mini|Günter Eich, 1967 Latrine ist ein Gedicht des deutschen Lyrikers Günter Eich. Es wurde 1946 in der Zeitschrift Der Ruf veröffentlicht und 1948 in Eichs erste Gedichtsammlung der Nachkriegszeit Abgelegene Gehöfte aufgenommen. Das Gedicht entstand während oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, in dessen Folge Eich als Soldat der Wehrmacht in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet.
Eich schildert die Verrichtungen auf einer notdürftigen Latrine und kontrastiert dabei schöngeistige Betrachtungen mit der Ausscheidung von Exkrementen. Dabei zitiert er das Gedicht Andenken von Friedrich Hölderlin, einem Dichter, der während der Zeit des Nationalsozialismus besonders verehrt wurde, und stellt diesem eine von Krankheit und Tod gezeichnete Gegenwart gegenüber. Besonders der Reim von „Hölderlin“ auf „Urin“ wirkte auf die zeitgenössische Rezeption schockierend. Er wurde aber auch als Bruch mit überholten Konventionen und Signal für einen Neubeginn der deutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg verstanden. Latrine gilt als typisches Werk der Kahlschlagliteratur und ist eines der bekanntesten Gedichte Günter Eichs.
Inhalt Das Gedicht beginnt mit den Versen:
„Über stinkendem Graben, Papier voll Blut und Urin, umschwirrt von funkelnden Fliegen, hocke ich in den Knien“.
Während der Blick des lyrischen Ichs in die Ferne schweift, bewaldete Ufer, Gärten, ein gestrandetes Boot wahrnimmt, ist das Klatschen des Kots zu hören.
„Irr mir im Ohre schallen Verse von Hölderlin.“
Im Schnee spiegeln sich die Wolken im Urin. Das Ich erinnert sich an Verse aus Hölderlins Gedicht Andenken: „Geh aber nun und grüße / Die schöne Garonne“.Friedrich Hölderlin: Andenken. Auf Projekt Gutenberg-DE. Der Blick nach unten zeigt:
„Unter den schwankenden Füßen schwimmen die Wolken davon.“Günter Eich: Gesammelte Werke in vier Bänden. Revidierte Ausgabe. Band I. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-518-40209-9, S. 37.
Hintergrund und Entstehung
miniatur|Hinweisschild auf eine Latrine im Zweiten Weltkrieg
Latrine wurde in seiner Entstehung vielfach Eichs Zeit in amerikanischer Kriegsgefangenschaft zugerechnet, wo er als ehemaliger Soldat der deutschen Wehrmacht von April bis Sommer 1945 im Lager Goldene Meile bei Sinzig und Remagen interniert war. Die Gedichte aus dieser Periode wie Inventur, Lazarett oder Camp 16 werden zum Teil unter dem Begriff „Camp-Gedichte“ zusammengefasst.Zum Beispiel bei Christoph Perels: Nicht Schönheit, sondern Wahrheit. In: Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Frankfurter Anthologie Band 9. Insel, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-458-14280-0, S. 188. Axel Vieregg vermutete bei der Herausgabe Eichs Gesammelter Werke 1991 allerdings, dass Latrine bereits bei Eichs Grundausbildung als Rekrut 1940 in Frankreich entstanden sein könnte, einer Phase, der Vieregg auch die motivisch ähnlichen Gedichte Truppenübungsplatz und Puy de Dôme zurechnete. Latrine wurde erstmals in der siebten Ausgabe der noch jungen Zeitschrift Der Ruf von Alfred Andersch und Hans Werner Richter vom 15. November 1946 publiziert.Günter Eich: Gesammelte Werke in vier Bänden. Revidierte Ausgabe. Band I, S. 438 und 442. 1948 nahm Eich das Gedicht in seine Lyriksammlung Abgelegene Gehöfte auf, die mit vier Holzschnitten von Karl Rössing im Verlag Georg Kurt Schauer erschien. Erst 20 Jahre nach der Erstauflage stimmte Eich, der vielen seiner frühen Gedichte inzwischen kritisch gegenüberstand, einer Neuauflage dieses Bandes in der edition suhrkamp zu.Vorbemerkung in: Günter Eich: Abgelegene Gehöfte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1968, S. 2.
