Die eingemauerte Frau oder auch von einem übelen wîbe ist eine in Mittelhochdeutsch abgefasste Reimpaarerzählung des Strickers. eines mittelhochdeutschen Dichters, aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Die genaue Entstehungszeit kann aus der heutigen Zeit nicht mehr nachvollzogen werden.Böhm 1955. S. 246 f.

Die Verserzählung gehört zur Kategorie schwankhafter EhestandsmärenGephart 2006. S. 169. und handelt von einem Ritter, dessen Frau sich gegen ihn auflehnt. Erst schlägt der Mann sie fast tot, dann mauert er die Frau ein, um sie dadurch zur Einsicht ihrer untergeordneten Stellung zu bewegen. Mit Geschichten dieser Art leitete der Stricker eine neue Tradition mittelalterlichen Erzählens ein.

Inhalt Die Erzählung berichtet von einem tugendhaften Ritter, dessen Frau sich nach der Heirat als aufsässig und unbelehrbar herausstellt. Sie versucht stets, ihren Willen durchzusetzen und zollt ihrem Mann keinerlei Respekt. (v.V.1 – V.4)

Um seine Frau zur Vernunft zu bringen, wendet der Ritter extreme, körperliche Gewalt an. So passiert es, dass er sie eines Tages fast totschlägt. Doch die Frau zeigt keinerlei Besserung. Im Gegenteil: Sie begegnet seiner Gewalt mit provokanten Aussagen und Drohungen. (v.V.5 – V.35)

Daraufhin beschließt der Ritter, seine Frau einzumauern. Zu diesem Zweck errichtet er einen türlosen Raum, der lediglich ein Fenster besitzt, durch welches sie das Geschehen der Außenwelt weiter verfolgen kann. (v.V.36 – V.47)

Er setzt ihr das schlechteste Essen vor und bestraft sie zusätzlich, indem er nicht mehr mit ihr redet. Gleichzeitig führt er ihr vor, wie gut er andere Menschen behandelt. Er geht sogar so weit, dass er eine andere Frau an seine Seite stellt, die er verwöhnt und welcher er teure Geschenke macht. All das kann sie durch das Fenster verfolgen. (v.V.48 – V. 72)

Als sich die Ehefrau an ihre Verwandten wendet, muss sie feststellen, dass ihr Ehemann diese durch Geschenke und andere Zuneigungen nahezu vollständig auf seine Seite gebracht hat. Denjenigen, die dennoch Partei für sie ergreifen, unterbreitet er einen ausgeklügelten Vorschlag. Er verspricht, die Frau freizulassen, doch im Gegenzug sollen sie mit ihrem ganzen Vermögen für ihr angemessenes Verhalten bürgen. Da auf dieses Angebot keiner eingehen will, findet sie keinen mehr, der sich für sie einsetzt und ist nun endgültig auf sich allein gestellt. (v.V.73 – V.108)

An dieser Stelle erlebt die Frau eine religiöse Bekehrung. Der Heilige Geist kehrt in sie ein und verdrängt die Teufel, von denen ihre Seele besessen war. Alles Böse verschwindet aus ihr, sie bittet ihren Mann auf Knien um Vergebung und möchte für den Rest ihres Lebens für ihr schlechtes Verhalten Buße tun, um ihr Seelenheil zu retten. (v.V.109 – V.234)

Als die Mauern vor den Augen der ganzen Sippe eingebrochen werden, will sie im Namen Gottes nicht herauskommen. Der Pfarrer, der bereits vorher zwischen ihr und ihrem Mann vermittelt hat, überredet sie schließlich nach langwierigem Bemühen. Als sie wieder draußen ist, entschuldigt sie sich noch einmal öffentlich und verkündet ihre neue Lebensaufgabe. Diese besteht darin, andere böswillige Frauen zu bekehren. (v.V.235 – V.282)

Daraufhin wird sie zu einer Heiligen erklärt, und es wird zu ihren Ehren ein Fest veranstaltet. Gegen Ende dieses Festes erhebt sie sich auf eine Bank und hält eine Lobesrede an Gott und verspricht, mit seiner Macht jede Frau zur Vernunft bringen zu können. (v.V.283 – V.358)

Diese Nachricht verbreitet sich über das ganze Land, sodass die Frau zu großem Ruhm gelangt. Die anderen ungehorsamen Frauen schwören aus Angst vor einem ähnlichen Schicksal ihrer Böswilligkeit ab. Von diesem Zeitpunkt an sind keinerlei bösartige und ehrlose Frauen mehr zu finden. (v.V 359 – V. 400)

