Die ebene Minne ist ein Liebeskonzept im deutschen Minnesang. Es meint die gleichberechtigte sowie die auf Gegenseitigkeit beruhende Liebe und tritt der Idee der hohen Minne entgegen. Der Ausdruck setzt sich aus dem Adjektiv „ebene“ für die Gleichrangigkeit und dem Substantiv „Minne“ für Liebe zusammen. Die Standesunterschiede werden aufgehoben. Die bekanntesten Vertreter sind Walther von der Vogelweide und Hartmann von Aue. Zeitlich wird die ebene Minne der höfischen Klassik (1160/70–1220/30) zugeordnet.Klein, Dorothea: Mittelalter. Lehrbuch Germanistik. Stuttgart/Weimar 2006, S. 153ff. Der Begriff der ebenen Minne wird viel diskutiert, und einige Interpreten lehnen ihn konsequent ab, da er selbst nicht in mittelalterlichen Texten vorkommt.
Merkmale Zeitliche Einordnung Der erste Minnesang ist dem Ende des 12. Jahrhunderts zuzuordnen. Zu Anfang wurden „die schmerzliche Erfahrung der Trennung, Frustration und seelischer Schmerz, die Sehnsucht nach dem Geliebten und die Trauer um den untreuen Mann“ thematisiert.Klein, Dorothea: Mittelalter. Lehrbuch Germanistik. Stuttgart/Weimar 2006, S. 163. Da die identifizierbaren Dichter dieser Zeit aus dem bairisch-österreichischen Sprachraum stammten, nennt man diesen Minnesang den „Donauländischen Minnesang“.Klein, Dorothea: Mittelalter. Lehrbuch Germanistik. Stuttgart/Weimar 2006, S. 163. Die Dichter des „Rheinischen“ und des klassischen Minnesangs orientierten sich mehr an der romanischen Lyrik und folgten dem Konzept der hohen Minne und des Frauendienstes.Klein, Dorothea: Mittelalter. Lehrbuch Germanistik. Stuttgart/Weimar 2006, S. 163. Walther von der Vogelweide und Hartmann von Aue gehören neben Heinrich von Rugge, Albrecht von Johansdorf, Heinrich von Morungen, Wolfram von Eschenbach und Reinmar dem Alten zu den Autoren des klassischen Minnesangs.Klein, Dorothea: Mittelalter. Lehrbuch Germanistik. Stuttgart/Weimar 2006, S. 164. So lässt sich die ebene Minne der zweiten Phase des Minnesangs in der höfischen Klassik zuordnen. Dies entspricht der Wirkungszeit der beiden Hauptautoren Walther von der Vogelweide und Hartmann von Aue.
Konzeption der ebenen Minne Die hohe und die niedere Minne bilden ein Gegensatzpaar, in dessen Mitte die ebene Minne steht. Die hohe Minne beschreibt den einseitig erbrachten Frauendienst:Schweikle, Günther: Minnesang. 2. verb. Aufl. (Slg. Metzler 244). Stuttgart 1995, S. 172. Ein Mann wirbt um eine Adlige, denn nur eine Adlige kann tugendhaft und somit Objekt der Liebe sein,Brand, Rüdiger: Grundkurs germanistische Mediävistik/Literaturwissenschaft. München: 1999, S. 236. die sich abweisend, hochmütig und unnahbar gibt.Schweikle, Günther: Minnesang. 2. verb. Aufl. (Slg. Metzler 244). Stuttgart 1995, S. 171. Trotzdem bleibt er ihr treu und bittet immer wieder um Annahme seines Dienstes. Obwohl die Dame den erhofften Lohn verwehrt, erlangt der Sänger dennoch „ethische und gesellschaftliche Werte: Steigerung des Lebensgefühls und Anerkennung in der Gesellschaft.“Schweikle, Günther: Minnesang. 2. verb. Aufl. (Slg. Metzler 244). Stuttgart 1995, S. 171.
