstellers Kajetan von Schlaggenberg, der sich hinfort der Suche nach einem Idealtypus Dicker Damen widmet. Daneben finden sich Studien aus dem Huren- und Verbrechermilieu der Brigittenau ebenso wie über die Patronage-Genealogie in einer Zeitungsredaktion. Vor allem aber spiegelt der Roman in feinster Nuancierung die Gepflogenheiten des gesellschaftlichen Umgangs in großbürgerlichen bis aristokratischen Kreisen wider.

Eine weitere Hauptperson ist gewissermaßen Wien: ganze Seiten sind der Schilderung von Stadtlandschaften gewidmet, in Döbling wird der Wechsel der Jahreszeiten intensiv erlebt, und oft wird Straße für Straße dargelegt, auf welchen Trajektorien sich die menschlichen Protagonisten bewegen, Begegnungen dadurch geradezu unvermeidlich herbeiführend.Vgl. Rezension von Th. Strobl, https://www.sandammeer.at/rezensionen/doderer-daemonen.htm

Personal (mit Textproben) Seitenangaben beziehen sich auf die dtv-Ausgabe (seitengleich mit Biederstein 1956). Textzitate kursiv.

Altschul, Edouard, Bankdirektor. Durch Lasch in Verbindung mit Levielle und Mährischl und der „Allianz“ gebracht (398 ff.). Altschul, Rosi, Frau des Bankdirektors, Mitglied der Bridge-Runde im Café am Franz-Josephs-Kai (56). Bullogg, Prof., Historiker in Cambridge, Mass., zuvor Balogh (Balogh ist als Variante von Balog (altungar.: „linkshändig“) ein ungarischer Familienname) geheißen und Gymnasial-Professor in Budapest (1106), Schwiegersohn von Mme. Libesny (823), Bruder von Mrs. Garrique. Bullogg, Sohn, genannt Bully (1187): der kleine, fette Bub von Professor Bullogg hat von seiner Mutter Deutsch gelernt, beherrscht es perfekt (1123). Catona, Dr., Arzt in der Brigittenau, Hausarzt bei Storchs (519). Catona, Lily, Tochter des Arztes (517), lernt mit ihrer Schulfreundin Fella Storch. Charagiel, Claire Gräfin, geborene Baronesse Neudegg. Ihr Tod Mitte Februar 1927 (688) entbindet die Mitwisser von der Verpflichtung, Charlotte von Schlaggenbergs Abstammung geheim zu halten. Cobler, Chefredakteur (331) aus Czernowitz (338). Croix, Prinz Alfons (201), 1896 Rittmeister und Escadrons-Kommandant bei den Dragonern in Brandeis (576), von der Einjährig-Freiwilligen-Schule her mit Geyrenhoff bekannt, bewohnt seit kurzem ein dem Familienfideikommiss gehörendes Palais mit großer Bibliothek (841), spielt meisterhaft Klavier (847). Csmarits, Mathias, historische Persönlichkeit (1892–1927), mit seinem Neffen Joseph Grössing Opfer der Schattendorfer Schießerei. Einäugiger Kriegsinvalide, Mitglied des Republikanischen Schutzbunds zu Klingenbach im Burgenland (554, 622), Bruder von Frau Kapsreiter (890). Diwald, Anna, genannt Didi (325), Freundin der Anny Gräven (614), Ausschenkerin in Freuds Branntweinschänke (910) Döblinger, Dr., Pseudonym von Schlaggenberg. Draxler, Dr. Beppo, alter Freund von Grete Siebenschein (195), spielt ganz vorzüglich Gitarre (437). Drobil, Emma, aus Prag. Da sie englisch, tschechisch und deutsch gleichermaßen zu stenographieren vermochte, die Handelskorrespondenz beherrschte und obendrein eine gescheite und sogar gebildete Person war (beispielsweise: passables Latein!), so zog das Auftauchen ihres hübschen Gesichts bei einer sehr bekannten Transportfirma unweigerlich bald das Angebot einer vorteilhaften Stellung nach sich, ganz zu schweigen davon, dass die Drobila groß und gut gewachsen war und ihr Busen in beträchtlicher Prozession wie ein Herold vor ihr herzog (28). Bald mit Dwight Williams verlobt. Dulnik, Direktor einer Papierfabrik (245), Klient von Dr. Trapp (211), heiratet dessen Tochter. Ederl, Malermeister, war im ‚Schnapsen‘ Meister. Im Malen hatte er die Meisterprüfung eigentlich nie gemacht (130). Stammgast der Weinmann. Eulenfeld, Otto von, im Krieg Rittmeister, sein linkes Knie war im Jahr 1915 zum Teil an der bekannten Straßenkreuzung bei Ypern geblieben. Zuträger für Geyrenhoffs Chronik (10), Deutscher, aus Düsseldorf, in leitender Stellung bei der Wiener Niederlassung von C. C. Wakefield & Co. Ltd. (76), „Big Chief“ einer „troupeau“ genannten Bande (283). Am Ende des Buches explizit Alkoholiker. Fiedler, Buchhändler. Fiedler, Malva, Tochter und Mitarbeiterin des Buchhändlers (139 f.). Sie war längst ausgelernt und fertig. Sie war siebenundzwanzig Jahre alt. Sie war Jungfrau. Wir erwähnen den letzten Umstand deswegen, weil wir damit den Malva Fiedlerischen Charakter anschneiden: der war im Grund kalt; oft aber von rasch sich wieder legenden Stürmen aufgewirbelt: dann verfinsterte wirklich der Staub die Sonne. In ihrem Innern ging es manchmal zu, wie es vielleicht auf der Oberfläche des Mondes zugehen mag. Die grüne Farbe ihrer Augen lag an der ungenauen Grenze zwischen Eis und Wasser: solchermaßen schaute das Unterfutter des Malva Fiedlerischen Charakters beim Fenster hinaus (155). Fitalla, Redaktionsdiener (?,1039). Fraunholzer, Robert, Generalkonsul in Belgrad. Seine Affäre mit der verstorbenen Konsulin Grauermann, geborene Etelka von Stangeler, ist aus der „Strudlhofstiege“ bekannt (1253). Fraunholzer, Lea, Frau von Robert, geborene Küffer, genannt Mädi (1252 f.). Freud, Branntweinschänk, gar nicht weit vom Haus „Zum blauen Einhorn“, im IX. Bezirk, Liechtensteinstraße (614, 908ff.). Frigori, Baron, einer der besten Klienten von Dr. Trapp (354 f.). Solche Leute sind in Wien häufig. Behandelt man sie schlecht – aber wirklich ganz schlecht – dann werden sie alsbald ihrerseits ‚traitabel‘ (355). Frühwald, Bill, Sohn eines bekannten Wiener Architekten, hervorragender Improvisator leichter Sachen am Klavier, eigentlich ein perfekter Bar-Pianist (77), Verehrer der Lily Catona (1109). Gach, Alois, gelernter Huf- und Wagenschmied, Bereiter auf dem Gut des Georg von Ruthmayr, Militärdienst unter dem Rittmeister Prinz Croix (576), im Krieg Wachtmeister (455), hat noch Reiterkämpfe gefochten (581 ff.), jetzt Wagmeister (mit diesem etwas altmodischen Ausdruck bezeichnete er seine Stellung als Marktamts-Kommissär) in Eisenstadt (569). Garrique, Mrs., Schwester von Prof. Bullog (1107). Mit einiger Sicherheit für eine Budapester Jüdin zu halten, sehr herzig, dick und klug und lustig (1123).