Literaturgeschichtliche Einordnung Einordnung in das Gesamtwerk Strickers Die eingemauerte Frau gehört zu den kürzeren Verserzählungen des Strickers und ist zusammen mit anderen kleinepischen Texten in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstanden.Gephart. 2006. S. 169. Das genaue Datum ist heute nicht mehr rekonstruierbar. Ebenso problematisch ist es eine zuverlässige Chronologie im Gesamtwerk des Strickers auszumachen, denn Böhm 1995. S. 246f. Man vermutet zwar die großen Epen zu Beginn seiner Schaffensperiode, die kürzeren Texte weisen jedoch keinerlei Indizien für eine zeitliche Datierung auf. Den einzigen Anhaltspunkt für eine grobe Schätzung der Entstehungszeit der eingemauerten Frau, liefert die Verortung der literarischen Tätigkeit des Dichters zwischen 1220 und 1250 n. Chr.Mihm 1967. S. 35. Die Randdaten sind auch hier nicht unumstritten. Man stützt sich nicht zuletzt auf schriftliche Äußerungen anderer Dichter dieser Zeit. So ist in einem Dichterpreis des Rudolf von Hohenems folgende Bemerkung verzeichnet:Ehrismann: Der Stricker. Erzählungen, Fabeln, Reden. S. 12. swenn er wil der Strickære sô macht er guotiu mære Wenn er will der Stricker, dann erzählt er wirklich gute Geschichten.

Diese Aussage lässt zudem einen gewissen Bekanntheitsgrad der Strickerschen Märe zu Lebzeiten vermuten, die für seinen poetischen Ruhm maßgeblich verantwortlich gewesen sein könnten.

Die vorliegende Geschichte ist mit ihren 400 Versen der Kleindichtung des Strickers zuzuordnen. Böhm 1995. S. 14. Die Edition des Wolfgang Moelleken verzeichnet insgesamt 166 solcher Texte, die mit einer Länge zwischen 8 und 1172 Versen zur Kleindichtung gezählt werden.

Gattungszugehörigkeit Die eingemauerte Frau wird innerhalb der Kleindichtung des Strickers den Mären zugeordnet. Diese Bezeichnung ist nicht unproblematisch, zumal damit ein gattungskonstituierender Begriff verbunden wird. Als einer der Ersten prägte Hanns Fischer den Begriff des Märe. In seinen Studien zur deutschen Märendichtung setzte sich dieser intensiv mit der Kleinepik des Mittelalters auseinander und versuchte, die verschiedenen Texte voneinander abzugrenzen. Damit verbunden definierte er das Märe als eine Heinzle 1978. S. 122. Zwar sah er diese Definition in Bezug auf die Mären Strickers als nicht eindeutig greifend an, betrachtete diese dennoch als Prototypen der Gattung und den Dichter als Begründer derselben.Günthart 1993. S. 113.

Im Verlauf der Forschungsgeschichte löste diese Begriffsbestimmung zahlreiche Kontroversen aus. Joachim Heinzle übte in seinem Aufsatz „Märenbegriff und Novellentheorie“ scharfe Kritik an der Setzung, auf der der Märenbegriff Fischers beruht. Er warf Fischer Starrheit, Unzulänglichkeit und mangelnde Prägnanz der Kriterien vor, auf denen sein Terminus sich begründet. Die Heinzle 1978. S. 124. Ein weiterer Kritikpunkt der Forschung bezog sich auf Fischers postulierte Eigenständigkeit der Erzählungen, was gemäß Günthart auf die Mären im 13. Jahrhundert noch nicht zutrifft. Günthart 19993. S. 128. Im Großen und Ganzen sieht die Forschung die Kriterien, mit denen Fischer Grubmüller 2006. S. 90. nachzuweisen versucht hat, zwar als unzulänglich, seinen gattungsstiftenden Begriff jedoch als weitgehend zutreffend an. So kann man Mären durchaus von anderen Gattungen und ihren Vorläufern abgrenzen. Die Eigenart der unter diesem Begriff subsumierten Geschichten begründet sich in der Darstellung Grubmüller 2006. S. 90

Dieser Definition lässt sich die eingemauerte Frau eindeutig zuordnen sowie andere kürzere Reimpaarerzählungen des Strickers. Somit kann der Stricker durchaus als einer der Begründer dieses Typus aufgefasst werden, denn seine Mären entstanden nicht bloß durch Übertragung anderer Gattungen, wie der des Fabliau oder des lateinischen Exempel ins Deutsche. Auch lässt sich keines der beiden als Vorlage der Gattung Märe ausweisen. Eine gewisse Motivverwandtschaft ist jedoch festzustellen, so dass man davon ausgehen kann, dass den Märendichtern des 13. Jahrhunderts, insbesondere dem Stricker, diese literarischen Formen und ihre Themen weitestgehend bekannt waren.Grubmüller 2006. S. 95.

Möchte man das Märe näher kategorisieren, so kann man es als schwankhafte EhestandsmaerGephart 2006. bezeichnen. Der Stricker verfasste im Laufe seines Lebens viele Texte dieser Art.