In der niederen, auch vagantisch genannten MinneStamer, Uwe: Ebene Minne bei Walther von der Vogelweide. Göppingen 1976, S. 46. wird der Liebesakt beispielsweise zwischen einem Ritter und einem standesniederen Mädchen, wie etwa einem Bauernmädchen, beschrieben. Die beiden Minnearten wurden auch als gute und schlechte, vernünftige und blinde Liebe unterschieden.Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 11. Auflage. München 2005, S. 518f. Hier übernahmen die Dichter die Unterscheidung der Theologen zwischen geistlicher/guter und weltlicher/schlechter Liebe und bezogen beide Adjektive auf die weltliche Liebe.Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 11. Auflage. München 2005, S. 518. So wurde die hohe Minne zur vernünftigen, rationalisierten Liebe und die niedere zur blind-betrügerischen.Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 11. Auflage. München 2005, S. 520. Aus der antiken Tradition ergibt sich das Gegensatzpaar von platonischer und sinnlicher Liebe. Dabei wird die zuerst genannte hohe Minne dem Hof zugeschrieben und die niedere Minne der strâze (Straße).Schweikle, Günther: Minnesang. 2. verb. Aufl. (Slg. Metzler 244). Stuttgart 1995, S. 176.
Wichtig ist die Rolle der Frau: In der hohen Minne ist die Frau die „Unerreichbares bergende Glücksfee“ und in der niederen Minne ein „stets neu zu erbeutendes Freiwild“. In beiden Rollen wird die Frau als „verobjektiviertes Gegenüber“ angesehen.Stamer, Uwe: Ebene Minne bei Walther von der Vogelweide. Göppingen 1976, S. 46. Sie wird nicht als Persönlichkeit angesehen, sondern als Ziel.
In der ebenen Minne wird nicht gefordert, sondern die Entscheidung zur längerfristigen Liebesbeziehung wird dem Mädchen überlassen. Das Werben des Mannes steht dabei im Hintergrund. Dem nicht-höfischen Mädchen werden höfische Tugenden zugeschrieben: Treue, Beständigkeit und innere Güte. Gleichrangig sind beide Partner auch in Hinblick auf das Erotisch-Partnerschaftliche.Stamer, Uwe: Ebene Minne bei Walther von der Vogelweide. Göppingen 1976, S. 47f.
Gerade bei Walther von der Vogelweide sollte man die Grenzen zwischen den drei Minneformen nicht zu eng ziehen, da die Merkmale der einen der anderen nicht zwangsläufig widersprechen. So spiegelt sich beispielsweise in der Verwendung des Wortes frouwe oder frouwelîn für ein Mädchen das „höfische Wertdenken und Sittenverständnis“ wider.Stamer, Uwe: Ebene Minne bei Walther von der Vogelweide. Göppingen 1976, S. 46. In den Liedern Ein niuwer sumer, ein niuwe zît (L 92,9ff.), Die verzagten aller guoten dinge (L 63,8ff.), Ich hôrte iu sô vil tugende jehen (L 43,9ff.) und Ob ich mich selben rüemen sol (L 62,6ff.) wirbt Walther zwar wie in der hohen Minne, doch wie in der ebenen Minne hat er Aussicht auf Erhörung.Hahn, Gerhard: Walther von der Vogelweide. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2. völlig neu bearbeitete Auflage Berlin 1999, Band 10, S. 678f. Das Lied Swer verholne sorge trage (L 42,15ff.) zählt Stamer zur hohen Minne, doch die in der dritten Strophe (L 42,23ff.) beschriebene Liebe, Liebe als Leidenschaft, gehört sowohl der hohen als auch der ebenen Minne an.Stamer, Uwe: Ebene Minne bei Walther von der Vogelweide. Göppingen 1976, S. 45.
