Alexander von Lykonpolis (häufig auch Lykopolis, Aléxandros Lykopolítēs, oder Lycopolita) war ein antiker griechischer Philosoph. Er lebte im späten 3. nachchristlichen Jahrhundert in Ägypten und gehörte der neuplatonischen Richtung an. Der Nachwelt blieb er als entschiedener Gegner des Manichäismus in Erinnerung. Diese damals noch sehr junge Religion war im persischen Sasanidenreich von Alexanders Zeitgenossen Mani gegründet worden, hatte sich nach Westen ins Römische Reich ausgebreitet und war von Missionaren auch nach Ägypten gebracht worden. Alexanders Polemik gegen den Manichäismus liefert wertvolle Informationen über dessen frühe Geschichte; sie lässt erkennen, dass er über die gegnerische Lehre gut informiert war. Sein Anliegen war die Verteidigung des platonischen Weltbilds gegen neuartige religiöse Lehren, die er für verworren und irrational hielt.

Leben und Werk

Alexander stammte aus Lykonpolis („Stadt der Wölfe“), dem heutigen Asyut in Ägypten. Er ist nur aus seinem einzigen erhalten gebliebenen Werk bekannt, der Streitschrift Gegen die Lehren Manis (Pros tas Manichaíou dóxas). Da er einerseits den Tod des Religionsstifters Mani († 277) erwähnt, andererseits von der 297 beginnenden Verfolgung der Manichäer im Römischen Reich unter Kaiser Diokletian offenbar nichts weiß, ist davon auszugehen, dass er sein Werk im Zeitraum zwischen 277 und 297 verfasst hat.André Villey: Alexandre de Lycopolis: Contre la doctrine de Mani, Paris 1985, S. 20–22; Francesco Chiossone (Hrsg.): Alessandro Di Licopoli: Contro i Manichei, Genova 2005, S. 25–27.

Wahrscheinlich erhielt Alexander seine philosophische Ausbildung in Alexandria. Später betätigte er sich – vermutlich in seiner Heimatstadt – als Philosophielehrer.André Villey: Alexandre de Lycopolis: Contre la doctrine de Mani, Paris 1985, S. 19f. Vgl. aber die Überlegungen von Hans-Martin Schenke: Marginal Notes on Manichaeism from an Outsider. In: Paul Mirecki (Hrsg.): Emerging from Darkness, Leiden 1997, S. 289–294, hier: 290f. Schenke weist darauf hin, dass Alexander möglicherweise in Alexandria lehrte. Er war ein Neuplatoniker, dessen Denken auch von mittelplatonischem Gedankengut geprägt war.Pieter Willem van der Horst, Jaap Mansfeld: An Alexandrian Platonist against Dualism. Alexander of Lycopolis’ Treatise ‘Critique of the Doctrines of Manichaeus’, Leiden 1974, S. 8–13; Johannes van Oort: Alexander von Lykopolis. In: Christoph Riedweg u. a. (Hrsg.): Philosophie der Kaiserzeit und der Spätantike (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 5/2), Basel 2018, S. 1322–1327, hier: 1327. Als in seinem Umfeld manichäische Missionare auftauchten, die unter seinen Schülern mit einigem Erfolg für ihren Glauben warben, hielt er es für geboten, ihnen entgegenzutreten und ihre Lehren zu widerlegen. Zu diesem Zweck verfasste er seine Abhandlung, die älteste bekannte Streitschrift gegen den Manichäismus.Johannes van Oort: Alexander von Lykopolis. In: Christoph Riedweg u. a. (Hrsg.): Philosophie der Kaiserzeit und der Spätantike (= Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike. Band 5/2), Basel 2018, S. 1322–1327, hier: 1322f. Sie stellt eine wichtige Quelle für die frühmanichäische Gedankenwelt dar, denn Alexander verfügte offenbar über Informationen, die er einer authentischen Darstellung der manichäischen Religion aus der Sicht ihrer Anhänger verdankte.André Villey: Alexandre de Lycopolis: Contre la doctrine de Mani, Paris 1985, S. 107–115. Wertvoll sind insbesondere seine Ausführungen über die Kosmogonie der Manichäer, ihre Lehre von der Weltentstehung.