Rezeptionsgeschichte Überlieferung So wie die meisten mittelalterlichen Dichtungen sind die literarischen Erzeugnisse des Strickers nicht im Original überliefert, sondern sind uns heute in verschiedenen Sammlungen zugänglich, die vermutlich nicht durch den Autor selbst niedergeschrieben wurden. Als wichtigster Überlieferungsträger ist Ehrismann 1992. S. 213. (bei Arend Mihm als 'Handschrift W' bezeichnet) zu nennen. Auch als Codex Vindobonensis 2705 bezeichnet, gilt sie als älteste Märenhandschrift überhaupt. Sie umfasst 176 beidseitig beschriebene PergamentblätterMihm 1967. S. 36. und wurde in der Zeit von 1260 bis 1290 in Österreich erstellt. Die darin enthaltenen Texte lassen sich inhaltlich in sechs Abschnitte einteilen, wovon die ersten beiden mit hoher Wahrscheinlichkeit auf eine Vorlage des Dichters selbst zurückgehen. Diese enthalten in etwa 45 Texte, die ohne Überschriften wiedergegeben sind. Darunter befinden sich auch die Mären und die weltlichen Bîspel des Strickers.Mihm 1967. S. 38.

In starker Konkurrenz zu ihr in Bezug auf den Anspruch der Ursprünglichkeit steht die etwa 40 Jahre später niedergeschriebene Handschrift H (Heidelberger Cpg. 341), welche in ostmitteldeutsch verfasst wurde und einen flüssigeren und eleganteren Stil aufweist. Sie enthält 24 Werke mehr als die Hs. A, wobei der Grund des Fehlens dieser Stücke unklar ist.Mihm 1967. S. 39. Die beiden Handschriften weisen 41 gemeinsame Stücke auf. Man kann davon ausgehen, dass sie aus einer gemeinsamen Quelle schöpften, die mit hoher Wahrscheinlichkeit das Handexemplar des Dichters gewesen ist. Das Märe Die eingemauerte Frau ist in der Handschrift A zu finden. Außerdem in Handschrift B (Österreichische Nationalbibliothek, Cod. Vindobonensis 2885), Handschrift E (Universitätsbibliothek München, Cim. 4) und in Handschrift I (Tiroler Landesmuseum, FB 32001). Dies ist der gängige Titel, unter dem die Geschichte abgedruckt wird. Er wurde vor allem in den Arbeiten von Hanns Fischer geprägt. Die alternative Bezeichnung lautet Von einem übelen wîbe und geht auf Franz Brietzmann zurück.Wagner: Gottesbilder in höfischen Mären des Hochmittelalters. Höfische Paradoxie und religiöse Kontingenzbewältigung durch die Grammatik des christlichen Glaubens. S. 341.

Rezeption und Wirkungsgeschichte Das Märe als modellhafte Erzählung hatte seine Funktion in der Belehrung von Menschen. Die Texte waren größtenteils auf moralisierende Laiendidaxe ausgerichtet.Böhm 1995. S. 247. Die Häufigkeit der Thematisierung der höfischen Tugendideale lässt vermuten, dass das Publikum an den Höfen zu suchen war. Welcher Stand dabei angesprochen wurde, lässt sich an den einzelnen Dichtungen jedoch nicht erkennen. Ebenso können Strickers Mären auf Ehrismann 1992. S. 16. Verwendung gefunden haben. Für eine explizite Festlegung mangelt es an Beweisen. Die eingemauerte Frau wird vermutlich für eine weibliche Hörerschaft konzipiert worden sein, wobei auch hier Ehrismann 1992. S. 17. bleibt. Die Wirkung, die diese Geschichte auf ihre zeitgenössischen Rezipienten hatte, ist aus heutiger Sicht ebenfalls nicht mehr nachvollziehbar. Eine Wiederaufnahme der Thematik geht aus der Forschungsliteratur nicht hervor. Zwar ist die Idee von dem „übel wîp“ ein fester Bestandteil der Märendichtung der folgenden Jahrhunderte, über eine Aufnahme des Einmauerungs – Falles sagt die Forschung jedoch nichts aus.

Analyse der Form und des Inhalts Das Märe ist in 400 Versen im Paarreim abgefasst. Eine kontinuierliche Strophengliederung ist nicht erkennbar. Der Text ist in Inhaltsabschnitte eingeteilt, die durch Absätze deutlich gemacht werden. Die formalen Einschnitte sind jedoch in Bezug auf die thematische Entwicklung nicht immer einleuchtend.Wagner: Gottesbilder in höfischen Mären des Hochmittelalters. Höfische Paradoxie und religiöse Kontingenzbewältigung durch die Grammatik des christlichen Glaubens. S. 342.