Eine überlieferte Erstfassung des Gedichts Latrine besteht lediglich aus zwei Strophen, die in groben Zügen der ersten und dritten Strophe der später publizierten Fassung entsprechen. Dort reimen sich die im Fieber gehörten Verse von Hölderlin noch auf: „Im Spiegelbild der Latrine / die weißesten Wolken ziehn.“Vgl. Günter Eich: Gesammelte Werke in vier Bänden. Revidierte Ausgabe. Band I, S. 442, wo auch die vollständige Erstfassung abgedruckt ist. Robert Savage macht in der späteren Endfassung drei wesentliche semantische Unterschiede aus: die Änderung des Reims von Hölderlin auf Urin, die Verse Hölderlins, die nicht länger „im Fieber“, sondern „irr“ schallen, und die hinzugekommene „Reinheit“ der Wolken. Die Entwicklung führt er auf Eichs veränderte Perspektive in der Nachkriegszeit zurück, in der es ihm nicht mehr bloß um den Gegensatz zwischen Schmutz und Poesie gehe, sondern auch um deren historische Verstrickung. Während etwa die Entstellung von Hölderlins Versen in der Erstfassung noch dem Fieber des Erzählers geschuldet sei, lasse das „irr“ der Endfassung die erweiterte Möglichkeit einer allgemeinen Irreführung oder eines Irrwegs von Hölderlins Lyrik im Nationalsozialismus zu.Robert Savage: Hölderlin after the catastrophe. Heidegger, Adorno, Brecht. Camden House, Rochester 2008, ISBN 978-1-57113-320-5, S. 2–4.
Das Gedicht Andenken, das Eich zu Beginn der letzten Strophe zitiert, gehört zu den späten Gedichten Friedrich Hölderlins. Die meisten Interpreten nehmen das Jahr 1803 als Entstehungsjahr an. Im Vorjahr hatte Hölderlin einige Monate in Bordeaux verbracht, ehe er wieder nach Stuttgart zurückkehrte, wo er im Juni 1802 nach einer langen Fußwanderung in verwirrtem Zustand ankam. Das Thema des Gedichts sind Hölderlins Erinnerungen an die sinnlichen Erfahrungen in Südfrankreich und ihre Verwandlung in Dichtung.Anja Ross: Sinnlichkeit und Gefährdung. „Andenken als tragischer Prozess“. In: Uwe Beyer (Hrsg.): Hölderlin. Lesarten seines Lebens, Dichtens und Denkens. Königshausen & Neumann, Würzburg 1997, ISBN 3-8260-1232-1, S. 77. Bekannt und vielfach parodiert ist insbesondere der abschließende Vers der Hymne: „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“Gerhard Kaiser: Günter Eich: Inventur. Poetologie am Nullpunkt. In: Olaf Hildebrand (Hrsg.): Poetologische Lyrik. Gedichte und Interpretationen. Böhlau, Köln 2003, ISBN 3-8252-2383-3, S. 269–285, hier S. 280. (Online als PDF-Datei) Kurt Binneberg vermutet, dass Eichs Bezug zu Hölderlins Gedicht aus einer parallelen Lebenssituation, dem Auszug nach Frankreich und dessen Scheitern, resultierte. Vor seiner Einberufung in den Zweiten Weltkrieg hatte Eich als literarischen Proviant noch zahlreiche Gedichte auswendig gelernt, zudem war das Bild vom „Hölderlin im Tornister“ ein Symbol jener „geistigen Stärkung“, die im deutschen Soldaten bewirkt werden sollte.Kurt Binneberg: Interpretationshilfen. Deutsche Lyrik 1945–1989, S. 100–102. So sah es etwa die unter der Schirmherrschaft von Joseph Goebbels gegründete Hölderlin-Gesellschaft als ihre Aufgabe, mittels so genannter Feldpostausgaben „jedem deutschen Studenten ein Hölderlin-Brevier mit ins Feld zu geben“.Susanne Mack: Bücher unter Waffen. Frontbuchausgaben aus zwei Weltkriegen. In Deutschlandradio Kultur vom 19. November 2008. Die vom Hauptkulturamt der NSDAP mit herausgegebene Hölderlin Feldauswahl erschien in einer Auflage von 100.000 Exemplaren und enthielt auch das Gedicht Andenken.Hans Dieter Schäfer: Eichs Fall, S. 261 sowie Fußnote 26, S. 440.