Einzelne Stellen des überlieferten Textes der Abhandlung scheinen von einem Christen überarbeitet worden zu sein.Mark J. Edwards: A Christian Addition to Alexander of Lycopolis. In: Mnemosyne 42, 1989, S. 483–487.

Alexanders Darstellung und Kritik des Manichäismus Historischer und religionskundlicher Hintergrund

Die Abhandlung Gegen die Lehren Manis war nicht für ein breites Publikum bestimmt; es handelt sich um eine philosophische Fachschrift, mit der Alexander die Unvereinbarkeit von Platonismus und Manichäismus aufzeigen wollte. Mit Besorgnis stellte er fest, dass Manis Ideen sogar unter Philosophen Anklang fanden. Dieser Entwicklung versuchte er Einhalt zu gebieten.André Villey: Alexandre de Lycopolis: Contre la doctrine de Mani, Paris 1985, S. 19f., 33.

Alexander hielt den Manichäismus für eine pervertierte Variante des Christentums. Dabei ging er vom manichäischen Selbstverständnis aus; Mani war unter anderem als Fortsetzer und Vollender der Mission Christi aufgetreten und hatte sich als Apostel Christi bezeichnet. Daher begann Alexander seine Schrift mit Ausführungen über „die Philosophie der Christen“, die er als „einfach“ bezeichnete. Er beurteilte das Christentum relativ milde, denn er sah darin eine triviale, aber für schlichte Gemüter hilfreiche Lehre. Diese bestehe hauptsächlich aus moralischen Anweisungen, mit denen die Christen überhäuft würden, ohne dass man sich um eine philosophische Grundlegung ethischer Prinzipien bemühe. Es gehe nur um das praktische Ziel, gewöhnliche Leute auf den Pfad der Tugend zu bringen, was auch tatsächlich erreicht werde. Darin erschöpfte sich aus Alexanders Sicht der ursprüngliche Sinn des Christentums. Das Fehlen einer tauglichen theoretischen Basis habe sich jedoch als verhängnisvoll erwiesen, denn es seien ehrgeizige und neuerungssüchtige, aber zu gedanklicher Klarheit unfähige Sektengründer aufgetaucht, die neue Lehren eingeführt und unter den Christen vielfache Aufspaltung herbeigeführt hätten. So sei aus der ursprünglichen schlichten Lehre eine hoffnungslos komplizierte und nutzlose Dogmatik geworden.Alexander von Lykonpolis, Gegen die Lehren Manis 1f., hrsg. August Brinkmann: Alexandri Lycopolitani contra Manichaei opiniones disputatio, Stuttgart 1989, S. 3f. Siehe dazu Pieter W. van der Horst: 'A Simple Philosophy': Alexander of Lycopolis on Christianity. In: Keimpe A. Algra u. a. (Hrsg.): Polyhistor. Studies in the History and Historiography of Ancient Philosophy, Leiden 1996, S. 313–329, hier: 313–319. Nach Alexanders Einschätzung befand sich das Christentum bereits in einem Auflösungsprozess, den er mit dem Niedergang der sophistischen Streitkunst verglich.Alexander von Lykonpolis, Gegen die Lehren Manis 1f., hrsg. August Brinkmann: Alexandri Lycopolitani contra Manichaei opiniones disputatio, Stuttgart 1989, S. 3f.

Das Wirken Jesu stellte Alexander wohlwollend dar. Er betrachtete ihn nicht als Erlöser, sondern als verdienstvollen Tugendlehrer für Bauern und Handwerker.Siehe dazu Pieter W. van der Horst: 'A Simple Philosophy': Alexander of Lycopolis on Christianity. In: Keimpe A. Algra u. a. (Hrsg.): Polyhistor. Studies in the History and Historiography of Ancient Philosophy, Leiden 1996, S. 313–329, hier: 327–329.