Figurenkonstruktionen Wîp und Frouwe Ob wîp oder frouwe, die Frauengestalt im Minnesang entstammt der Fantasie des Dichters und basiert „auf individuellen und kollektiven Erfahrungen.“Schweikle, Günther: Minnesang. 2. verb. Aufl. (Slg. Metzler 244). Stuttgart 1995, S. 181.
Mit dem Begriff frouwe ist eine Herrin, Gebieterin, Geliebte, Frau oder Jungfrau von Stande, DameLexer, Mathias: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. 37. Auflage Stuttgart 1986, S. 300. gemeint. Der Begriff wîp beschreibt ein Weib als Gegensatz zu man, Jungfrau und frouwe oder eine Gemahlin,Lexer, Mathias: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. 37. Auflage Stuttgart 1986, S. 324. also die Frau im Allgemeinen. Darin ist die frouwe mit inbegriffen. Walther von der Vogelweide gibt dem Gegensatzpaar frouwe – wîp als ständisch – existenziell eine neue Bedeutung: das wîp als Träger der humanen Werte und die frouwe als oberflächliche Adlige. Auch Gottfried von Straßburg verwendet das ehemals für den Stand stehende Attribut edele als „humanen Wertbegriff“.Schweikle, Günther: Minnesang. 2. verb. Aufl. (Slg. Metzler 244). Stuttgart 1995, S. 189. Walther bildet den wîp-Adel heraus, der die Frauen beschreibt, „die durch ihre Persönlichkeit geadelt sind“.Stamer, Uwe: Ebene Minne bei Walther von der Vogelweide. Göppingen 1976, S. 7. Der Begriff wîp beschreibt also den Seelenadel, während der Begriff frouwe den Geburtsadel darstellt.Stamer, Uwe: Ebene Minne bei Walther von der Vogelweide. Göppingen 1976, S. 6. In den vier Liedern Under der linden (L 39,11ff.), Nemt, frouwe, disen kranz (L 74,20ff.), Herzeliebez frouwelîn (L 49,25ff.) und Bin ich dir unmære (L 50,19ff.) zeigt Walther, indem er ein einfaches Mädchen an die Stelle der frouwe-Figur setzt, dass die wîpheit im Minnesang dem gesellschaftlichen Rang und Besitz voransteht.Hahn, Gerhard: Walther von der Vogelweide. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2. völlig neu bearbeitete Auflage Berlin 1999, Band 10, S. 677. Trotzdem bleibt der Begriff frouwe „Wertprädikat der inneren und äußeren Schönheit.“Stamer, Uwe: Ebene Minne bei Walther von der Vogelweide. Göppingen 1976, S. 11. Walther mahnt und belehrt die Gesellschaft und die frouwen mit seiner wîp-Idee, dass gerade letztere nicht in ihrem Zustand verharren sollen, sondern sich zu dem entwickeln, was sie sein könnten.Stamer, Uwe: Ebene Minne bei Walther von der Vogelweide. Göppingen 1976, S. 11.
Durch die Nennung der Begriffe wîp und man will Walther nicht nur den Gegensatz zwischen Minnesänger und besungener Dame aufzeigen, sondern auch den allgemeinen Geschlechtsunterschied zwischen Mann und Frau. Die einheitliche Nennung beider Begriffe ist „charakteristisch für die Idee des naturhaft-menschlichen Schöpfungsadels“.Stamer, Uwe: Ebene Minne bei Walther von der Vogelweide. Göppingen 1976, S. 6f.
In den Liedern von Walther von der Vogelweide besingt das lyrische Ich ein Mädchen, die maget, wie eine edle Dame. Zur Ansprache des Mädchens werden die Begriffe frouwe, wie im Lied L 74,20ff., und frouwelîn, wie in Lied L 49,25ff., verwendet. Dargestellt wird die gegenseitige Liebe zweier Partner, die sich nicht an ihre „ständischen Grenzen“ binden.Stamer, Uwe: Ebene Minne bei Walther von der Vogelweide. Göppingen 1976, S. 45.
Gottesminne