Form und Textanalyse Latrine besteht aus vier Strophen zu jeweils vier Versen, die einen heterogenen Kreuzreim bilden. Für Bruno Hillebrand ist diese feste Struktur „[m]öglicherweise formal als Parodie gemeint“.Bruno Hillebrand: Gesang und Abgesang deutscher Lyrik von Goethe bis Celan. V&R unipress, Göttingen 2010, ISBN 978-3-89971-734-1, S. 494–495. Und auch Dieter Breuer beschreibt: „die glatte, konventionelle Versifizierung wird durch die gänzlich normwidrige Aussage ad absurdum geführt“.Dieter Breuer: Deutsche Metrik und Versgeschichte. Fink, München 1991, ISBN 3-7705-2711-9, S. 376. Für Herbert Heckmann bleibt die Sprache auf das Wesentliche beschränkt, nüchtern und lakonisch. Eich deute nicht, er registriere bloß ohne jedes rhetorische oder ästhetische Engagement. Die Verse seien wie in einem Stenogramm aneinandergereiht, wobei erst der Reim die unverbundenen Beobachtungen durch einen gemeinsamen Rhythmus verbinde.Herbert Heckmann: Günter Eich: „Latrine“, S. 129. Im Reimbild wie in der metrischen Struktur sieht Werner Weber einen Wechsel von Halt und Haltlosigkeit, Ordnung und Unordnung: jeder zweite Vers schwingt in seinem Ende reimlos und ohne Gleichklang aus: „Graben“, „Fliegen“, „Ufer“, „Verwesung“. Dazwischen sind jeweils feste, nicht-ausschwingende Reime gesetzt.Werner Weber: Die Moral des Stoffs heißt Form. In: Die Zeit vom 17. November 1967.
Für Gerhard Kaiser entsteht die Metrik des Gedichts vollständig aus Hölderlins zitiertem Vers „Geh aber nun und grüße“, dessen drei Hebungen das ganze Gedicht bestimmen. Dies wirke gemeinsam mit den sinntragenden Reimen gegenüber den freien Rhythmen Hölderlins wie ein starres Gitter. Lediglich der zweite Vers Hölderlins „die schöne Garonne –“ rage durch seine Zweihebigkeit heraus. Klanglich beherrsche den Beginn des Gedichts ein I-Vokalismus, der den Abwehrlaut des Ekels in sich trage, ehe die Klangstimmung mit dem Ö-Laut in Hölderlin und dem Ü-Reim zu Wohllauten umschlage. Eine vergleichbare Entwicklung vom Miss- zum Wohlklang gebe es auch bei den Häufungen und Alliterationen der Konsonanten: Die Kakophonie „klatscht […] Kot“ des Beginns wandle sich am Ende in die Euphonie „schwankenden […] schwimmen die Wolken“.Gerhard Kaiser: Geschichte der deutschen Lyrik von Heine bis zur Gegenwart, S. 692–694. Die „funkelnden Fliegen“ transportieren für Kaiser auch eine „Schönheit des Ekelerregenden“.
Die formalen Mittel des Gedichts illustrieren laut Kurt Binneberg den radikalen Kontrast zwischen Latrinenwirklichkeit und imaginierter Poesie, zwischen Schönheit und Hässlichkeit. Dabei zeichne die erste Hälfte des Gedichts eine „Ästhetik des Hässlichen“, deren Bilder des Ekels sich in Vers acht zu einem akustischen Effekt – der Kot „klatscht“ – steigern. Zu Beginn der dritten Strophe antworte ein zweiter akustischer Effekt: Es „schallen“ Hölderlin-Verse, die in der zweiten Gedichthälfte zitiert werden. Genau zur Gedichtmitte stoßen somit zwei völlig unterschiedliche Sphären aufeinander: Exkremente und Poesie. Die Verschmelzung der Gegensätze in den beiden kontrastierenden Gedichtshälften wird laut Binneberg durch die Reim- und Klangverbindungen wie die semantischen Bezüge illustriert, die eine Parallelität zwischen erster und dritter sowie zweiter und vierter Strophe nahelegen. So bilden etwa die Versenden „Graben“ und „schallen“ ebenso wie „Fliegen“ und „spiegeln“ eine Assonanz, semantisch wiederhole sich der optische Eindruck der „funkelnden“ Schmeißfliegen in den spiegelnden Wolken und das „Papier voll Blut und Urin“ korrespondiere mit den auf Papier festgehaltenen Versen. Im Kontrast zwischen Fäkalien und Poesie komme besonders dem doppelten Reimwort „Urin“ eine besondere Bedeutung zu, das beim zweiten Mal gegen „Hölderlin“ gesetzt werde, was Binneberg „einen schockierenden Reim“ nennt.Kurt Binneberg: Interpretationshilfen. Deutsche Lyrik 1945–1989, S. 98–101.
Interpretation Ausgangslage miniatur|Kriegsgefangenenlager PWTE C-3 in Heilbronn 1945