Argumentation gegen den Manichäismus

Das extremste Beispiel für ein aus der christlichen Tradition hervorgegangenes abwegiges Sektierertum ist für Alexander der Manichäismus. Kurz geht der neuplatonische Philosoph auf das Leben Manis und die manichäische Missionstätigkeit ein, dann beschreibt er die Lehre, worauf er sich der Widerlegung zuwendet. Bei der Darstellung der Lehre hebt er hervor, dass der Manichäismus die Materie (hyle) als „regellose Bewegung“ (átaktos kínēsis) definiere, worin ein fundamentaler Unterschied zur platonischen und zur aristotelischen Vorstellung von der Materie bestehe.Alexander von Lykonpolis, Gegen die Lehren Manis 2, hrsg. August Brinkmann: Alexandri Lycopolitani contra Manichaei opiniones disputatio, Stuttgart 1989, S. 4f. Siehe dazu Francesco Chiossone: Critica al concetto manicheo di materia in Alessandro di Licopoli. In: Giornale di metafisica 28, 2006, S. 149–166, hier: 151–153.

Bevor er mit der systematischen Kritik beginnt, schildert er das Dilemma, in dem er sich sieht. Die Lehre, mit der er sich auseinandersetzen will, sei irrational, sie stütze sich nicht auf Argumente, sondern auf die Autorität von Schriften. Daher sei sie schwer zu falsifizieren. Statt eines Beweisgangs, den man überprüfen könnte, finde man nur Behauptungen. Wenn er eine präzise wissenschaftliche Widerlegung präsentiere, werde er damit diejenigen nicht erreichen, die sich dem Manichäismus kritiklos angeschlossen hätten. Begebe er sich jedoch auf das Niveau der Gegner, indem er sich einer unsachlichen Beeinflussungstechnik bediene, so verfalle er in eben den Fehler, den er ihnen vorwerfe.Alexander von Lykonpolis, Gegen die Lehren Manis 5, hrsg. August Brinkmann: Alexandri Lycopolitani contra Manichaei opiniones disputatio, Stuttgart 1989, S. 8f. Siehe dazu Richard Harder: Prismata. In: Philologus 85, 1930, S. 243–254, hier: 247 (online); Pieter W. van der Horst: 'A Simple Philosophy': Alexander of Lycopolis on Christianity. In: Keimpe A. Algra u. a. (Hrsg.): Polyhistor. Studies in the History and Historiography of Ancient Philosophy, Leiden 1996, S. 313–329, hier: 319f. Um dem Dilemma zu entgehen, habe er sich für ein sehr sorgfältiges Vorgehen entschieden.

Zunächst richtet sich seine philosophische Polemik gegen den manichäischen Dualismus, gegen die Annahme, es gebe zwei einander entgegengesetzte ebenbürtige Urprinzipien, den guten Gott und die als unabänderlich böses Finsternisprinzip aufgefasste Materie, die miteinander im Kampf lägen. Unter anderem bringt er vor, dass in diesem Fall, wenn es sich bei beiden um reale, erschaffende Urprinzipien handle, jedes von ihnen eine eigene Materie als passives Substrat benötigen würde. Damit wären bereits vier Prinzipien erforderlich, was Mani jedoch nicht erkannt habe.Francesco Chiossone: Critica al concetto manicheo di materia in Alessandro di Licopoli. In: Giornale di metafisica 28, 2006, S. 149–166, hier: 157. Überdies setze die Materie, wenn sie gemäß der manichäischen Lehre regellose Bewegung sei, die Existenz von etwas Bewegtem voraus, nämlich der Elemente. Dann sei aber unklar, was das zweite Urprinzip sei, der Beweger oder das von ihm Bewegte. Alexander verwirft die dualistische Basis des gegnerischen Weltbilds von seinem monistischen Standpunkt aus; nach seiner Überzeugung ist auch die Materie auf die Gottheit zurückzuführen und daher nicht als schlecht zu betrachten. Entschiedener als andere Neuplatoniker lehnt er es ab, die Materie mit dem Schlechten in Verbindung zu bringen. Er trägt die Überlegung vor, entweder entspreche es der Natur des obersten Prinzips, sich in die Materie zu ergießen, oder es widerspreche ihr. Im ersten Fall könne die Materie als Produkt des schlechthin Guten nicht schlecht sein, im zweiten hätte es nie zur Vermischung der beiden Urprinzipien kommen können.Alexander von Lykonpolis, Gegen die Lehren Manis 17, hrsg. August Brinkmann: Alexandri Lycopolitani contra Manichaei opiniones disputatio, Stuttgart 1989, S. 25. Vgl. André Villey: Alexandre de Lycopolis: Contre la doctrine de Mani, Paris 1985, S. 283f.